Test 2017: E-Highend-Fullys Test 2017: E-Highend-Fullys

Test 2017: E-Highend-Fullys

10 edle E-All-Mountains im Vergleich

Stephan Ottmar am 06.04.2017

Shimano und Co. ermöglichen den Konstrukteuren mit den neuen Motoren deutlich mehr Gestaltungsspielraum. Individualität statt Einheitsbrei – so heisst jetzt das Motto in der Highend-Liga der E-Fullys.

"Form follows Function" – auf nichts trifft diese schlaue Ingenieursweisheit besser zu als auf die E-MTB-Spitzenmodelle der letzten Jahre. Mit anderen Worten: Wer ein E-MTB mit Spitzen-Performance wollte, musste einen klobigen schwarzen Fremdkörper am Unterrohr in Kauf nehmen. Der Bosch Power Pack 500, so leistungsstark und langlebig wie unförmig, thronte bisher auf so gut wie allen E-MTBs – vom Einsteiger-Hardtail bis zum Edel-Fully. Da bissen sich die Kreativen mit jedem Ablenkungsmanöver in Sachen Formensprache die Zähne aus.

Die Kampfansage an den Einheitsbrei kommt jetzt aus Fernost. Allen voran Shimano mit dem Steps-E8000-Motor, dessen Name Programm ist. Denn er ist nicht nur der Schritt zur ersten echten Konkurrenz für Bosch, sondern vor allem zum individuellen Erscheinungsbild zukünftiger E-MTBs. Denn die Japaner lassen mit sich reden, was Form und Verstaumöglichkeit der Batterie betrifft. Ein großer 500-Wh-Akku ist so gebaut, dass er sich unsichtbar im Inneren des Rahmens unterbringen lässt. Ebenfalls aus Fernost bringen Yamaha und Panasonic neue Aggregate. Deren Batterien sind allerdings nicht intergrierbar.


Diese Highend-Fullys haben wir getestet:

  • Bulls E-Core Di2 FS 27,5 Plus
  • Cube Stereo Hybrid 140 HPA SLT 500
  • Flyer Uproc 7 8.70
  • Focus Jam2 Plus Pro (EMTB-Tipp: Testsieger)
  • Haibike Sduro Allmtn 8.0
  • Kreidler Las Vegas 2.0
  • Lapierre Overvolt AM 800 Carbon (EMTB-Tipp: Innovation)
  • Mondraker e-Crafty XR+
  • Thömus Lightrider E1 Team Di2
  • Trek Powerfly 9 FS (EMTB-Tipp: Preis-Leistung)

Fotostrecke: Test 2017: E-Highend-Fullys


Zehn der interessantesten Bikes aus dem Jahrgang 2017 laden wir zum Fakten-Check. Der Preis soll dabei keine Rolle spielen. Was zählt, ist pure Innovation und Leistung.

Nur noch die Hälfte der Test-Bikes in diesem Feld werden vom starken Bosch-Performance-CX-Aggregat befeuert: Cube, Kreidler, Lapierre, Mondraker und Trek. In den Chassis von Bulls, Focus und Thömus hängt Shimanos neuer Steps-E8000-Antrieb mit elegant kaschierten Akkus.

Flyer bleibt dem Hauslieferanten Panasonic treu, und Haibike verbaut den nagelneuen Yamaha-PW-X-Antrieb. Welches Aggregat am besten funktioniert, ist eine Wissenschaft für sich. Das Spektrum an Leistungsdaten und Charakteristika ist so breit, dass wir einen eigenen Vergleich angestellt haben.

Focus bringt das innovativste Konzept

Was erwarten wir von Bikes in diesen astronomischen Preissphären? Klar, ein solides Antriebskonzept, Top-Federelemente und Oberklassekomponenten – damit kann man Punkte sammeln. Doch einfach alle Teile verbauen, die gut und teuer sind, das reicht nicht, um aus der breiten Masse herauszustechen. Die strahlendsten Vertreter überzeugen durch eigenständiges Design, pfiffige Details und neue Konzepte – kurz: Die echte Innovationsleistung kann man nicht einfach in Taiwan kaufen und ans Bike dübeln. Dazu gehört mehr, wie einige Bikes in diesem Testfeld eindrucksvoll beweisen. Allen voran das Focus Jam². Mit ihrem modularen Akku-System avancieren die Kloppenburger zu Trendsettern. Der kleine, im Unterrohr integrierte Akku trägt kaum auf und sorgt für eine schlanke Optik, die es sonst bei keinem anderen E-MTB gibt. Bei Bedarf lässt sich mit einem intelligenten Klicksystem eine zweite, optional erhältliche Batterie anstelle des Flaschenhalters dazuschalten. Dieser Kunstgriff glänzt jedoch nicht nur mit ästhetischen Aspekten. 1768 Höhenmeter erreichte das Jam² auf dem EMTB-Prüfstand mit beiden Akkus – das beste Ergebnis im Test. Für die kurze Hausrunde reicht der kleinere, integrierte Akku allemal aus, und man spart sich zugleich etwa zweieinhalb Kilo Gewicht. Mit diesem System, einer Top-Geometrie und weiteren pfiffigen Details platziert sich das Focus ganz vorne im EMTB-Punkte-Ranking.

Auch Flyer hat sich ins Zeug gelegt und zusammen mit Panasonic einen neuen Antrieb mit integriertem Zweiganggetriebe aufgelegt. Ziel: eine möglichst hohe Gangspreizung. Erwähnenswert hier auch die komplexe Steuerelektronik, mit der die Schweizer ganz neue Wege gehen. Diese verfügt nämlich über mehrere Automatikmodi, was schaltfaulen E-MTBlern das Leben erleichtern soll. Der Flyer-Akku ist mit nur 432 Wh allerdings ein wenig klein geraten, die Reichhöhenwerte bei diesem Bike lassen zu wünschen übrig.

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Thömus und Bulls setzen auf aufgeräumte Optik und statten ihre Bikes mit dem internen Shimano-Akku aus. Das Oberrohr wirkt dadurch zwar etwas wuchtig, leidet aber dafür nicht mehr unter "Beulenpest". Bei beiden lässt sich übrigens der Akku zum Aufladen entnehmen. Dass sich dank Shimano jetzt an der Gewichtsfront etwas tut, beweist Thömus eindrücklich: Für einen stolzen Preis von über 10000 Schweizer Franken unterschreitet der Light­rider die magische 20-Kilo-Marke. Dafür ziehen die Schweizer aber auch alle Register: Ein Carbon-Rahmen und ein hochwertiger Teile-Mix helfen, das Gewicht zu drücken.

Carbon heißt auch bei Lapierre die Zauberformel. Allerdings weniger aus Gewichtsgründen, sondern um den nötigen Gestaltungsspielraum für eine neue Batterieposition zu schaffen. Je tiefer der Schwerpunkt, desto besser – und so rückt der Akku dank Carbon-Chassis dem Motor auf die Pelle. Optisch gewöhnungsbedürftig, schlägt sich die Konstruktion in der Praxis spürbar in guten Testurteilen nieder.

Gespannt waren wir schon im Vorfeld auf das S-Duro von Haibike: Langer Vorderbau, kurze Kettenstreben, integriertes Display und Yamahas neuer PW-X-Antrieb – die Zutaten klingen zunächst vielversprechend. Im Fahrtest muss das Bike aber ein paar Federn lassen. Schuld ist die Upside-down-Gabel von Magura: Die Schwäbin ist nicht ausreichend verwindungssteif, hat Mühe, dem Bike die nötige Spurtreue zu verleihen und kann am Ende mit der starken Konkurrenz von Rockshox und Co. nicht mithalten.

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Kletterkünstler: Die Anlagen der neuen S-Duro-Generation von Haibike sind gut. Der neuen Yamaha PW-X zieht ordentlich, und die neue Geometrie unterstreicht den sportlichen Charakter.

Große Unterschiede bei der Reichhöhe

Wie weit und hoch kommt man mit einer Akku-Ladung – das ist die Gretchenfrage und für die meisten das Maß aller Dinge im EMTB-Test. Um die Ergebnisse zu objektivieren und hieb- und stichfest zu machen, haben wir in hochsensible Messtechnik investiert. So muss jetzt jedes Bike seine Ausdauer auf unserem neuen Prüfstand unter Beweis stellen (So testet EMTB, ab Seite 18). Spitzenreiter beim Reichhöhentest ist, wie schon erwähnt, das Focus Jam² mit seinem modularen Akku-System. Darauf folgen die Bikes mit Bosch- und Shimano-Systemen von Trek, Bulls, Cube und Lapierre.

Bei unseren Messungen auf dem Prüfstand fällt auf, dass alle drei Shimano-Antriebe bei der Effizienz (vergleichbar mit dem Durchschnittsverbrauch eines Autos) sehr gute Werte um die 57 % erreichen. Das Bosch-Performance-CX-System liefert im Mittel etwa 54,5 %. Allerdings weichen zwei Bikes deutlich davon ab. Im Trek schafft der Antrieb fast 60 %, während er im Mondraker nur 51,5 % liefert. Der Grund dürfte in der Serienstreuung des Systems liegen. Das betrifft auch das Thömus Lightrider: Der Vorserien-Akku lieferte im Test lediglich 400 Wattstunden und landete mit 1085 Metern bei der Reichhöhenmessung auf dem vorletzten Platz. In Serie liefert Thömus 500-Wh-Systeme, damit dürfte sich die von uns ermittelte Reichhöhe um rund 300 Höhenmeter verbessern.

Schlusslicht in dieser Disziplin bildet das Flyer Uproc 7. Dem Schweizer ging bereits nach einer Höhe von 1043 Metern der Saft aus. Dafür gibt es zwei Gründe: Zum einen liegt das Gewicht des Bikes jenseits von 25 Kilo, der Antrieb muss also mehr Gewicht transportieren als bei den übrigen Bikes. Zum anderen ist die Kapazität des Akkus mit 432 Wattstunden nicht gerade üppig. Der Wirkungsgrad des Antriebs befindet sich absolut im Normbereich, mit größerem Akku läge die Reichweite vermutlich auf dem Niveau der Konkurrenz.

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Synergieeffekte nutzen: Der Akku fährt ohnehin mit, also kann man die paar Gramm für eine leistungsstarke Lampe auch noch investieren. Bei Flyer ist diese ab Werk integriert.

Geometrie – Trend zu kurzen Kettenstreben

Der kompakte Bauraum der neuen Motorengeneration sorgt für eine Trend-Wende bei den Geometrien. Allen voran Shimano, aber auch die neuen Aggregate von Yamaha und Panasonic machen damit kurze Geometrien möglich. Thömus erreicht mit 441 Millimetern sogar die Kettenstrebenlänge eines klassischen Trailbikes ohne Motor. Aber auch Flyer, Focus, und Hai­bike erreichen Werte von unter 460 Millimetern. Gute zwei Zentimeter länger bauen die Hinterbauten von Cube, Lapierre, Mon­draker und Trek. Doch sind die kurzen Geometrien in allen Situationen überlegen? Wir sagen: nein. Bikes mit langen Streben klettern einfach besser. Und nicht nur das: Sie sind laufruhiger und fühlen sich im technischen Gelände sicherer an. Nur im Singletrail und in engen, verblockten Passagen liegt die Würze in der Kürze. Hier fühlen sich die neuen Geometrien lebhafter und quirliger an. 


Fazit von Dipl.-Ing. Stephan Ottmar:
Dank der neuen Antriebe gehört das Modelljahr 2017 den Themen Integration und Individualität. Nicht nur die Formensprache ändert sich, durch die neuen Geometrien zeigen die Bikes auch im sportlichen Trail-Einsatz neue Talente. Das stimmigste Gesamtpaket kommt diesmal aus dem Hause Focus. Das modulare Akku-System, die Fahrleistungen und die Ästhetik des Jam2s begeistern. Die Bikes von Cube und Trek kommen eher im konventionellen Aufbau daher, können durch ihre Fahrleistungen aber überzeugen und erreichen ebenfalls die Note "super". Thömus als kleiner Underdog aus der Schweiz liefert eigenständige Ansätze und ergattert zusammen mit Bulls, Flyer und Lapierre die Gesamtnote "sehr gut".

Stephan Ottmar

Stephan Ottmar, EMTB-Testleiter


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Stephan Ottmar am 06.04.2017
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