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Bike-Abenteuer Türkei: Schwarzmeerküste

Auf Trail-Suche an der türkischen Schwarzmeerküste

Dan Milner am 04.11.2016

Parallel zur türkischen Schwarzmeerküste verläuft das Pontische Gebirge. Ein bisher noch völlig unentdecktes Bike-Revier. Dan Milner begleitete ein deutsches Team auf seiner Trail-Suchmission.

Das rhythmische Tropfen der Schweißperlen wird zu meinem Taktgeber. Alle zehn Sekunden bildet sich eine neue Perle am Schild meines Helms. Sie verweilt dort ein wenig, schwillt an und lässt sich schließlich als satter Tropfen auf das Oberrohr meines Bikes fallen. Die Geschwindigkeit dieses Drip-drip-drips passt sich sogar meiner Trittfrequenz an. Wenn es steiler wird und ich einen Gang runterschalte, beeilen sich die Tropfen, mit meiner Trittfrequenz gleichzuziehen. Da meine Beine nun einen Schrittmacher haben, hat mein Kopf Zeit, über andere Dinge nachzudenken. Zum Beispiel darüber, warum man überhaupt mitten im Juli an die türkische Schwarzmeerküste zum Biken fährt.

Natürlich war mir klar, dass es heiß werden würde. Aber diese Trail-Suchaktion hat mich einfach neugierig gemacht. Sie seien auf der Suche nach einer Mehrtages-Tour durch bisher völlig unbekanntes Bike-­Terrain, erklärten mir die Jungs und Mädels des Bike-Veranstalters Inselhüpfen. Mit noch unentdeckten Singletrails. Das roch schon so nach Abenteuer, da konnte ich einfach nicht nein sagen.

"An der türkischen Schwarzmeerküste machen nur Türken und Ukrainer Urlaub. Das bedeutet, wir haben die Wanderpfade für uns allein. Blöd nur: Pfade, die nicht benutzt werden, verfallen leider schnell."

Also bin ich nun hier in diesem karstigen Mittelgebirge an der Südküste des Schwarzen Meeres und trete auf meinem 150-Millimeter-Enduro eine lange und sonnenausgesetzte Forststraße hoch. Zusammen mit einem türkischen Guide und sechs deutschen Trail-Suchern. Fünf Tage lang werde ich dieser Gruppe durch eine ziemlich schroffe Gegend folgen. Garantie auf eine Erfolgsgeschichte gibt es nicht. Aber schon auf der Anfahrt zum Startpunkt war ich guten Mutes.

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Endlich ein Trail im Küre-Nationalpark!

Wir verlassen Istanbul in einem Kleinbus gegen 6 Uhr morgens, um dem Verkehr und der großen Hitze zu entgehen. Sechs Autostunden östlich der Metropole hat unser türkischer Trailscout bereits einen perfekten Trail-Einstieg für die Tour ausfindig gemacht, und den steuern wir nun in unserem komfortablen, klimatisierten Kleinbus an. Neben mir sitzt Lars. Er hat seinen Laptop aufgeklappt und studiert den heutigen Trail-Abschnitt auf Google Earth. Dann zoomt er weiter raus und zeigt mir die gesamte geplante Route. "Und danach werden wir noch versuchen, im Küre-Nationalpark Trails zu finden." Dabei betont Lars das Wort "versuchen" und fügt hinzu: "Laut Karte sind jede Menge Trails vorhanden. Die Frage ist nur, ob sie auch fahrbar sind." Alles sieht nach einer bis ins Detail geplanten Trail-Hunting-Mission aus. Auf dem Display des Laptops kann ich Ordner voll mit GPS-Tracks und digitalen Karten sehen und sogar eine mobile 3G-Internet-Verbindung. Derweil zieht draußen am Fenster eine ländliche Gegend vorbei. Ich sehe Pferdewagen und Bauern, die ihr Getreide noch mit der Hand sensen.

Irgendwann stecken wir die sprichwörtliche große Zehe in das Trail-Gewirr der Schwarzmeer-Region, indem wir eine kleine Testrunde auf dem Bike drehen. Es geht auf einer staubigen, in der Hitze flimmernden Forststraße bergan und schließlich auf steinigen, losen Trail-Kurven wieder bergab. Direkt bis vor die Haustür eines Restaurants. Mittagessen! Völlig verschwitzt nehmen wir an einem Tisch Platz und sitzen bald vor einem Meer aus türkischen Gerichten. Ein vielversprechender Start und bestimmt nur ein Vorgeschmack auf das, was uns diese Berge noch alles bieten werden. Unsere Nachmittagsrunde startet später an einem Picknick-Platz. Von hier oben soll es eine Trail-Abfahrt in die Stadt Safranbolu geben. Etwa ein Duzend Picknicker sehen uns durch ihre dichten Grillrauchschwaden hindurch zu, wie wir im Waldrand nach einer Lücke suchen, sie aufspüren und dann wie eine bunte Raupe darin verschwinden.

Fotostrecke: Bike-Abenteuer Türkei: Pontisches Gebirge – Schwarzmeerküste

Piniennadeln knistern unter den Reifen und verströmen den Duft von 100 WC-Duftsteinen. Bald klettert der Trail wieder bergauf zu einem Aussichtspunkt, und von dort rollen wir gen Süden eine Abfahrt hinunter. Dabei schneidet der Trail eine offene Bergflanke mit gold-leuchtendem Gras, bevor er uns zum Eingang eines Canyons mit einem römischen Aquädukt führt. Unser türkischer Guide Ali verhandelt unseren Eintrittspreis für den Canyon, und nachdem wir die ersten Holzstufen respektvoll zu Fuß gegangen sind, bleiben uns noch acht Kilometer feinster Trail zum Fahren. Ich bin mir sicher, dass hier noch nie zuvor ein Mountainbike gerollt ist. Rhythmisch wellt sich der Pfad dahin, bis er uns auf einer gepflasterten Straße am Rande der Stadt Safranbolu ausspuckt.

Es ist fast dunkel, als wir ein uriges Holzhaus erreichen – unsere Unterkunft für heute Nacht. Wir klatschen uns ab und haben keine Ahnung, dass damit nun der beste Teil der gesamten Strecke bereits hinter uns liegt.

Nach dem Abendessen flanieren wir noch über den Basar der Stadt, nehmen einen türkischen Kaffee und probieren Ziegenmilcheis. Als Brücke zwischen Europa und Asien ist die Türkei ein elektrisierender Mix aus Alt und Neu, östlicher und westlicher Kultur. Da gibt es Moscheen neben Bars mit Bierausschank. An den Rückspiegeln der Autos baumeln Bilder von Staatsgründer Atatürk, die zu westlicher Popmusik wippen. Während die türkische Mittelmeerküste ein Hotspot für Strandtouristen ist und die Felstürme von Kappadokien ein Magnet für Biker, ist die Schwarzmeerküste auf dem westlichen Tourismusradar praktisch noch gar nicht aufgetaucht. Urlaub machen hier nur Türken und Ukrainer. Und das wiederum bedeutet: Wir werden auf den Berg-Trails entlang der Küste keine Wanderer antreffen. Doch gerade, als wir uns darüber freuen wollen, stellen wir fest: Wenn ein Trail nicht genutzt wird, dann holt ihn sich das Dickicht auch schnell wieder zurück.

"Für den Trail nach Amasra runter brauchen wir zwei Stunden – und sind total zerkratzt."

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Die Wege waren da...

Die nächsten zwei Tage bewegen wir uns auf einem unerbittlich ruppigen und glühend heißen Forstweg. Manchmal probieren wir auch zugewucherte Pfadabzweige – um uns danach das Blut von den verkratzten Armen zu wischen. Die Dornen sind echt fies. Das Einzige, was hier wirklich wunderschön ist, sind die Schwärme von Schmetterlingen, die wir regelmäßig aufscheuchen. In dem kleinen Dorf Catah parken wir unsere Bikes im Schatten eines Minaretts und kundschaften den nächsten Abschnitt nach Kunari erst mal zu Fuß aus. Diesmal stehen nämlich drei Canyon-Abfahrten zur Auswahl. Die Touristenkarte der Region zeigt eindeutig Wanderpfade an – doch wir entdecken im Gelände nichts, was danach aussieht. Später klettern wir mit den Bikes noch mal 800 Höhenmeter den Berg hinauf. Ein Pferdewagen ruckelt vor uns her. Seine Ladung: ein halbes Dutzend Kinder auf dem Weg zur Schule. Wir passieren Lehmhäuser mit Satelliten-Schüsseln. Autos aus den 80er-Jahren röhren vorbei. Ihre Fahrer sind Männer in weißen T-Shirts und aufpolierten Schuhen. Manchmal wirkt unsere Tour wirklich wie eine Zeitreise nach dem Zufallsprinzip.

An einem kleinen Straßenbasar nahe der Stadt Amasra halten wir an, um uns ein paar Haselnüsse zu kaufen. Dabei erblicken wir einen Trail, der bald in einem Wald verschwindet. Eine faltige Frau mit Kopftuch und schwerem Gemüsekorb auf dem krummen Rücken schiebt sich durchs Bild. Sie nickt kurz, ohne aufzuschauen: Ja, das sei der Fußweg nach Amasra hinunter. Unser nächster Etappenort! Natürlich schnappen wir nach diesem Köder. Zwei Stunden und 400 Tiefenmeter später erreichen wir Amasra tatsächlich. Schweißgebadet und blutend. Das war definitiv der zugewachsenste Trail, den ich je mit dem Bike versucht habe.

Leider werden die nächsten zwei Tage nicht viel besser. Es gibt zwar in all dem Frust zwischendurch auch mal eine angenehme Trail-Überraschung, aber es sind die sprichwörtlichen Tropfen auf dem heißen Stein. Unsere letzte, große Hoffnung setzen wir daher in den Küre-Nationalpark. Seine 370 Quadratkilometer große Fläche muss einfach Trail-Qualitäten haben. Lars wringt zur Sicherheit noch mal Google Earth aus, durchforstet die GPS-Portale und schaut beim Abendessen gar nicht mehr von seinen Papierkarten auf. Eine dieser Karten wirkt sehr aktuell und verspricht ganz klar nummerierte Wanderwege.

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Leben am Meer: Wegen seiner Sedimente schimmert das Wasser des Schwarzen Meeres dunkel. Daher auch sein Name. 

Am nächsten Morgen starten wir in Sahin, am westlichen Ende des Nationalparks. Diesmal splitten wir uns in drei Gruppen auf. Das erhöht die Chance, dass wenigstens ein Team mit einem brauchbaren Trail im GPS-Gerät zurückkehrt. Doch die Ausbeute ist wieder mau. Es ist zum Verzweifeln. Da habe ich mein Bike schon über die unwegsamsten Pässe Indiens geschultert und auch schon durch den Schnee Afghanistans gezerrt – am Ende gab es immer eine Belohnung in Form eines genialen Singletrails. Doch diesmal ist es anders. In 30 Jahren bewege ich mich hier zum ersten Mal in einer fast völlig Trail-freien Zone.

Trotzdem ist die Stimmung beim abschließenden Abendessen an der Promenade von Cide nicht schlecht. Klar, die Tour kann man so nicht anbieten. In den fünf Bike-Tagen haben wir insgesamt gerade mal 20 Kilometer Trail entdeckt. Aber interessant war es dennoch. Vor allem der Einblick in die Arbeit eines Veranstalters hat mich beeindruckt. Wie viel Willen und Einsatz doch nötig ist, um seinen Kunden eine neue Tour zu präsentieren. Ich nehme einen Schluck von meinem Bier und blicke in die Abendsonne, die gerade im Meer versinkt: Also das wäre wirklich kein Job für mich.

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Dan Milner am 04.11.2016
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