Spanien: Sierra Guadarrama bei Madrid Spanien: Sierra Guadarrama bei Madrid

Spanien: Sierra Guadarrama bei Madrid

MTB-Räubertrails in der Sierra Guardarrama

Gitta Beimfohr am 06.10.2017

Dan Milner zog mit Holger Meyer und dem spanischen Enduro-Meister, Rafa Molina, in die Sierra Guadarrama. In diesem Gebirge bei Madrid sollen Räuberbanden einst ein ganzes Trailnetz angelegt haben...

Tausende von Lichtern glimmen im Tal. Sie funkeln wie Juwelen in dieser tiefschwarzen Novembernacht. Bestimmt haben es die Menschen in ihren Häusern da unten gerade muckelig warm. Dass wir sie von hier oben beobachten, merken sie gar nicht.

Wir hier oben befinden uns dagegen fast schon auf einem anderen Planeten: auf dem 1900 Meter hohen Gipfel-Plateau der Cueva Valiente, mitten in der Sierra Guadarrama. Unser Netflix ist heute der sternklare Nachthimmel, unser Abendessen besteht aus eilig zusammengerührten Tütennudeln, und unsere Betten liegen gleich da drüben zwischen den Felsen: ausgerollte Schlafsäcke, vom Tau bereits feucht. Ich fühle mich ein bisschen wie ein Ausgestoßener, doch dann fällt mir wieder ein, dass wir dieses Exil ja selbst gewählt haben. Wir folgen den Spuren der Banditen, die hier oben im 19. Jahrhundert ihr Unwesen trieben.



Viele Jahre lang diente dieser zugige Gipfel als Versteck für die berüchtigten "Bandoleros", und einer ihrer Anführer war der blutrünstige Antonio Sanchez. Letzterer wurde auch bewundernd "Chorra al Aire" genannt – auf Deutsch etwa: "Der mit Eiern". Dieser zweifelhafte Chorra lauerte also hier oben mit seinen Gefolgsleuten den königlichen Boten und Kaufmännern auf, die auf ihrem Weg zwischen Madrid und Segovia die Sierra Guadarrama passieren mussten. Der Lagerplatz der Banditen befand sich angeblich genau hier zwischen diesen Felsen, wo jetzt ein britischer, ein deutscher und drei spanische Mountainbiker campieren. Doch da die Räubergeschichten inzwischen der Vergangenheit angehören und auch Spaniens Geldtransporte längst per Banküberweisungen erledigt werden, haben meine zusammengewürfelte Gruppe von Banditen und ich eine ganz andere Beute im Visier: die vielen Hundert Kilometer Trails, die sich durch dieses Gebirge im Norden von Madrid zacken. In Begleitung der lokalen Touren-Guides von Blacktown Trails, erfahren wir vier Tage lang dieses Pfadnetz, das nun schon seit Jahrhunderten von Menschen füßen in den Boden getrampelt wird. Erst waren es die Banditen, die über diese Trails pirschten. Dann nutzten spanische Soldaten das Pfadnetz, um sich gegen Napoleons Truppen zu widersetzen, und im 20. Jahrhundert, während des Spanischen Bürgerkrieges, kämpften Rebellen von hier oben gegen Francos Diktatur an.

Schon auf unserer ersten Trail-Abfahrt holpern wir an verfallenen Bunkern aus dem Bürgerkrieg vorbei. Wenn ich an das ganze Blut denke, das in diesen Bergen schon versickert ist – da möchte man auf keinen Fall noch weiteres hinzufügen. Doch das ist gar nicht so leicht, denn der Pfad ist steil, wurzelig und anstrengend. Irgendwie schaffe ich es aber trotz aller Vorsicht, eine Weile an Holgers wild hüpfendem Hinterrad dranzubleiben. Auch Rafa Molina, der Spanische Enduro-Meister bleibt noch in meinem Blickfeld, bis mich mein Selbsterhaltungstrieb doch lieber abreißen lässt. Bald schluckt uns ein Pinienwald mühelos. Seine Bäume stehen dicht an dicht, und unser Pfad windet sich unerklärlich wild um die harzigen Gehölze. Wie ein Aal, den man gerade frisch aus dem Wasser gezogen hat. Es wäre kinderleicht, sich in diesem Wald zu verstecken, aber genauso leicht, verloren zu gehen.

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Glücklicherweise haben wir Trail-Bauer Alberto Sepulveda, genannt "Sepu" als Guide dabei. Er hat schon einige Trail-Spuren in diesen Bergen verlegt und kümmert sich ehrenamtlich um ihren Erhalt. Unnötig zu erwähnen, dass er auf diesen Pfaden natürlich dahinfliegt wie ein Gott. Und wir jagen hinterher – durch schattige Eichenwälder und bald auch über farnüberwucherte Talgründe. Wir traversieren steile Schluchten und ackern Felsrampen bergauf. Allein wäre ich schon nach einer Stunde verloren gewesen, doch trotz der verwinkelten Topografie dieser Berge, dem unglaublich dichten Wald und den 30 Extra-Kilometern, die wir heute zurücklegen, sehe ich Sepu nicht ein einziges Mal die Karte konsultieren. Auf einmal tauchen wir aus dem Wald auf und stehen direkt vor der alten Steinhütte am Cueva Valiente, wo wir unser Banditen-Nachtlager aufschlagen. Ich könnte schwören, der Mann hat ein eingebautes GPS. Er findet immer zurück, fast schon wie eine Brieftaube.

Nach fünf Stunden im Sattel mit über 1000 Höhenmetern hätten wir uns nun ein komfortables Bett verdient. Doch wir bekommen Iso-Matte und Schlafsack überreicht. Guide Emilio war so nett und hat die Sachen mit dem Geländewagen hier hochgefahren. Es dauert auch nur wenige Minuten, bis der Madrilene in der Steinhütte eine mobile Küche eingerichtet hat. So sitzt unsere internationale Bande schon bald beim Essen und erzählt Geschichten. Die anfänglichen Sprachbarrieren sind dank der drei Flaschen Rotwein schnell gefallen.

Mit dem schwersten Schädel aller Zeiten machen wir uns bei Sonnenaufgang auf den Weg. 45 Kilometer und noch mal 1000 Höhenmeter sind heute angesagt. Dafür aber das Doppelte an Abfahrt – die Belohnung für die gestrige Schinderei zum Gipfel hinauf. Aber es geht Gott sei Dank mit einer Abfahrt los: Der Trail führt an alten Schützengräben und Bunkern vorbei, bevor sich am Ende der erste Anstieg vor uns aufbaut. Er ist steil und ruft uns das deftige Frühstück von vorhin wieder in Erinnerung. Dann biegen wir in eine weitere 15-Minuten-Abfahrt mit ausgeshredderten Kurven nach El Espinar ab, um gleich wieder Richtung Guadarrama-Hauptkamm hochzuklettern. Oben lassen wir uns von der Sonne den verschwitzten Rücken trocken dampfen, dann folgen wir dem Weitwanderweg GR10 am Felsgrat entlang. Der Pfad pendelt mal zur üppig bewachsenen Nordflanke, mal auf die staubtrockene Südseite hinüber. Zwischendrin müssen wir unsere Bikes oft über Felsstufen pumpen. Dann traversieren wir das Valle de los Caidos (Tal der Gefallenen). Hier sind die Gebeine von 40000 Kriegstoten begraben. Franco selbst liegt auch hier, obwohl er gar nicht im Krieg gefallen ist.

Spanien: Sierra Guadarrama bei Madrid

Abfahrt vom Gipfel des Cancho de la Cabezas. Erstaunlich, wie grün die Nordflanken dieser Sierra sind.

Erst der Endorphinrausch der 600-Höhenmeter-Abfahrt nach El Escorial hinunter spült die Gedanken an die Kriegszeiten wieder weg. Da kommen wir mit viel Staub im Gesicht vor dem Tor zu König Philippes Palast zum Stehen. Wild wie wir aussehen, fällt das Flanieren im Park natürlich aus. Also wenden wir uns gleich einer nah gelegenen Bar zu. Bier und Tapas sind genau das Richtige jetzt. "Ihr müsst das frittierte Schweineohr probieren", empfiehlt Emilio eindringlich. Und wieder bin ich froh, meine Vegetarier-Karte ausspielen zu können.

Geier kreisen am Himmel, als wir uns am nächsten Morgen an den ersten Aufstieg machen. Zwischen schweren Atemzügen erklärt uns Emilio, warum wir uns von El Escorials Supertrails leider wieder entfernen und tiefer in die Sierra vordringen. Unser Tagesziel ist das Dorf Patones. Seine Häuser sind aus schwarzem Schiefergestein gebaut und wurden in eine gleichfarbige Schluchtwand eingepasst. Dieser perfekten Tarnung hatten es die Bewohner zu verdanken, dass sie 1808 von Napoleons Besatzungstruppen einfach übersehen wurden. Als wir am Nachmittag durch die alten Schiefergesteinsgassen rumpeln, fällt es gar nicht schwer, die innere Uhr um ein paar Jahrhunderte zurückzudrehen. Auch hier haben die Banditen damals Überfälle auf die Konvois Richtung Burgos geplant. Ich sehe sie richtig vor mir, wie sie, ihre Beute schwingend, durch die Gassen zurückreiten und das erbeutete Kleingeld in der Taverne direkt auf den Tresen knallen. Apropos: Auch wir lassen uns hier in die Plastikstühle vor einer Bar plumpsen. Jetzt aber mal ein paar Biere auf unsere Ausbeute!


Infos Sierra Guadarrama

Das Revier
Nördlich von Madrid zieht sich dieses 80 Kilometer lange Gebirge von Ost nach West quer über die Iberische Halbinsel. Höchster Gipfel ist der 2430 Meter hohe Monte Penalara. Wir hatten mit wüstenartiger Vegetation gerechnet, waren dann aber überrascht von den ausgesprochen grünen und dicht bewaldeten Nordhängen des Gebirges. Da die Sierra nur etwa eine Autostunde von Madrid entfernt liegt, sind hier am Wochenende viele Erholungssuchende unterwegs.

Touren-Guides
Wir waren mit den noch recht neuen Guides von Blacktown Trails unterwegs. Die Jungs haben alle einen Enduro-Race-Hintergrund und sind daher fahrtechnisch ziemlich gut unterwegs. Von ihrer Basis in El Escorial organisieren sie vom Tagesausritt mit Shuttle bis hin zur Mehrtages-Tour alles auf Wunsch. Leih-Bikes von Santa Cruz. Infos: www.blacktowntrails.com

Spanien: Sierra Guadarrama bei Madrid

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Gitta Beimfohr am 06.10.2017
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