Italien: MTB Touren im Aostatal Italien: MTB Touren im Aostatal

Italien: MTB Touren im Aostatal

Gigantenrunde auf dem Mountainbike im Aostatal

Holger Meyer am 02.06.2017

Der Mont Fallère ist der Hausberg im Tal. Um ihn herum türmen sich die Eckpfeiler der Westalpen. Wer den Fallère in zwei Tagen umrundet, gerät mächtig ins Schwitzen und in einen wahren Abfahrtsrausch.

MAN MUSS SICH DAS SO VORSTELLEN: IN AOSTA IST MAN UMRINGT VON BERGEN, DIE 2000 METER HÖHER SIND ALS UNSERE ZUGSPITZE – UND ES RIECHT NACH KÄSE.

Fontina gibt es im Aostatal praktisch an jeder Straßenecke – in der Käserei am Stück und im Restaurant serviert mit Crêpes, Nudeln oder Kartoffeln. Der nussigwürzige Almkäse scheint eine Art Grundnahrungsmittel für die Valdostaner zu sein. Selbst durch die Gassen der Hauptstadt Aosta weht immer ein Hauch von frischer Kuhmilch und Heu. Gesprochen wird hier überwiegend Italienisch, aber auch Französisch. Das Tal gehört ja noch zu Italien, liegt aber von der französischen Grenze nur ein paar Pedalumdrehungen entfernt. Doch zum Piemont, wie viele meinen, gehört es nicht. Die Bewohner des Aostatals sind stolz auf den autonomen Status inklusive bestimmter Eigenheiten. So müssen Abiturienten zum Beispiel ihre Prüfungen in Italienisch und Französisch ablegen.

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Umso mehr wundert es Karen, Mattias und mich jedes Mal, dass Bubba so gut Englisch spricht. Bubba ist natürlich nur sein Spitzname. Eigentlich heißt unser Guide Massimo und war mal Snowboard-Profi. Ohne Englisch wäre er auf seinen Worldcup-Reisen wohl aufgeschmissen gewesen. Heute verdient er sein Geld mit einem Skateboard-Shop und hat zusammen mit seinem Kumpel Fabrizio zusätzlich noch die Firma "Aosta Valley Freeride" gegründet. Um Bikern endlich die wahren Schätze seiner Heimat zu zeigen.

"Es ist doch verrückt: Wir haben hier die großartigste Bergkulisse der Alpen, und kaum jemand kennt unsere Trails!" Bubba schaut verständnislos, als er das erzählt. Wir sind dagegen ganz froh, dass wir die Trails hier praktisch für uns haben. Schon öfter haben wir uns von Bubba und Fabrizio durch ihre Heimat führen lassen. Und die Liste der großen Gipfel ist lang. Im Westen thront seine Majestät, der Mont Blanc. Im Norden residieren Monte Rosa und Grand Combin. Und im Süden blitzen die Eisflanken des Gran Paradisos in den Himmel. Doch das sind nur die berühmten Eckpfeiler dieser Kulisse. Verbunden sind sie mit Vier- und Dreitausendern, die das Tal wie Girlanden umranken. Mit dem Bike kratzt man auf den Pässen schnell mal an der 3000-Meter-Marke. Und einen von diesen Übergängen, den 2484 Meter hohen Col Citrin, haben wir uns gerade eben in die Beine gepumpt.

Wir umrunden dieses Mal den Mont Fallère. Der 3061 Meter hohe Berg ragt südwestlich des Großen St. Bernhards auf und ist so etwas wie der Hausberg von Aosta, weil man von seinem Gipfel aus die prächtigste Aussicht über die Westalpen genießt. Mit dem Bike kommen wir da zwar nicht hinauf, aber in zwei Tagen drum herum.

"Was eh schöner ist, weil da die Trails besser sind", grinste Bubba, als er uns heute Morgen vom Hotel abholte. Die ersten 1000 Höhenmeter der Tour vergingen dank Shuttle-Service noch wie im Fluge. Ab dem kleinen Bergort Vens mussten wir selbst kurbeln. Eine feine Pfadspur führte gleich hinterm Ort als Höhenweg in den Talgrund, bis sie auf eine Schotterstraße traf. Gut 800 Höhenmeter krochen wir auf ihr bergauf, während die Sonne nur so auf unsere Helme niederbrannte. Die letzten 350 Höhenmeter mussten wir die Bikes schließlich einen Bergpfad hochschleppen. Dann war der Col Citrin endlich geschafft.

"Diesen speziellen Blick auf Grand Combin und Monte Rosa gibt es nur von hier aus!", schwärmt Bubba. Ihn scheint der Anstieg nichts ausgemacht zu haben. Er ist diese Art Uphill gewöhnt. Denn so läuft es im Aostatal: Die Touren fangen immer ganz gemütlich mit einer Shuttle-Fahrt an. Dann kurvt man auf Schotterwegen weiter ins Hochalpine, bis es steigungsmäßig nicht mehr geht. Die letzten paar Hundert Höhenmeter muss man das Bike dann zum Pass hinaufbuckeln. Doch der Lohn der Mühe ist es wert: Trail-Abfahrten mit bis zu 2500 Tiefenmeter und gigantische Aussichten. Gerade lugen sogar die Gletscherflanken des Mont Blancs aus einer Wolkendecke hervor. Doch Bubba gönnt uns nur eine kurze Pause. Schließlich wartet eine seiner Lieblingsabfahrten. Wir rollen durch karges, einsames Gelände, das einer Mondlandschaft ähnelt. Ein paar Bergziegen blicken verdutzt auf, als wir an ihnen vorbei durch die Spitzkehren zirkeln. Die engen Kurven gehen nur so ineinander über. Dann gleiten wir durch Almwiesen dahin. Im darauf folgenden Lärchenwald wartet nicht etwa sanfter Waldboden, sondern ein Hinderniskurs aus melonengroßen Felswackern. Wer hier den Lenker nicht festhält, wird unweigerlich abgeworfen. Es dauert eine Weile, bis man sich an das Geholpere gewöhnt hat, doch dann macht die Abfahrt bis nach Etroubles hinunter Spaß. In dem Ort am Fuße des Grand St. Bernards steuern wir ein Restaurant an. Eine Stärkung kommt jetzt gerade recht, und ich könnte mir vorstellen, es gibt etwas mit Fontina.

Italien: MTB Touren im Aostatal

Auf dem Dach der Alpen läuft das so: Die Trails entlang der Gebirgskämme sind sensationell flowig. 

Die letzten 600 Höhenmeter des Tages sammeln wir gemächlich auf einer Schotterstraße ein. Die Stimmung ist gut, nur der Fontina liegt etwas schwer im Magen. Umso glücklicher sind wir, als das Rifugio Chaligne endlich ins Sichtfeld rückt. Die Hütte mit Schieferdach ist frisch renoviert und hat sogar eine Sauna. Auch die Küche ist hervorragend: Morcetta, eine Art getrocknetes Fleisch, wird als Vorspeise gereicht – und natürlich Fontina. Diesmal allerdings aus eigener Produktion auf der Alm. Was den Unterschied mache, könnten wir uns morgen Früh selbst anschauen, bietet der Hüttenwirt an. Da werde der nächste Käse angesetzt. Als wir um fünf Uhr morgens reichlich verschlafen in die Käserei schlurfen, wird hier schon eifrig hantiert. Ein großer Topf Milch blubbert über dem Feuer. Zwei junge Rumänen schöpfen den Rahm ab. Am Ende wiegt so ein fertiger Laib Rohmilchkäse acht bis zwölf Kilo, und davon sind hier einige in den Regalen gestapelt. Jeden Tag müssen diese Brummer gewendet und mit Salzlake abgerieben werden. Bestimmt ein harter Job. Und was macht den Käse von der Alm jetzt so besonders? Es seien die Almkräuter, die die Kühe hier oben den ganzen Tag futtern, verrät der Hüttenwirt. Der Alpkäse schmecke dann viel gehaltvoller und würziger. Dafür sei der Fontina vom Berg natürlich auch teurer. Ein ganzer Laib koste um die 180 Euro.

Als wir mittags auf der Punta Chaligne unsere Bikes von der Schulter werfen, hat unser Guide bereits ein Picknick unterm Gipfelkreuz ausgebreitet. Sogar an eine Flasche Wein hat er gedacht, denn: Es gibt etwas zu feiern. Von hier oben geht es bis ins Aostatal nur noch bergab. Fast 2000 Höhenmeter am Stück. Gerade mal handbreit zieht sich das Trail-Band um die Bergflanke. Der Blick auf die Grivola-Spitze lenkt von den kleinen Gegenanstiegen ab, die den Speed-Rausch immer mal wieder abwürgen. Dann geht es richtig runter. Je steiler das Gelände, desto schneller der Untergrundwechsel. Oben noch hochalpin, dann Wald- und Nadelboden, und plötzlich harter Stein und verblockte Passagen wie am Gardasee. Unterwegs passieren wir kleine Ortschaften und Weiler – das beruhigt Federung und Bremse ein wenig – doch hinter den Häusern fädeln wir direkt wieder ein in den Trail. Auf den letzten Höhenmetern trudeln wir auf alten, gepflasterten Pfaden aus. Zwei Tage Aosta-Trails kommen uns vor wie eine ganze Woche. Und man glaubt es ja nicht, aber zum Aperol Spritz in der Altstadt von Aosta schmeckt auch der Fontina schon wieder.

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Holger Meyer am 02.06.2017
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