Wintertransalp: Alpenüberquerung im Schnee Wintertransalp: Alpenüberquerung im Schnee

Erstbefahrung: Mit dem MTB im Winter über die Alpen

Wintertransalp: Alpenüberquerung im Schnee

Henri Lesewitz am 31.03.2015

Alpenüberquerung im Winter? Für Biker unmöglich. Eigentlich. Thomas Bauer hat es eiskalt durchgezogen. Hier ist sein Report inklusive Ausrüstungs-Tipps.

Eine Alpenüberquerung im Winter? Die Kumpels waren begeistert. Allerdings auch plötzlich schwer im Stress. Die Weihnachtsvorbereitungen! Der Geburtstag der Oma! Familienbesuch! Leider, leider! Die Ausreden waren so kreativ wie vielfältig.

"Alle haben mir natürlich ganz viel Spaß gewünscht", grinst Thomas Bauer, der nicht wirklich dran geglaubt hatte, einen Mitfahrer zu finden. Die geplante Tour kam ihm ja selbst höchst abenteuerlich vor. Weswegen ihm ja auch erst die Idee dazu gekommen war. Mountainbiken zählt zu den Sommersportarten, denn die Bedingungen im Winter sind mies. Sobald Schnee und Eis die Landschaft überzieht, wird selbst die Fahrt zum Bäcker zur Herausforderung. Die Reifen schlingern, die Kälte setzt dem Körper zu. Nur Hartgesottene wagen sich mit ihren Bikes auf die Trails. Die Gipfel der großen Gebirge bleiben selbst für die Zähesten unerreichbar. Einzelne haben in den letzten Jahren die Alpen durchquert, auf Radwegen, talorientiert. Überquert hatte sie im Winter noch keiner. Es zeigt den Grad von Bauers Dickköpfigkeit, dass er genau das probieren wollte. Eine viertägige Überquerung des Alpenhauptkamms. Von Innsbruck nach Bozen. Echtes Biken. Keine Kompromisse.

Wintertransalp: Alpenüberquerung im Schnee

Durch die Alpen sind schon viele gefahren. Thomas Bauer fuhr aber wirklich drüber. Seine Route führte über den Alpenhauptkamm – seiner Ansicht nach das Merkmal einer Alpenüberquerung.

"Klappt es? Oder klappt es nicht? Keine Ahnung", zeigt sich Bauer kurz vor der Abfahrt trotz größter Abenteuerlust skeptisch. Fast zwanzig Mal ist er schon mit dem Bike über die Alpen gefahren. Immer im Sommer. Transalp-Experte Uli Stanciu, den Bauer per Mail um ein paar Tipps gebeten hatte, warnte vor Risiken wie Absturzgefahr und Handylöchern. Auf den Gipfeln sei es ziemlich einsam in der kalten Jahreszeit. Jeder Fehltritt, jeder Fahrfehler könnte verheerende Folgen haben.

"Die Fahrbarkeit der Wege war die zen­trale Frage bei der Streckenrecherche. Ich will auf keinen Fall stundenlang schieben. Dann wäre das Bike nämlich das falsche Werkzeug", so Bauer. Entgegen seines ursprünglichen Plans, mit einem Touren-Fully zu fahren, entschied er sich schließlich für ein Fatbike – der besseren Bodenhaftung wegen.

Der Sonntag vor Weihnachten, ein grauer Tag. Bauer walzt durch die Innenstadt von Innsbruck. Das dumpfe Grollen der Brachialbereifung übertönt die Verkehrsgeräusche. Bauer genießt, wie ihm die Passanten hinterherstarren.

Bis zum Tagesziel, dem Örtchen Trins am Fuße des Brennerpasses, sind es 32 Kilometer und 1200 Höhenmeter. Es geht auf Teer bergauf, doch Bauer kommt kaum in Tritt. Das Fatbike scheint am Untergrund festzukleben, die Beine glühen. Nichts zu spüren von der gewohnten Leichtigkeit, wie er sie sonst auf Tour immer spürt. Bauer überlegt, den Wahnsinn abzubrechen. Irgendwann durchstößt er die Wolken­decke. Es ist, als würde ein Knoten platzen. Da ist es endlich, das Gefühl von Freiheit.

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Zweiter Tag, Eiseskälte. In der Nacht war Sturm. Es hat geschneit. Bauer steht vor der Pension Erika und schaut besorgt in den Himmel. Heute will er den Alpenhauptkamm überqueren. Zu viel Neuschnee wäre das Schlimmste, was passieren könnte. Das Tageslicht ist noch schwach, als sich Bauer in den Sattel schwingt. Die Schneedecke ist dünner als gedacht, es geht gut voran. An der Sattleralm eine kleine Rast, dann weiter. Je näher der Gipfel kommt, je heftiger türmen sich die Schneeverwehungen auf. Bauer schiebt, keucht, schwitzt. Gegen Mittag erreicht er den Sattelberg. Aus dem Schnee ragen die Begrenzungssteine der Brennergrenzkammstraße. Die letzten Meter bis zum Kreuzjoch sind eine elende Plackerei. Der schattige Nordhang sieht lawinengefährlich aus. Bauer wagt es trotzdem. Die Abfahrt ist überzogen von Eisfeldern. Im Restlicht des Tages rollt Bauer in den Südtiroler Ort Plersch-Ladurns ein. Zufrieden schiebt er das Bike in den "Ski-Stall" des gebuchten Wellness-Hotels. "Was für ein geiler Tag", strahlt Bauer und geht zum Auftauen in die Sauna.

Mit der Überquerung des Hauptkamms ist die größte Herausforderung geschafft. Die letzten beiden Tage geht Bauer entspannt und ohne Zeitdruck an. Das Serpentinenband zum Penser Joch auf 2211 Metern zieht sich zäh und öde. Der Gipfel liegt unter tiefem Schnee, doch die Straße ist geräumt. Dreißig Kilometer lang Vollgas runter ins Sarntal. Dann, nach einer weiteren Hotelübernachtung, die finale Etappe: 43 Kilometer und 1300 Höhenmeter auf feinen Wald-Trails nach Bozen. Bauer grinst, als er am Rande des Weihnachtsmarkttrubels vom Sattel steigt. Jetzt gleich noch eine Erfolgs-SMS an die Kumpels senden. Dann ist das Glücksgefühl perfekt.

Wintertransalp: Alpenüberquerung im Schnee

Zum Glück war die Straße hinauf zum Penserjoch geräumt. Es folgten 30 Kilometer Vollgas durch den Eiswind.

INFOS

Die Tour Im Winter haben schon einige Biker die Alpen durchquert, talorientiert. Die Route von Thomas Bauer jedoch führt über den Alpenhauptkamm, da dies seiner Ansicht nach das Merkmal einer Alpenüberquerung darstellt. Vier Etappen von Innsbruck nach Bozen. Trails, Schotter, Asphalt. Insgesamt 176 km und 5600 hm.

Fazit von Thomas Bauer Das Wetter sollte stabil und sonnig sein. Top-Fitness ist Voraussetzung.
Ein Fatbike ist auf Schnee ideal. Wechselwäsche und Zweithandschuhe nicht vergessen.

Routen-Infos und Karte: www.biketransalp.de

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In einer Gutwetter-Phase kurz vor Weihnachten fuhr Thomas Bauer los. Vier Etappen von Innsbruck in Österreich nach Bozen in Italien. "Das wichtigste Charakter-Merkmal einer Alpenüberquerung ist die Überquerung des Hauptkamms", umreißt Bauer den Kern seines Projekts. Ein Jahr lang tüftelte er an der Streckenführung. Für den Fall der Fälle plante er für jeden Tagesabschnitt auch immer eine B-Variante ein. Eine besondere Herausforderung stellte auch das Zusammenstellen der Ausrüstung dar.

Die Ausrüstungs-Tipps von Thomas Bauer gibt es schon mal hier. "Eine Alpen-Tour im Winter unterscheidet sich grundlegend von einer Tour im Sommer. Die richtige Ausrüstung ist das A und O", weiß Bauer inzwischen aus intensiver Erfahrung.

Wintertransalp: Alpenüberquerung im Schnee

Wer mit dem Mountainbike durch den Schnee will, braucht eine spezielle Ausrüstung. Diese Dinge sollten Sie dabei haben.

Das Bike: Bauer plante ursprünglich, mit einem vollgefederten Twentyniner zu fahren. Aus Gründen der Traktion entschied er sich aber schließlich für ein Fatbike. Auf eine Federgabel verzichtete Bauer. Die fetten Reifen bieten genug Komfort. Zudem macht sich an langen Alpen-Anstiegen jedes zusätzliche Kilo unangenehm bemerkbar.

Pedale: Statt Klick-Pedale montierte Bauer Plattformpedale. So kann man gut isolierte und griffige Bergschuhe anziehen, falls mal eine längere Schiebepassage zu überwinden ist.
Schuhe: Bergschuhe mit rutschfester Sohle. Bike-Schuhe empfehlen sich definitiv nicht für längeres Laufen.

Überschuhe: Am besten aus wasserdichtem Neopren. Die Überzieher sollten groß genug sein, um über die Bergschuhe zu passen. Vorher ausprobieren.

Handschuhe: Ein Paar dünne Bike-Handschuhe, mit denen man im Extremfall auch mal in ein paar dicke Ski-Handschuhe schlüpfen kann. Dazu zwei Paar dickere Bike-Handschuhe, damit man wechseln kann, falls mal ein Paar nass sind.

Helmunterzieher: Winddichte Sturmhaube mit Kinn- und Nasenschutz. So bleibt der Kopf auch im Eiswind schön warm. Dazu noch – für wärmere Temperaturen –  zwei klassische Helmunterzieher.

Hosen: Ein, zwei lange Winter-Bike-Hosen zum Wechseln mitnehmen. Über die Lycra-Hose dann noch eine Baggy-Short ziehen. Das wärmt. Und in den Seitentaschen kann man Dinge wie Stirnband, Wechsel-Helmunterzieher und ähnliches griffbereit verstauen.

Gamaschen: Falls man mal durch tiefen Schnee waten muss, halten Überzieh-Gamaschen die Beine ordentlich warm und trocken.

Ersatz-Batterien: Kälte saugt ruckzuck die Akkus leer. Damit dem Navigationsgerät nicht der Saft ausgeht, sollte man lieber ein paar Ersatzbatterien zu viel als zu wenig in den Rucksack packen.

Licht: Die Tage im Winter sind kurz. Unbedingt Lampen für vorne und hinten mitnehmen. Falls man sich mit der Zeit verkalkuliert. Oder der Zeitplan wegen einer Panne zerbröselt.

Feldküche: Ein kleiner Gaskocher für die Pausen. Mit einem Instant-Kaffee oder einer Tütensuppe lässt sich auch auf einsamen Gipfel gut auftanken.

Noch ein genereller Tipp zum Winterbiken: Im Winter sollte man die Quartiere vorbuchen. Die Suche nach einem Hotel oder einer Pension macht bei Minusgraden wenig Freude. Bei der Gelegenheit dann gleich nach einer sicheren Unterstell-Möglichkeit für das Bike fragen.

 

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Henri Lesewitz am 31.03.2015
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