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EMTB Test 2016: Einsteiger-Fullys bis 4000 Euro EMTB Test 2016: Einsteiger-Fullys bis 4000 Euro

EMTB Test 2016: Einsteiger-Fullys bis 4000 Euro

Sieben günstige Einsteiger-Fullys im EMTB-Test

Stephan Ottmar am 21.07.2016

Nur 300 Euro trennen die sieben Einsteiger-Fullys im Test. Doch zwischen den günstigen E-Mountainbikes gibt es große Unterschiede. Zum Beispiel bei der Reichweite.

Ein kurzer Moment der Unaufmerksamkeit genügte, und Reichweitentester Walter schlitterte über den Asphalt der feuchten Bergstraße. Während Walter den Crash mit kleineren Blessuren überstand, erging es dem Bike weniger gut. Ein Check des Systems ergab ein ernüchterndes Bild: Stecker am Display gebrochen, Drehzahlsensor defekt – und die bittere Erkenntnis: Elektronik am Bike lässt sich nicht mit probaten Hausmittelchen kurieren. Trotz intensiver Versuche mit dem Lötkolben war ein längerer Werkstattaufenthalt beim Fachmann unumgänglich. Ein zweites Bike schaffte es nicht mal aus dem Bike-Keller. Der Motor ließ sich partout nicht starten. Ursache: unklar.

Da waren es nur noch sieben. Zwei Kandidaten konnten zu unserem Test also gar nicht antreten, die verbliebenen Modelle im Wert von je knapp 4000 Euro konnten unser komplettes Testprozedere aber absolvieren.

Diese Einsteiger-E-MTBs finden Sie im Test:

• Bergamont Trailster C 7.0
• Centurion Numinis E650.27
• Conway EMF 327
• Ghost Teru FSX 6.0 (EMTB-Tipp: Allround)
• Giant Full E+
• Haibike SDURO All Mountain Plus
• Univega Renegade E 3.0 (EMTB-Tipp: Reichweite)

Fotostrecke: EMTB Test 2016: Einsteiger-Fullys bis 4000 Euro

DIE ANTRIEBE IN DER EINSTEIGER-KLASSE

Reichweitenmessung am Monte Altissimo, Praxistest auf unserer Standardrunde bei Torbole und das ausgiebige Prüfverfahren im EMTB-Testlabor in München. Während bei der hochpreisigen Testgruppe (E-MTB 2/2016) zwei Brose-Motoren verbaut waren, forderten in dieser Gruppe auch zwei Yamaha- und ein Impulse-Antrieb den schwäbischen Technik­giganten Bosch heraus.

Im Giant werkelt ein Yamaha-Aggregat mit eigenem Setup, genannt Giant-Syncdrive. Auffälligster Unterschied: die Schiebehilfe. Das Giant Full E+ verzichtet als einziges Bike in dieser Testgruppe vollständig auf diese Funktion. Haibike setzt ebenfalls auf den Yamaha-Antrieb, allerdings mit Schiebehilfe.

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Kampf um die Bergwertung: Im Giant werkelt ein Yamaha-Aggregat mit hauseigenem Setup. Bergamont vertraut im Trailster auf den Bosch Performance CX.

Grundsätzlich ist dieses Feature durchaus sinnvoll: Schiebepassagen in steilem Gelände werden bei Bike-Gewichten von über 20 Kilo zum Kraftakt. Aber: Kein einziger Motorenlieferant bietet bislang eine zufriedenstellende Performance. Die Druckknöpfe zur Aktivierung sind zu klein und ergonomisch eine einzige Katastrophe. Bereits bei kurzen Passagen schmerzen die Hände, außerdem erwies sich der Schub bei allen Systemen als zu schwach. Hier besteht großer Optimierungsbedarf. Wichtig zu wissen: Zumindest die Geschwindigkeit, mit der sich das Hinterrad dreht, kann über die Schaltung angepasst werden: Dazu muss man die Kette auf den schwersten Gang (kleinstes Ritzel) legen. In der Praxis erweist sich dieser Kniff allerdings als wenig probat – vor und nach der Schiebepassage liegt die Kette schließlich bevorzugt auf dem größten Ritzel, also im leichtesten Gang.

Alle Bikes tragen vergleichbare Displays am Lenker. Sie zeigen die wichtigsten Fahrdaten an: Unterstützungsstufe, Geschwindigkeit, gefahrene Kilometer und Füllstand des Akkus. Lösungen, die eine besondere Konnektivität zu Smartphones oder Navigationsgeräten zulassen, darf man in dieser Preisklasse noch nicht erwarten.

Im Reichweitentest sorgte der Impulse-Antrieb im Univega für eine Überraschung. Er packte stolze 2000 Höhenmeter am Stück. Schlägt der Antrieb die Konkurrenz damit um Längen? Um eine gute Vergleichbarkeit zu gewährleis­ten, analysieren wir die Antriebe im Reichweitentest nach drei Kriterien: Erstens, wie viele Höhenmeter sind möglich? Diese Wertung bildet die nackte Rechweite ab. Zweitens, wie hoch ist die Geschwindigkeit während des Aufstiegs? Und drittens: Wie viel Energie passt nach der Fahrt wieder in den Akku, den wir vor der Fahrt natürlich vollständig geladen haben? Aus diesen Werten lässt sich anschließend die Effizienz des Antriebs, also der Wirkungsgrad berechnen. Er sagt aus, wie viel Leistung in die Unterstützung einfließt und wie viel wirkungslos durch Reibung, Wärme oder beim Laden verpufft. Tatsächlich fährt das Univega recht langsam bergauf, liegt am Ende in Sachen Effizienz aber trotzdem noch vier Prozentpunkte vor den übrigen Systemen – ein beachtliches Ergebnis für den Impulse-Antrieb.

Leider blieb die Performance des Univega Renegades in anderen Punkten hinter der Konkurrenz zurück. Die Motorsteuerung empfanden wir zumindest als gewöhnungsbedürftig: Das System schiebt lange nach, und bei Gangwechseln setzt der Schub zu lange aus. Noch mehr aber nagen die Reifen am Punktekonto des Univegas. Die Gummimischung und die geringe Breite (2,25 Zoll) der günstigen Schwalbe Nobby Nic liefern wenig Grip.
Das Reifenproblem teilen auch Giant, Centurion und besonders Conway. Auch hier klemmen schmale Pneus auf den Felgen. Für uns ist nicht plausibel, warum die Produkt-Manager bei E-MTBs nicht generell zu stabileren Reifen mit besserer Traktion greifen. Denn ein geringfügig höherer Rollwiderstand ist beim E-MTB unerheblich. Deutlich besser funktioniert die etwas griffigere Trailstar-Version des Nobby Nics in 2,35 Zoll, wie sie am Ghost und am Bergamont verbaut sind. Dass sich das Haibike in diesem Punkt weit von der Konkurrenz absetzen kann, liegt daher nahe: Es fährt auf extra­breiten Plus-Reifen. Diese Pneus sind unserer Meinung nach für E-Mountainbikes wie geschaffen: Grip in allen Lebenslagen und fehlerverzeihend in technisch anspruchsvollem Geläuf.

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In steilen Anstiegen wirken nicht die Motoren, sondern der Grip limitierend. Breite Reifen mit guter Traktion gehören an jedes E-Mountainbike.

Insgesamt sind die Gene des Haibikes sehr stark auf Agilität in anspruchsvollem Gelände ausgelegt. Das Fahrwerk hat viel Potenzial, und die Ausstattung kann in dieser Preisklasse durchweg überzeugen. Die Rahmengeometrie mit kurzem Oberrohr und sehr hohem Tretlager macht das Bike bei hohen Geschwindigkeiten allerdings recht nervös.
Das andere Extrem markiert das Centurion. Das Numinis besitzt eine sehr hohe Front, lässt sich damit in der Ebene ganz entspannt cruisen. Im Steilen leiden jedoch Traktion und Handling. Sehr ausgewogen präsentieren sich Bergamont und Ghost: Beide Bikes machen gleichermaßen auf Touren wie auch auf wendigen Singletrails Spaß. Das Fahrwerk des Bergamonts fühlt sich aber satt an, das Ghost ist recht straff ausgelegt.

Am Ende zeigt das Testfeld sieben Bikes mit recht unterschiedlichen Charakteren in einem engen Preisrahmen. Auch das Schlusslicht nach Punkten hat Vorzüge, die einer breiten Klientel wichtig sein dürften: Als Reichweitensieger bekommt es von uns den EMTB-Tipp für lange Touren.

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Entspannt bergauf kurbeln: Auf dem E-MTB muss man nur selten aus dem Sattel gehen.

Fazit von Dipl.-Ing. Stephan Ottmar: Seit 2015 sind fast alle Bikes sportlicher geworden – das wundert kaum, wechseln doch zunehmend Kunden aus dem traditionellen MTB-Lager in Rich­tung E-MTB. Überwiegend findet man vernünftige Komponenten an den Modellen. Breite Lenker für mehr Kontrolle auf anspruchsvollen Trails, griffige Bremsen mit 200er- und 180er-Scheiben für lange Abfahrten – gut so! Umso erstaunlicher, dass mancher Produkt-Manager bei der Reifenwahl danebengreift. E-Mountainbikes brauchen solide Pneus für guten Grip und Pannenschutz. Yamaha und Impulse zeigen sich als ernstzunehmende Konkurrenz für Platzhirsch Bosch.  

Stephan Ottmar

Stephan Ottmar, EMTB-Testleiter

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Stephan Ottmar am 21.07.2016