Abenteuer Trip: Holger Meyer und Richie Schley in Costa Rica Abenteuer Trip: Holger Meyer und Richie Schley in Costa Rica

Abenteuer Trip: Holger Meyer und Richie Schley in Costa Rica

Costa Rica: Trails zwischen Kaffee- und Bananenstauden

Gitta Beimfohr am 16.05.2017

Costa Rica hat fast 4000 Meter hohe Berge, Dschungel, Kaffee und zwei Meeresküsten – nur keine Trails, sagt man. Doch ein Local hat sich ein geheimes Trail-Paradies gebaut. Holger Meyer durfte mit.

Es ist stockdunkel, irgendwas muss mit der Zeitverschiebung schiefgelaufen sein. Ein Mann zerrt an meiner Tasche: "Taxi?" Hektisches Treiben herrscht am Ausgang des Flughafens von San José. Es ist drei Uhr morgens, doch laut unserem Ticket hätten wir erst um sieben Uhr in Costa Ricas Hauptstadt landen sollen. Dann wäre es zumindest hell gewesen, und unser Guide hätte uns abgeholt. Jetzt aber stehen wir hier ganz verloren mit kleinen Augen und versuchen uns die "Taxi, Taxi!"-rufenden Männer vom Leib zu halten. Da bahnt sich ein athletisch aussehender Typ mit Schirmkappe und Bikeshorts seinen Weg durch die Menge. Das muss er sein. Auch seine Augen sind klein, aber er lacht und streckt uns seine Hand entgegen. Er ist es: Paulo, unser Guide. Zufällig habe er vor dem Schlafengehen im Internet noch mal unsere Ankunftszeit gecheckt und gesehen, dass wir vier Stunden früher landen werden, erzählt der Costa Ricaner, als wir schließlich samt Gepäck in seinem Pickup sitzen.

"Frühstück?" Paulo nestelt mit der rechten Hand in seinem Rucksack, ohne dabei den Straßenverkehr aus den Augen zu lassen. Dann reicht er uns eine Dose mit frisch aufgeschnittenen Mangostückchen. Wow, ob er die heute morgen schon extra für uns …? Da muss Paulo lachen: "Nein, die hab’ ich meinem Vater eben aus dem Kühlschrank geklaut." Freeride-Legende Richie Schley hatte uns zu diesem Trip nach Costa Rica überredet. Wobei Tobi Geißler, Sebastian Doerk und ich ziemlich schnell überredet waren. Es ist Anfang März, und die Aussicht, nach 14 Stunden Flug eine Woche lang im Sommer baden zu dürfen, ist einfach zu verheißungsvoll.

Am nächsten Morgen holt uns Paulo zu unserem ersten Biketrip am Hotel ab. Jetzt, bei Tageslicht, fällt mir auf, dass kein einziger Werbeaufkleber seinen Pickup ziert. Komisch, dabei lebt er vom Bike-Business und war sowohl im Cross Country, als auch im Downhill bereits Landesmeister. So richtig sprechen möchte Paulo darüber nicht. Er wiegt nur den Kopf und zurrt sehr penibel die Plane über unsere Bikes. Von außen betrachtet könnte das Auto jetzt auch ganz normal Bananen geladen haben.

Es geht hinauf auf 2500 Meter über dem Meer. Ein alter Farmweg führt uns durch alte Bergdörfer, vorbei an Ställen mit Hühnern und Pferden bis zu einem Aussichtsplatz.

Paulo rangiert seinen Bananenlaster zum parken ins Gebüsch. Vom Trail-Einstieg ist weit und breit nichts zu sehen. Wir müssen die Bikes erst ein paar Meter durchs gestrüpp zerren.

Die Aussicht reicht über grüne Hügel, dazwischen leuchten ein paar Wiesen und natürlich Kaffeepflanzen, so weit das Auge reicht. Ganz in der Ferne am Horizont sieht man sogar den Pazifik in der Sonne glitzern. Und wo ist nun der Trail? Wir folgen Paulo in ein Dickicht, das gar nicht nach Trail-Einstieg aussieht. Fünf, sechs Meter stapfen wir durch dichtes Gestrüpp, bis sich tatsächlich so etwas wie eine Kerbe am Boden auftut und schließlich eindeutig als Pfad zu erkennen ist. Wir schießen durch einen grünen Tunnel aus Farn und Schlingpflanzen, die vom Dach der Urwaldbäume herabhängen und immer wieder nach uns zu greifen scheinen. Der Boden ist überraschenderweise staubtrocken und griffig, die Regenzeit beginnt erst im April. So können wir es selbst über die sonst glitschigen Wurzelteppiche richtig fliegen lassen. Doch schon nach ein paar hundert Höhenmetern müssen wir anhalten: Hände lockern.

Paulo freut sich, dass wir Spaß an seinem "Baby" haben – an seinem neuen Trail. Und er hat noch viel mehr davon. Auch wenn ihm der Grund, auf dem sie verlaufen, selbst nicht gehört. Das nur 200 Kilometer breite Land zwischen Karibik und Pazifik ist aufgeteilt in Nationalpark und Privatbesitz. Da wird es eng für Trail-liebende Biker. Doch als ehemaliges Mitglied der Costa Ricanischen Nationalmannschaft ist Paulo hier bekannt wie ein bunter Hund. Die Leute vertrauen ihm, wenn er sagt: Ich baue auf deinem Grund einen Trail und führe nur ausgewählte Leute drüber. Deshalb auch das unscheinbare Auto, die Geheimniskrämerei und die versteckten Trail-Einstiege. Weiter geht es durchs grüne Dickicht. Die Kurven werden enger, Temperatur und Luftfeuchtigkeit steigen, Schweiß fließt. Zweimal müssen wir einen Flussgraben durchqueren, dann endet der Ritt auf einer Kaffeeplantage. Von hier rollen wir zu einem kleinen Restaurant mit angrenzendem Wasserfall. Natürlich nutzen wir die Zeit, bis das Essen kommt, mit einer Naturdusche.

Fotostrecke: Abenteuer Trip: Holger Meyer und Richie Schley in Costa Rica

Paulos nächster Trail-Stolz befindet sich weiter im Süden des Landes, in Providencia. Kaum steigen wir aus dem Truck, verschwinden wir schon wieder in einem Gemisch aus Dschungel, Staub, und Spitzkehren. Einige Steilabsätze und Wurzeln versperren uns hier den Weg. In einer Lichtung halten wir kurz an. Hier sieht es aus wie bei uns in Deutschland: offene Wiesen zwischen Wäldern, kupiertes Gelände, ein bisschen Schwarzwald mitten in Mittelamerika. Der Trail schlängelt sich langsam aus dem Tal heraus. Weit und breit ist niemand zu sehen. Doch dann steht da plötzlich dieser Mann im Weg, mit Machete. Er schaut grimmig – bis er Paulo erkennt. Es ist Marinho, der Grundbesitzer. Er weiß, dass wir kommen, schließlich übernachten wir später bei ihm in einer Cabana, einer kleinen Holzhütte auf seinem Hof. Marinho wollte uns nur entgegenkommen und dabei den Trail freischneiden. Als wir die Hütte erreichen, hat seine Frau bereits für uns gekocht. Es gibt leckere Tortillas mit Reis und Bohnen.
Nach einer Bobbahn-ähnlichen Abfahrt, einem von Paulos Lieblings-Trails, ziehen wir am nächsten Tag weiter gen Süden, dem Pazifik entgegen.

"Mein Traum ist ein Trail vom höchsten Gipfel, dem Cerro Chirripó, bis zum Strand hinunter. Das wäre eine 3820 Höhenmeterabfahrt!", erzählt Paulo, während sein Allradlaster nur mit größter Anstrengung die Sandpiste zur Panamericana hochjault. Wir sind dagegen schon glücklich im nächsten Spot: dem Dota Valley. Ein idyllisches Tal mit Fluss, kleinen Holzhütten und unglaublich vielen Vögeln. Der Tucan mit seinem gelben Riesenschnabel flattert hier durch die Bäume, und eine Wolke von Kolibris schreckt auf, als wir die Holzterrasse unserer Lodge betreten. Der perfekte Platz für eine Margerita.

Costa Rica hat ja auch eine karibische Seite, aber wir suchen die besten Trails, und die findet man eben hier am Pazifik – dort, wo auch die Sonnenuntergänge schöner sind.

Daher haben wir uns für die Pazifikseite entschieden. Als wir in Hermosa Beach ankommen, trauen wir unseren Augen nicht: ein riesiger Strand mit dunklem Sand, ein paar Palmen, eine Hängematte, ein Surfspot direkt vorm Hotel – und keine Leute! Als ob das noch nicht Paradies genug wäre, befindet sich oberhalb des Ortes auch noch ein Trailpark. Unsere letzten Tage starten hier morgens mit einem Surf-Ritt durch die Brandung. Danach geht es auf schönen Wurzel-Trails unter Urwaldbäumen direkt am Strand entlang. Nur an einem Nachmittag gelingt es Hotel-Guide José, uns aus der Hängematte zu locken: mit einer Krokodil-Tour. Wir tuckern in einem kleinen Boot den Fluss hinauf. José steuert das Boot, sein Kollege Jimmy hält einen großen Eimer mit Hühnerfleisch. Es dauert nicht lange, bis uns die ersten "Baumstämme" im Wasser verfolgen. Dann springt Jimmy über Bord ins knietiefe Wasser und sofort klappen Mäuler mit langen Zahnreihen auf. Jimmy wirft das Hühnerfleisch aus einem Meter Entfernung hinein. Manche Krokodile hüpfen ihm auch entgegen. "Da komm’ ich noch mal mit meinen Kindern.", sage ich begeistert zu José. "Ja, komm wieder!" antwortet José. "Ob Jimmy dann noch da ist, weiß ich nicht. Aber ich freu’ mich auf euch!"

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Gitta Beimfohr am 16.05.2017
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