E-Mountainbike Abenteuer: Alaska E-Mountainbike Abenteuer: Alaska

E-Mountainbike Abenteuer: Alaska

Into the Wild: Abentreuer-Trip mit dem E-MTB in Alaska

Tobias Woggon am 28.04.2017

Bärenhaufen auf dem TRail, Moskitos in XXL-Format – wer Alaska mit dem E-Mountainbike erkunden will, sollte für alle Überraschungen gerüstet sein. Tobias Woggon wagte das Abenteuer.

Wieder ein brutal steiler Anstieg auf losem Geröll. Das kann es doch nicht sein. Ich schwitze Blut und Wasser. Laut Routen-Plan sollten wir schon längst in Alyeska sein. Von dem kleinen Ort ist jedoch nichts zu sehen, stattdessen: Berge, Weite, Wildnis. Mal schroff, mal sanft, schneebedeckte Berggipfel, dichter Urwald – unbefleckt und ungezähmt wirkt die Natur hier im Kenai Fjord National Park, einfach unfassbar schön. Weniger schön ist der Anblick meines zweiten Akkus. Er leuchtet in einem beängstigenden Tiefrot. Der erste Akku steckt in meinem Rucksack – leer. Beide wollen dringend an eine Ladestation. Die wartet hier aber nicht gerade an jeder Ecke, und obendrein ist es bereits später Abend. Haben wir uns etwa schon auf dem ersten Teil unseres Alaska-Trips böse verfahren?

Alaska. Ein Mythos. Das gelobte Land für jeden Abenteuersportler. Mein eigenes Bild von Alaska war geprägt von hungrigen Bären und hüpfenden Lachsen, von knorrigen Fallenstellern, unendlicher Einsamkeit und gewaltigen Gebirgsketten. Je mehr gefährliche Geschichten ich hörte, desto mehr wurde meine eigene Abenteuerlust entfacht.
Wie wird aus einem Mountainbike-Trip ein E-Mountainbike-Trip? Es kommt auf die Rahmenbedingungen an: Unsere Zeit ist knapp, die Tages­etappen sind lang und führen durch tiefe Wildnis. Außerdem müssen wir viel Gepäck mitführen – Zelt, Schlafsäcke, Notfallausrüstung zum Beispiel. Fotograf Philip Ruopp und ich hatten uns eine Route durch den Kenai National Park zusammengestellt. Sie sollte uns auf Trails von Anchorage über Alyeska und Hope bis nach Seward führen. 240 Kilometer und 3312 Höhenmeter in drei Tagen. In den Alpen wäre das mit einem normalen Bike locker zu schaffen. Von Hotel zu Hotel. Mit ein paar Zwischenstopps auf bewirtschafteten Hütten. Ohne schweres Gepäck. Aber hier in Alaska? Mit 20 Kilogramm auf dem Rücken? Mit E-MTBs rechneten wir uns daher deutlich bessere Chancen aus. Wäre da nicht dieser Haken: Gerade in der Wildnis sollte man mit den Stromreserven gut haushalten. Es wartet nicht an jeder Ecke eine Ladestation, und ein E-MTB ohne Saft kann sich im Nirgendwo als bleischwere Last erweisen. Und zwei Akkus pro Bike sind im Gelände schneller aufgebraucht, als man erwarten würde.

Fotostrecke: Into the Wild: Abentreuer-Trip mit dem E-MTB in Alaska

Cary erwartet uns bereits am Flughafen in Anchorage, Alaskas größter Stadt vor der spektakulären Kulisse der Chugach Mountains. Cary betreibt den einzigen E-MTB-Shop in ganz Alaska, und wir hatten einige Mühe, ihn vorab ausfindig zu machen. Da man noch immer keine Akkus mit ins Flugzeug nehmen darf, waren wir darauf angewiesen, uns vor Ort zu versorgen. Cary drückt uns jeweils zwei Akkus in die Hand, lädt die Räder auf den Pickup und fährt uns zum Base Camp, einer abgelegenen Hütte am Rande des Nationalparks. Dort in Powell nutzen wir den ersten Tag, um die E-MTBs aufzubauen, die Akkus zu laden und unsere Rucksäcke zu packen. Was man in die 35 Liter Stauraum stopft, muss wohlüberlegt sein. Wir rationieren selbst die Zahnpasta. Für diese Wildnis gibt es Utensilien, die wichtiger sind, mitunter sogar überlebenswichtig: Mückenspray und Bärenspray zum Beispiel.Wir haben einen Plan. Nach unseren Berechnungen kommen wir mit unserer Stromversorgung im Touren-Modus bis zu dem alten Goldgräberdorf Hope. Dort können wir unsere insgesamt vier Akkus wieder aufladen. Dann weiter bis nach Cooper Landing, um dort erneut zu tanken. Es klingt solide und durchdacht, und doch kommen mir in der Nacht bevor wir aufbrechen noch Zweifel: Sind wir tatsächlich ausreichend vorbereitet? Immerhin sind wir auf diesem Trip komplett von der Zivilisation abgeschnitten – ohne Handynetz, ohne Guide, ohne Erfahrung im Umgang mit Bären.

Unser Backup ist ein alter Pickup mit Wohnmobilaufsatz. Ihn parken wir an einer Straße bei Cooper Landing im Nationalpark und montieren auf seinem Dach Solarzellen. Mit einem Spannungswandler können wir so die Akkus speisen. Hierher würden wir es im Notfall irgendwie schon zurückschaffen. Immerhin. Außerdem haben wir noch eine bimmelnde Bärenklingel am Lenker. Wird schon schiefgehen …

Die erste Erkenntnis auf diesem Trip: Ja, es gibt sie, die Trails! Die Wege in Alaska eignen sich fantastisch zum Biken. Nach nur wenigen Schotterkilometern zweigt der erste Pfad ab. Es geht steil bergauf, aber die E-MTBs klettern mit uns und dem schweren Gepäck ohne Murren. Es reiht sich ein kurzer, steiler Anstieg an den anderen – und eine flowige Abfahrt an die nächste. Wir schlängeln uns wunderschön an einem Fluss entlang. Auf der letzten Anhöhe haben wir eigentlich unser Nachtquartier geplant, doch kurz vor unserem Ziel liegt ein dicker, dunkler Haufen auf dem Weg. Wie ein Maulwurfshügel – nur, dass es hier keine Maulwürfe gibt. Ein kurzer, prüfender Blick reicht, um zu erkennen: Hier hat sich erst vor Kurzem ein Bär erleichtert, und der Größe des Haufens nach zu urteilen, war es kein Kuschelbär. Uns wird die Gefahr bewusst, in der wir uns befinden. Obwohl wir beide schon todmüde sind und uns das Gewicht bleischwer auf unsere Rücken drückt, beschließen wir, weiterzufahren.

E-Mountainbike Abenteuer: Alaska

Die Trails in Alaska sind abwechslungsreich: von dichtem Bewuchs bis zum Flow durch die Tundra. Eines zieht sich jedoch durch: Sie sind gespickt mit knackigen Anstiegen.

Es beginnt zu dämmern. Und das heißt: Die Mücken beginnen mit ihrer Blutsuche. Leider wird es in Alaska zu dieser Jahreszeit nicht wirklich dunkel, sodass die Jagdzeit der Moskitos die ganz Nacht über andauert. Zudem fällt in Alaska alles eine Nummer größer aus: die Berge, die Gletscher, die Wasserfälle, die Bären – und leider auch die Moskitos. Alaskas Moskitos sind Monstermücken! Wir vermummen uns von oben bis unten und nehmen die nächsten Anstiege in Angriff – bis der Reserve-Akku zu blinken beginnt. Jetzt schon? Ich krieg’ die Krise. Wenn wir jetzt in den Schiebemodus übergehen müssen, werden wir von den Monstermoskitos bis aufs letzte Tröpfchen Blut ausgesaugt.

Weit und breit kein Licht in Sicht, dafür strenger Bärengeruch in der Luft. Keine Ahnung, wo dieser Singletrail uns nun genau hinführt. Wie es sich anfühlt, von Mücken ausgesaugt oder von Bären verspeist zu werden, kann ich mir dagegen ganz gut vorstellen. Endlich, endlich kommen wir ans Wasser, und ich erkenne schemenhaft ein paar kleine Hütten – Girdwood!Unsere Hoffnung war es, in diesem nahezu ausgestorbenen Fischerdorf einen Fischer zu finden, der uns die paar Kilometer über den Turnagain Arm nach Hope shuttlen würde. Allerdings hatten wir nicht geplant, bei Nacht anzukommen. Nur noch einen Menschen finden wir. Er stellt sich uns als James vor und ist gerade dabei, seine Kate zu vertäuen. James hört uns gespannt zu und löst gleichzeitig, wir selbstverständlich, wieder die Knoten. Nach einer halben Stunde setzt er uns in Hope am Hafen ab. Unser Held des Tages. Schnurstracks machen wir uns zu einer beleuchteten Hütte mit rauchendem Schornstein auf. Eine ältere Dame öffnet die Tür, begrüßt uns freundlich und erlaubt uns sofort, die Akkus bei ihr aufzuladen. Obendrein dürfen wir in ihrem Garten unser Zelt aufschlagen. Ein perfekter Schlafplatz: fernab von Bären und ganz nah dran am Startpunkt des Resurrection-Pass-Trails. Ich kümmere mich um die Bikes und Philip um unser Essen: Tütenfutter mit frischem, kochendem Gletscherwasser angerührt.

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Kein schlechtes Platzerl: Zelten mit Meeresblick an der Resurrection Bay, wo das Tütenfutter auch endlich von frischem Fisch abgelöst wird.

Am nächsten Morgen bauen wir unser Zelt ab, die Akkus ein und bedanken uns artig bei unserer Gastgeberin. Ich will gerade antreten, als ein knorriger Ranger ankommt und uns skeptisch beäugt. Er zeigt auf unsere Shorts und fragt, ob wir uns denn sicher seien, in kurzen Hosen diesen Trail zu fahren. Wir blicken fragend zurück. Der Resurrection-Pass-Trail verläuft von Hope über Cooper Landing, Bear Creek bis nach Seward, wo er an einer Bay endet. Er ist weder besonders technisch noch sehr steil. Doch, so erklärt uns der Ranger, wachse am Rand immer wieder dichtes Gestrüpp mit einer giftigen Bärenklau-Art: Die Cow Parsnip verbrenne die Haut und hinterlasse einen stark juckenden Ausschlag. Also noch mal runter von den Sätteln und rein in die langen Hosen.

Wir kämpfen uns heil durch das Dickicht, bis wir nach einigen Kilometern die Tundra erreichen. Wir blicken auf ein Tal mit saftig-grünem Gras, eingekesselt zwischen den hohen Bergen. Und hier hindurch zieht sich unser Trail als feine Linie durch unzählige Windungen Richtung Meer. Am Abend erreichen wir unser Nachtlager in Cooper Landing.

Es ist Tag drei. Der Trail führt uns über Bear Creek immer näher ans Meer heran. Die Berge wachsen nicht mehr so steil und hoch in den Himmel, die Täler werden weiter. Mittelpunkt des Parks und unser eigentliches Ziel ist das Fischerstädtchen Seward, direkt an der Resurrection Bay. Seward zählt nur 3000 Einwohner, ist aber Dreh- und Angelpunkt auf der ganzen Kenai-Halbinsel. Hier in Seward endet die legendäre Alaska-Railroad, die blau-gelbe Eisenbahn, die sich auch durch schlimmste Schneestürme kämpft und für die Bewohner der Kenai-Halbinsel selbst in harten Wintern eine sichere Verbindung zur Zivilisation bleibt.

Wir entscheiden uns, weiter zum Kanes Head zu pedalieren. Wir wollen unsere letzte Nacht auf der kleinen Halbinsel südlich von Seward direkt an der Bay verbringen. So bauen wir unser Zelt auf einem Vorsprung mit Blick über die Bucht auf. Zeit für ein finales Tütenmahl. Wir lauschen dem Rauschen des Meeres und lassen unsere Eindrücke Revue passieren und fragen uns, ob unsere Erwartungen vom Mythos Alaska erfüllt wurden. Wir sind durch die Wildnis gefahren, haben spärliche Mahlzeiten unter freiem Himmel zubereitet, haben über die bombastische Landschaft gestaunt und die abwechslungsreichen Trails genossen. Wir hatten viel Hautkontakt mit Mücken, aber zumindest keinen mit Bären. Ja, unsere Erwartungen wurden erfüllt. So sitzen wir an unserem letzten Abend am Lagerfeuer und haben die Gewissheit, dass dies erst der Anfang von vielen zukünftigen E-Abenteuern in Alaska ist.

E-Mountainbike Abenteuer: Alaska

blau: Übernachtung | rot: Ladestation


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Tobias Woggon am 28.04.2017