Revier-Guide Lago Maggiore Locarno Revier-Guide Lago Maggiore Locarno

Schweiz: MTB Revier-Guide Lago Maggiore Nord

Tessin: 3 Mountainbike Touren um den Lago Maggiore

Ralf Glaser am 12.01.2018

Lago Maggiore: Die Trails um die Nordspitze wickeln sich im Herbst durch farbintensive Kastanienwälder, und auf die aussichtsreichsten Gipfel helfen Lifte. Grund genug, um mal ins Tessin abzubiegen!

Die Bergflanken gegenüber sind satt grün bis hoch zu den Kämmen. Oben halten sich die letzten Schneereste. Trotzdem werde ich die Assoziation zu Dubai nicht los.


Die GPS-Daten zu diesen Touren finden Sie unten im Download-Bereich:

  • TOUR 1: Monti di Lego (33,3 km, 1360 hm, 4:30 h)
  • TOUR 2: Corona dei Pinci (22,3 km, 1100 hm, 4 h)
  • TOUR 3: Alpe di Neggia (21,4 km, 1270 hm, 5 h)

Fotostrecke: Schweiz: MTB Revier-Guide Lago Maggiore Nord


Aus den getönten Fenstern der Seilbahn fällt der Blick unverstellt auf Ascona und Locarno. Es scheint, als zögerten die beiden Hauptorte am Schweizer Teil des Lago Maggiores ein wenig, den riesigen Schwemmlandkegel des Maggia-Flusses komplett in Beschlag zu nehmen. Schnurgerade, wie mit dem Lineal gezogen, zerteilt der Fluss sein eigenes Delta in zwei symmetrische Hälften. Zu beiden Seiten verlaufen die Gassen und Alleen von Ascona und Locarno halbkreisförmig wie Palmwedel in den tiefblauen Lago Maggiore. Das Palm Island der Schweiz. Anders als bei den künstlich ins Rote Meer gezimmerten Luxusresort-Inseln, geht hier aber alles mit natürlichen Dingen zu. Vor gut 10000 Jahren verwandelten abschmelzende Gletscher den Südrand der Alpen in eine alpine Seenlandschaft. Genauso lange schon befüllt der Maggia-Fluss beharrlich den Nordrand des Lago Maggiores mit Sand, und treibt dabei sein eigenes Delta immer weiter in den See hinein. Etwa ein-, zweitausend Jährchen noch, dann dürften Ascona und Locarno jeweils ihren eigenen See haben. Landgewinn frei Haus. Den Sommerfrische suchenden Scheichs dürfte das gefallen.

Nun gut, ohne je einen Blick auf die Immobilienpreise in diesem exklusiven Teil des Tessins geworfen zu haben, lasse ich die Grundstücke dort unten nicht meine Sorge sein. Zumal das Terrain beim Blick nach vorne schon eher meiner Kragenweite entspricht: Lautlos schwebt die Gondel über einen dichten Mischwald aus Kastanien-, Ahorn- und Buchenbäumen. Vereinzelt lugen auch üppige Palmenwedel aus dem Blätterdickicht. Der Waldboden ist von hier oben zwar nicht zu sehen, doch das Display meines GPS’ enthüllt einen wild gezackten Spitzkehren-Trail, der sich direkt neben der Seilbahnschneise seinen Weg ins Tal sucht.

Patric hat meinen Blick bemerkt und grinst. "Von der Cardada ziehen Trails in alle Richtungen nach unten", verrät er. "Die meisten sind fahrtechnisch ganz schön anspruchsvoll. Mit Gästen fahre ich diese Trails daher eher selten." Patric Käslin ist der Kopf der Bike-Schule Ticino Freeride. Seit gut fünf Jahren arbeitet er zusammen mit einer Handvoll Mitstreiter daran, den Lago Maggiore und seine Trails als lohnendes Bike-Reiseziel in den Köpfen der Community zu verankern. "In den letzten Jahren haben sich die Trails hier immer mehr herumgesprochen", erzählt Patric. "Während der Saison haben wir jetzt gut zu tun. Aber von einem Run kann noch keine Rede sein."

Revier-Guide Lago Maggiore Locarno

Die Cardada ist der Hausberg Locarnos. Im Winter bescheidenes Skikarussell, im Sommer ein toller Startpunkt für zig lohnende Abfahrts-Trails der meist fahrtechnisch anspruchsvollen Art. Seeblick inklusive! 

Ein kurzes Transferstück führt von der Bergstation der hypermodernen Seilbahn hinüber zum zuckelnden Sessellift, der mit seinen überdachten Panoramasitzen wie ein Relikt aus Großvaters Zeiten wirkt. Im Winter dreht sich auf Locarnos Hausberg Cardada ein kleines Skikarussell, dessen einziger Magnet wohl der gigantische Tiefblick über den Lago Maggiore darstellen dürfte. Schon das Alter des Sesselliftes lässt erahnen, dass der Skitourismus in diesen Breiten nicht zu den wichtigsten Einnahmequellen zählt. Im Sommer aber bietet der Lift Bikern leichten Zugang für eine ganze Reihe interessanter Trails. "Der Cardada-Trail war der erste offizielle Freeride-Trail am Lago Maggiore, genau richtig zum Warmfahren", kündigt Patric an. "Allerdings sind die Trails nicht für Mountainbiker reserviert. Es können also auch Fußgänger unterwegs sein."

Ab dem markanten Gipfelkreuz des Lo Stallones folgt der Trail zuerst einem breiteren Karrenweg. Hier und da sind kleine Tables eingebaut. Kurze Wurzelteppiche halten die Aufmerksamkeit hoch, kleinere Felsen animieren mitten im Weg zum Springen. Doch ab dem östlichen Grat der Cardada haben sich die Trail-Bauer richtig ausgetobt. Einer Anliegermurmelbahn gleich surft der Trail nach unten. Dabei wird der Untergrund bald wieder technischer, gröber und verlangt ein gutes Auge für die Linienwahl. Am Ende entspannt sich der Pfad wieder vor einer großen Panoramakulisse, bevor er sich oberhalb von Minusio seinen Weg zurück zur Talstation der Seilbahn sucht. Ein gelungener Einstand, keine Frage!

Für die Nachmittags-Tour nehmen wir im Shuttlebus Platz. Er kurvt mit uns nach Locarno und dann gleich den Anstieg zur Corona dei Pinci hinauf. Zwar halten sich die aus eigener Kraft bewältigten Höhenmeter bisher in Grenzen, doch unsere Mägen melden sich mit Hunger. Also parkt Patric den Bus auf halber Höhe der Bergstraße und führt uns über einen Pfad in den Wald. Nach fünf Minuten Fußmarsch erreichen wir einen typischen "Grotto", wie die Bergbauernhöfe hier heißen. Aus dicken Steinmauern erbaut und mit Schiefer gedeckt, duckt sich das Bauernhaus in den Hang. Die Sonnenterrasse bietet einen Blick zum Niederknien: auf den tief unten liegenden Lago Maggiore. Die nicht vorhandene Speisekarte präsentiert dazu Käse, Polenta, Hausmannskost – für die hart arbeitende Bergbevölkerung. Wer nach diesem Mahl schlau ist, nimmt das Bike und tritt ein paar Höhenmeter zur Verdauung bergauf. Ich entscheide mich für einen der Ohnmacht ähnlichen Powernap im Shuttlebus und komme erst am Trail-Einstieg wieder zu mir.

Als eigenständigen Berg kann man die Corona dei Pinci nur schwer bezeichnen. Der bewaldete Mugel ist viel mehr ein Gratausläufer des mächtigen Monte Limidarios, der das Seeufer um gut 2000 Meter überragt. Zum Tummelplatz für Biker wird der Mugel durch seine Erreichbarkeit über die Fahrstraße – und durch seine Trails, die sich von hier oben in alle Richtungen gen Tal schlängeln. Pascal schlägt den "offiziellen" Bike-Trail ein, der mit diversen Schleifen grob Richtung Norden führt. Der Trail verläuft komplett durch dichten Bergwald. Doch der Untergrund lässt ohnehin wenig Raum für Kontemplation. Wurzelteppiche, Steinplatten, enge Kehren wechseln sich ab mit herrlich flüssig zu fahrenden Abschnitten. Dann fordern wieder hohe Steinstufen die volle Konzen­tration auf diesem alten Köhlerweg. Ab der Kreuzung dem Dörfchen Arcegno tauchen wir ein in ein wahres Labyrinth aus Trails. Willkommen im Feierabendrundenrevier der einheimischen Enduro-Locals! Zurück an der Strandpromenade von Ascona fallen wir in unserer Freeride-Kluft sofort auf. In diesem doch eher gediegenen Ambiente gehören Bergab-Biker offenbar noch lange nicht zum Straßenbild. Aber vielleicht entdecke ich in meinem Garten ja eine Ölquelle, dann siedle ich mich hier an.


Ralf Glaser

Ralf Glaser, BIKE Touren-Autor

Ralf Glaser, BIKE Touren-Autor:
Von einem Mountainbike-Run kann am Lago Maggiore noch lange keine Rede sein. Doch die wichtigsten Zutaten dafür sind vorhanden: See, Shuttle, Seilbahn – und vor allem: jede Menge Natur-Trails!


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Ralf Glaser am 12.01.2018
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