Reise-Reportage: Mont Damavand im Iran Reise-Reportage: Mont Damavand im Iran

Reise-Reportage: Mont Damavand im Iran

Mit dem Bike auf den höchsten Berg im Iran

Moritz Ablinger am 01.09.2017

Mount Damavand, 5671 Meter, der höchste freistehende Vulkan des Orients. Drei Österreichen wollen ihn mit dem Bike bezwingen, ohne die Gesetze des Irans zu verletzen. Ein Abenteuer der besonderen Art.

"Au! Spinnst du?!" Lukas reagiert auf meinen Schienbeintritt unangenehm laut. aber ein rügender Blick reicht, um ihn daran zu erinnern, dass wir den Frauen hier nicht in die Augen schauen dürfen.

Dafür starren uns jetzt die anderen Fahrgäste in der Teheraner U-Bahn an. Es dauert auch gar nicht lang, da habe ich eine Hand auf meiner Schulter: "Hey, where are you from?" Mir schießt Adrenalin durch den Körper. Etwas steif drehe ich mich um: Der Mann sieht Gott sei Dank nicht nach iranischer Sittenpolizei aus. Eher freundlich interessiert. Und während ich ihm erzähle, dass Lukas, Clemens und ich in ein paar Tagen den Mount Damavand mit dem Bike bezwingen wollen, schalten sich immer mehr Fahrgäste ins Gespräch ein. Als wir schließlich an unserer Station aussteigen, sind wir um etwa 20 Telefonnummern reicher. Für den Fall, dass wir Hilfe brauchen. Einige würden sich auch freuen, wenn wir zum Abendessen vorbeikämen.

Letzteres wird allerdings schwierig, da unser Zeitplan straff gesteckt ist. Der Mount Damavand ist ein freistehender Vulkan im Elbursgebirge und mit 5671 Metern der höchste Gipfel des Orients. Ein ganzes Jahr haben wir trainiert, miserable Karten gewälzt, im Internet nach Erfahrungsberichten gewühlt und Emails mit Teheraner Bikeshop-Besitzern ausgetauscht. Jetzt sind wir hier, und es fehlt nur noch die Akklimatisation. Dafür haben wir den knapp 4000 Meter hohen Tochal vor den Toren der Stadt ausgewählt. Der Berg hat nicht nur die perfekte Höhe. In seinen hochalpinen, sandigen Flanken soll es auch einen Lift und einen sensationell schönen Trail zurück nach Teheran geben. Doch als unser Taxi samt Bikes auf dem Dach auf den Seilbahnparkplatz rollt, stürzt uns ein aufgeregt mit den Armen fuchtelnder Aufseher entgegen. Nein, er will nicht verstehen, warum wir mit den Bikes in die Gondel steigen wollen. Außerdem ist heute Freitag, also Feiertag. Da seien zu viele Wanderer unterwegs, und deshalb dürften wir auch nicht die Schotterstraße hochkurbeln. Okay, keine Chance, winkt unser Taxifahrer ab. Er kenne da noch eine Alternativ-Route. Nach einer Stunde Kurverei um den Berg herum entlässt er uns am Eingang eines steilen Wanderwegs. Der soll auch zum Gipfelgrat des Tochals hinaufführen, aber wir werden wohl viel tragen müssen. Und das mit der gesamten Expeditionsausrüstung. So gerät unser Zeitplan schon während der Akklimatisationsphase gehörig ins Stocken.

Reise-Reportage: Mont Damavand im Iran

Die wilden Vulkanflanken des Mount Damavands. Wir warten noch auf die Genehmigung, den Berg besteigen zu dürfen.

Nach einer Nacht auf 2700 Metern Höhe erwache ich mit Neil Young im Ohr. Auch Lukas und Clemens recken verwirrt ihre Köpfe aus den Schlafsäcken. Vorsichtig zippen wir den Zelteingang auf und blicken direkt in einen tanzenden, fast zahnlosen, weißen Vollbart mit Hirtenhut und Wanderstock. Der Alte tippt etwas in sein mit Glasperlen besetztes Nokia-Handy, und schon schallt Eric Clapton über die wüstenähnliche Szenerie. "Eric Clapton – Godfather of Music!", ruft er in den noch verknitterten Morgenhimmel, dann schnappt er sich Lukis Bike und dreht ein paar wackelige Runden durch den Sand. Na, wenigstens kommen wir auf diese Weise früh los. Doch aus dem Zeiteinholen wird nichts. Auf dem noch langen Weg zum Gipfel treffen wir immer wieder Wanderer, die mindestens ein Foto mit den verrückten Bikern aus "Autriche" machen wollen. Als wir endlich in der merklich dünneren Luft des Gipfels stehen, müssen wir uns praktisch sofort in die Abfahrt stürzen. Für noch eine Nacht im Zelt fehlt uns der Proviant. Nach einer langen Kurbelei am Grat entlang, kippt der Trail talwärts und verleitet uns zum Gasgeben, doch auf dem steinigen Zickzack müssen wir ganz schön aufpassen. Bloß keinen Sturz hinlegen. Die warnenden Worte eines Hüttenwirtes am Vortag klingen uns noch im Ohr: "Hier ist die Nummer vom Rettungsdienst. Wenn Ihr Glück habt, könnt Ihr die im Notfall erreichen. Wenn Ihr richtig großes Glück habt, finden die Euch auch da draußen. Ein Gewinn in der Lotterie ist aber wahrscheinlicher …"

Der riskanteste Part des Tages folgt jedoch erst nach dieser Abfahrt, nämlich auf dem Weg zurück ins Hotel: Wir müssen einmal quer durch Teheran. Die einzige Regel im iranischen Straßenverkehr scheint zu lauten: Try to survive. So drängeln sich auf einer dreispurigen Hauptstraße auch schon mal fünf Autos nebeneinander in die nächste Ausfahrt. Da wird es für uns oft eng. Auf einmal legt vor uns ein Auto eine Vollbremsung hin, Warnblinker. Der Fahrer reißt die Tür auf und läuft uns entgegen. Aufgeregt, aber lachend und auf ein Foto in seinem Handy deutend. Er habe auch ein Mountainbike, ein Specialized-Hardtail! Und ob wir heute zu ihm zum Abendessen kommen wollen?

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Drei Tage später ist die Zeit für unser DamavandAbenteuer gekommen. Im rund 100 Kilometer von Teheran entfernten Dorf Rhiney verzurrt Agba unsere Bikes auf den Rücken der Maultiere und brummelt: "This year, the weather is not like usual!" Agba ist der Wirt auf der Hütte im ersten Lager auf 3000 Metern Höhe und muss es wissen. Ende der Woche soll eine Schlechtwetterfront aufziehen, und der Gipfel ist jetzt schon angezuckert. Also ändern wir unseren Plan und steigen einen Tag früher als geplant ins letzte Camp auf 4200 Meter auf. Wir spielen sogar mit dem Gedanken, nach nur einer Nacht den Gipfel in Angriff zu nehmen. Doch unterwegs treffen wir auf einen Höhenkranken. Röchelnd, mit blutunterlaufenen Augen und komplett benommen, schleppen ihn seine Begleiter auf einer Trage ins tiefer gelegene Camp hinunter. Das sitzt. Also errichten wir auf 5000 Metern Höhe nur ein Lager für unsere Bikes und steigen lieber noch mal für ein paar Tage auf 4200 Meter ab.

Als ich am Morgen unseres geplanten Gipfelsturms den Zelteingang öffne, rieseln mir Schneeflocken ins Gesicht. Die sonst braungraue Steinwüste hat sich und uns über Nacht eine weiße Decke übergelegt – und das Ende August. Keine Chance, wir müssen unsere Expedition abbrechen. Allerdings müssen wir auch noch unsere Bikes vom Berg holen. Mehrere Stunden stapfen wir durch den frischen Pulverschnee zur 5000-Meter-Marke hinauf. Von hier aus wären es "nur noch" 700 Höhenmeter bis zum Gipfel. Bergauf würde es vielleicht gehen, aber bergab müssten wir mit den Bikes alles schieben. Niedergeschlagen löffeln wir ein paar Stunden später Linseneintopf im Camp. Projekt Drachenberg nach all der ganzen Planung: gescheitert.

Reise-Reportage: Mont Damavand im Iran

Die Abfahrt vom 3964 Meter hohen Tochal bis nach Teheran dauert mehrere Stunden.

"It’s not possible to go to jungle. Too much rain!", meint Bikeshop-Besitzer Reza, zurück in Teheran. Wir hatten ihn von zu Hause aus kontaktiert. Er wollte uns nach dem Damavand die "besten Trails des Landes" zeigen. Aber das Pech klebt uns hartnäckig am Reifen: In Ramsar, einer Stadt am Kaspischen Meer, haben die Regenmassen sogar einen Friedhof mitgerissen. Leichen sollen dort nun im Meer und in der überfluteten Stadt treiben. Doch Reza scheint der Guru der Teheraner Bike-Szene zu sein. Es kostet ihn nur zwei Telefonate, und wir verbringen unsere letzten Tage mit der iranischen Downhill-Szene. Darunter auch der Iranische Meister Hossein Zanjanian. Wir erleben perfekt geshapte Kurven-Trails auf einem Stadthügel, gekochten Schafskopf zum Frühstück und lernen am Ende die krasseste Trainingsabfahrt der Stadt kennen. Vielleicht war dieses Erlebnis sogar noch besser als der Damavand.

Es scheint, als wollten hier alle, dass wir mit einem besonders gastfreundLichen Eindruck von diesem Land nach Europa zurückfliegen. 


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Moritz Ablinger am 01.09.2017
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