Mountainbiken auf hochalpinen Trails in der Toskana Mountainbiken auf hochalpinen Trails in der Toskana

Mountainbiken auf hochalpinen Trails in der Toskana

MTB Entdeckungstour durch Apennin und Apuanische Alpen

Harald Philipp am 05.12.2017

Bike-Bergsteiger Harald Philipp reiste nicht in die Toskana, um dort Zypressen-Alleen entlangzucruisen. Er hat die unbekannte, hochalpine Seite der Region ausgesucht: Eine Entdeckungstour...

Der erste Stein drückt sich in mein rechtes Schulterblatt. Als nächstes ist die Hüfte dran. Diese Reihenfolge kenne ich schon. Die Luftmatratze entleert sich jetzt, bis ich komplett im Geröll liege.

Beim Kontakt mit dem messerscharfen Marmorgestein muss sich das ver­dammte Ding aufgeschlitzt haben und ich finde das Loch im Dunkeln nicht. Stefan schnarcht neben mir. Mein Fluchen weckt ihn nicht auf, also puste ich die Isomatte zum vierten Mal auf.

So habe ich mir die Toskana nicht vorgestellt. Ich hatte dieses typische Bild von sanften Hügeln mit Herrenhäusern, Mohnwiesen und Zypressenbäumen im Kopf. Eine Landschaft so weich wie ein Himmelbett. Aber das hier ist anders. Auf solch spitzen Steinen habe ich im Hochgebirge noch nie biwakieren müssen. Schon fängt es wieder an, am Schulterblatt zu drücken. Stefan grunzt zufrieden im Schlaf. Ich gebe auf, wurschtel mich aus dem Schlafsack und verlasse dieses Folterbett! Ein Stück weiter unterhalb haben sich Richard und Sandra den einzigen, halbwegs ebenen Platz mit Waldboden gesichert. Sandra schreckt sofort auf. Richard witzelt verschlafen: "Das ist nur Harald. Er will wahrscheinlich kuscheln!" Die beiden rutschen zusammen und machen mir Platz. Kurz drauf schnarcht Richard noch lauter als Stefan und ich spüre bereits die ersten Kastanien durch meine schlappe Isomatte.

Fotostrecke: Toskana: MTB Entdeckungstour durch Apennin und Apuanische Alpen

Richard habe ich vor fünf Jahren im Valle Argentina kennengelernt. Der große Brite hat dort als Guide gearbeitet und mir seinen damaligen Lieblings-Trail gezeigt, einen verspielten Gratweg.

"Ridgeline-Trails are the best!" betonte er immer wieder und schoss uneinholbar talwärts. Und das, obwohl er das Mountainbiken an sich erst als Guide gelernt hat. Ähnlich zufällig begegnete er seiner Freundin Sandra: Sie kam einst als einzige weib­liche Teilnehmerin einer Bike-Gruppe ins Valle Argentina und erhielt daher besondere Aufmerksamkeit von Rich. Es dauerte nicht lange, bis sie beschlossen, Jobs und Heimat aufzugeben und gemeinsam eine völlig neue Bike-Region zu erschließen. Ihre Wahl fiel schließlich auf die Garfagnana. Eine vom Bike-Tourismus noch unberührte Gebirgslandschaft zwischen den Steilwänden der Apuanischen Alpen und den sanfteren Ausläufern des Apennin. Ich müsse sie unbedingt mal in Castelnuovo besuchen kommen, schrieb Rich in einer Mail. Die Gegend sei genau mein Stil: Gipfelbiken, Achterbahn-Trails und überall Gratwege!" Da habe ich natürlich nicht lange überlegt – und jetzt liege ich hier schlaflos auf diesem unbequemen Berg.

Der Sonnenaufgang bringt endlich Erlösung für mich. Erst jetzt sehe ich, auf was für einem exponierten Gipfel wir die Nacht verbracht haben. Steile Bergflanken der Apuanischen Alpen umzingeln uns, nur gen Westen nicht, da gleitet der Blick übers Mittelmeer. Schaut man dagegen ins Tal hinunter, sieht das Gebirge aus wie ein Gebiss mit Karies. Seit Jahrhunderten wird an diesen Bergflanken wertvollster Marmor abgebaut. Die brutalen Steinbrüche leuchten weiß zu uns herauf. Ich könnte mir diesen Kontrast aus Bergbauindustrie, unzugänglichen Steilwänden und Mittelmeerblick eine Ewigkeit anschauen, aber die anderen drei sind ausgeschlafen und strotzen jetzt vor Energie.

Mountainbiken auf hochalpinen Trails in der Toskana

Biwakieren auf scharfkantigem Marmor-Gestein hat seine Schattenseiten, aber wenn die Sonne schon wieder zu schnell untergegangen ist, hat man oft keine Wahl.

Auch in der Abfahrt zeigt das Gestein seine Zähne. Der steile Bergpfad erlaubt keinen einzigen unachtsamen Moment und erschreckt uns mit unvorhersehbaren Felsabsätzen und Blockpassagen. Ein bisschen wie zu Hause im Karwendel. Ich muss schon sehr präzise durch die scharfkantigen Felsen zirkeln. Richard versucht es mit "Straight-lines" und hat damit manchmal auch Erfolg. Mir gefallen solche steilen Bastelwege ja, aber unter "Achterbahn-Trails" stelle auch ich mir etwas anderes vor. Als hätte er meine Gedanken gelesen, grinst Richard: "Warte, gleich geht’s los!" Kurz da­rauf nehmen wir einen unscheinbaren Abzweig und Richards Prognose trifft zu. Obwohl das Gelände alpin bleibt, ist der Trail plötzlich viel netter zu uns: Zwischen den Felsblöcken überraschen nun auch kurze Rhythmussektionen und saubere Ideal­linien. Stefan schießt an uns vorbei – als ehemaliger Worldcup-Downhiller ist er hier genau in seinem Element. Erstaunlich, wie viel geschmeidiger dieser Trail doch ist als der vorherige – obwohl er fast gleich aussieht. "Da stecken ja auch zwei Wochen harte Arbeit drin!" triumphiert Richard. Mit Laubbläser, Motorsäge und Machete habe er sich täglich zehn Stunden durch diesen verfallenen Trail gekämpft. Das Resultat: ein völlig natürlich wirkender, aber gut fahrbarer Gebirgspfad. "Sexy-Thai-Cat" heißt der kurvige Trail nun, nach Sandras Katze benannt. Das sei nämlich auch so ein Biest. Mit bunten Übertreibungen schildert er seinen Kampf gegen das erbarmungslose Dornengestrüpp. Richard mag Heldengeschichten. Und heldenhafte Versagens­geschichten gleichermaßen. Einmal musste Sandra ihn abholen, weil er vom Gewitter überrascht wurde und auch noch seinen Autoschlüssel verloren hatte. Warum er schlussendlich mit der Machete tanzend und splitternackt von Sandra aufgesammelt wurde – das erzählt er einem am besten selbst.

Im Tal angekommen shutteln wir wieder hinauf zur Ceragetta-Hütte. Wie ein Adlerhorst klebt das Gasthaus an der Bergflanke und das Essen ist gewaltig. Eigentlich wollten wir von hier oben den nächsten Trail abfahren, doch auf einmal stand da dieser Hausschnaps auf dem Tisch: "Niente" heißt der, und das bedeutet eigentlich "nichts". Doch er schmeckt pappsüß nach Kirsche und macht wahnsinnig schnell betrunken. Also lassen wir die Bikes am Ende lieber auf dem Anhänger und fahren mit dem Shuttle wieder ins Tal. Unterwegs zeigt Richard alle paar Kilometer in die Landschaft. "Spider-mountain" hat er diesen Hang getauft, weil sein selbstgeschaffenes Trailnetzwerk wie Spinnenbeine in alle Richtungen vom Berg hinunter führen. Ich freue mich auf die nächsten Tage. Stefan schläft neben mir auf der Rückbank.

Mountainbiken auf hochalpinen Trails in der Toskana

Teamarbeit: Trailpflege 

Nach eineinhalb Jahren in der Garfagnana hat Richard über 30 Trails freigeschnitten, reaktiviert und neu gebaut. Während wir im deutschsprachigen Raum per Gesetz meist nicht mal die Wege fahren dürfen, die es schon gibt, scheint es hier für Mountainbiker absolute Freiheit zu geben. Doch ganz so einfach ist es nicht. In Italien sind es weniger die Gesetze, die die Dinge regeln, sondern die Mikropolitik. Man muss genau wissen, wer die wichtigen Leute des Tales sind und wen man fragt. Ohne Fingerspitzengefühl und gute Italienischkenntnisse geht hier auch nichts. Sandra hat nach Langenscheidt gelernt und bringt dem Autodidakten Richard nun korrektes Italienisch bei. Obwohl der sich eigentlich auch mit "Yoda-Grammatik" gut verständigt, meint er.

Am nächsten Morgen fährt Sandra den Bus, alle anderen sind noch verkatert. Es geht heute in den gegen­überliegenden Apennin. Obwohl dieses Gebirge deutlich höher ist als die Apuanischen Alpen, wirkt es aus dem Tal betrachtet deutlich sanftmütiger. Umso überraschter bin ich, als unsere Tour zum Einstieg direkt mit einem ausgesetzten Gratweg über der Waldgrenze beginnt. Dieser Pfad zweigt von einem Hauptweg ab, der sich auf 2000 Meter Höhe über die gesamte Gebirgskette, also praktisch den ganzen italienischen Stiefel entlang zieht. Doch uns zieht es jetzt gen Osten und zwar direkt talwärts. Es dauert nicht lange, bis wir die scharf umrissene Waldgrenze entern und durch einen lichten Birkenwald gleiten. Ein Rausch, der erst vor der Tür der Battisti-Hütte endet. Nach dem Mittagessen fahren wir ein Stück hinauf zum Monte Cusna, kommen aber nicht weit: Ein sandiger Spielplatz mit vielen kleinen Freeride-Lines drängt sich in unseren Tagesplan. Als dann noch goldenes Abendlicht und eine gewaltige Fernsicht bis zum Matterhorn dazu kommen, ist schnell klar: Wir bleiben heute Nacht in der Battisti-Hütte. Eine gute Entscheidung, denn kaum sitzen wir beim Essen, heult bereits ein fieser kalter Wind ums Haus.

Der Sturm ist über Nacht stärker geworden. Beim morgendlichen Anstieg zum Gipfel des Monte Cusna freuen wir uns noch über den kräftigen Schub von hinten. Doch oben angekommen, packt uns der Wind von der Seite, und wenn man beim Geradeausfahren schon richtig Schräglage hat, gibt es nur eine Kurvenrichtung, die funktioniert. Das macht die rumpelige Geröll-Abfahrt nicht leichter. Trotzdem besteht Richard darauf, dass wir unten noch mal in einen uralten Sessellift steigen. In Österreich würde bei solchen Sturmböen keine Bahn mehr laufen, aber wir überleben und schlagen oben wieder einen von Richards geliebten Gratwegen ein. 1800 Höhenmeter Abfahrtsrausch von aussichtsreich über pfeilschnell und grob bis hin zu kreativ-verspielt. Ein Traum. Zumindest, solange wir es bis zum Sonnenuntergang zurück ins Tal schaffen. Der Untergrund wäre sicher ein übler Luftmatratzenkiller. 


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Harald Philipp am 05.12.2017
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