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Test 2016: MTB Hardtails zwischen 3000 und 6500 Euro Test 2016: MTB Hardtails zwischen 3000 und 6500 Euro

Test 2016: MTB Hardtails zwischen 3000 und 6500 Euro

15 MTB Hardtails von günstig bis teuer im Test

Stephan Ottmar am 30.09.2016

3000 oder 6000 Euro? In unserem Testfeld treten elf Hardtails der Einsteigerklasse an. Ihnen stehen vier Bikes der Top-Liga gegenüber. Ein ungerechter Vergleich? Im Gegenteil: Das Ergebnis überrascht!

Zwei gute Gründe gibt es, sich ein E-Mountainbike als Hardtail anzuschaffen: den günstigen Preis und die Tatsache, dass die eigenen Geländeambitionen mehr auf genussvollen Touren in gemäßigtem Gelände liegen als auf radikalen Abfahrten. Elf der Bikes in unserem Test treffen auf beide dieser Anforderungen zu – sie liegen bei Preisen um 3000 Euro. Vier weitere verzichten auf die Schonung des Geldbeutels. Cube zeigt mit dem Elite Hybrid, was technisch machbar ist und katapultiert den Preis auf astronomische 6599 Euro. Günstig gegen teuer – ein unfairer Vergleich? Wir finden die Frage spannend.

Diese E-Mountainbikes haben wir getestet:

Modelle um 3000 Euro:
• Conway EMR 327+ 650B Plus - 2999 Euro
• Corratec X-Vert 650 B CX 25 500 - 3399 Euro
• Cube Reaction Hybrid HPA SL 500 - 3199 Euro
• Ghost Teru 8 - 2999 Euro
• Giant Dirt E+ 1 Ltd - 2899 Euro
• Haibike Sduro Hardnine RC - 2699 Euro
• KTM Macina Action 29 11CX5+ - 3399 Euro
• Radon ZR Race Hybrid - 2999 Euro (EMTB-Tipp: Testsieger)
• Scott E-Aspect 910 - 3399 Euro
• Specialized Turbo Levo HT 29 - 3199 Euro
• Univega Summit E 4.0 - 3199 Euro (EMTB-Tipp: Reichweite)

Modelle bis 6599 Euro:
• Cannondale Tramount 1 - 3899 Euro (EMTB-Tipp: Allround)
• Cube Elite Hybrid C:62 SLT 500 - 6599 Euro (EMTB-Tipp: Testsieger)
• Mondraker E-Vantage RR+ - 4999 Euro
• Rotwild R.C+ HT 29 Evo - 5999 Euro (EMTB-Tipp: Singletrail)

Fotostrecke: Test 2016: MTB Hardtails zwischen 3000 und 6500 Euro

Die zentrale Forderung für alle Bikes in diesem Test war: ein Mittelmotor. Liebhaber des Nabenmotors werden nun aufschreien. Doch wir unterstellen dem Gros unserer Leser, dass sie sich – zumindest ab und an – auch in anspruchsvolles Terrain wagen möchten. Und Nabenantriebe sind den Anforderungen von Mountainbike-Touren mit teilweise steilen Anstiegen und technischen Trails häufig nicht gewachsen. Sie unterstützen zu wenig oder neigen zum Überhitzen, außerdem wandert zu viel Masse ans Hinterrad – ein Nachteil für die Fahrdynamik. Vier verschiedene Antriebe schieben die Bikes in diesem Testfeld an. An zehn E-MTBs ist es das Performance-Aggregat von Bosch. Conway, Corratec, Cube, KTM, Mondraker, Radon und Scott setzen auf die leistungsstarke CX-Variante, Cannondale und Ghost nutzen die etwas schwächere Cruise-Version. Specialized und Rotwild werden vom neuen Brose-Antrieb gepowert, der seit dieser Saison den Markt aufmischt. Haibike und Giant setzen auf Yamaha-Motoren. Und das Univega wird vom Impuls 2.0 angetrieben, einem Eigengewächs des Mutterkonzerns Derbycycle.

Ein wichtiges Kriterium bei der Auswahl eines Bikes dürfte für viele Käufer die Reichweite sein. Die Angabe der "Wattstunden" des Akkus beim E-Antrieb ist dabei vergleichbar mit der Größe des Tanks beim Benzinmotor. Je mehr Wattstunden, desto mehr Energie ist an Bord. Bleibt man bei dieser Analogie, gibt die Effizienz eines Antriebs Hinweise auf den durchschnittlichen Verbrauch. In Mondraker und Specialized stecken kleine Akkus (400 und 420 Wh), allerdings liefert Specialized das Turbo Levo inzwischen mit einem 460-Wh-Akku aus – ohne Aufpreis. In Sachen Reichweite setzt sich das Univega mit weitem Abstand die Krone auf. Der Antrieb schnupft mit einer Akku-Ladung über 2000 Höhenmeter weg. Sein Geheimnis: ein großer Akku mit 612 Wattstunden. Zudem wartete der Impuls-Motor in unserem Reichweitentest mit guter Effizienz auf, aber auch mit eher geringer Durchschnittsgeschwindigkeit (13,5 km/h). Die Bosch-Antriebe stürmen dagegen mit 16–17 km/h Richtung Gipfel und stoppen mit ihren 500-Wh-Akkus im Mittel nach 1500 Höhenmetern. Haibike und Giant sind mit ihren Yamaha-Aggregaten genauso schnell unterwegs. Die Brose-Antriebe erreichen im Specialized 1165 Höhenmeter bei 420 Wh und im Rotwild 1435 Höhenmetern bei 518 Wh. Sie sind dabei 13 km/h schnell und bilden das Schlusslicht bei der Effizienz. 

Test 2016: MTB Hardtails zwischen 3000 und 6500 Euro

E-Mountainbikes sind Spaß-Maximierer. Doch den Uphill-Flow gibt es nur, wenn der Akku noch Saft hat. Darum messen wir bei jedem Bike die Reichweite in Höhenmetern.

Ein zweites, wichtiges Kriterium ist die Abstimmung und Steuerung der Antriebe. Hier verhalten sich alle Bosch-Aggregate sehr ähnlich: Homogene Leistungsentfaltung, hohe Maximal-Power und ein unauffälliges Zu- und Abschalten des Antriebs sorgen für viel Fahrspaß. Kleine Abstriche muss man lediglich bei Cannondale, Ghost und Scott machen. Die beiden Erstgenannten fahren mit der leistungsreduzierten Cruise-Variante. Der Unterschied ist jedoch geringer als die absoluten Zahlen beim Drehmoment vermuten lassen. Scott dagegen montierte im Gegensatz zu den üblichen 15er-Kettenblättern ein Ritzel mit 17 Zähnen ans Tretlager, das raubt dem CX-Antrieb einiges von seiner Spritzigkeit.

Ausstattungsseitig überraschte uns KTM in dieser Preisklasse mit dem großen Bosch-Nyon-Display. Der Mehrwert gegenüber dem Standard-Nivida-Display besteht in einem umfangreichen Navigationspaket und erweiterten Einstellmöglichkeiten.

Specialized verzichtet dagegen völlig auf Display und Lenkerfernbedienung – zugunsten eines optisch aufgeräumten Cockpits. Beides kann auf Wunsch gegen Aufpreis nachgerüstet werden. Außerdem bietet eine eigene App namens Mission Control zahlreiche Einstellmöglichkeiten und taugt zur Navigation.

Auch Impulse bietet eine eigene App mit Navi-Funktion. Alle übrigen Bikes besitzen ähnliche Ausstattungen mit Displays für die wichtigsten Fahrdaten, einem Daumenschalter für den Wechsel der Unterstützungsstufe und zur Aktivierung der Schiebehilfe. Specialized und Giant besitzen keine Schiebefunktion. An steilen Passagen kann das zum Nachteil werden. Generell muss man aber sagen: Die verbauten Schiebehilfen in diesem Test sind allesamt ergonomisch wie auch funktionell unbefriedigend.

Test 2016: MTB Hardtails zwischen 3000 und 6500 Euro

Trail-Waffe Rotwild: Wenn die Adrenalinausschüttung nicht schon beim Anblick des Rahmen-Designs einsetzt, dann spätestens beim Kurven-Surfen bergauf.

Auf die Elektronik scheinen die meisten Entwickler das größte Augenmerk gelegt zu haben. Manch einer scheint darüber vergessen zu haben, dass man bei den Anbauteilen mit wenigen Mitteln große Effekte erzielen kann. Beispiel: die Reifen. Da am Heck kein Fahrwerk arbeitet, müssen die Gummis am Hardtail die Traktion alleine sicherstellen. Erschwerend kommt hinzu, dass der Reifendruck an einem 20 Kilo schweren E-Mountainbike deutlich höher liegen muss als bei normalen Bikes. In felsdurchsetztem Gelände halten wir 2,5 bar für die dünnen Standardkarkassen für sinnvoll, da ansonsten die Gefahr für Plattfüße sprunghaft ansteigt. Also: Je voluminöser und stärker profiliert der Reifen, desto besser die Gelände-Performance des Bikes. Reifen der Dimension 2,2 Zoll machen da wenig Sinn. Außerdem stellt sich der erhoffte Effekt nach mehr Reichweite kaum ein. Das Conway und das Mondraker erreichen mit Reifen in Plus-Dimension ähnliche Werte bei der Effizienz wie die übrigen Bikes, sorgen aber mit gesteigerter Traktion sowohl bergauf wie bergab für ein sicheres Fahrverhalten. In die gleiche Richtung zielen größere Laufräder: Corratec, Ghost und Giant fahren Standardreifen auf 27,5-Zoll-Felgen, alle übrigen nutzen die Vorteile von 29-Zoll-Laufrädern: Sie bieten in Kurven mehr Grip und überrollen Hindernisse spürbar leichter.

Zu den starren Hinterbauten passen Gabeln mit 100 bis 120 Millimetern Federweg bestens, lediglich beim Mondraker steckt eine 140er-Fox im Steuerrohr. Die harmoniert ebenfalls gut mit der abfahrtsorientierten Geometrie des Bikes. Einige der günstigen Gabeln mit 100 Millimetern Hub konnten im Test nicht voll überzeugen: So blieb die Funktion der Raidon-Luftgabeln von SR Suntour deutlich hinter den Erwartungen zurück, und auch die Lefty am Cannondale entfaltete nicht das gewohnte Potenzial. Die Fox-Forken in Radon und Scott lieferten in der 3000-Euro-Klasse die beste Performance, und die Rock Shox RS1 im Cube spielt in einer ganz eigenen Liga.

Was zählt noch am E-MTB? Solide Bremsen zum Beispiel. Und da heißt es: Götterdämmerung bei Shimano. Die XT-Bremsen – jahrelang der Inbegriff von Zuverlässigkeit – wiesen einen stark wandernden Druckpunkt auf. Von einem Moment auf den anderen variierte der Hebelweg spürbar. 

Test 2016: MTB Hardtails zwischen 3000 und 6500 Euro

Bei Hardtails ist die Grenze der Traktion früher erreicht als mit einem Fully. Dicke Plus-Reifen steuern diesem Effekt entgegen – besonders hilfreich in steilem Gelände auf losem Untergrund.

Die günstigeren Systeme der Japaner konnten dagegen überzeugen. Scott und Conway haben sich unserer Meinung nach in der Scheibengröße vergriffen: 160er-Scheiben halten wir an E-Mountainbikes für unter­dimensioniert.
Nicht nur Sicherheit, sondern vor allem auch Komfort, bieten Teleskopsattelstützen. So kann der Sattel vor der Abfahrt schnell und bequem vom Lenker aus abgesenkt werden. Kaum ein unmotorisierter Mountainbiker will heutzutage noch darauf verzichten. Und das wird sich unserer Meinung nach auch am E-MTB durchsetzen. An den günstigen Bikes in diesem Test wird man das wichtige Accessoire aber vergeblich suchen – eine Frage des Preises. Nur zwei der teuren Bikes leisten sich eine Remote-Stütze im Sattelrohr: Mondraker und Rotwild. Nicht zeitgemäß und keine Frage des Preises dagegen: Zwei Bikes kommen sogar ohne Schnellspanner am Sattelrohr aus: Specialized und Cannondale.
Am Ende eine Überraschung: Die besten Bikes der günstigen Preisklasse liegen in unserer Punktebewertung gleichauf mit den teuren Modellen. Gerade in der Königsdisziplin "Reichweite" scheint das Abschneiden keine Frage des Preises zu sein. Die Zwei-Klassen-Gesellschaft zeigt sich eher beim Blick auf Ausstattung und Gewicht: Bei sensationellen 16,95 Kilo blieb die Waage beim Cube Elite stehen. Die rote Laterne fällt dem Univega mit 21,96 kg zu. Das Gewicht wirkt sich spürbar auf die Fahrdynamik aus. Aber natürlich auch aufs Portemonnaie: So trennen die Bikes zwar fünf Kilo, aber eben auch 3400 Euro.

Fazit  Dipl.-Ing. Stephan Ottmar

Eigentlich hatte ich erwartet, dass sich die teuren Bikes im Test deutlich von den günstigen absetzen. Doch die Möglichkeiten, sich Punkte mit teuren Parts zu erkaufen, sind bei den Hardtails überschaubar. Ein robuster Reifen bringt einen größeren Performance-Gewinn als ein Highend-Schaltwerk, und gerade bei Akkus und Motoren müssen alle Hersteller auf vergleichbares Material zurückgreifen. Der Test zeigt, dass es möglich ist, für 3000 Euro ein leistungsfähiges Bike auf die Räder zu stellen, das sich mit der doppelt so teuren Konkurrenz messen kann. Aber: Die Faszination Technik lässt sich in Punkten nicht darstellen. Spätestens beim Blick auf die Komponentenliste eines Cubes Elite oder auf das Rahmen-Design eines Rotwilds RC+ dürfte dem ein oder anderen das Wasser im Mund zusammenlaufen. Sie sind von solchen Gefühlen frei? Freuen Sie sich und greifen Sie bei den Günstigen zu.

Stephan Ottmar

Stephan Ottmar, EMTB-Testleiter

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Stephan Ottmar am 30.09.2016