BIKE 12/2015: Revier-Guide Kranjska Gora Slowenien BIKE 12/2015: Revier-Guide Kranjska Gora Slowenien

Slowenien: Revierguide Kranjska Gora

Biken im Dreiländereck Slowenien-Österreich-Italien

Gitta Beimfohr am 25.08.2016

An Kärntens Ostgrenze hören die Alpen noch lange nicht auf. Hinter den steilen Kehren des Wurzenpasses öffnen sich die slowenischen Dolomiten. Mit sensationellen Trails und so mancher Überraschung.

"Siehst Du das Mädchen?" Aufgeregt deutet Martina zu einer monumentalen Felswand, die gegenüber aufragt. "Schau doch, da drüben!", hippelt sie. Aber ich bin noch damit beschäftigt, meinen Puls wieder herunterzudimmen. Die Steilrampe vom Vrsic-Pass hinauf zum Aussichtspunkt bei der Postarski-Dom-Hütte hat mir den Rest gegeben. Dazu noch das frühe Aufstehen, um das Panorama im besten Licht zu genießen. Vom knurrenden Magen ganz zu schweigen. Mein Blick irrt auf der Felswand hin und her, rauf und runter. Aber ich kann beim besten Willen kein Mädchen entdecken. "Unterhalb der markanten Felsnase! Da!", schaltet sich jetzt noch Jure ein und fuchtelt ebenfalls in der klaren Morgenluft herum. In den Julischen Alpen kündigt sich ein Bilderbuchtag an. Die flach stehende Sonne wärmt schon ein bisschen. Der Tau steigt als feiner Nebel aus dem Gras empor. Der Himmel ist fast unwirklich blau. Dann erkenne ich endlich das Gesicht in der Wand. Zwei Felsvorsprünge bilden die Augen, feine Striche im hellen Fels zeichnen Nase und Mund. Eindeutig – allerdings erst, wenn man es einmal gefunden hat. "Ajdovska deklica", das heidnische Mädchen, ist eine der Sagen, die sich um das Bergmassiv des Prisojniks ranken.

BIKE 12/2015: Revier-Guide Kranjska Gora Slowenien

Slowenien: Kranjska Gora

Doch für die Geschichte dahinter bleibt im Moment keine Zeit. Das wunderschöne Licht und die verlockenden Trails gemahnen zur Eile. Bevor wir uns in die Abfahrt stürzen, will Jure aber noch ein paar Pfade oberhalb der Postarski-Hütte ausprobieren. Kurze, aber knackige Serpentinen, ein paar heftige Stufen im Steilgelände – ideales Terrain für sein Enduro-Bike. Schließlich sollen sich die über 1000 Vertikalmeter auf seiner schluckfreudigen Maschine ja gelohnt haben. Aber das Bergauffahren scheint für Martina und Jure ohnehin zu den kleinsten Problemen zu zählen, egal wie viel das Bike wiegt. Entscheidend ist immer noch die Power in den Beinen. Nach dem Technik-Intermezzo am Aussichtsgipfel nehmen wir Fahrt auf. Ein alter Militärweg schwingt sich in weiten Serpentinen zur Tonkina-Hütte hinunter, wo es endlich Frühstück geben soll, wie Martina verspricht. Das Stichwort mobilisiert neue Kräfte in mir. Mit Vollgas vernichten wir Höhenmeter um Höhenmeter. Die ruppige Piste ist mehr Pfad als Schotterweg und macht einen Heidenspaß. Bald lehnen wir die Bikes mit glühenden Scheiben an den Zaun vor der Hütte. "Prisrcno dobrodosli", heißt uns Wirtin Tonka willkommen. Und zur Begrüßung reicht sie erst mal einen Kräuterschnaps. Die reinste K.O.-Keule, so auf nüchternen Magen.

Die GPS-Daten zu diesen fünf Touren finden Sie unten als Download:

1. Vrsic-Pass-Trails (40,5 km | 1736 hm | 4:45 h)
2. Dreiländereck (23,2 km | 816 hm | 3 h)
Schanzen & Seen (46 km | 928 hm | 4:30 h)
Techant. Mittagskogel (28,5 km | 1500 hm | 4 h)
Dovska Baba (44 km | 1700 hm | 5:30 h)

Fotostrecke: Slowenien: Revierguide Kranjska Gora

Rückblende: Wer über den Wurzenpass von Kärnten nach Slowenien reist, den erwartet ein sonderbares Empfangskomitee. Bereits am Fuß des einst wichtigsten Übergangs der Karawanken sind am Straßenrand stählerne Panzersperren in den Acker gespießt. Die scharfkantigen Krallen sind Relikte aus den Neunziger Jahren, als Slowenien dem einstigen Jugoslawien die Unabhängigkeit erklärte. Damals herrschte Alarmbereitschaft am Wurzen. Die Volksarmee war fast bis zur Grenze vorgerückt, die Österreicher vorbereitet, den Pass jederzeit dichtzumachen. Eine Kurve später bäumt sich der löchrige Asphalt ohne Gnade auf. 12, 16, 20 Prozent. Ich passiere einige grotesk bepackte Reiseradler, die schon zu Beginn der mörderischen Steigung im kleinsten Gang kurbeln und sich verzweifelt dem körperlichen Untergang entgegenstemmen. Doch ihre Meter im Sattel sind gezählt. In der Luft liegt der beißende Geruch von verkohlten Bremsbelägen. Ich kann nicht leugnen, ganz froh zu sein, in diesem Moment im Auto zu sitzen. An der Passhöhe schließlich reckt ein sowjetischer T-34-Panzer allen Ankömmlingen sein rostiges Kanonenrohr vor die Nase. Der säbelrasselnde Willkommensgruß vermittelt jedoch ein völlig falsches Bild. Denn zum Glück sind die kriegerischen Zeiten längst passé und das Militärarsenal am Wurzenpass nur die Spielsachen eines österreichischen Ex-Obersts, der in der Nähe der Passhöhe ein Bunkermuseum betreibt. Die Zollstation an der Grenze steht leer. Auf beiden Seiten gilt dieselbe Währung. Die Staaten pflegen ein überaus freundschaftliches Verhältnis.

Überschwängliche Freundlichkeit schlägt auch mir entgegen, als mich meine Gastgeber für die kommenden Tage in Kranjska Gora begrüßen. Martina und Jure betreiben in dem traditionsreichen Skiort eine Biker-Pension und bieten auch geführte Touren an. Während Martina mir die Unterkunft zeigt, hängt Jure wieder mal am Smartphone und bespricht mit einer Gruppe Niederländer eine Etappenfahrt durch die Julischen Alpen an die Adria. Die Trans-Slowenien-Tour ist inzwischen fast ein Klassiker und selbst unter deutschen Bikern wohlbekannt. Doch alleine der Start­ort Kranjska Gora bietet genügend Trails für einen längeren Aufenthalt. Jure hat die Landkarte auf dem Tisch ausgebreitet und fährt mit dem Finger unsere geplanten Touren ab. Die vielen gestrichelten Linien verheißen allerhöchsten Fahrgenuss. Nördlich des Save-Tals trennen die Karawanken Slowenien und Österreich. Das großteils bewaldete Grenzgebirge zieht sich weit Richtung Osten und verebbt erst vor Maribor in der Ebene. Eine einsame Gegend, wo man unterwegs kaum auf Menschen trifft. Zwischen den Ländern zu wechseln, ist auf dem Hauptkamm aber nicht immer einfach. Viele Wege enden unvermittelt in der Nähe der Grenze, man wollte es den Schmugglern damals nicht so leicht machen. Jure erzählt, wie er sich schon einmal entlang des Grenzkamms durchgeschlagen hat, auf der Suche nach neuen Trails. Aber das sei nur etwas für abenteuerlustige Biker, grinst er. Andererseits wurde ganz in der Nähe am Jepza-Sattel vor einigen Jahren sogar ein neuer Übergang für Mountain­biker eröffnet, der eine Verbindung zwischen Faaker See und dem Save-Tal herstellt. Auf der südlichen Seite des Save-Tals kann man ganz großes Kino erleben. Die Julischen Alpen haben das Zeug, den Dolomiten Konkurrenz zu machen. Man braucht kein Fernglas, um die imposante Felskulisse zu bewundern. Unmittelbar hinter Kranjska Gora wachsen die Felspyramiden in den Himmel. Nur der Triglav als höchster Gipfel mit seinen fast 3000 Metern Höhe versteckt sich hinter einem Gipfel-Ensemble

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Slowenien: Kranjska Gora - Martina Culiberg (Pensionsbesitzerin) und Jure Culiberg (Bikepark-Leiter)

Am nächsten Tag planen meine beiden Guides einen Abstecher nach Italien. Die benachbarte Provinz Friaul grenzt nämlich im Westen an Slowenien. Auf launigen Waldpfaden geht es zunächst ins Tal von Planica, wo die weltberühmten Skisprungschanzen am Hang kleben. Der griffige Boden ermöglicht puren Trail-Genuss. Wer braucht schon ständig verblockte Buckelpisten, auf denen es einem die Plomben aus den Zähnen vibriert? Auf einer kleinen Lichtung legen wir eine Pause ein. Hier hat ein offenbar esoterisch angehauchter Künstler riesige Spiralen aus Steinen auf den Boden gelegt. Ein magischer Ort, um seine innere Mitte zu finden? Martina und Jure scheinen ihre jedenfalls längst gefunden zu haben. Vor zwei Jahren haben die beiden ihre Leidenschaft zum Beruf gemacht. Sie haben ihre hoch dotierten Manager-Jobs an den Nagel gehängt und ihr eigenes kleines Bike-Hotel eröffnet. "Das war schon immer unser Traum", schwärmt Martina mit leuchtenden Augen. "Jedes Mal, wenn wir aus einem Bike-Urlaub nach Hause gekommen sind, wurde uns das klarer." Und weil Jure vom Thema Mountainbike gar nicht genug bekommen kann, hat er jüngst noch die Leitung des Bikeparks in Kranjska Gora übernommen. An neuen Ideen mangelt es dem Tausendsassa nicht. So wird der Park jetzt auch im Winter geöffnet, und im Verleih stehen Fatbikes bereit.

Ohne dass wir es bemerkt hätten, haben wir bereits die Grenze überrollt. Wildromantisch liegen die beiden Bergseen von Fusine in einem Hochtal. Auf ihren Oberflächen spiegelt sich das dahinter aufragende Mangart-Massiv. Mehr kitschiges Postkartenidyll geht nicht. Zum Höhepunkt der Tour fehlen jetzt noch 500 Meter, vertikal versteht sich! Aber zum Glück verlangt der Schotterweg zum Rifugio Zacchi nicht nach den letzten Kraftreserven. Kehre für Kehre rücken die Felswände enger zusammen. Die Nordwand des Mangarts ragt schwindelerregend vor uns auf. Der Klotz ist mit 2677 Metern immerhin der viert höchste Berg in den Julischen Alpen. Vor der Hütte sitzend lassen wir das wuchtige Panorama des Felsdoms auf uns wirken. Tibetische Gebetsfahnen flattern im Wind. So muss es sich anfühlen, wenn man seine Mitte gefunden hat, denke ich.

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Optische Täuschung: Der Pfad vom Dreiländereck nach Ratece hinunter ist steiler, als er auf diesem Bild wirkt. 

Am letzten Tag geht es ein zweites Mal hinauf zum Vrsic-Pass. Jure hat für mich noch einen Singletrail-Leckerbissen zum Finale aufgespart. Diesmal führt unser Weg nach Süden hinunter ins Soca-Tal. Doch so friedlich und unschuldig das Tal heute vor uns liegt, so greifbar wird hier einmal mehr die wechselvolle Geschichte des heutigen Sloweniens. Die Region rund um das Soca-Tal zählte in den Weltkriegen zu den am härtesten umkämpften Gebieten. Ständig verschob sich die Grenze. Mal gehörte das Tal zu Italien, dann wieder zum damaligen Österreich-Ungarn. Die berüchtigten Schlachten an der Isonzo-Front – die Soca fließt am Ende als Isonzo durch Italien – kosteten Hunderttausende Soldaten das Leben. Auch die Straße über den Vrsic stammt aus jener Zeit, erbaut von russischen Kriegsgefangenen. Und ganz in der Nähe beim Passo del Predil verläuft heute der "Weg des Friedens", wo man zahlreiche Gedenkstätten besichtigen kann. Unser Pfad zweigt von der Vrsic-Straße ab und zeigt im oberen Teil einen ziemlich ungezähmten Charakter. Einige ausgesetzte Passagen zwingen uns sogar kurz aus dem Sattel. Doch mit jedem Meter bergab steigt der Spaßfaktor. Das Hinterrad meiner Guides kann ich dennoch nicht halten. Mit traumwandlerischer Sicherheit zirkelt Martina durch die Serpentinen. Von Jure ist schon lange nichts mehr zu sehen. Heimvorteil. Wir treffen ihn wieder, als uns der Pfad schließlich in der Nähe der Soca-Quelle ausspuckt, mitten im felsigen Herz der Julischen Alpen. Erst als ich wieder auf dem Heimweg im Auto sitze, fällt mir ein: Bei aller Trail-Euphorie habe ich ganz vergessen, Martina nach der Geschichte des Riesenmädchens zu fragen. Aber das ist wenigstens ein guter Grund, nochmals wiederzukommen.

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Gitta Beimfohr am 25.08.2016
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