Dauertest: Elektro-Bike … ohne Motor

Im Langzeitcheck: Ein E-Bike-Fully ohne Motor [Umfrage]

  • Stefan Frey
 • Publiziert vor einem Jahr

Fahrwerk, Sattelstütze, Schaltung, … Dieses Dauertest-Bike ist fast ausschließlich mit elektronischen Komponenten bestückt. Kann das auf lange Sicht gutgehen? Wir setzen ein MTB-Fully unter Strom.


Acht Stromquellen, drei Funk-Standards, vier Smartphone-Apps und ein Multifunktions-GPS-Computer. Um unseren Elektro-Dauertester zum Laufen zu bringen, braucht man schon fast eine Ausbildung zum Mechatroniker. Die spannende Frage: Funktioniert die Elektronik auch auf Dauer zuverlässig?

Es blinkt, es piept und surrt. Sobald man das bronzefarbene Scott Genius in Bewegung setzt, erwachen seine Komponenten zum Leben. Winzige LEDs vermelden grün oder rot blinkend: „Ready to roll“. Die Elektrifizierung des Fahrrads hat Fahrt aufgenommen. Und das nicht erst seit Mountainbiker motorunterstützt durchs Gelände heizen. Schon 1999 brachte Mavic mit seiner Mektronic eine elektronische Schaltung auf den Markt – mit mäßigem Erfolg. Auch für das intelligente Dämpfersystem E:i Shock schien die Bike-Welt noch nicht wirklich empfangsbereit.

Doch mit Einführung von Fox Live Valve und der funkgesteuerten Sram-AXS-Schaltung scheint auch das Mountainbike endgültig im digitalen Zeitalter angekommen zu sein. Mit einem eigens dafür aufgebauten Dauertest-Bike klären wir die Frage, ob die Elektro-Bauteile wirklich reif für den Alltagseinsatz sind und welchen Nutzen die sündhaft teuren Komponenten für den Nutzer bringen.

Als Basis dient ein Scott-Genius-Ultimate-Rahmen, der für den Einsatz des Elektro-Fahrwerks vorbereitet ist. Geschaltet wird per Funk an Srams brandneuer AXS. Die ebenfalls erst kürzlich vorgestellte Reverb AXS, ein Powermeter von Race Face und die Reifendruckkontrolle von Quarq komplettieren das Elektro-Ensemble.

Der neu aufgelegte Garmin Edge 830 dient als Kommandozentrale und bündelt die Flut an Informationen auf seinem Touchdisplay. Insgesamt acht Stromquellen halten das in Summe gut 15000 Euro teure System am Laufen. Nur treten müssen wir noch selbst. In den kommenden Monaten geben wir Ihnen immer wieder ein Update über unsere Erfahrungen, um im Digital-Jargon zu bleiben.

Acht Stromquellen, drei Funk-Standards und vier Smartphone-Apps sind nötig, um die Elektro-Komponenten an unserem Dauertest-Bike zum Laufen zu bringen.

Die Komponenten


Ohne Strom keine Funktion: Die Sensoren und Motoren vom Fahrwerk bis zur Reifendruckkontrolle arbeiten nur, wenn ihre Akkus auch geladen sind.


A – Fox Live Valve
Mit Live Valve liefert Fox das wohl aufwändigste Fahrwerk, das aktuell am Markt verfügbar ist. Das System ist nur für speziell vorbereitete Rahmen erhältlich und kann nicht vom Endkunden selbst nachgerüstet werden. Den Anbau und die Verkabelung der Sensoren am Genius-Rahmen übernimmt also Fox. Hierzu werden die Beschleunigungssensoren (einachsig) an Gabelbrücke und Kettenstrebe mit der Recheneinheit verkabelt. Dort sitzt zusätzlich ein 3-Achsen-Sensor, der Akku und das Bedienelement.
Das Live-Valve-System ersetzt ein mechanisches Lockout, indem es automatisch die vom Bike-Hersteller vorgewählte Plattform an Federgabel und Dämpfer unabhängig voneinander öffnet oder schließt. Hierfür tasten die Sensoren 1000 Mal pro Sekunde die Untergrundbeschaffenheit ab, messen die Neigung und ob sich das Bike gerade in der Luft befindet.
So aufwändig die Funktion, so einfach wurde die Bedienung des Systems gehalten. Drückt man den Einschaltknopf, erwacht das System mit leisem Knacken zum Leben. Über einen zweiten Knopf wird eine der fünf Unterstützungsstufen gewählt. Die Dämpfung (Druck- und Zugstufe) sowie der Luftdruck werden wie bei klassischen Gabeln und Dämpfern eingestellt. Fox verspricht eine Laufzeit von gut 16 Stunden. Das 2000 Euro teure Live-Valve-System bringt insgesamt etwa 144 Gramm Mehrgewicht ans Bike, verglichen mit einem mechanischen Lockout.

A – Fox Live Valve. Preis: 2000 Euro.



B – Sram XX1 Eagle AXS
Die elektronischen AXS-Komponenten läuten eine neue Ära am Mountainbike ein. Während Kette, Kassette und Kurbel identisch zu den mechanischen Eagle-Komponenten sind, wurden Shifter und Schaltwerk komplett neu entwickelt.
Das wohl auffälligste Merkmal: Es fehlen die Schaltzüge. Der sogenannte Controller schickt die Schaltbefehle per Funk ans Schaltwerk. Dementsprechend einfach fällt die Montage aus. Züge verlegen, Außenhüllen kürzen – Fehlanzeige. Das pairen der Komponenten läuft problemlos. Dreimal drücken – hinten lang, vorne lang, hinten kurz – schon haben sich Schaltwerk und Shifter gefunden. Die restliche Einstellung des Schaltwerks ist für geübte Schrauber Routine. Bereits nach wenigen Minuten schnurrt die Kette präzise und ohne spürbare Verzögerung über die Ritzel.
Neu ist auch, dass sich die Schaltung mit der AXS-App verbindet. Hier lässt sich die breite Wippe des Controllers dann individuell belegen, der Akku-Stand ablesen oder ein Firmware-Update aufspielen. Der 25 Gramm leichte Akku am Schaltwerk soll eine Fahrzeit von zirka 20 Stunden ermöglichen. Die Knopfzelle im Controller soll laut Sram über zwei Jahre lang halten. Der Preis für die XX1 Eagle AXS beläuft sich auf rund 2100 Euro.

B – Sram XX1 Eagle AXS Controller. Der Preis für die komplette Schaltung: 2100 Euro.

B – Sram XX1 Eagle AXS Schaltwerk. Kette und Kassette sind identisch zu den mechanischen Eagle-Komponenten. Preis Komplettsystem: 2100 Euro  z.B.  bei Rosebikes aktuell für 1390 Euro *



C – Rockshox Reverb AXS
Analog zur Schaltung erhält auch der Teleskopstützen-Klassiker ein Drahtlos-Update. Die neue Reverb kommt ohne Hydraulikleitung aus und eliminiert das aufwändige Verlegen, Kürzen und Entlüften der intern geführten Leitung. Wie ein Schlüssel ins Schloss wird die Reverb einfach ins Sattelrohr geschoben. Controller am Lenker befestigen, fertig. Stütze und Controller verbinden sich ebenso reibungslos wie die Schaltung. Zudem wurde die Klemmung für den Sattel verbessert. Die Neigung lässt sich nun einfach über eine kleine Schraube verstellen. Verwendet man die AXS-Komponenten im System, lässt sich der Reverb-Controller zudem in der App auch als Schalthebel konfigurieren.

C – Rockshox Reverb AXS. Preis: 800 Euro.  z.B. bei Rosebikes aktuell für 530 Euro *



D – Quarq TyreWiz
Im Automobilsektor gehören Reifendrucksensoren längst zum Standard. Mit TyreWiz gibt es jetzt auch eine Echtzeit-Druckmessung fürs Bike. Die zehn Gramm leichten und 259 Euro teuren Sensoren werden per Knopfbatterie betrieben und einfach gegen die verwendeten Presta-Ventile getauscht. Per ANT+ oder Bluetooth wird der aktuelle Luftdruck an GPS-Computer oder Smartphone geschickt. Die dazugehörige App liefert Luftdruckempfehlungen und warnt, sobald der gewünschte Druck über- oder unterschritten wird.

D – Quarq TyreWiz. Preis: 259 Euro/Paar.



E – Race Face Cinch
Um stets die Kontrolle über die erbrachte Leistung zu behalten, setzen wir auf versteckte Leistungsmessung. Die Cinch-Powermeter-Achse sitzt geschützt im Tretlager und lässt sich über Bluetooth oder ANT+ mit allen gängigen Endgeräten und Smartphones verbinden. Zusätzlich zur reinen Leistung gibt die 65 Gramm leichte Achse Aufschluss über Trittfrequenz und Pedaleffizienz. Über die dazugehörige App wird das Cinch-System eingerichtet, kalibriert und auf dem aktuellen Stand gehalten. Der Preis des Powermeters beläuft sich auf 899 Euro.

E – Race Face Cinch Powermeter. Preis: 899 Euro.



F – Garmin Edge 830
Die Kommandozentrale: Auf dem Display des neuen Edge 830 laufen die Informationen der verbauten Komponenten während der Fahrt zusammen. Powermeter und Reifendruckkontrolle lassen sich mit dem GPS-Computer koppeln, und auch die Akku- und Ganganzeige der AXS-Schaltung hat der Edge 830 im Blick. Zusätzlich erfüllt der Garmin natürlich seine Funktion als Navigationsgerät und informiert über eingehende Nachrichten. Einzig das Fox-Live-Valve-System bleibt aktuell aufgrund mangelnder Funkverbindung bei der Konnektivität noch außen vor.

F – Garmin Edge 830. Preis: 399,99 Euro. 



Der erste Einsatz

Überraschend unauffällig, fast ein wenig enttäuschend: Die Elektro-Komponenten an unserem Dauertest-Elektro-Bike funktionierten auf den ersten Kilometern tadellos.


Überraschend unauffällig. Schon nach wenigen Kilometern nehme ich das automatisch arbeitende Fahrwerk als völlig selbstverständlich hin.

Mit randvollgeladenen Akkus schiebe ich das Elektro-Bike aus der Garage. Ein leichter Druck auf die Power-Taste weckt das Fahrwerk aus dem Tiefschlaf. Aufsitzen, Sattelstütze ausfahren, Gang einlegen. Die AXS-Komponenten gehen bei Bewegung selbstständig in Bereitschaft. Die Reifendruckkontrolle gibt grünes Licht. Ich rolle los.

Während der Auffahrt zum Trail-Einstieg legt das Live Valve automatisch die Plattform ein. Trotz 150 Millimeter Federweg bleibt das Fahrwerk absolut ruhig. Kein Pumpen, kein Einsacken, selbst im Wiegetritt. Sobald die Reifen auf Unebenheiten treffen, reagiert das System jedoch ohne jegliche Verzögerung, lautlos und ohne zu hakeln gibt es den Federweg frei. Ich bin beeindruckt und nehme es schon nach wenigen Kilometern als selbstverständlich, dass ich in jeder Situation das passende Fahrwerk unter mir habe.

Auch die Funktion der Schaltung überzeugt. Leise fiepend legt die AXS Gang für Gang auf das gewünschte Ritzel, schnell und präzise. Bei korrekter Einstellung scheint ein Überschalten quasi unmöglich. Lediglich an das softe und wenig knackige Gefühl am Controller und den ungewohnt weiten Weg für den Daumen beim Erreichen der oberen Schaltwippe muss ich mich erst gewöhnen. Die Teleskopstütze rastet erstaunlich präzise und ohne Verzögerung auf der gewünschten Höhe ein.

Die Flut an Daten, die auf dem Display des Garmin zusammenlaufen, überfordern mich dagegen. Ist mein Smartphone noch gekoppelt? In welchem Gang befinde ich mich gerade? Wie viel Watt waren das im letzten Anstieg? Mir bleibt kaum Zeit, mich auf den Trail zu fokussieren, weil ich ständig auf mein Display glotze.

Als ich dann nach drei Stunden das Scott zurück in die Garage schiebe, bin ich fast ein wenig enttäuscht. Die Elektro-Komponenten funktionieren tadellos, aber irgendwie so unauffällig. Ich bin gespannt, welches Teil als erstes nach einer Steckdose schreit.

Umfrage: Wie sind Ihre Erlebnisse mit Elektro-Komponenten?

Sie haben auch die oben genannten elektrische Komponenten an Ihrem Mountainbike? Wie zufrieden sind Sie mit den Teilen insgesamt? Bitte nehmen Sie an unserer Umfrage teil und stimmen Sie ab. Es dauert keine Minute.

Was sind Ihre eigenen Erlebnisse? Klicken Sie auf den folgenden Facebook-Beitrag und schreiben uns einen Kommentar, was Sie mit einer elektronischen MTB-Komponente erfahren haben. Bitte nennen Sie uns dazu die Komponente und die bisherige ungefähre Nutzungsdauer.


Interessiert, wie's weiter ging? Den gesamten Artikel mit allen Erkenntnissen aus dem Langzeittest zu gibt es HIER


Schlagwörter: Elektronik elektronisches Fahrwerk Elektroschaltung GPS Powermeter Reifendruck Teleskop-Sattelstütze Umfrage


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