USA: Kalifornien – Lakes Basin USA: Kalifornien – Lakes Basin

USA: MTB-Reise-Reportage Lake Basin

Lake Basin: Mountainbike-Trails im Land der Goldgräber

Dan Milner am 27.06.2017

In der kalifornischen Sierra Nevada gibt es viele MTB-Trailparks. Doch Dan Milner machte er sich auf die Suche nach kernigen Hinterlandpfaden und stieß im Lakes Basin Resort auf eine uralte Goldader.


"Wir blasen den Scheiss einfach in die Luft!", ruft Marc Cosby und malt mit beiden Armen einen Explosionspilz in die Luft. Er grinst zwar dabei, aber er meint es ernst.

Marc Cosby, hier besser bekannt als Cozmo, ist auf einem Auge blind. Nicht gerade die besten Voraussetzungen für jemanden, der mit Dynamitstangen jongliert. Doch der Mann gehört zum Sierra Butte Trail Stewardship, einer Organisation, die bereits die legendären Downieville-Trails gebaut hat und noch Hunderte mehr in den kalifornischen Sierras. Er weiß im Vorhinein immer schon ganz genau, wie er einen Trail haben will. Liegt ihm dabei ein Felsblock quer, dann sprengt er den eben in die Luft – schon ist der Weg frei. Eine dieser Sprengungen hat er allerdings mit einem Auge bezahlen müssen. Dynamitgewummer und berstende Felsen sind in dieser Gegend allerdings nichts Besonderes. Goldgräber haben hier im Norden der Kalifornischen Sierra Nevada schon vor 200 Jahren ein ganzes Netz von Wegtrassen in den Fels gesprengt, damit ihr Gefolge samt Maultieren nachrücken konnte. Heute sind die Goldgräberzeiten natürlich längst vorbei und mit ihnen der große Wirtschaftsboom. Doch nun glaubt man hier auf eine ganz neue Goldader gestoßen zu sein: das Mountainbiken.

Ich treffe Cozmo in einer 70 Jahre alten Holz­hütte am Ufer des Gold Lakes. Es ist mein Zuhause für die nächsten zwei Tage. Von hier aus werde ich mit Trail-Verwalter Greg Williams sowie den Locals Mark Weir und Ben Cruz das Lakes-Basin-Erholungsgebiet erkunden. Die Hütte hat gerade mal neun Quadratmeter und wurde aus ein paar einfachen Lärchenplanken zusammengeklopft. Eine Spitzendecke liegt über dem Bett, und die Fenster klappern ein wenig im Wind – großartig. Die Toilette liegt allerdings 100 Meter entfernt im Wald. Laut Cozmo ein beliebtes Jagdrevier der Bären. Ein Umstand, der mir etwas Kopfzerbrechen bereitet, weil mich mein Jetlag-geplagter Körper sicher mitten in der Nacht zu diesem Fußmarsch zwingen wird. Doch 50 Meter in die andere Richtung beginnt bereits der erste Trail. Das Pfadband windet sich munter in den Wald hinein. Der perfekte Einstieg in die Lakes-Basin-Region.

USA: Kalifornien – Lakes Basin

Die Trail-Bauer-Legenden Marc "Cozmo" Cosby ...
 

Am nächsten Morgen pedaliere ich Mark und Ben auf einem etwa 30 Zentimeter breiten, staubigen Singletrail hinterher. Es ist ein heißer, trockener Sommer in Kalifornien. Das Wasser in den Städten wird bereits knapp, und in den Bergen brechen immer mal wieder Wildfeuer aus. Der Himmel ist bleigrau vom 70 Kilometer südlich entfernten Feuer, das nicht nur Bäume, sondern auch schon Häuser niedergewalzt hat. Wir seien hier aber noch sicher, so heißt es. Zumindest im Moment. Der Parkplatz am Round Lake ist jedoch verwaist. Wir drehen eine Runde über den leeren Platz und kurven dann weiter durch riesige Pinien, deren Stämme einen Bart aus Moos tragen. Dann klettert der Trail steil zum Big Bear Lake hinauf. Einer von 30 Bergseen, die hier rund um die 2600 Meter hohen Gipfel von Mount Washington und Mount Elwell verstreut liegen. Die beiden Berge dominieren mit ihren schroffen Felsköpfen die Skyline dieses Gebirges.

Auf der ersten kurzen Abfahrt zum Round Lake klingeln mir bereits die Ohren. Eine Art Felsstufenband zackt die Bergflanke hinunter und wird dabei von stechenden Wacholderbüschen flankiert. Doch dann stellt sich eine perfekte Mischung von natürlichen Hindernissen und modellierten Flow-Abschnitten ein. Ich rolle über Granitfelsen, pumpe das Bike, um Schwung zu holen und fliege perfekt über die nächste Stufe. Besser kann man diese Line nicht fahren, denke ich selbstsicher und blicke mich nach meinen Begleitern um. Mark und Ben heizen den Trail runter, als wären da keine Stufen. Ich fühle mich gedemütigt. Sie sind mindestens doppelt so schnell wie ich. Aber das ist eben das Schöne an den Lakes-Basin-Trails: Sie bieten Herausforderung und Belohnung für alle. Die Pfade mögen zwar vor einem Jahrhundert von den Mulis der Goldsucher in die Hügel getrampelt worden sein, aber sie sind natürlich angelegt. Es sind keine übermanikürten, vorhersehbaren Bikepark-Pisten, sondern echte Hinterland-Trails. Hinter jeder Kurve kann etwas Überraschendes auftauchen. Dann sind katzenhafte Reaktionen nötig und gekonnte Fahrmanöver. Ganz so, wie Mountainbiken eigentlich sein sollte.

Wie eine Schlange windet sich der Trail nun um den Silver Lake herum. Dann an einem See vorbei, der merkwürdigerweise Mud Lake heißt, obwohl sein Wasser kristallklar aussieht. Weiter geht es hoch auf die Schulter des Mount Elwells.

Fotostrecke: USA: Reise-Reportage Kalifornien – Lakes Basin

"Eine ziemliche Herausforderung", sagt Mark, und ich nicke keuchend. Doch Mark meint nicht diese steile Auffahrt, sondert deutet auf die Abfahrt, die danach kommt. Auf einer Lichtung oberhalb des Long Lakes bitte ich um eine kleine Riegelpause. Ich ringe nach Luft, während Mark und Ben unentwegt Witze darüber reißen, dass es für sie gerade mal ein netter Sonntagsspaziergang sei. Ich starre nach unten über den See, wo der Wind das Wasser gerade in Wellen mit weißen Kappen wirft. Dahinter, gerade mal 30 Kilometer Luftlinie entfernt, liegt Downieville. Der Ort, in dem das Downieville Classic, eines der ältesten Enduro-Rennen, zu Hause ist. Dort zahlt man einfach einen Shuttle bis zum Einstieg in die 20-Kilometer-Abfahrt und isst eine Pizza, sobald man wieder zurück im Tal ist. Aber hier im Lakes Basin sehen wir auf unserem Vier-Stunden-Ritt keinen einzigen Biker. Der große Goldrausch lässt noch auf sich warten.

Mark hatte Recht. Die Abfahrt von der südlichen Schulter des Mount Elwells ist wirklich heftig und erinnert mich an Chamonix. Unzählige Felsstufen und Steinplatten pflastern unseren Weg, der sich hoch oben in die offene Bergflanke krallt. Körperlich wie mental eine echte Herausforderung. Schon die ersten Kurven lassen mich fast unkontrolliert grinsen. So muss sich ein Goldgräber fühlen, der gerade seinen ersten fetten Nugget in die Tasche schiebt. Allerdings bin ich auch froh, als der Weg endlich seine Grimmigkeit verliert und weiter unten als sanftes Lehmband durch den Wald ausläuft. Wir erreichen die kleine Stadt Graeagle mit ihrem einzigen Diner, der Gray Eagle Lodge. Ich bin fix und fertig. Bei unserem Vier-Stunden-Ausflug haben sich 2000 Höhenmeter bergauf und 2700 Höhenmeter bergab summiert.

Zurück in unseren Hütten machen wir uns erst mal ein paar Biere auf und schnippen Steinchen auf das kabbelige Seewasser. Der Himmel ist immer noch voll von der Asche der Pflanzen, die das Feuer zerstört hat. Um uns herum heult der Wind. Die Bäume krachen und ächzen, als hätten sie eine Vorahnung. Eine eindrucksvolle Erinnerung daran, dass die Natur trotz aller Zähmungsversuche unsererseits immer die Oberhand behalten wird.

Am nächsten Morgen haben wir den Rauch sogar in der Nase. Cozmo ruft uns daher ein Shuttle, damit wir uns auf dem heutigen 800-Höhenmeter-Anstieg nicht die Lungen verrußen müssen. Dafür werden wir im Pick-up ordentlich durchgerüttelt, denn die Johnsville McCrea Road ist nur ein ambitionierter Schotterweg. Er führt uns bis auf 2000 Meter Höhe auf den heute sehr windigen Westgrat des Mount Washingtons. Wir verabschieden uns von Cozmo, springen in die Sättel und lassen uns vom Rückenwind zur Kreuzung mit dem Pacific-Crest-Trail blasen. Letzterer ist ein 4200 Kilometer langer Wander- und Reitweg, der von Kanada bis nach Mexiko hinunterführt. Wir aber pedalieren nur den kurzen Anstieg zum Start unseres heutigen Goldfundes hinauf: den Jamison-Creek-Trail.

USA: Kalifornien – Lakes Basin

Die Trails in der Lake Basin-Region werden zwar gepflegt, aber so natürlich wie möglich belassen.

Die Abfahrt komprimiert auf nur 700 Höhenmetern acht Kilometer uralten Trail. Keiner weiss, warum man diesen Pfad damals, vor knapp 200 Jahren, so angelegt hat. Vielleicht wollte man mit dem endlosen Zickzack Banditen oder Berglöwen abhängen.

Doch dank der akribischen Arbeit der Trail-Bauer hat der Weg bis heute keine einzige Spitzkehre eingebüßt, und die Reifen finden auf Felsabschnitten und lehmigen Stufen immer genügend Grip. Es ist himmlisch!

Unten verwandelt uns ein Wald in Zwerge. Wir steuern um riesige Bäume herum, deren Stämme mindestens einen Meter Durchmesser haben. Am Wades Lake zirkeln wir bald um engste Kehren und droppen haarige Stufen hinunter, bevor sich der Pfad langsam öffnet, wir zwischen den Bäumen immer schneller und schließlich in ein trockenes Flussbett katapultiert werden. Inzwischen ist der Himmel so schwer beladen mit Asche, dass Himmel und Granitfelsen etwa die gleiche Farbe angenommen haben. Es fühlt sich fast an, als bewegten wir uns durch ein Aquarell.

Ich habe keine Ahnung, warum die Goldsucher von 1800 damals so viel über die Hügel gewandert sind. Vielleicht, um auch noch Gold aus den Flüssen zu sieben. Aber warum auch immer, sie haben ein perfektes Netz von Trails angelegt. Zumindest, wenn man auf einem 27,5-Zöller mit Teleskopsattelstütze sitzt, statt auf einem Maultier.

Am Ende wird der Trail noch mal schnell und spuckt uns schließlich in einem verlassenen Minengebiet nahe Johnsonville aus. Ein paar rostige Geräte liegen herum, keine Menschenseele weit und breit. Ein Schild behauptet, dass hier am Rand des Plumas-Eureka State Parks im Jahre 1860 das erste Skigebiet der Welt eröffnet hat. Minenarbeiter seien hier damals mit einfachen Holzlatten das erste Abfahrtsrennen gefahren. Preisgeld damals schon: 1000 Dollar. Ich blicke die felsigen Bergflanken hoch und überlege, ob sie damals wohl die Erzförderbänder als Lift benutzt haben.

"Eventuell sollen hier auch wieder die Lifte installiert werden – für Mountain­biker!", erklärt Cozmo. Scheinbar haben die Locals hier keinen Zweifel am großen Potenzial ihres Reviers. Klar, die Minensucher sind längst weg, aber sie haben etwas hinterlassen, das für Biker wertvoller ist als Gold: hunderte tolle Singletrails. Wenn die Rechnung aufgeht, könnte das die Rettung für die Lakes-Basin-Region sein. Kaliforniens neue Goldader nämlich!


USA: Kalifornien – Lakes Basin

USA: Kalifornien – Lakes Basin

Infos MTB-Revier Lake Basin (Kalifornien)

Das Revier
Die Lakes-Basin-Region liegt in der nördlichen kalifornischen Sierra Nevada, zweieinhalb Autostunden von Sacramento entfernt. Wer in dieses Erholungsgebiet von Plumas County kommt, sucht die Natur. Es gibt einsame Berge bis 2600 Metern Höhe, viele Seen zum Fischen und rustikale Hütten. Die Bike-Saison reicht von April bis November. Im Winter liegt hier Schnee.

Die Mountainbike-Trails
Reine Flowtrails sucht man in dieser Region vergebens. Zwar greifen die Ranger hier auch zu Spitzhacke und sogar Dynamit, wenn es sein muss. Das Geläuf bleibt in alpiner Region trotzdem grob, stufig und ruppig. Trail-Karten gibt es für 15 Dollar vor Ort oder im Internet unter: www.sierratrails.org

Übernachten
Unterkünfte findet man in Graeagle Town (www.graeagle.com), auf den Campingplätzen oder in den Hütten der Gray Eagle Lodge, www.grayeaglelodge.com


Diesen Artikel bzw. die gesamte Ausgabe BIKE 1/2017 können Sie in der BIKE-App (iTunes und Google Play) lesen oder die Ausgabe im DK-Shop nachbestellen:

iTunes StoreGoogle Play Store

Dan Milner am 27.06.2017
Kommentare zum Artikel