Knigge für E-Mountainbiker Knigge für E-Mountainbiker

Knigge für E-Mountainbiker

Benimm-Regeln mit dem E-MTB - ernst gemeint?

Gennar Fehlau am 29.07.2016

Böse Zungen behaupten, dass auf dem Trail die Distanz von einem Fettnapf zum nächsten in Wattstunden gemessen wird. Ist Quatsch! Mit uns bewegen sich E-MTBler trittsicher auf dem Wurzelparkett.

NULPENSTAU

Sommers wie winters das gleiche Bild: Immer ist irgendwer im Weg. Auf der Rolltreppe im Kaufhaus sind es unrüstige Rentner, im Freibad auf dem Zehn-Meter-Turm zaghafte Teens. Auf dem Skihang versauen einem Anfänger die Ideallinie auf der Schwarzen Piste. Und jetzt kommen noch die E-Biker! Das häufigste Vorurteil, mit dem wir konfrontiert werden, heißt also: Nulpenstau – E-Mountainbiker werden als fahrtechnische Vollpfosten verballhornt, die die schönsten Singletrails verstopfen. Der wahre Grund dürfte nicht ein Defizit an Feinmotorik sein, sondern die eifersüchtige Wut auf das geschmeidige Erkurbeln auch härtester Gipfelrampen. Vorbei sind die Zeiten, in denen sich asketische Bergradler die Abfahrt hart und ehrlich durch ewiges Bergaufkurbeln verdienten. Vorbei die Zeiten, in denen man auf der Passhöhe in einem elitären Kreis der Könner versammelt war. Und vorbei die Zeiten, in denen eine unerbittliche Anfahrt die Frequentierung der geilsten Abfahrten auf natürliche Weise regulierte. Nun lässt der Mittelmotor jeden Hanswurst entspannt die steilsten Berge erklimmen – um in der überfordernden Abfahrt dann die schönsten Felsstufen und Steilabfahrten zu verbarrikadieren. So zumindest malen es sich unmotorisierte Mountainbiker in ihren fürchterlichsten Alpträumen aus.

Unser E-MTB-Knigge rät: Zeigen Sie einfach ein wenig Demut! Sie sind das stärkere Geschlecht, deshalb wird Ihnen etwas aristokratische Zurückhaltung nicht schwerfallen. Natürlich gilt auch: Wer Höhenangst hat, nimmt nicht den Aufzug zur Aussichtsplattform des Burj Khalifa! Man sollte also nur dort hochfahren, wo es auch eine dem Fahrkönnen angemessene Abfahrt gibt. Aber das sollten sich selbstverständlich unmotorisierte Mountainbiker ebenso zu Herzen nehmen. Die schlechtesten Abfahrer findet man oft in den vordersten Reihen bei Marathon-Rennen.


DAS EGO DES ANDEREN

Jeder Biker, dessen Waden von jahrelangem, hartem Training gestählt sind, weiß, wie viel Schweiß es kostet, seine Dauerleistung auf 250 Watt zu frisieren. Der E-Biker schafft diese Leis­tungsexplosion mit nur einem Knopfdruck: Schaltet er seinen Antrieb zu, liefert dieser ohne jedes Wintertraining Leistung satt. Klingt unfair, ist es aber nicht. Schließlich steht es jedem frei, sich ein E-MTB zuzulegen. Knifflig wird es, wenn rennaffine Freizeit-Biker mit und ohne Motor aufeinandertreffen. Doch heroischen Wettbewerb kann es nur unter Gleichgesinnten geben. Das Sprint-Duell im Straßenverkehr wird schließlich auch nicht zwischen Lamborghini Aventador und Opel Corsa ausgefochten.

Unser Knigge-Tipp: Steigen Sie besser nicht auf das Duell ein. Mit Motor gegen analoge Biker zu fahren, ist ein unfairer Kampf, ein Sieg deshalb frei von Ehre und Wert. Gönnen Sie sich lieber ein Päuschen, wenn Sie so einem Streithammel begegnen. Die Alternative: Sie schalten in den Turbo und lassen die Reifen qualmen. Zugegeben, diese Variante hat auch etwas für sich.


Knigge für E-Mountainbiker

Die Horrorvision der nunmehr befriedeten Wald- und Bergbevölkerung: Gefahr auf zwei Rädern droht nicht mehr nur von oben. Nun marodieren E-Biker mit Mach 1 auch den Berg hinauf.

AB SOFORT AUCH BERGAUF: AUS RÜCKSICHT BREMSEN 

Gerät neue Technik in die falschen Hände, ist der Schaden unabsehbar. Da macht das E-MTB keine Ausnahme. Zugegeben, das Miteinander von Wanderern, erholungssuchenden Familienausflüglern, Jägern und Bikern birgt seit jeher Konfliktpotenzial, aber über die Jahre haben sich alle – von einigen Brennpunkten und Verblendeten einmal abgesehen – aneinander gewöhnt. Wie alte Ehepaare, die es ob der Sinnlosigkeit, bestimmte Gesprächsthemen anzuschneiden, aufgegeben haben, ihren Partner erziehen zu wollen, hat jeder Waldgenießer seinen Weg zur Bewältigung der Situation gefunden. Man hat sich arrangiert und geht Streit aus dem Weg oder ihm zumindest gelassen entgegen.

Nun kommen die E-Biker und bringen die befriedete Situation völlig aus der Balance. Und zwar exakt mit ihrer vermeintlichen Trumpfkarte: dem flinken Klettern. Bisher konnten Wanderer ihren Blick gipfelwärts richten und wussten, dass wenigstens von hinten keine Rüpelradler angeschossen kommen. Je kniffeliger und steiler das Terrain, desto sicherer konnten sie sein – waren sie doch zu Fuß nicht selten schneller als jeder Pedalritter. Nun schiebt der Motor mit einem Antritt, der jeden Profisportler verblassen lässt. Die Horror­vision der eigentlich befriedeten Wald- und Bergbevölkerung: E-Mountainbiker marodieren nun auch mit Mach 1 den Berg hinauf, Rentner werden zu Tode erschreckt, Dackel einfach übergemangelt und Kinder fürs Leben traumatisiert. So weit sollten wir es nicht kommen lassen – nicht nur der Ruf der Bosch-Biker steht auf dem Spiel, auch die analoge Bruderschaft nimmt Kollateralschaden.

Unser Knigge-Tipp: Natürlich zählen Sie sich nicht zu dieser ignoranten Spezies – das würden wir auch nie und nimmer unterstellen. Trotzdem sei an dieser Stelle noch mal empfohlen: Kündigen Sie Ihre Gegenwart den vorauskletternden Wandersleut’ in angemessener Intonation und moderater Lautstärke an – also nicht mit Signalhorn und läutem Gebrüll, sondern mit verhaltenem Klingeln und freundlichem Gruß. Auch ein wenig das Tempo herauszunehmen, hilft, die Situation zu entspannen. Schalten Sie vom Turbo- in den Schongang, achten Sie auf entspannte Gesichtszüge, heben Sie die Hand zum Gruß. Sie werden vom Fußvolk dafür belohnt werden wie jeder normale Biker – mit einem gütigen Lächeln.


ELEKTRISIERTE GEISTERFAHRER 

Die Szene erinnert ans Finale jedes guten Italo-Westerns: Auf der einen Seite reitet der aufrechte Sheriff ins Dorf ein, von der anderen Seite galoppiert der korrupte Großgrundbesitzer mit seinen Schergen an. Der Wind bläst Äste über die Staubpiste, die Sonne steht hoch. Showdown!

Aber bleiben wir am Hang und auf dem Singletrack. Angepeitscht vom Mittelmotor, ballert ein E-Biker den Singletrail herauf. Die Beine platzen fast. Die Tachonadel vibriert an der "25", um die maximale Unterstützung aus dem Bosch herauszuwringen! Von oben jagt die Mountainbike-Sektion des örtlichen Radsportclubs auf dem schmalen Trail mit Haarnadelkurven, Steinblöcken und Kickern talwärts … wohl wissend, dass seit Menschengedenken kein Biker auf die bescheuerte Idee gekommen ist, diesen perfekten Downhill-Track gipfelwärts zu pedalieren. Wie es dann weitergeht, ist unschwer zu erahnen.

Unser Knigge-Tipp: Welch erhabenes Gefühl, wenn einem die Beschleunigung die Mundwinkel zu einem verschmitzten Grinsen nach hinten zieht – und das bergauf! Aber suchen Sie sich für dieses orgasmische Gefühl bitte die allerentlegensten Rampen. Denn Sie wissen doch, welches Schicksal einem Geis­terfahrer auf der Autobahn droht. Deshalb: Auch mit Strom niemals gegen den Strom fahren!

Knigge für E-Mountainbiker

Unser Knigge-Tipp: Sie wissen doch, welches Schicksal einem Geisterfahrer auf der Autobahn droht. Deshalb: Auch mit Strom niemals gegen den Strom fahren!


NACH INNEN KONTROVERS, NACH AUSSEN GESCHLOSSEN!

Früher musste fit sein, wer in den Bergen unterwegs war. Heute genügen das nötige Kleingeld und ein Mittelmotor. Damit ist klar: Es wird enger auf dem Trail. Das passt nicht jedem! Und der Konflikt hat gute Tradition. Erst wurden Biker von Wanderern gedisst, dann Biker mit Federgabel von traditionellen Starrbikern. Später kamen 29er-Hater, und Fatbikes mochte ohnehin keiner! Und Jetzt heißt es: "Alle auf die E-Mountainbiker!" Scheinbar wollen zwar alle Bergradler das Eine, und trotzdem sind sich nicht alle einig. Das ist strategisch unklug, denn Fakt ist: Von der Restgesellschaft werden wir alle in einen Topf geworfen – und als ein und dasselbe Problem wahrgenommen. Denn mit dem E-MTB-Trend werden noch viel mehr Zweiradler in die Natur aufbrechen. Insbesondere in alpinen Regionen könnte die kritische Masse schnell erreicht werden, dadurch werden nicht nur E-MTBler, sondern auch normale Mountainbiker als Belästigung, Störenfriede und Konkurrenten wahrgenommen. Das kann zu Einschränkungen führen, und zwar für alle – es droht die Sippenhaft! Oder aber aus dieser Bewegung wird sich eine Chance ergeben ... für alle Mountainbiker.

Unser Knigge-Tipp DESHALB: Völker aller Nationen, vereint Euch! Äh, Mountainbiker jedweder Herkunft, vereint Euch! Oder noch einfacher: Werden Sie E-Mountainbiker! Überreden Sie den rüstigen Nachbarn zur Proberunde auf dem E-MTB! Locken Sie die Gattin auf den Trail! Infizieren Sie Ihren Freundeskreis mit dem Virus. Die Rechnung ist nämlich ganz einfach: Mit jedem E-Mountainbiker mehr gibt es einen Menschen weniger, der diesen Sport als Belästigung empfindet.

EMTB Titel 1/2016

Diesen Artikel bzw. die gesamte Ausgabe EMTB 1/2016 können Sie in der EMTB App (iTunes und Google Play) lesen oder die Ausgabe im DK-Shop nachbestellen.

Gennar Fehlau am 29.07.2016