MTB-Singlespeed-Weltmeisterschaft 2018

Singleparty

  • Henri Lesewitz
 • Publiziert vor 2 Jahren

Schaltungen? Verboten. Party? Vor dem Rennen. Die Siegermedaille? Wird tätowiert. Unser Reporter hatte sich bei der Singlespeed-WM in Oregon auf viel Skurriles eingestellt, aber es war noch wilder.

Huch, das ist ja ein Joint! Der Begriff Startertüte bekam bei der Singlespeed-Weltmeisterschaft eine völlig neue Bedeutung. In dem Beutelchen, dass man bei Rennveranstaltungen traditionell zusammen mit der Startnummer und diversen Werbebeigaben ausgehändigt bekommt, fand sich doch tatsächlich ein Joint – umgangssprachlich auch gerne "Tüte" genannt. Ein kleiner Willkommensgruß der Orga-Crew an die WM-Teilnehmer. Und gleichzeitig ein Symbol dafür, die Titelkämpfe bitte nicht zu verbissen zu nehmen. Kenner der Szene wissen eh Bescheid: Die jährlichen Singlespeed World Championships (SSWC) , die seit 1995 an wechselnden Orten in der Welt ausgetragen werden, sind ein Statement gegen Konkurrenzdenken und Überehrgeiz. Ein Wochenende lang werden alle Regeln außer Kraft gesetzt. Es gibt nur zwei. Erstens, Schaltungen sind verboten. Zweitens, die Siegermedaille wird tätowiert. Singlespeed-Freaks aus allen Teilen der Welt pilgerten ins beschauliche Örtchen Bend im Herzen des US-Bundesstaates Oregon, um fünf Tage lang zu feiern und zu biken. Unser Reporter Henri Lesewitz war mittendrin im Auge des Party-Orkans. Die Reportage steht in BIKE 3/2019. Hier die Foto-Galerie.


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Ein Gang, basta! Singlespeed-Biken ist ein Statement gegen den Technik-Overkill. Strapazierfähige Beine sind natürlich von Vorteil.

Die Singlespeed-WM als Titel-Story? Das lokale Wochenblatt, dass in Bend kostenlos ausliegt, widmete den Single Speed World Championships einen mehrseitigen Vorbericht, inklusive Style-Beratung. Verwegene Klamotten seien für Singlespeeder das A und O, so der Autor.

Fünf Tage lang waberte die Singlespeed-WM auf einer süßen Woge aus Biken und Party vor sich hin. Keiner der Teilnehmer hatte Berührungsängste mit dem Thema Bier, schon gar nicht beim "Pub Ride" am Donnerstag vor dem Rennen. Spezielles Ritual der Singlespeed-Szene: Das heitere Aufeinanderschichten von Bikes zur Pyramide.

Das Trail-Netz rund um Bend ist gigantisch. Die "Group Rides" stimmten die Oberschenkel schon mal aufs Rennen ein.

Schon gute Tradition bei Singlespeed-Weltmeisterschaften: Das speziell designte "Kick Ass"-Ritzel mit gelasertem SSWC-Logo.

Orga-Chef David Marchi verkauft in seinem Bikeshop "Crow’s Feet Commons" Highend-Fullys mit vielen Gängen und viel Federweg. Er selbst geht ganz gerne der puristischen Art zu Biken nach. "Viele denken, der Spaß beim Biken hängt von der Technik ab, oder wie viel Geld man für ein Bike ausgibt. Du kannst 5000 Dollar ausgeben und das heißt noch lange nicht, dass du ein gutes Erlebnis hast. Singlespeed-Biken lenkt den Blick aufs Wesentliche, aufs Fahren und Spaß haben", bringt es David auf den Punkt.

Ein kleiner Kniff vom Veranstalter, um den Ehrgeiz im überschaubaren Rahmen zu halten: Die Hälfte der WM-Teilnehmer bekam die Startnummer 69. Auch die Nummer 420 wurde zahlreich vergeben.

Mehr gibt es nicht zu sagen.

Singlespeed-Biker lieben es, ihre Bikes mit lustigen Aufklebern zu tapezieren. Dieser hier war exklusiv für die WM in Bend angefertigt worden: "Make America Bike Again".

Die Amerikanerin Jacquie Phelan gehört zur Riege der MTB-Legenden. In den frühen Achtzigern war sie mehrfache US-Meisterin. Sie gehörte zu den Ersten, die in die MTB Hall of Fame aufgenommen wurden. Die MTB-Leidenschaft trieft Jacquie aus jeder Pore. Obwohl sie inzwischen über Sechzig ist, ist sie noch immer topfit. Großen Spaß bereitet es ihr, Anwesende mit ihrem Stoffpenis zu erschrecken, der nach oben erigiert, sobald sie ihren Rock nach oben klappt.

Der Inhalt der Startertüte unterschied sich gravierend von dem normaler Startertüten: Statt Power-Gel und Kettenöl fanden sich darin ein Joint sowie ein stoßfestes All-you-can-drink-Bierglas, das man beim Rennen an den Verpflegungsstationen auffüllen konnte.

Singlespeed-Bike für Unentschlossene.

Richard, genannt "Dickie", gehört zu den Big Stylern der Singlespeed-Szene. Sein Markenzeichen ist die Kombination von "Lemmy-Bart" und schrill gemusterten Kappen. Beim Fahren trägt er natürlich einen Helm.

Beth aus Bend, glühende Singlespeed-Anhängerin und Mitglied im Orga-Team.

Wer Mitglied der Singlespeed-Truppe "Back of the Pack Racing" werden möchte, muss Biken auf die pure Art zelebrieren und spontanen Partys zugeneigt sein. Es gibt Chapter in der ganzen USA.

Daheim auf den Philippinen rackert sich Agu tagtäglich dafür ab, dass Mountainbiken dort irgendwann ähnlich populär wird wie in den USA. Er plant Trail-Netze und hält die Szene zusammen. Die Singlespeed-WM ist stets sein Jahres-Highlight. 

Keine Singlespeed-Party ohne Bier.

Die "Hosting Party" am Abend vor dem Rennen ist so legendär wie feucht-fröhlich. Bei bierseligen Gaga-Wettbewerben wird der Austragungsort der nächsten WM ausgespielt. Das Team von Slowenien ließ dem von New York und Durango keine Chance. Was bedeutet: Die WM 2019 wird in Slowenien ausgetragen.

Es gehört zur Folklore der Singlespeed-WM, dass sich die Teilnehmer am Renntag kostümieren. Der Amerikaner Matt hat sich extra einen schicken Superhelden-Anzug geschneidert.

Ein stattlicher Stoff-Hase hängt Matt auf den Schultern. Warum auch immer.

David aus Bend hat sich als Zwitterwesen aus Mensch und Krähe verkleidet.

Hauptsache schräg: Häschen und Einhorn.

Mit diesem Look spart man sich das Wäschewaschen nach dem Rennen.

Das Kostüm ist ein Hingucker, keine Frage, es wirft aber einige Fragen nach der Mountainbiketauglichkeit auf. Sehschlitze, Plastik-Pranken, Ganzkörper-Fell – so wird ein Marathon mit 90 Prozent Singletrail-Anteil zum echten Abenteuer. Zumal der Wetterbericht sommerliche Temperaturen vorausgesagt hat.

Die Partydichte in den Tagen vor dem Rennen ließ nicht gerade befürchten, dass der Kurs hohe Anforderungen an Kondition und Fahrtechnik stellt. Von wegen! Besonders die Fahrer im ersten Drittel kachelten los wie angezündet.

Der erste Anstieg zog sich kilometerlang hin, um sich gegen Ende noch einmal steil Richtung Himmel zu bäumen. Also absteigen und schieben. Mit einem Singlespeed-Bike lässt sich ein Berg nicht einfach wegschalten.

Ein paar Meter noch, dann ist der erste Gipfel geschafft.

Name der ersten Abfahrt: Hospital Trail. Dass der Staub nahezu blickdicht ist, macht das Bezwingen des stellweise ruppigen Biests nicht gerade einfacher.

Verpflegungsstelle irgendwie in Nirgendwo: Das Getränkeangebot orientiert sich an dem von Nachtbars und unterschiedet sich gravierend von dem, was man sonst so von Marathon-Verpflegungsständen gewohnt ist. Statt Iso-Drinks gibt es unter anderem Cocktails.

BIKE-Reporter Henri Lesewitz gönnt sich eine kurze Rast in einer Ledersitzgruppe, die samt Wasserpfeife und Wohnzimmer-Stehlampe mitten in der Botanik steht. Die komische Plastikschale auf des Reporters Kopf ist übrigens ein originaler Trott-Helm aus den Achtzigern – einer der ersten Radhelme überhaupt. Benannt nach dem Erfinder Karl-Heinz Trott aus Wuppertal. Legendärer Aufkleber auf der Innenseite: "Schütze Deinen Kopf, denn Du hast nur einen!" Das nur am Rande.

Bei Halbzeit des Rennens waren die Oberschenkel der Meisten schon gut zermürbt. Und nein, in Oregon wachsen keine Weihnachtskugeln an den Bäumen (rechts), die sind natürlich nur Deko.

Trails, Trails, Trails – die Rennstrecke ist fast durchgängig einspurig.

Lycra-Leopard mit trocken gehechelter Zunge.

Hüpf Häschen, hüpf! Matt nimmt trotz Stoffhasen auf der Schulter die Drop-Batterie.

Nein, die Dame präsentiert keinen verkleideten Teilnehmer, sondern ein selbst gebasteltes Fabelwesen.

Im endlosen Zickzack schlängelt sich der Trail dem Ziel entgegen.

"Single & Rigid" – der Aufnäher auf dem Hemdärmel von Cjell Mone sagt alles: keine Schaltung, keine Federung. Die Hardcore-Fraktion der Szene betreibt Singlespeeden mit religiöser Hingabe.

Cyclocross-Heldin Rachel Lloyd war die Schnellste der Damen und darf sich über das sagenumwobene Sieger-Tattoo freuen. Es ist Tattoo-Medaille Nummer zwei. Die Singlespeed-WM 2008 hatte sie ebenfalls schon gewonnen. Schnellster Mann war der amerikanische Marathon-Meister Payson McElveen.

Das ist die Tattoo-Vorlage. Das Motiv wurde den Siegern direkt bei der After-Race-Party gestochen.

Schlagwörter: BIKE 3/2019 Einfach Fotostory Henri Lesewitz Singlespeed USA Weltmeisterschaften


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