Nordspanien: MTB Etappen Tour in der Region Rioja Nordspanien: MTB Etappen Tour in der Region Rioja

Nordspanien: MTB-Tour in der Region Rioja

Gran Reserva: 5 Tage mit dem Mountainbike durch Rioja

Patrick Kunkel am 14.01.2017

Die Region Rioja in Nordspanien ist bekannt für gute Weine und Schafherden. Doch nun sind die uralten Schäferwege und Römerstraßen zu einer fünftägigen Mountainbike-Tour gereift.

Als alles vorbei ist, sitzen wir ausgepumpt, fertig und zugleich voller Glückshormone auf Octavio Cidres Terrasse. Das steinerne Haus unseres Gastgebers steht in einem abgeschiedenen Bergdorf hoch über den Weinbergen der Rioja. Ein Ort der Tiefenentspannung. Die felsigen Hänge ringsum zeichnen sich nur noch als Silhouetten gegen den Nachthimmel ab. Im Bergwald darüber herrscht Stille – und Brunftzeit: Ab und an röhren sich die rastlos umherstreifenden Hirsche die Seele aus dem Leib. Von Octavios Grill streicht ein verführerischer Duft herüber, auf dem Rost brutzelt ein Dutzend Lammkoteletts über getrocknetem Rebenholz, eine Spezialität der Rioja. Octavio entkorkt eine Flasche Rotwein: "Und?", will er wissen: "Wie war’s?"

Statt einer Antwort sollten wir ihm eigentlich die zerkratzten Schienbeine zeigen. Die Schwielen an den Handflächen. Die blauen Flecken. Und die geschundenen Fußknöchel. Die augenfälligen Spuren unseres fünftägigen Ritts durch die schroffe Bergwelt der Sierra de la Demanda, die ganz im Süden der spanischen Weinregion Rioja liegt. Doch dazu müsste man die Hosenbeine hochschieben oder gar die Schuhe ausziehen – viel zu anstrengend nach insgesamt 270 Kilometern und 7500 Höhenmetern über uralte Schäferwege, wilde Trails und steile Pisten.

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Wir lassen lieber noch einen Schluck Crianza-Rotwein auf der Zunge zergehen, der langsam die Kehle herunterrinnt und dabei eine wohlige Wärme hinterlässt: "Willst Du die Wahrheit wissen?", fragt Sven und spannt Octavio ein bisschen auf die Folter: "Es war gigantisch gut!" Und schiebt hinterher: "Nie hätten wir das erwartet." Jedenfalls nicht von einem Weinanbaugebiet.

Weinberge gibt es in der Rioja zwar bis zum Horizont. Doch dieser ist begrenzt von schroffen, karstigen Gebirgszügen. Die welligen Rebhänge und Äcker der Rioja sahen wir die meiste Zeit unserer Tour von ganz weit oben: ein Farbmosaik aus Grün- und Ockertönen. "Die Leute von außerhalb kommen vor allem wegen der Weine", erklärt Octavio. Nur wenige wüssten, dass die kleinste autonome Gemeinschaft Spaniens von bis zu 2300 Meter hohen Gipfeln umstanden wird, die den fruchtbaren, gut 40 Kilometer breiten und 100 Kilometer langen Landstreifen beidseits des Río Ebros wie ein schützender Ring umschließen. "Und dass man hier hervorragend biken kann, ist selbst in Spanien kaum bekannt."

Atlantische Regenwolken bleiben an den Bergketten hängen, was dem Weinbau im Tal ein optimales Klima beschert. Und uns ein viel versprechendes Terrain zum Biken. Besonders die Sierra de la Demanda und die Cameros scheinen wie gemacht für ein ausgedehntes Bike-Abenteuer: abgelegen, einsam, und durchzogen von einem jahrhundertealten Wegenetz, das einst Wanderschäfer mit ihren Herden nutzten. "Du siehst tagelang nur Schafe, Kühe und nicht viel mehr. Den Leuten gefällt das und mir auch", schwärmt Octavio.

Vor drei Jahren hat er daher eine Mountainbike-Rund-Tour aus der Taufe gehoben, die in einem großen Bogen durch diese Bergwelt führt und den Spuren der nahezu verloren gegangenen Kultur der Wanderschäferei folgt. Octavio nippt nachdenklich an seinem Rotwein: "Spanien ist immer schon ein Land der Schäfer gewesen", erklärt er, "trashumancia", Transhumanz, ist der spanische Begriff für die Wanderschäferei, bei der die Herden den Winter in der warmen Extremadura verbrachten und sich im Frühjahr gen Norden aufmachten. Wollhandel war ein wichtiger Wirtschaftszweig, und Schafherden seien schon durch die Rioja gezogen, lange bevor dort die ersten Reben gepflanzt worden sind. "Es ist nicht nur eine Bike-Tour. Sondern eine Reise, um das andere Gesicht der Rioja kennen zu lernen." "Ruedas de Lana" nennt Octavio seine Tour, ein Wortspiel, das so viel bedeutet wie: Räder aus Wolle, aber eben auch Spinnrad. Es ist die erste Bike-Tour in Spanien, die über die uralten Routen der Wanderschäfer verläuft. 124000 Kilometer Triftwege existieren heute noch im ganzen Land, 15 mal mehr als alle spanischen Eisenbahnstrecken zusammen. "Heute werden die Schafe mit Lastwagen in den Süden transportiert. Doch früher zogen die Schäfer wochenlang einsam durch die Natur.

Unsere Idee war es, nicht nur eine gute Bike-Strecke zu schaffen, sondern diesem Lebensgefühl nachzuspüren." Übernachtet wird in Herbergen und Pensionen. Der Route folgen wir per GPS, und das Gepäck transportiert Octavio. So können wir uns voll und ganz auf die Strecke konzentrieren – und das ist auch besser so. Denn unsere Schäferwalz auf zwei Rädern hat es gehörig in sich. Auch wenn alles ganz harmlos anfing.

Nordspanien: MTB Etappen Tour in der Region Rioja

In die Schlucht hinunter kurvt gleich ein toller Trail. Aber wie da die Schafherden runterkommen sollen, ist uns schleierhaft.

"Rompepiernas" hatte Octavio diesen steilen Abschnitt genannt. Übersetzt bedeutet das etwa so viel wie "die Beine kaputt machen".

Rückblende, vier Tage zuvor in Ezcaray: Wir rollen talabwärts. Auf Asphalt. "Fängt ja echt gut an", witzelt Börje. Doch dann steigt die Straße an, der Belag zerbröselt, und die Scherze bleiben uns im Halse stecken. Hinter einem kleinen, einsamen Weiler wird Asphalt zu Schotter und der harmlose Anstieg zur steilen Rampe. Als "Rompepiernas" hatte uns Octavio diesen Abschnitt vorher angekündigt. Übersetzt bedeutet das etwa: "Die Beine kaputt machen." Eigentlich war die erste Etappe zum Einrollen gedacht: 35 Kilometer und 900 Höhenmeter – ein Klacks! Allerdings sind wir viel zu spät losgekommen. So ist plötzlich doch Eile angesagt, um unser Tagesziel noch vor Sonnenuntergang zu erreichen. Da kommt uns die Piste gut gelegen. Als sich die letzten Strahlen der Abendsonne bereits über die stoppelkurzen Weiden ergießen, biegen wir hinter einem Weidegatter endlich auf einen Wanderpfad ab und rauschen einen feinen, kurvigen Trail über Weiden und Bachbetten bergab.

Mit leeren Mägen und dicken Beinen vom Pisten-Sprint tapsen wir abends durch den verschwiegenen Ort Bereo, der, so informiert jedenfalls eine Tafel auf dem Dorfplatz, die Wiege der spanischen Sprache sei. Ein Mönch namens Gonzalo de Berceo schrieb vor über 700 Jahren im nahe gelegenen Kloster von San Millàn de la Cogolla die ersten überlieferten Worte auf Kastilisch. Doch all das nehmen wir nur noch am Rande wahr. Uns bewegen nur zwei Fragen: Wann gibt es Essen? Und: Ist die Strecke am nächsten Tag abwechslungsreicher?

Frage Nummer eins wird abends um neun in der Dorfbar von Berceo beantwortet, wo ein einfaches, aber verdammt gut schmeckendes riojanisches Landmenü über den Tresen wandert. Erst Bohnen mit Fleisch und Kartoffeln, dann Salchichas a la Riojana, verführerisch duftende Würstchen mit einer Sauce aus Paprika und Zwiebeln. Das war höchste Zeit!

Zwischen Felsbrocken und lila blühendem Heidekraut liegen sauber abgenagte Schafs- und Pferdeknochen – ein Milan kreist am Himmel.

Antwort zwei erhalten wir am nächsten Morgen, als Octavio unsere Rucksäcke in seinen Bus lädt und uns mit einer Statistik erschreckt: Die Gesamtstrecke bestehe aus 76 Prozent Piste, 15 Prozent Asphalt und neun Prozent Trails. Zum Glück geht die Rechnung nicht ganz auf. Unterwegs merken wir schnell, dass die riojanischen Doppelspuren erstaunlich abwechslungsreich sind. Tiefe Erosionsrinnen machen manch eine Piste zum zweispurigen Trail, und oftmals rollen wir kilometerlang auf weich gepolsterten, grasbewachsenen Triftwegen, den seit dem 13. Jahrhundert per königlichem Dekret geschützten "cañadas reales". Diese 75 Meter breiten Schneisen führen durch Wälder und über Bergkuppen und sind für riesige Schafherden ausgelegt. Schließlich brauchen Schafe Weide und keine Fahrwege. Dennoch ziehen sich durch diese Graspisten mal gut und mal weniger gut erkennbare Pfade – mit diesem Wegemix können wir leben.

Steil schraubt sich die Naturstraße den ersten Anstieg des Tages hinauf und mündet schließlich in einen Waldpfad, der sich zwischen moosüberzogenen Felsen und Buchen dahinschlängelt. Im Schatten duftet es intensiv nach feuchter Erde. Jenseits der Kuppe dann das Kontrastprogramm: Zwischen knochentrockenen Steineichen piksen Thymian-Büschel und scharfkantige Steinchen in die Reifen. Als der Pfad immer felsiger wird und in eine Schlucht abkippt, lassen wir doch sicherheitshalber die Sättel runter. Gut 60 Meter hohe Sandsteinfelsen, die Peñas Tobía, überragen hier die Szenerie wie Orgelpfeifen. Der Trail kurvt die Schlucht hinunter und endet mitten in der verschlafenen Ortschaft Tobía. Dass hier offensichtlich nur selten Biker durchkommen, bestätigen uns zwei gut gelaunte Greise, die den Vormittag im Schatten neben dem Dorfbrunnen genießen. "Ich bin Amador, das ist mein Bruder Angél", kräht einer der beiden fröhlich und entblößt zwei lückenhafte Reihen schief stehender, gelber Zähne. Schließlich blickt er auf unsere Radklamotten und die Bikes, die wir an den Brunnen lehnen: "Ihr seid da aber nicht wirklich mit dem Rad runtergekommen?", will er wissen. Früher hätte er da oben in einer Mine gearbeitet, die längst nicht mehr existiert. Mit Pferden hätten sie die Minerale von dort heruntergeschafft. Ehe wir wieder starten, gibt er uns noch grinsend einen Tipp mit auf den Weg: "Ein Glas Wein am Tag, das macht glücklich. Und eine gute Wurst." Ein Satz, der haften bleibt, zumal wir uns kurz darauf bei flirrender Hitze in einem gut 20 Kilometer langen Monsteranstieg mit knapp 1000 Höhenmetern wiederfinden. Glücksgefühle stellen sich dennoch ein, aber erst in den letzten Kehren, als die Fernsicht vom karstigen Höhenrücken der Cumbres del Serradero in unser Blickfeld rückt. "Niemals hätte ich gedacht, dass die Rioja derart rau ist", sagt Börje schwer beeindruckt von dem Panorama über die menschenleeren, kargen Kuppen ringsum und das weite Ebrotal tief unter uns.

Nordspanien: MTB Etappen Tour in der Region Rioja

Sieht nicht so aus wie ein Weg, ist aber einer: Für die riesigen Schafherden wurden 75 Meter breite Schneisen über die Berge angelegt. Darin ist oft eine ausgetretene Pfadspur erkennbar.

Auf unserer Route dringen wir jetzt immer weiter in das historische Kerngebiet der Wanderschäferei vor. Wir passieren Majadas, also eingezäunte Ruheplätze für die Herden, rollen über millimeterkurz gefressenes Gras an Viehtränken vorbei und an rundkegeligen, steinernen Hirtenhütten, den sogenannten chozos. Am Himmel kreist ein Rotmilan auf der Suche nach Beute, die der Raubvogel hier offensichtlich reichlich findet: Zwischen Felsbrocken und lila blühendem Heidekraut liegen ausgeblichene, sauber abgenagte Schafs- und Pferdeknochen.

Letzte Zweifel an der Trail-Qualität unserer Rund-Tour verfliegen am dritten Tag: Frühmorgens schälen wir unsere geplagten Körper aus den Betten. Ana, eine gute Freundin Octavios, wartet bereits vor unserem Hotel. Sie wird uns heute die 60 Kilometer bis zur Venta de Piqueras begleiten. Dieser einstige Viehverkaufsplatz ist heute ein Restaurant mit Herberge, gelegen in luftiger Höhe an der Grenze zur Provinz Castilia y Leon. Hier trafen sich einst die Schäfer mit ihren Herden im Herbst, um ihre Wanderung in die Extremadura fortzusetzen.

Landschaftlich beginnt der Tag mit einem Paukenschlag: Eine alte Römerstraße schlängelt sich zehn Kilometer zwischen Torrecilla und Pradillo dahin. Ana gibt ein ambitioniertes Tempo vor, die Straße scheint seit dem Zerfall des Römischen Reiches nicht mehr ernsthaft gepflegt worden zu sein. Wir vergnügen uns zwischen melonengroßen Pflastersteinen, Holzstegen, mittelalterlichen Bogenbrücken und technisch kniffligen Gegenanstiegen. Als sich der Trail an einen Steilhang klammert, rauscht tief unter uns der Río Iregua, während unsere Lenker auf der anderen Seite fast an einer Wand schrappen, die den unheilschwangeren Namen "Peñas Malas", schlechte Felsen, trägt. Die gesamte Szenerie der Sierra de la Demanda erinnert an eine Western-Kulisse – und so wundert es nicht, dass einige Szenen des Italo-Westerns "Zwei glorreiche Halunken" tatsächlich hier gedreht wurden.

Unsere nächste steile Abfahrt heißt "la escalera", die Treppe. Diese gehört wohl zu den eindrucksvollsten Hinterlassenschaften der Wanderschäferei – und besteht aus breiten, mit faustgroßen Steinen und Schafknödeln gepflasterten Stufen, die sich in engen Schlingen bergab stürzen. Manche Absätze sind schon sehr hoch und zirkeln eher knapp um die Spitzkehren – vom Abgrund trennt uns hier bloß eine bröckelige Steinmauer, auf der jemand den Schädel eines verblichenen Schafbocks abgelegt hat. Kämen jetzt ein paar Kopfgeldjäger ums Eck galoppiert, wundern würde es uns nicht. In Brieva de Cameros, einst Zentrum der Schafschererei, endet unser Ritt – am Tresen der Dorfbar. Als wir ziemlich fertig eintreten, grinst der junge Wirt über unsere staubigen Gesichter und stellt fürsorglich fest: "Okay, Ihr braucht was Kaltes." 

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Patrick Kunkel am 14.01.2017
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