AXXIOS: Speed-Sticker zum Aufkleben aufs Mountainbike AXXIOS: Speed-Sticker zum Aufkleben aufs Mountainbike

AXXIOS: Speed-Sticker zum Aufkleben aufs Mountainbike

Hightech zum Aufkleben: Schneller durch Quantenphysik?

Chris Artmann am 07.12.2017

Der Schweizer Anbieter Axxios verkauft Hightech zum Aufkleben. Mini-Sticker sollen das Bike schneller und leistungsfähiger machen. Die Tuning-Maßnahme kostet zwischen 450 und 1350 Euro.


Als Testredakteur ist man die Berieselung mit esotherischen Werbeversprechen gewohnt. Ein Sattel, der den Fahrer sofort von Rückenleiden befreit. Eine Kurbel, die die Tretpower turboartig nach oben schnellen lässt. Pressetexte sind von Natur aus blumig. Doch das hier verschlug selbst uns die Sprache: finger­nagelgroße Aufkleber-Schnipsel, die Vibrationen aus dem Bike filtern sollen, sobald man sie auf Rahmen, Dämpfer und weitere Bauteile plaziert hat. Woraufhin sich nicht nur die Traktion der Reifen verbessern soll, sondern auch die Funktion von Federung und Bremsen. Zehn bis dreißig Aufkleber würden genügen. Stückpreis: 45 Euro! Macht insgesamt 450 bis 1350 Euro. Nee, oder?

"Es kann sein, dass man den Effekt nicht sofort spürt. Aber man wird den Unterschied schnell feststellen, wenn man die Sensoren abnimmt", beteuert Jacques-Alain Lehmann von Anbieter Axxios Technology, der zur Übergabe der Aufkleber extra aus dem Schweizer Delémont in die Redaktion nach München gekommen ist. Drei Stunden lang hat Lehmann nun schon erzählt. Ein kräftiger, redegewandter Typ. Es ist nicht leicht, den Worten zu folgen. Es geht um "piezoelektrische Effekte", um "Diffraktion", "Compton-Effekt" und die "Potenzialdifferenz zum Trägermaterial". Lehmann sagt auch nicht Aufkleber, sondern "Sensoren". Man müsste Quantenphysiker sein, um jedes Detail der Ausführungen zu verstehen. Dennoch bleibt die Beweislage dünn. Mehr als einige, aus wissenschaftlicher Sicht nicht wasserdichte Testergebnisse, sowie ein paar DIN-A-4-Blätter voller überschwänglicher "Nutzer-Fazits", hat Lehmann nicht zu bieten.

Kostprobe: "Es ist überwältigend, welche Wirkung ihre Kleber auf unsere Carbon-Rahmen haben. Das Fahrgefühl ist völlig neu." Schwärmt Sonja Bargetze, laut PR-Text Radrennsportlerin. Nicht erwähnt wird, ob es sich wirklich um zahlende Kunden, oder um firmennahe Testimonials handelt. Angeblich, so Lehmann, schwören auch Top-Biker wie Steve Peat, Ralph Näf und Mathias Flückiger auf die Chips. Pro Rennminute sei ein Profi mit den Aufklebern durchschnittlich eine Sekunde schneller. Wieso genau, das fällt ihm sichtlich schwer zu erklären.

Fotostrecke: AXXIOS: Speed-Sticker zum Aufkleben aufs Mountainbike

Nach dem dreistündigen Gespräch scheint alles möglich. Entweder handelt es sich bei dem Chip-Tuning um die größte Sensation der Mountainbike-Geschichte. Um Material-Voodoo. Oder um Nepp. Wir wollen es ausprobieren. Schließlich stehen zwei Plastik-Döschen vor uns. Der Inhalt wirkt angesichts des hohen Preises beinahe obskur: je 15 winzige Plättchen zum Aufkleben. Wie zu klein geratene Reifenflicken. Gewicht: etwa 0,2 Gramm pro Stück. Und das soll 675 Euro pro Set kosten? Das ist ja das Zehnfache des Platinpreises.

Erster Check: Wir häuten einen der Aufkleber Schicht für Schicht. Zwei Lagen Metallfolie. Zwei Zwischen­lagen. Diverse Klebeschichten. Das war es.

Anruf beim Prüfexperten. Kann man den Effekt der Aufkleber mit Messtechnik aufzeichen? Beim Fahren auf dem Trail vielleicht sogar? Die Antwort: Schwierig. Man müsste Frequenzbereiche betrachten, die im Bike-Bereich normalerweise keine Rolle spielen. Frequenzen zwischen 400 bis 600 Hertz, wie in den Testberichten in Herrn Lehmanns PR-Mappe aufgeführt. Doch solche Feinstfrequenzen werden weder beim Durchfahren von Wurzel-Trails, noch auf Schotterpisten erreicht. Ein Lenkerende zum Beispiel schwingt mit etwa 10 Hertz.

AXXIOS: Speed-Sticker zum Aufkleben aufs Mountainbike

Was ist da drin? Behutsam sezierten wir einen der Chips Schicht für Schicht. Was zum Vorschein kam, sah wenig nach Hightech aus: etwas Metallfolie, ein paar Zwischenlagen, Klebeschichten. 

Ursprünglich wurden die "materialbeeinflussenden Folienkondensator-Chips" dafür erfunden, um die Einspritzung von Rennmotoren zu optimieren. Das war in den Achtzigern. Der Tüftler hieß Bernhard Hues und löste mit seinen Anti-Vibrations-Chips riesige Diskussionswellen aus. Die einen schwörten mit religiöser Hingabe darauf. Andere warfen Hues Scharlatanerie vor.

Unsere ersten Testfahrten machen uns auch nicht schlauer. Mal glaubte der Fahrer, eine minimal sattere Bodenlage gespürt zu haben, dann war er sich wieder nicht so sicher. Wie kann das sein?

"Im genannten Fall ist es durchaus möglich, dass positive Effekte wahrgenommen werden – unabhängig davon, ob real oder nicht", sagt Dr. Julia Rheker, Placebo-Forscherin an der Philipps-Universität in Marburg: "Allein schon die Tatsache, dass man intensiver auf etwas achtet, kann ausreichen, etwas anders wahrzunehmen. Auch der Preis spielt eine Rolle. Denn mit dem Preis steigen auch die positiven Erwartungen und Hoffnungen an die Wirkung." Kein Mensch sei davon frei, weder Laie oder Profi, so die Expertin. Einzig ein Blindtest könne den Placebo-Effekt aufdecken.

AXXIOS: Speed-Sticker zum Aufkleben aufs Mountainbike

Axxios Pad

Bikewelt Schöneck, Downhillstrecke: Um herauszufinden, ob die Aufkleber tatsächlich Wirkung zeigen, haben wir zwei identische Trail-Fullys präpariert. Eins mit den Axxios-Sensoren. Eins mit Placebo-Stickern. Beide Bikes sind abgeklebt, so dass sie optisch nicht mehr zu unterscheiden sind. Die Fahrer: zwei erfahrene BIKE-Tester sowie André Wagenknecht, ehemaliger Deutscher Downhill-Meister, und Maximilian Gast, einer der besten Nachwuchs-Enduro-Fahrer.

"Na, dann schauen wir mal", ruft Wagenknecht und brettert mit Vollgas in den Testparcours. Eine Zeitmessung mit Funkauslöser zeichnet die Läufe auf die hunderts­tel Sekunde genau auf. Sowohl Wagenknecht als auch Gast kennen jeden Millimeter der Strecke, es ist ihr Heimrevier. Wenn das Axxios-Versprechen wirklich stimmt, dann muss es sich auf der Uhr bemerkbar machen. Durch das Weg­filtern von Schwingungen soll das Bike satter auf der Piste liegen. Die Muskeln der Fahrer sollen weniger beansprucht werden. Ja sogar die Flüssigkeits-Turbulenzen in den Federelementen und Bremsen sollen beruhigt werden, so dass Dämpfer, Gabel und Bremsen effektiver arbeiten. Und? Merkt man das?

Wagenknecht zuckt unentschlossen mit den Schultern. Er weiß nicht so recht. Anfangs glaubt jeder Tester Unterschiede zwischen den Bikes zu spüren. Doch je mehr hin- und hergetauscht wird, desto mehr verwässert der Eindruck. Am Schluss hat keiner mehr einen echten Favoriten. Letzte Abfahrt: Wagenknecht brennt mit einem Husarenritt die schnellste Zeit des Tages auf seine Heimstrecke. Es ist das Placebo-Bike – 0,1 Sekunden hat es dem Axxios-Bike abgenommen.

Fazit Christian Artmann, BIKE-Tester:
An den Axxios Aufklebern scheiden sich die Meinungen. Einen deutlich spürbaren Effekt konnten wir im Test jedenfalls nicht nachweisen. Ein anderes Reifen-Compound oder etwas weniger Reifendruck haben mehr Einfluss aufs Fahrverhalten als die Hightech-Sticker – und sind noch dazu viel billiger.

AXXIOS: Speed-Sticker zum Aufkleben aufs Mountainbike

Chris Artmann, BIKE Tester


Diesen Artikel bzw. die gesamte Ausgabe BIKE 8/2017 können Sie in der BIKE-App (iTunes und Google Play) lesen oder die Ausgabe im DK-Shop nachbestellen:

iTunes StoreGoogle Play Store


Seite 1 / 4
Chris Artmann am 07.12.2017
Kommentare zum Artikel