Test Haibike Flyon Xduro Nduro 10.0 Test Haibike Flyon Xduro Nduro 10.0

Erster Test: Haibike Flyon Xduro Nduro 10.0

Fahrbericht: Haibike Flyon Xduro Nduro 10.0

Florentin Vesenbeckh am 30.10.2019

Es ist, als hätte irgend jemand unsere Testrunde planiert, entschärft, freigeräumt. Die Sektion mit dem kindskopfgroßen, losen Geröll, die einem trotz Turbo-Modus den Puls auf Anschlag treibt, wirkt jetzt wie ein harmloser Schotterweg. Die steile Felspassage, auf der man bei konstantem Zug auf der Kette zentimetergenau zielen muss, um nicht gnadenlos abzurutschen, meistern wir heute mit Leichtigkeit. Und auch über die Stelle mit den Wurzeln, an denen man so gut wie immer hängen bleibt, wenn man versucht, hier ohne Tippeln durchzupedalieren, entlockt uns heute nur ein müdes Lächeln.

Sind wir zu Fuß unterwegs? Nein. Haben wir das Sportgerät gewechselt? Fast. Es ist der erste Praxistest des neuen Haibike Flyon.Massives Carbon-Chassis mit konsequenter Systemintegration, dazu der bekannt starke TQ-Antrieb – mit diesen Attributen war das Flyon der Shooting Star der letzten Eurobike-Messe. Die Vorschusslorbeeren waren zahlreich, die Auftragsbücher voll: Haibike hatte mit dem selbstbewussten Erscheinungsbild und den Features des Flyon offenbar den Zeitgeist getroffen. Und trotzdem gab es seither auch kritische Stimmen. Tenor: zu schwer, zu sehr Motorrad. Um zu zeigen, was das Flyon wirklich kann, stellten uns die Schweinfurter-E-MTB-Pioniere ein Vorserienmodell des Top-Modells Nduro 10.0 für einen exklusiven Fahrtest zur Verfügung.

Um es gleich vorweg zu nehmen: Das Flyon wiegt etwa 27,5 Kilo, das ist nicht wegzudiskutieren. Allerdings haben die Haibike-Ingenieure beim Flyon an einigen Stellschrauben gedreht, um das Mehrgewicht auszugleichen. Keine Spur mehr von der aufrecht komfortablen Sitzposition der klassischen Haibike-Modelle. Auch keine Spur vom gewohnt weichen, fast leblosen Fahrwerks-Feeling. Auf dem Flyon geht es sportlich gestreckt und eher mit straffer und lebendiger Federung zur Sache. Damit das Fahrwerk in steilen Uphills nicht einsackt, haben sich die Haibike-Ingenieure eines probaten Mittels aus der Kinematik-Trickkiste bedient. Stichwort Anti-Squat. Vereinfacht gesagt zieht der Kettenzug die Federung auseinander und verhindert so allzu starkes Einfedern. So kommt es, dass das Flyon selbst steilste Rampen ohne steigendes Vorderrad bewältigt. Auch Kurbelaufsetzer kennt es trotz recht niedrigem Tretlager kaum. Wer es gewohnt ist, in spielerischer Uphill-Wheelie-Manier und mit viel Körpereinsatz bergauf zu fahren, muss sich auf dem Flyon umgewöhnen. Durch die ausgeprägte Anti-Squat-Kinematik und den recht langen Hinterbau fällt es schwer, überhaupt das Vorderrad zu lupfen. Der Motor ist dabei über jeden Zweifel erhaben. Schon in den mittleren von fünf Stufen schiebt er kräftig an, in der höchsten Stufe gibt es kein Halten mehr. Die Geräusche liegen gefühlt etwas über Bosch-Niveau, also recht laut. Die Kraftentfaltung ist in den mittleren Stufen gleichmäßig, das Bike lässt sich gut dosieren. Beim Losfahren setzt die Motorkraft früh ein und hilft so beim Anfahren in Steilpassagen.

Doch wehe, wenn man bergauf im rauen Geläuf stecken bleibt. Dann kommt, im Wortsinn, das Gewicht zum Tragen. Das Hochwuchten über verblockte Felspassagen ist Schwerstarbeit, da hilft auch die an sich potente Schiebehilfe kaum. Wer auf große Reichhöhen aus ist, muss der hohen Leistung des TQ-Antriebs Tribut zollen. Der Wechsel-Akku liefert 630 Wattstunden, nach einer unserer Test-Uphills von 460 Höhenmetern, vorwiegend im Low- und Mid-Modus, zeigte die Kapazitätsanzeige halb voll an. Wir vermuten die realistische Reichhöhe also etwa bei 1000 Höhenmetern. Theoretisch ließe sich zwar der Akku mit wenigen Handgriffen wechseln, doch dieser wiegt satte vier Kilo. Ein Ersatz-Akku im Rucksack dürfte also für die wenigsten in Frage kommen.

Leuchtende Augen gibt es dafür wieder bei der Abfahrt. Hier sind es nicht alleine die 180 Millimeter Federweg und die hohe ungefederte Masse, die für Sicherheit und Reserven sorgen. Das Fahrwerk arbeitet progressiv und gibt Rückmeldung. Das Flyon lässt sich schon an kleinen Hindernissen erstaunlich spielend abziehen und liefert Gegendruck in Anliegern. Je schneller die Fahrt, desto spielerischer lässt es sich auch in engen Trails dirigieren – hier kommt die enorme Rahmensteifigkeit zum Tragen.


FAZIT zum Haibike Flyon Xduro Nduro 10.0 von  Markus Greber, EMTB-Testredakteur

Wer auf schiere Power steht, kommt am Flyon schwer­lich vorbei. Kaum ein anderes Bike bietet ein vergleichbares Drehmoment. Wer auch optisch Stärke zeigen will, bekommt hier ein Bike mit konsequenter Integration, einzigartigen Features und tollen Fahreigenschaften. Wer den Fokus auf das volle Spektrum eines Mountainbikes legt, zu dem auch lange Tages-Touren (Reichhöhe) mit Tragepassagen zählen, der entscheidet sich eher für ein anderes Modell – der starke Motor, die konsequente Integration und das Augenmerk auf kompromisslose Stabilität fordern klar ihren Tribut. So ist das Flyon ein Spaßgerät für E-Biker mit einem Faible für Technologie und Konnektivität, und bestimmt das sportlichste Haibike, das es je gab – und vielleicht sogar der Vorreiter einer neuen E-MTB-Kategorie: die der Powerbikes.

Markus Greber

Markus Greber, EMTB-Testredakteur


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Florentin Vesenbeckh am 30.10.2019