Italien: Mountainbike Revierguide Kaltern Italien: Mountainbike Revierguide Kaltern

Italien: Mountainbike Revierguide Kaltern

5 Top MTB Touren in Kaltern

Gitta Beimfohr am 21.03.2017

Zwischen den Südtiroler Trail-Paradiesen Vinschgau und Gardasee liegt Kaltern. Auch hier gibt es Wein, über 2000 Meter hohe Gipfel und einen See. In Kaltern warten aber einzigartig sanfte Flowtrails.

Das sollte mal die Mecki’s Bar in Torbole wagen, die Rollos erst mittags um halb zwölf hochzuziehen. Da wäre für Lago-Biker der Tag schon gelaufen. Ein Touren-Tag starten ohne vorherigen Cappuccino-Stopp? Geht nicht. Jedenfalls nicht in Italien! Hier muss es offensichtlich doch gehen. Während ich am "Gretl am See Kiosk" noch immer eine Tafel mit Öffnungszeiten suche, bastelt Karen an ihrem GPS-Gerät und wiederholt ihren Satz von eben: "Die machen wirklich erst um 11:30 Uhr auf." Und Karen muss es wissen. Schließlich kommt sie schon seit Jahren zum Biken her. Allerdings schiebt sie hinterher: "Zum Espresso gibt’s hier immer so ein kleines Eis zum Löffeln dazu. Vielleicht schaffen wir es ja nach der Tour noch." Um es gleich vorwegzunehmen: Wir werden es nicht schaffen. Weil uns nämlich etwas dazwischenkommen wird.

Wir sind in Kaltern, Südtirol. In dem Tal, durch das sich die Etsch und die berühmte Weinstraße zieht. Ziemlich genau zwischen den beiden Top-Bike-Revieren Gardasee und Vinschgau. Von den Übernachtungszahlen bikender Gäste her kann Kaltern neben diesen beiden Riesen sicher nicht mithalten. Landschaftlich aber schon: Es gibt einen kleinen See, der angeblich der wärmste Badesee der Alpen ist. Eine Talseite wird von einer fast senkrechten Felswand, dem über 2000 Meter hohen Mendelkamm, flankiert. Auf der anderen Seite wellt sich ein bewaldetes Mittelgebirge, und ganz im Süden thront noch ein großer Brocken – das 1781 Meter hohe Trudner Horn. Es gibt sogar eine 113 Jahre alte Standseilbahn, die auch Bikes auf den Mendelpass transportiert. Nur Shuttlebus-Karawanen, gebaute Trails, vollvisier-behelmte Biker oder Verbotsschilder – die habe ich bisher noch nicht gesehen.

Diese fünf Top Touren finden Sie im Revierguide Kaltern:

• TOUR 1: Penegal-Trails    (> 31,4 km > 796 hm > 4 h)
• TOUR 2: Cisloner Alm    (> 53,8 km > 1492 hm > 5:30 h)
• TOUR 3: Montiggler Seen    (> 18,8 km > 556 hm > 2:30 h)
• TOUR 4: Monte Roen    (> 36,2 km > 1333 hm > 5 h)
• TOUR 5: Eppaner Höhenweg    (> 54,6 km > 1415 hm > 5 h)

Die GPS-Daten der ersten drei Touren können Sie im Download-Bereich unterhalb dieses Artikels kostenlos herunterladen. Die GPS-Daten der Touren 4 und 5 finden Sie hier: www.traminerhof.it

Fotostrecke: Italien: Mountainbike Revierguide Kaltern

"Wollen wir starten?" Karen hat die Tracks auf ihrem GPS-Gerät sortiert, es kann losgehen. Die Montiggler Seen stehen heute auf dem Plan. Kleine Einrollrunde in das bereits erwähnte Mittelgebirge. Hier führte schon mehrmals die BIKE-Transalp durch, und die Teilnehmer waren jedes Mal begeistert vom achterbahnartigen Gefühl auf den Trails. Karen möchte dort heute eine neue Runde mit möglichst vielen Flowtrails finden. Als sportliche Leiterin des BIKE Women Camps sucht sie ständig Trails, die im September bei den Teilnehmerinnen Fahrspaß auslösen sollen und keine Angstattacken. Wir umrunden den Kalterer See halb, kurbeln einen Weinberg hoch und verschwinden schon nach wenigen Minuten im Wald. Der Schotterweg führt uns durchs "Frühlingstal". Aufgrund besonderer Klimaströmungen sollen hier die Frühlingsknospen deutlich früher sprießen als in der übrigen Region. Jetzt, im Juni, kurbeln wir jedenfalls durch dichtestes Grün. So grün, dass die Orientierung bald schwierig wird. Immer wieder zweigen Wege und Pfade ab, nicht immer mit richtungsweisendem Schild. Schwierig, wenn nicht ein Ort, sondern die Wege dorthin das Ziel sind. Vertrauen in GPS und Karte findet Karen gut, aber mehr Vertrauen hat sie in die eigenen Beine. "Warte kurz, ich probier den Trail schnell aus." Erst als sie sichtlich zufrieden mit der Pfadkombination ist, steuern wir den kleineren der beiden Montiggler Seen an. Weil der angeblich viel idyllischer ist als der Große. Stimmt. Der kleine See liegt wie eine blaue Perle mitten im Naturschutzdickicht. Keine Straße, kein Parkplatz. Unser Pfad mündet in die einzige Badewiese mit kleiner Bar. Endlich, ein Cappuccino!

Italien: Mountainbike Revierguide Kaltern

Die Montiggler Seen verstecken sich im dichten Naturschutzgebiet. Karen und Holger bieten hier seit Jahren Kurse und Events an.

Der Rückweg ist klar. Karens GPS-Gerät kennt den flowigsten Weg zurück bereits vom letzten Jahr. Doch dann steht da plötzlich ein Bike-Verbotsschild. Es ist klein, aus Holz und sieht irgendwie freundlicher aus als die blechernen Kollegen, die einen sonst so anschreien. Schon deshalb möchte man es nicht ignorieren. Also doch noch mal die Karte rausgekramt und eine Umfahrung gesucht. Da wird es auf einmal dunkel. Es blitzt, es donnert – und schüttet auch schon los. Der dichte Blätterwald hält uns noch halbwegs trocken, bis es zu gießen beginnt. So werden wir auf dem letzten Flowtrail mit dem Schlamm nach Kaltern hinuntergespült. Matthias, unser Hotelwirt im Haus am Hang, muss Gott sei Dank lachen, als er uns sieht. "Morgen solltet ihr früh los, wenn ihr auf den Penegal wollt. Für den Nachmittag sind wieder Gewitter angesagt." Matthias ist selbst kein Biker, aber er stellt jedes Jahr sein Seegrundstück für das BIKE Women Camp zur Verfügung. In den Genuss dieser Badewiese am Kalterer See mit Weidebäumen, Steg und kleiner Bar mit Sonnenterrasse kommen sonst nur seine Hotelgäste.

Der Gipfel des Penegals liegt mittig im Mendelkamm. Man erkennt ihn vom Tal aus an seinen Sendemasten. Schon wegen des angekündigten Gewitters treten wir nicht die Mendelpass-Straße hoch, sondern lösen ein Ticket für die Mendelbahn. "Das machen wir während des Camps auch so", erzählt Karen. "Denn zum Penegal geht es schon noch ordentlich rauf."

Oben am Mendelpass angekommen, entdecken wir im Gebäude der Standseilbahn eine nette Bar mit typisch italienischem Café-Tresen. "Noch zu!" ruft Karen über die Schulter. Klar, ist ja auch erst halb zehn. Dabei überqueren wir hier am Mendelpass gerade die Grenze ins Trentino. Das ist doch eigentlich schon das italienischere Italien. Wir rollen auf der Hauptstraße an verschnörkelten Villen aus längst vergangenen Zeiten vorbei. Man kann sich noch gut vorstellen, dass das mal ein mondäner Ort war, in dem selbst eine Kaisern Sissi frische Bergluft schnappte. Heute knattern hier vorwiegend Motorradfahrer auf dem Weg ins Nonstal durch. 360 Höhenmeter fehlen uns noch zum Gipfel. Doch kurz vorher kurbeln wir auf einen Betonquader zu: das Panoramahotel Penegal. Abgelegen wie es ist, könnte es locker als Kulisse für einen zweiten Teil von Stanley Kubricks Grusel-Klassiker Shining herhalten. "Lass uns mal reingehen!" Karen hat den Film mit Jack Nicholson offenbar nicht gesehen. Wir durchqueren ein mit Teppichen ausgelegtes Kaminzimmer und treten durch eine Glastür auf eine große Terrasse. Die Café-Tische sind heute unbesetzt, aber der Blick reicht von Bozen über die Dolomiten, den Kalterer See bis weit ins Etschtal hinein. Und das Gewitter drückt schon in der Luft. Also schnell weiter: Die Wegmarkierung 500 leitet uns kurz hinterm Gipfel links, einen steinigen Waldweg hinunter. Dann bestimmt ein flaches, sanftes Erdband den Kurs. Eingebettet ins Almgras kurvt es durch einen lichten Lärchenwald. Rechtsrum, linksrum – manche Kurven sind sogar mit kleinen Anliegern versehen. Eigentlich müsste man ein Foto von diesem Märchen-Trail machen, aber keine von uns möchte den Flow unterbrechen. Eine quer verlaufende Schotterstraße schiebt dem Fahrspaß dann doch einen Riegel vor. Ein Supertrail!

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Wenn über Kaltern Wolken aufziehen, bleiben sie am Mendelkamm gern hängen.

Karen kramt ihre Karte aus dem Rucksack und kritzelt mit Kuli ein Ausrufezeichen neben dem Trail. So, jetzt links die Schotterstraße bergab. Karen deutet in der Karte auf zwei bereits notierte Ausrufezeichen. Hier rechts fahren ginge auch, aber da wartet ein richtig heftiger Trail durch die Mendelkamm-Steilwand. Also nichts für uns, denn wir suchen ja Flow. Gerade, als wir auf dem letzten Ausrufezeichen dahinkurven, wird es schon wieder dunkel. Ein Regenvorhang fegt uns zurück auf den Mendelpass, wo wir in einem Café Schutz suchen.

"Der 500er? Ja, der ist gebaut." Wir starren Armin fassungslos an. Wie, wer baut denn hier Trails? Der Wirt des Hotels Traminer Hof zuckt mit den Schultern und zapft für seine Gäste weiter Bier zum Abendessen. "Irgendwelche Jungs halt." Quatsch, das müssen Meister gewesen sein! Und wer baut schon versteckt in der Natur solche Flowtrails? Armin bleibt beim Achselzucken. Dabei weiß er bestimmt mehr. In Sachen Mountainbike ist er schließlich seit 1993 die Koryphäe im Tal. Es gibt keinen Trail an der Weinstraße, den er und sein Sohn Andreas noch nicht mit GPS vermessen haben. Für seine Gäste hat Armin sogar eine Trail-Karte drucken lassen, obwohl er sowieso täglich geführte Touren anbietet. Das beschert ihm selbst jetzt, in der Nebensaison, ein volles Haus. Gerade möchte wieder eine Gruppe Hardtail-Fahrer aus Starnberg einchecken. Die Oma übernimmt derweil die Arbeit am Zapfhahn. Als Armin zurück an unseren Tisch kommt, hat er uns die Tour für morgen schon aufs GPS-Gerät geladen. Cisloner Alm, aber nicht der heftige 1er-Trail vorne runter, sondern hinten die leichteren Pfade über Wasserfall und Pferdewiese. Ein Glas Gewürztraminer später wagt Karen einen Vergleich: "Eigentlich ist das Bike-Revier rund um Kaltern ja deutlich vielseitiger als der Vinschgau nebenan, oder?" Wieder zuckt Armin mit den Schultern: "Keine Ahnung, ich war noch nie im Vinschgau zum Biken." Jetzt fällt uns aber die Gemüselasagne von der Gabel. "Nein, mir ist auf unseren Trails noch nie langweilig geworden. Was soll ich dann im Vinschgau?”

Als wir am nächsten Tag die letzten Kehren des Pferdewiesen-Trails runterkurven, scheint immer noch die Sonne. Kein Gewitter in Sicht. Das könnte bedeuten – ja richtig! – der Gretl-am-See-Kiosk hat geöffnet. Etwa 20 Mountainbikes lehnen am Holzzaun, wir können gerade noch einen Tisch ergattern. Eigentlich sitzt man hier mitten auf dem Großparkplatz ohne Blick auf den See, genauso unidyllisch wie in der Mecki-Bar am Gardasee. Aber es gibt eben Plätze, die haben einfach eine magische Anziehungskraft auf uns Biker.

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Gitta Beimfohr am 21.03.2017
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