Italien: Mountainbike Revierguide Livigno Italien: Mountainbike Revierguide Livigno

Italien: Mountainbike Revierguide Livigno

Die schönsten MTB-Touren in Livigno

Gitta Beimfohr am 10.08.2017

Umzingelt von Passo- und Piz-Paraden empfängt Livigno winters wie sommers Freerider. Duty Free-Shopper freuen sich über Sprit und Schnaps, Flow-Freunde über ein gigantisches Pfadnetz im Hauptkamm.

Auf der langen Schlangenfahrt durch die engen Graubündner Täler schraubt sich unsere Erwartungshaltung nach oben. Livigno sollte mal lieber halten, was es verspricht.


Im Download-Bereich unterhalb dieses Artikels können Sie die GPS-Daten der in BIKE 3/2017 beschriebenen Livigno-Touren kostenlos herunterladen.


Buon gusto, trails perfetti und billig tabacco. Auch wenn wir nicht rauchen, bei so einer Anreise geht es ums Prinzip. Einen einfachen Zugang zu Livigno gibt es nämlich nicht. Umzingelt von Zwei- und Dreitausendern kuschelt sich der Ort in seine italienisch-schweizerische Kuhle zwischen Stilfserjoch und Berninapass. In das Hochtal gelangte man früher nur über zwei Pässe. Über die Schneemonate war man hier sogar komplett von der restlichen Welt abgeschnitten – bis 1952 der Pass von Bormio auch im Winter befahrbar wurde. Doch so richtig zugänglich wurde Livigno erst 1968 durch den Munt-la-Schera-Tunnel, vor dem wir nun stehen und auf Einlass warten. Dieser Stollen inmitten des Svizzer Parc Naziunal war einst der wortwörtliche Durchbruch für das isolierte Livigno. Was die Schweizer hier in den Berg geklopft haben, ist nämlich ein Stollen, der nur einspurig befahrbar ist und die Autos im 15-Minuten-Takt abwechselnd hinein- oder herauslässt. Die Fahrt durch die schmale Röhre ist ein Erlebnis, das unsere Laune deutlich hebt und Vorfreude weckt. Unser erster Eindruck von Livigno ist so etwas wie ein kultiger Singletrack ins "Land of the Freerider". Wie passend.

Auf der anderen Seite begrüßt uns mit einem Strahlen der Lago di Livigno, und wir strahlen zurück. Eine weite Hochebene breitet sich vor uns aus, die nicht viel gemein hat mit den steilen Bergflanken, die uns in der Schweiz noch so nahe gerückt sind. Wir entspannen uns und grinsen beim Blick auf die Tankstellenpreise. Benvenuto a Livigno, paradiso dello shopping. Napoleon hat den Ort 1805 zur zollfreien Zone erklärt, damit die paar Einwohner wenigstens einigermaßen überleben konnten. Heute können die inzwischen 6500 Livigner bestens von der Steuerbefreiung leben. Von Alkohol bis Zigaretten wird gekauft, was der Grenzbeamte noch durchwinkt. 364 Tage im Jahr – nur an Heiligabend sind die Läden geschlossen. Doch uns interessiert die Wegefreiheit mehr als die Zollfreiheit. Schön, dass der Rubel rollt, aber rollende Räder gefallen uns eben noch deutlich besser.

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Auf dem Rollercoaster-Ride kann man abheben und dabei einen Sprung in den Lago di Livigno vortäuschen.

Und es wird gerollt in Livigno! Zig Biker sind unterwegs. Die Federwegsfraktion zieht es zum Bikepark von Mottolino linkerhand, die Freunde des Flows auf die gegenüberliegende Seite zum Skigebiet Carosello 3000. Dazu kommen massig Touren-Runden, die Grenzen überschreiten und samt Trails absolut legal befahrbar sind. Un misto ideale. Eine gute Mischung ist auch unser Guide Nicola Giacomelli: italienischer Charme, Südtiroler Akzent, Schweizer Zuverlässigkeit. Nico kennt alle Seiten des Bike-Reviers Livigno und will sie uns alle zeigen.

Zum Auftakt steigen wir in die Gondeln von Mottolino, obwohl wir kein Downhill-Geschirr für Black Eye, DH WC oder SIC LINE angelegt haben. Aber Nico weiß offensichtlich, was er tut. Er will uns über den Bikepark hinaus führen. Denn: "Da oben gibt es auch entspanntes Trail-Material", erklärt er und prompt starten wir mit dem Flowtrack, den Hans Rey bereits 2005 hier angelegt hat. Schnell geht es aber weiter in Richtung Valle Delle Mine. So schmalspurig, wie uns Livigno begrüßt hat, geht es am Berg weiter. Der Natur-Trail zieht sich in das Seitental, will gar nicht mehr aufhören – und nur immer noch schöner werden. Wir zirkeln um Bäume, rauschen an einem idyllischen Bach entlang. Als wir unsere Sättel schließlich für den Anstieg Richtung Forcola wieder nach oben schnalzen lassen, überlegen wir, ob das womöglich einer der schönsten Trails war, den wir je gefahren sind. Nico schmunzelt, zuckt mit einer Augenbraue und murmelt: "Abwarten."

Der steile Schluss-Stich auf den Scheitel des Passo Forcola lässt uns etwas leiden. Doch so richtig leid können einem die Schweizer tun. Wir sind wohl kaum die einzigen, die noch auf der italienischen Seite in der Foresteria 2315 einkehren. In Livigno sitzen die Euros locker, während man an Franken erst gar nicht gedacht hat. Dazu kommt, dass sich die Foresteria, die von außen wie eine klassische, plastikbestuhlte Passo-Schenke wirkt, als cooles Café mit hervorragender Küche entpuppt. Die Einstellung von Nicola, eine Tour ohne richtige Einkehr sei tabu, kommt uns sehr entgegen. Als wir schließlich aufbrechen, überlegen wir, ob das der womöglich längste Kurzstopp unseres Lebens war. Nico zuckt wieder vielsagend mit der Augenbraue.

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Der Val-Minor-Trail startet direkt auf der gegenüberliegenden Straßenseite in die Schweiz hinein, ist aber alles andere als eine Grenzerfahrung. Hochalpin in Sachen grandioser Aussicht, aber kein bisschen ruppig, ausgesetzt oder bedrohlich. Die Luft ist dünn, die Landschaft spektakulär. Wir sind umgeben von einer einzigen Piz-Parade. Was eigentlich der Plural von Piz sei, wollen wir von Nico wissen. "Pizza!" antwortet er, duckt sich aber vor seinem eigenen Scherz und zieht auf dem nun folgenden Auf und Ab Richtung Ospizio Bernina davon. Die Bahnstation auf dem gleichnamigen Pass stellt den Höhepunkt des Bernina-Express’ dar, der hier seit 1910 die Alpen traversiert und inzwischen zum UNESCO-Weltkulturerbe gehört. Für uns geht es hier weiter mit dem Sammeln von feinen Trail-Kilometern. Wir queren die Bahntrasse, umrunden den See am Pass, rollen am Fuße des Palü-Gletschers entlang, finden entlang der berühmten Gleis-Serpentinen den ersten technisch fordernden Abschnitt der Tour und rollen schließlich mit randvoll erfülltem Biker-Herz in das kleine Örtchen Poschiavo. Was war das denn, bitte? Nico grinst und wirft sein Bike auf das schon wartende Shuttle. "Das war ein geiler Ride", sagt er. Ja, so sehen wir das auch.

Neuer Tag, neue Seite. Nach der langen gestrigen Tour wird heute viel geliftelt. Klingt entspannt, wäre da nicht Nicos Plan, uns so ziemlich alle Trails von Carosello 3000 zu zeigen. Die Ziele hat man hier hoch gesteckt. Das Trail-Netz "Tutti Frutti" steht kurz vor der Vollendung: 45 Kilometer und 3800 Tiefenmeter auf naturbelassenen Pfaden und frisch geshapten Lines. Und Nico will mit uns den fast kompletten Obstkorb abfahren. "Die Schmankerl sind schon alle da. Wir fahren viele Frutti heute. Banane, Ananas, Melone, Blaubeeren." Wir werden also satt werden? Er lacht: "Ja, dafür werde ich schon sorgen." Wir haben keine Zweifel. Mit Gusto kennt sich Nico schließlich aus. Und so lassen wir uns mit der Bahn in die Höhe tragen, um auf Hans Reys vier Kilometer langer Spaßbahn, dem Rollercoaster, wieder bergab zu surfen. Wir reiten die Wellen mit wunderschönem Lago-Blick, bevor wir in den Wald abtauchen, um dort weite Kurven zu ziehen. Wieder oben beginnt das Spiel aufs Neue: Hairy Cow, Blueberry, Hutr, Coast 2 Coast – ein saftiges Flow-Früchtchen reiht sich an das andere.

Stunden später haben wir uns einiges an Kilo- und Tiefenmetern angefuttert. "Zeit für die Rückseite", meint Nico beim abschließenden Espresso in der Gipfelstation – wo nicht Frittierfett, sondern Caffè und Crema die Luft bestäuben. Danach führt uns Nico über den Scheitel des Carosellos, und auf einmal sehen wir nichts mehr von Leuten, Lines und Liftanlagen. Stattdessen fahren wir auf einem Natur-Trail in das wilde, einsame Tal hinab zur Agriturismo Federia. Idylle pur: Auf dem flachen Dach der Stein-Alpe meckert die Ziege, die Katze streicht um die Beine, und die piatti tipici schmecken sensationell. Rund und glücklich rollen wir durch das Tal zurück nach Livigno, vorbei an den alten Häusern mit ihren sonnenverbrannten Holzfronten.

Eine ganz andere Front trifft uns schließlich in Livigno wieder. Beim Abschlussgetränk mitten im Ort wuselt der Mix aus Freeridern und Duty-free-Ridern um uns herum. Bei manchen baumelt der Vollvisierhelm am Unterarm, bei anderen knautschen sich die Henkel praller Armani-, Moncler- und Sigarette-Tüten in den Händen. Jeder nach seinem Gusto eben. Passenderweise sitzen wir auf der Terrasse eines Cafés, das "So What?" heißt.

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Die hübschen Stein- und Holzhäuser von Livigno beherbergen zum größten Teil Duty-free-Shops. Die Fassaden zieren üppige Geranien und noch üppigere Logos. 364 Tage im Jahr wird hier geshoppt und getankt, was der Grenzbeamte so gerade noch durchwinkt. 

Nicola hatte sich zum Ziel gesetzt, uns Livigno von allen Seiten zu zeigen. Es fehlt noch der Süden. Und so lassen wir uns am nächsten Tag durch den Munt-la-Schera-Tunnel zurück auf die Schweizer Seite zum Ofenpass hinaufshutteln. Wieder geht es am höchsten Punkt direkt in einen Trail. Das fängt ja schon wieder gut an. Doch wir wurden vor den steilen Stichen gewarnt, die uns heute auf dem Weg Richtung Passo Gallo und Passo Trela noch fordern würden. Der erste lässt nicht lange auf sich warten. Wir schieben, Nico tritt schnaufend weiter, Biker mit E-Antrieb ziehen höflich grüßend an uns vorbei. Nach 200 harten Höhenmetern öffnet sich schließlich eine weite Hochebene. Die Landschaft präsentiert sich wieder ganz anders als die Tage zuvor. Über weiche Wiesen pedalieren wir Richtung Passo Gallo. Und wie einige Tage zuvor, nur deutlich weiter unten, begrüßt uns erneut der Lago di Livigno mit seinem Strahlen auf der italienischen Seite. Es folgt eine Trail-Abfahrt mit Blick ins Türkis, die nur von einigen Spitzkehren und Foto-Stopps ausgebremst wird. Der See begleitet uns noch eine Weile auf dem Weg immer tiefer hinein ins Tal. Um die Superlative vom ersten Tag aufzugreifen, erklären wir die Tour zum wohl abwechslungsreichsten All-Mountain-Klassiker, den wir je gefahren sind. Kein Augenbrauenzucken bei Nico. Entweder, weil wir uns gerade mitten in der zweiten fiesen Steigung zur Alpe Trela befinden oder weil er weiß, dass wir recht haben. Aber wer braucht schon All-Time-Ranglisten? Wir sind in Italien! Hier sollte man einfach nur genießen. Den kilometerlangen Trail zum Beispiel, der vom Pass bis nach Livigno führt. Oder den Käse, den wir uns in der Latteria holen. Oder das finale Après-Bike-Bier in der höchsten Brauerei Europas. Oder einfach das Gesamtpaket im Land der Freerider.


BIKE-Autorin Sissi Pärsch strotzte nach dem Trip vor lauter roten Blutkörperchen und Koffein:

"Bei der Anreise habe ich mich gefragt, ob Duty-free-Livigno das Richtige für mich ist. Doch die Mischung ist grandios: Bike und Birra, Flow und Fun, Caffè und Cucina, Trails und Touren. All das in einer hochalpinen Landschaft, die von italienischer Gelassenheit geprägt ist. Perfetto." 

Sissi Pärsch

Sissi Pärsch, BIKE-Testerin und -Autorin


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Gitta Beimfohr am 10.08.2017
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