MTB Roadtrip Alaska Into the Wild MTB Roadtrip Alaska Into the Wild

Mountainbike Roadtrip durch Alaska

Into the Wild: 5000 km durch Alaska auf dem Bike

Andrew Taylor am 14.10.2017

Fasziniert vom Aussteigerdrama „Into the Wild“ kaufte der Kalifornier Andrew Taylor einen alten Schulbus, packte seine Bikes ein und tingelte 5000 Kilometer weit nach Alaska.

Ein guter Film braucht eine weiße Leinwand. Eine Fläche, auf der sich die Bilder entfalten können, die Handlung, die Dramen, das Happy End.

Alles baut auf der Leinwand auf. Sie ist da, bevor der Film beginnt. Der Anfang, wenn man so will, und gleichzeitig auch das Ende.

Der alte Schulbus, den ich an einem trüben Wintertag entdeckte, war Gelb und nicht Weiß. Aber ich spürte, dass er die weiße Leinwand ist, um meinen großen Traum endlich Wirklichkeit werden zu lassen. Einen Roadtrip nach Alaska, zum Schauplatz des Spielfilms "Into the Wild", in dem sich ein junger Bursche namens Christopher von allem materiellen Besitz lossagt, um in der rauen Wildnis Alaskas’ in einem alten Schulbus zu leben. Von meinem kalifornischen Wohnort bis nach Alaska sind es mehr als 5000 Kilometer. Eine gewaltige Herausforderung, wenn man die Anreise per Flugzeug ausschließt. Der Weg ist das Ziel, lautet ein altes Sprichwort. Und deshalb wollte ich jeden wunderbaren Singletrail, der sich entlang der Route durch die Landschaft schlängelt, unter die Räder meines Bikes nehmen. So weit mein Traum. Leider machte der heruntergekommene Schulbus, der da vor mir stand, nicht den Eindruck, als würde er auch nur einen einzigen Kilometer weit kommen. Es war ein 1994er-Ford. Die kompakte Version. Mehr als zwanzig Jahre lang hatte er täglich Kinder transportiert. Bei Schnee, Regen, Hitze. Alles muss raus. Als der Bus schließlich komplett entkernt vor mir stand, hatte ich endlich die weiße Leinwand, die ich mir vorgestellt hatte. Der Beginn meines ganz persönlichen Abenteuer-Movies.

Drei Monate später, ein wolkenloser Sommermorgen. Ich lehne entspannt im Polster des Fahrersitzes und kann es noch gar nicht richtig fassen. Der Motor schnurrt. Mein Expeditionsmobil ist bepackt mit allem, was man für einen sechswöchigen Trip braucht. Vor mir liegen 5000 Kilometer. Und auch der Bus scheint es kaum erwarten zu können, Alaska zu erreichen. Von meiner Fahrersitzperspektive aus wirkt es, als würde die Motorhaube gierig Meter für Meter des Highways verschlingen. So in etwa muss sich der Held von Into the Wild auch gefühlt haben, als er mit seinem alten Datsun aufbrach, um sich endlich frei zu fühlen. Auch mein Reiseplan lässt Raum für Spontanität. Die groben Eckpfeiler sind Humbold, Ashland, Whistler und Whitehorse. Alles Orte, die umsäumt sind von üppigen Singletrail-Geflechten, die ich mit befreundeten Locals erkunden will. Regisseure würden das wohl Vorgeplänkel nennen. Das langsame, knisternde Anbahnen des Filmhöhepunkts, von dem aber noch niemand ahnt, auf was genau er hinsteuert. Selbst der Held des Filmes nicht.

Nach vier Wochen taucht schließlich vor mir die Grenze zu Alaska auf. "Welcome to Alaska – Getaway to the 49th State", steht auf einem riesigen Holzschild. Ich spüre eine innere Aufregung, in die sich nach und nach ein wuchtiges Gefühl von Euphorie mischt. Einen Monat lang bin ich schon unterwegs. Ich habe ganz Kanada durchfahren und dabei mit dem Bike hunderte Meilen Singletrails erkundet. Ich stand auf einsamen Gipfeln und habe unzählige Bekanntschaften geschlossen. Die Erlebnisse würden ausreichen, um ein Buch zu füllen. Doch nun wird mir klar, dass ich zwar mein Reiseziel erreicht habe, die eigentliche Reise aber erst jetzt beginnt. Ein magischer Moment!

Alaska präsentiert sich zu meiner Überraschung genau so, wie ich es mir immer vorgestellt habe. Schroffe, unberührte Landschaften. Und keine Menschenseele weit und breit. In Alaska muss man die Wildnis nicht suchen, hier ist man automatisch mittendrin. So, wie man in Kalifornien nach einsamen Plätzen sucht, so sucht man hier nach bewohnten Flecken. Nur knapp 700000 Menschen verteilen sich auf einer Fläche von 1,7 Millionen Quadratkilometern – was etwa der Einwohnerzahl Düsseldorfs auf einer Fläche von Deutschland, Frankreich, Italien und Spanien zusammen entspricht. Alaska zählt zu den am dünnsten besiedelten Gebieten der Welt. Was mir jetzt hier, inmitten dieser grünen Weite, auf eindrucksvolle Weise klar wird. In viele Winkel dieser Landschaft hat wahrscheinlich noch nie ein Mensch seinen Fuß gesetzt. Ein wahres Traumziel für Biker. Doch der Gedanke, hier mutterseelenallein durch die Wildnis zu kurbeln, hat auch etwas Unheimliches. Der Held von Into the Wild hat es nicht zurückgeschafft. Vielleicht sollte ich mich erst einmal ein bisschen akklimatisieren, ehe ich mich in die Einöde wage. Das Örtchen Fairbanks ist nur ein paar Autostunden entfernt. Also nichts wie hin.

Obwohl mir viele Leute erzählt haben, dass Fairbanks aus Mountainbiker-Sicht eher unterentwickelt ist, bin ich neugierig, was mich dort erwartet. Die 30000-Seelen-Gemeinde liegt 190 Kilometer unterhalb des Nördlichen Polarkreises. Die meiste Zeit des Jahres liegt Schnee. Nicht gerade beste Voraussetzungen zum Biken, denke ich, als ich den Schulbus auf den Parkplatz des örtlichen MTB-Shops lenke. Ich bin kaum ausgestiegen, da ertönt ein lautes, überschwängliches "Hey!". Zwei Kids kommen freudestrahlend auf mich zugerannt. Es sind Emmett (15) und Garrison (13). Zwei Bike-verrückte Geschwister, die ihre Mutter zum U-Turn genötigt haben, nachdem sie meinen Bus erspäht haben. Die beiden haben meine Berichte, die ich von unterwegs ins Internet gestellt habe, verfolgt. Als ich sie frage, ob sie mir ihre heimischen Trails zeigen wollen, stimmen sie begeistert zu. Was soll ich sagen: Wäre mein Trip tatsächlich ein Film, Emmett und Garrison hätten Chancen auf den Oscar für die besten Nebendarsteller. Den ganzen Nachmittag lang lotsen sie mich glühend vor Leidenschaft über die Trails rund um Fairbanks. Was für eine Überraschung: Mit Bikepark-ähnlichen Abfahrten im Birch-Hill-Ski-Gebiet und fantastischen Flowtrails durch die Birkenwälder von Ester Dome setzt Fairbanks die Latte für den Alaska-Trip gleich von Beginn an ziemlich hoch.

Fotostrecke: Into the Wild: 5000 km durch Alaska auf dem Bike

Ein paar Tage lang tobe ich mich in den Birkenwäldern aus, dann ist es Zeit für das nächste Kapitel meines Abenteuers. Ich cruise mit dem Bus weiter in Richtung Süden nach Cantwell. Bevor die ersten Siedler nach Alaska kamen, war dies das Jagd- und Fischgebiet der nomadischen Tanana-Indianer. Angeln hat mich schon immer begeistert, und wenn ich schon mal in einer solch berühmten Gegend bin, dann darf diese Erfahrung natürlich nicht fehlen. In Healy, wo ich die nächsten Tage verbringen will, werde ich auch gleich fündig. Mike Komperda, ein stämmiger Bursche, ist DER Fliegenfisch-Experte. Ich buche ihn als Guide. Und was für ein unglaublicher Zufall – als würde eine überirdische Macht Regie führen: Mike lebt ebenfalls in einem alten Schulbus. Zumindest den Sommer über. Seiner parkt an einem überaus idyllischen Plätzchen direkt am Wasser. Für die nächsten Tage bin ich sein Nachbar. Rechtzeitig zum Sonnenuntergang ist mein Camp aufgebaut. Mit Blick auf eine majestätische Bergkulisse sitze ich vor meinem Bus und bestaune ergriffen das farbenprächtige Spektakel, das sich über mir abspielt. Wie überirdische LEDs fließen die Lila- und Blautöne des Himmels ineinander, bis schließlich ein prächtiger Sternenhimmel über mir leuchtet. Und als wäre diese Licht-Show noch nicht perfekt genug, erstrahlt plötzlich etwas über meinem Bus, das ich noch nie zuvor gesehen habe – das Polarlicht. Tanzende, grüne Lichterstreifen, die in ihrer Vollkommenheit schon beinahe unwirklich erscheinen. Die ersten in diesem Jahr, wie mir Mike am nächsten Morgen erzählt. Ein Moment, so intensiv wie Christophers erste Wildwasserkanufahrt in Into the Wild. Ein bisschen wie Entgiftung. Das großartige Gefühl, wenn Stress und Anspannung aus dem Körper fahren. Wenn miteinander verschmilzt, was zusammengehört. Mensch und Natur.

Der nächste Tag: Mit einer Mischung aus Vorfreude und Ehrfurcht biege ich in den 4x4-Trail ein, der sich in direkter Nähe des Camps befindet. Es ist nicht irgendein 4x4-Trail, sondern die Piste, die zum Bus von Into the Wild führt. Dass der Film auf einer wahren Begebenheit basiert, macht den Augenblick noch erhabener. Der Held des Films, ein Student aus wohlhabender Familie namens Christopher

McCandless, begibt sich wegen privater Probleme auf einen Selbstfindungs-Trip durch die USA. Mit jedem Tag fühlt er sich freier und glücklicher. Schließlich verschenkt er all seinen materiellen Besitz und schlägt sich nach Alaska durch, wo er von Fairbanks aus in den Denali-Nationalpark aufbricht. Überwältigt von der Schönheit der Natur entschließt er sich, den Winter in einem verlassenen alten Linienbus zu verbringen, den er in der Wildnis findet. Der Film war die Inspiration zu meiner Reise. Es ist großartig, hier auf diesem Trail ein paar Reifenspuren zu hinterlassen. Die Sehnsucht, draußen in der Natur zu sein, ist in jedem Menschen verankert. Sie ist genetisch programmiert. Manche ahnen nur, dass sie da ist. Bei anderen bricht sie aus. Die Muskeln, die Reflexe, die Psyche, alles ist dafür konzipiert, in der Natur zu überleben. Der Alltag lässt all das verkümmern. Doch hier draußen, fernab der Zivilisation, fühlt man sich lebendig. Das ist es, was einen so flasht.

MTB Roadtrip Alaska Into the Wild

Alaska zählt zu den am dünnsten besiedelten Regionen der Welt. Trails enden einfach im Irgendwo, wodurch so manche Tour plötzlich den Charakter einer Erstbefahrung hatte.

Es ist kurz vor Mittag, als mich das Rauschen eines Flusses aus den Gedanken reißt. Keine Brücke weit und breit. Nur reißendes, tiefes Wasser. Überqueren unmöglich. Langsam glaube ich wirklich, dass eine höhere Macht am Regiepult sitzt. Filmheld Christopher wurde genau so ein Fluss zum Verhängnis. Als er geschwächt und halb verhungert versuchte, zurück nach Fairbanks zu gelangen, hatte sich der Teklanika River wegen des einsetzenden Schmelzwassers in ein unüberwindbares Hindernis verwandelt. Da stehe ich nun. 5000 Kilometer von der Heimat entfernt – in einer der einsamsten Landschaften der Welt, kurz vor meinem großen Ziel. In den Händen ein Highend-Bike, das selbst rauesten Gebirgsgipfeln zu trotzen vermag. Und dennoch komme ich keinen einzigen Meter mehr weiter. Es ist eine Machtdemonstration der Natur gegenüber Mensch und Technik. Minutenlang stehe ich da, taumelnd zwischen Enttäuschung und Glück. In einem Film würde jetzt sentimentale Musik erschallen. Ein letzter, sehnsuchtsvoller Blick auf die fernen Zacken des Mt. Denalis, ehemals Mount McKinley, mit 6190 Metern der höchste Berg Nordamerikas. Dann fahre ich zurück zum Bus. Zeit für das Finale.

Alaska mag auf der Karte gewaltig erscheinen, doch angesichts des tatsächlich fahrbaren Geländes kommt es einem viel kleiner vor. Top Spots für Biker sind rar, aber die, die es gibt, umwabert ein fast mythenhafter Ruf. Die berühmte Quarterpipe in der Nähe von Healy hatte ich vor Jahren auf Fotos gesehen. Gebaut hatten sie zwei Typen namens Kelly McGarry und Eric Porter. Klar, dass ich das Ding unbedingt probieren will. Ein paar kleine Wartungsarbeiten sind nötig, um sie befahren zu können. Offenbar war schon länger niemand mehr hier. Die Quarterpipe erinnert an die von BMX-Parks, ist aber eine Art natürliches Bassin, aus dem jemand das Wasser herausgelassen hat. Es wird eine der besten Sessions des gesamten Trips. Der perfekte Abspann meines Abenteuers. Es ist ein komisches Gefühl, als ich mit dem Bus auf den Highway in Richtung Heimat biege. Der Moment hat etwas Seliges und gleichzeitig etwas Wehmütiges. 5000 Kilometer sind es bis Kalifornien. Der Motor des Busses surrt monoton vor sich hin. Langsam, ganz langsam saugt die aufziehende Nacht die Farbe aus dem Tag. Wie ein schwerer, grauer Vorhang, der sich nach einem guten Film vor die Leinwand schiebt.


Mit dem Aussteigerdrama "Into the Wild" brachte Regisseur Sean Penn 2007 die Geschichte des 22-jährigen Christopher McCandless auf die Leinwand. Die Story basiert auf einer wahren Begebenheit, die zuvor schon Bestseller-Autor John Krakauer aufgeschrieben hatte. McCandless (gespielt von Emile Hirsch) verbrachte einen Winter lang in Alaska in einem alten Schulbus – und starb, nachdem ihm ein reißender Fluss den Rückweg in die Zivilisation versperrte. 

MTB Roadtrip Alaska Into the Wild

Allein in der weißen Hölle


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Andrew Taylor am 14.10.2017
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