Mini-Transalp: 4 Etappen von Ischgl ins Val Müstair Mini-Transalp: 4 Etappen von Ischgl ins Val Müstair

MTB Alpenüberquerung von Ischgl ins Val Müstair

Mini-Transalp: 4 Etappen von Ischgl ins Val Müstair

Moritz Ablinger am 08.09.2017

Wer sagt denn, dass eine Alpenüberquerung eine Woche dauern muss? Diese viertägige Route von Ischgl ins Schweizer Val Müstair führt durch epische Hochgebirgswelten und lässt keinen Singletrail aus.

Angeblich duscht Reinhold Messner schon sein ganzes Leben lang eiskalt. Aber ich bereue gerade, dass ich Markus meine letzte Münze fürs Warmwasser überlassen habe.

Abhärtung kann nicht schaden. Besser als Kaffeekochen. Normalerweise kann ich meinen Körper mit solchen Gedanken austricksen, aber das Duschwasser in der Heidelberger Hütte scheint direkt aus einer Eishöhle zu stammen. Bis ich die Seife endlich von mir gespült habe, schlottert mein ganzer Körper. Aber ich will mich nicht beschweren. Als ich meine Praktikantenstelle beim BIKE-Magazin antrat, hatte ich mit viel Schreibtischarbeit und den klassischen Laufjobs gerechnet. Doch ich saß gerade eine Woche im Bürostuhl, als plötzlich Fotograf Markus Greber in der Redaktionstür stand und mir von einem neuen Projekt vorschwärmte: eine Alpen-Route, die echte Supertrails und spektakuläre Landschaften vereint. Vier Tage von Ischgl ins Schweizer Val Müstair, mit Hüttenübernachtung, anspruchsvollen Trails – und vier Frauen. Meine Aufgaben wären: die Route mit GPS aufzeichnen und eine Reportage schreiben. Was für eine Frage – natürlich hatte ich Lust!


Die vier Etappen der Mini-Transalp (GPS-Daten am Ende des Artikels):

1. Etappe 12,2 km / 641 hm / 1103 Tm

2. Etappe 37,0 km / 1452 hm / 1895 Tm

3. Etappe 53,5 km / 2076 hm / 1978 Tm

4. Etappe 42,2 km / 1043 hm / 1948 TM 

Fotostrecke: Mini-Transalp: 4 Etappen von Ischgl ins Val Müstair


Zwei Tage später luden wir in Ischgl die Bikes in die Gondel der Silvrettabahn. Johanna, Lisa, Tina und Katrin sind ein eingespieltes Team – da funktioniert alles Hand in Hand. Man merkt, dass die Freundinnen schon öfter gemeinsam auf Trail-Tour waren. Oben auf der Idalpe hieß es umsteigen in den Sessellift – doch der bärtige Liftwart drückte gerade das Eingangsgatter vor unseren Nasen ins Schloss. "15 Minuten zu spät!" Keine Ahnung, was am Ende überzeugender war – Markus’ gereizt vorgetragene Terminlage, die flehenden Blicke der Mädels, oder die aufziehenden Regenwolken. Nach einigem Hin und Her schwebten wir die letzten 500 Höhenmeter zum Idjoch doch noch hinauf. Oben blies ein eisiger Wind. Nur vereinzelt konnte sich die tief stehende Sonne noch durch die Wolkendecke bohren. Es war schon spät, und es waren noch satte 650 Höhenmeter bis zur Heidelberger Hütte, dem ersten Etappenziel. Ich sah uns schon viel zu spät ankommen und das Abendessen verpassen. Doch meine Begleiter sahen ganz andere Dinge. Nämlich einen unfassbaren Trail, der auf dem Felsgrat gen Süden dahinmäandert, überspannt von einem dramatisch beleuchteten Wolkenhimmel. Trotz drohendem Regen, Blitz und Donnerwetter waren die Mädels voll im Rausch. "S’isch sooo flowig!", rief Lisa begeistert, bevor sie zusammen mit Tina hinter der nächsten Kuppe entschwand – und ja, wir wurden natürlich doch noch ziemlich nass.

Nach der eiskalten Dusche auf der Heidelberger Hütte teilen wir nun den Tisch beim Abendessen mit einer Gruppe Archäologen. Sie pinseln in den Felsen rund ums Haus nach Spuren der ersten Siedler. Tonscherben und Holzkohlereste deuten bereits darauf hin, dass hier schon vor mehreren Tausend Jahren eine wichtige Route über die Alpen führte. Erstaunlich, was damals mit einfachsten Mitteln schon möglich war. Oh, da fällt mir siedend heiß ein, dass ich das GPS-Gerät noch ausschalten muss, wenn die Batterie bis morgen Abend durchhalten soll.

Am nächsten Morgen klingelt der Wecker drei Stunden früher als sonst. Frühstück fällt aus. Der Grund ist Lisas Quengeln: "Wenn die Sonne aufgeht, müssen wir am Fimberpass stehen. Der Sonnenaufgang da oben ist einzigartig." Lisa muss es wissen, denn hier sind wir schon mitten in ihrem Revier. Seit drei Jahren betreibt die Wahl-Schweizerin eine Bike-Schule im Engadin. Und der Fimberpass ist auch von dort aus ein spannendes Ziel. Für uns geht’s jedoch erst mal bergauf. 300 Höhenmeter im Zickzack die noch stockdunkle Bergflanke hinauf. Wir schieben, fahren ein Stück, schieben wieder. Die Passhöhe erreichen wir pünktlich zum Sonnenaufgang. Doch angesichts der Aussicht, die uns erwartet, interessiert sich niemand wirklich für das Naturschauspiel. Vor uns tut sich das wild-romantische Val Sinestra auf. Ebenfalls wild, aber für Geübte extrem spaßig, schlängelt sich ein kilometerlanger Felsen-Trail talwärts, in den sich die Mädels jetzt mit wildem Gejohle stürzen.

Mini-Transalp: 4 Etappen von Ischgl ins Val Müstair

Murmelbahn: Der Trail vom Pass da Costainas zur Alp Champatsch hoch über dem Val Müstair (Tag 3) ist gespickt mit unzähligen, natürlichen Anliegerkurven.

"Haaaaalt, stooopp!" Mitten in der genialen Abfahrt, als wir gerade durch die jetzt runden Trail-Kurven nur so dahingleiten, ist es Tina, die den Anker wirft. Hungerast! Sie bestehe jetzt auf die Einkehr in der Tanna da Muntanella. Markus blickt zögernd zum Himmel, weil schon wieder Wolken aufziehen, aber das ist allen vier Mädels jetzt egal. Pasta à la "Wilde Wiese & Gartenkräuter", Fichtensirupsaft und Ruebli-Torte haben gewonnen. Erst danach steigen die Mädels wieder gut gelaunt in die Sättel. Dafür gibt sich hinter der Hütte der Trail jetzt zickig. Leicht verblockt schlägt er nun in unrhythmischen Kehren gen Tal. Es dauert eine Weile, bis sich der Weg wieder entspannt, doch am Ende verwandelt er sich in eine spaßige Pumptrack-Spur, die eindeutig von Menschenhand gepflegt wird. Ganz anders der naturbelassene "Brennessel-Trail", in den uns Lisa später von Sent nach Scuol hinunterführt. Als Local weiß sie genau, wie man die tückischen Spitzkehren des Trails anfahren muss. Ich dagegen muss wohl eine der Kehren falsch angefahren sein, jedenfalls schieße ich plötzlich geradeaus in die Botanik. Die ist zwar weich, aber äußerst unangenehm, wie der Name des Trails schon verrät. Lisa hat meinen Abflug gar nicht bemerkt, aber Katrin hält an. "Ja, ja, ich helf’ Dir gleich. Nur schnell noch ein Foto machen ...!" Es wird der Lacher beim Abendessen, denn aus dem Brennnesseldickicht ragt nur noch mein rechter Schuh.

In der Gaststube des Crusch Alba in S-charl hängt aber noch ein anderes Foto aus dem Jahre 1905 an der Wand: der letzte Schweizer Bär – erlegt. Gerade als uns der Wirt Jon Duri stolz erzählt, dass inzwischen wieder Bären durch diese Wälder streifen, klopfen Regentropfen ans Fenster. Sie prasseln noch, als wir uns später die Daunendecken überwerfen, und sie rauschen auch noch, als wir mitten in der Nacht von einem Donnerschlag aus dem Schlaf gerissen werden. "Die Straß’ ins Tal isch leid’r g’sperrt!", berichtet Jon Duri fast beiläufig beim Frühstück. Ob wir den Donner heute Nacht gehört hätten? Das sei eine Mure gewesen. Der einzige Weg ins Tal ist nun verschüttet. Nur gut, dass unsere Bike-Route sowieso obenrum führt. Als wir die Bikes aus dem Keller holen, reißt der Wolkenvorhang kurz auf und gewährt uns einen Blick auf die umliegenden Dreitausender. Gestern leuchteten ihre Felsspitzen noch im Abendrot, heute sind sie schneebedeckt. Der Bach, der am Vortag noch tiefblau dahinplätscherte, hat sich in ein wild peitschendes, graues Monster verwandelt.

Warm eingepackt kurbeln wir am Tamangur vorbei, dem höchstgelegenen Zirbenwald Europas und weiter zur Alp Astras hinauf. Für mich persönlich geht hier die Sonne auf. Wie gern wäre ich bei Maria, der 23-jährigen Sennerin, wenigstens zum Mittagessen eingekehrt. Aber heute stehen 2000 Höhenmeter auf dem Plan, wir müssen weiter. Erst am Ofenpass kehren wir auf einen Teller Capuns ein. Die Bündner Spezialität aus Spätzleteig, Mangold und viel Bergkäse ist sehr gehaltvoll. Dieser Hinweis, der bei Mädels sonst immer funktioniert, ist unseren weiblichen Begleiterinnen völlig egal. Sie wissen, dass nach dem Essen der steile Anstieg zum Passo Gallo hinauf ansteht und lassen auf ihren Tellern nichts für uns übrig. Die Etappe zieht sich über die Bilderbuch-Trails vom Passo Gallo hinunter zum Livigno-See und von dort aus in ständigem Auf und Ab dem Tagesziel Livigno entgegen. Und die Marathon-Etappe hinterlässt Spuren. Nur Johanna hat noch ein Grinsen im Gesicht. Die Allgäuerin war eine der besten deutschen Cross-Country-Fahrerinnen, bis sie im Februar 2012 ein Rodelunfall fast in den Rollstuhl brachte. Während der Reha entdeckte Johanna ihr Feuer fürs Freeriden, doch die Ausdauergene stecken natürlich noch in ihr. Die Sonne steht schon tief, als wir Stunden später den Passo Trela erklimmen. Völlig erschöpft können wir den Trail mit seinen Anliegerkurven und Jumps nach Livigno kaum genießen. Doch wir haben ja morgen Früh noch mal die Gelegenheit, Livignos Flowtrails abzukurven.

"Drüben im Val Müstair sind die Trails wieder ganz anders", verspricht Lisa, als wir am nächsten Tag Livigno hinter uns lassen und am Lago di San Giacomo kurz Pause machen. Stimmt! In diesem Schweizer Tal setzt man auf naturbelassene Pfade. Alte, teils verwilderte Schmugglerwege werden hier wieder freigelegt, ein bisschen geshaped und Bike-tauglich gemacht. Lisa wählt für unsere finale Abfahrt nach Santa Maria hinunter ihren Favoriten und stellt uns im Ort noch Sergio vor. Er ist einer der Trail-Verantwortlichen des Ortes und würde uns morgen gern noch mehr von seinen Trails zeigen. Ich will schon begeistert "au ja!" rufen, da erinnert mich Markus ans Büro: GPS-Daten auswerten, Höhenprofile erstellen, die Reportage schreiben – ach ja, fast vergessen: Das Praktikum hat ja auch noch eine Schreibtischseite.


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Moritz Ablinger am 08.09.2017
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