Italien: Mountainbike Revier-Guide Triest Italien: Mountainbike Revier-Guide Triest

Italien: Mountainbike Revier-Guide Triest

Transfer-Zone: MTB Flow-Trails um Triest

Peter Immich am 20.07.2017

Triest liegt nah an der slowenischen Grenze. Um den Küstenstreifen wurde immer viel gestritten, die Natur im Hinterland blieb fast unberührt. MTB Trails sorgen für einen herrlich fließenden Übergang.

"Und Ihr meint, das hält?", frage ich Robert und Aljaž. Ängstlich schiele ich am Fahrer vorbei auf unsere Bikes und bezweifle, ob es richtig war, sie an die zwei wackeligen Haken an der Front des Zahnradwagons zu hängen.

Auf unbequemen Holzbänken ruckeln wir bergauf. Geschoben vom Zahnradtriebwagen der Tram de Opicina überwinden wir den steilsten Abschnitt auf dem Weg in den Villenvorort von Triest. Vielleicht hätten wir die 350 Höhenmeter doch lieber mit dem Bike zurücklegen sollen. "Ja, aber vielleicht hättest Du dann gestern Abend auch ein Glas Wein weniger bestellen sollen?", wirft Robert ein. Stimmt, es wurde gestern etwas spät auf unserer Tour durch die Bars von Triest. Doch beim Blick auf die wackelnden Lenker wird mir fast schlecht. Das Bild von zersplitternden Carbon-Rahmen unter Stahlrädern schiebt sich vor meine Augen. Plötzlich knarzt das Wort "Obelisco" aus den alten Lautsprechern. Geschafft! Erleichtert hebeln wir die unversehrten Bikes von den Haken. Erst jetzt kann ich den Ausblick, der sich uns schon bei der Auffahrt geboten hat, genießen. Die ehemalige Hafenstadt der österreichisch-ungarischen Monarchie liegt uns zu Füßen. Dahinter glitzert die Adria in der Vormittagssonne.

Vier Tage zuvor waren wir dem verregneten Frühling in München entflohen. Ein Blick auf die Wetterkarte versprach optimale Bedingungen, um die Touren-Möglichkeiten rund um Triest und entlang der slowenischen Küste auszukundschaften. Und schließlich sind es vom südlichen Bayern aus gerade mal fünf Stunden Fahrt bis hierher – staufreie Autobahnen vorausgesetzt natürlich. Bisher kannte ich diese Gegend nur von einer Trans-Slowenien-Tour, und da war schon klar, dass wir einige viel versprechende Trails liegen gelassen haben. Also musste ich einfach noch mal kommen. Das Hinterland von Triest mit Bergen bis knapp über 1000 Meter Höhe war zu Zeiten des jugoslawischen Völkerbundes auf italienischer und slowenischer Seite eine eher vernachlässigte Region. So blieb die Natur nahezu unberührt. Gleichzeitig bieten Triest und die kleineren Städte Koper, Izola und Piran auf der slowenischen Seite genug Abwechslung an Regentagen.

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Ob diese Konstruktion hält? 

Motorroller knattern an uns vorbei. Laut und gestenreich unterhalten sich zwei Männer neben uns vor der Kaffeebar. Italien eben. Aber irgendetwas passt nicht so recht ins Bild der typisch italienischen Großstadt: Die Straßen der Borgo Teresiano, der Maria-Theresien-Vorstadt, säumen herrschaftliche Bauten aus der Gründerzeit. Eine eigenartige Mel­ange italienischen Flairs und Wiener Baukunst. Für diese reizvolle Mischung gibt es natürlich eine Erklärung: Von 1382 bis 1918 war Triest Teil des habsburgischen Reiches. Mit der Erhebung der Stadt zum Freihafen durch Kaiser Karl VI. begann der Aufstieg der Stadt. Die Bevölkerung wuchs rapide an, Karls Nachfolgerin Maria Theresia ließ die Flächen der Salinen trockenlegen und eine neue Vorstadt in rechtwinkligem Raster errichten. Gerade hier ist die österreichische Vergangenheit gut zu spüren. Die Stellung als Freihafen und die Liebe der Österreicher zum Kaffee führten auch zur Bezeichnung "Hauptstadt des Kaffees", die sich bis heute dank der vielen ortsansässigen Röstereien gehalten hat.

Zu einem "Nero", dem Triestiner Espresso, haben wir uns mit unserem slowenischen Freund Aljaž verabredet. Er hat eine Karte der Grenzregion mitgebracht. "Es ist nur ein Bruchteil der Wege eingezeichnet, erst gestern haben wir wieder einen neuen Trail fertiggestellt", meint Aljaž und beginnt zu erzählen, bis wir nur noch hibbelig auf den Stühlen rumrutschen. Dann geht’s endlich los: durch die steilen Gassen der Altstadt zum Castello San Giusto hinauf. Der Ausblick von hier oben ist beeindruckend. "Dort hinten ist die Grenze, da fahren wir später drüber." Aljaž zeigt in Richtung der dicht bewaldeten Hügel hinter dem Häusermeer von Triest. Bis dorthin geht es Gott sei Dank nicht auf der Straße, wie befürchtet, sondern auf einer ehemaligen Bahnlinie, die zu einem Radweg umgebaut wurde. 1887 eröffnet, verbanden die Schienen einst Triest mit dem kaiserlich-königlichen Kriegshafen Pula. Heute gehört die Trasse Spaziergängern, Joggern und Radfahrern. Auf den ersten Kilometern passieren wir die Vorstadtwohnblöcke von Triest und überqueren die Autobahn, dann wird es ruhiger und einsamer. Im Val Rosandra wurde die Strecke auf halber Höhe in den Fels gehauen. Immer wieder geben die Bäume den Blick in das wilde Karsttal frei. Wie große weiße Kuchen leuchten hinten im Talausgang noch die Öltanks und die Hallen von Europas größtem Schiffsmotorenhersteller. "Habt Ihr Eure Pässe dabei?", fragt Aljaž kurz darauf. Nein, der liegt im Hotel! Was jetzt? Wieder alles zurück? "War nur Spaß! Wir sind schon in Slowenien! Dobrodošli! Willkommen!" Kurz war mein Puls, trotz angenehmer Steigung, an die oberste Messlatte geschnalzt. Doch viel Zeit zum Runterkommen bleibt nicht, denn auf der Südseite des Slavniks treten wir bald durch losen Schotter steil bergauf. Wenigstens gibt nach einer Weile die Steigung etwas nach.

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Kaum zu glauben, dass wir etwa zwei Stunden vorher noch im Zentrum von Triest waren. Von der Gipfelsäule des Slavniks reicht der Blick über eine fast unbesiedelte Landschaft bis weit nach Kroatien hinein. Aljaž hat schon wieder den Helm aufgesetzt. Schnell packen wir die Reste der Brotzeit in die Rucksäcke, ziehen die Gurte fest – da ist uns der Slowene schon entwischt. Klarer Heimvorteil für ihn, wir können ihm auf dem Wiesenpfad nur schwer folgen. Kurz darauf verlieren wir ihn aus den Augen, aber der Wegverlauf ist klar. Eine Mischung aus Pfad und Karrenweg, durchsetzt mit einigen spitzen Kalksteinen. Mit abnehmender Höhe nimmt der Spaßfaktor zu. Im Slalomkurs zirkelt der Trail durch den lichten Wald. Ohne an den Bremshebeln zu ziehen und ohne groß in die Pedale zu treten, rauschen wir bergab. Perfekt! Ein Flowtrail im Bikepark könnte nicht eleganter angelegt sein – denke ich hier noch. Doch am Ende des Trails erwartet uns ein grinsender Aljaž und verspricht: "Gleich kommt’s noch besser!" Über ein Karstplateau machen wir uns auf den Weg zurück nach Italien, bis zur Burg von Socerb. Aljaž deutet auf die Bäume am Fuß der steilen Felswand. "Dort unten im Wald gibt es einige angelegte Trails." Dahinter sind schon wieder die Öltanks von Triest zu sehen. Von der Burg rumpeln wir einen Stufenweg hinunter, umfahren auf der Straße die steile Wand und biegen in den versprochenen Trail-Einstieg ab. Aljaž hatte Recht: Die Trail-Bauer haben hier ganze Arbeit geleistet und ein grenzübergreifendes Meisterwerk geschaffen. Am Ende rollen wir in den kleinen Ort Bagnoli. Nur wenige Minuten von Triest entfernt ist hier von Großstadthektik noch nichts zu spüren. Alte Steinhäuser säumen die Straße, die Alten sitzen am Dorfplatz und tauschen Neuigkeiten aus. Ein handbemaltes Schild weist uns den Weg zu unserer Unterkunft: ein Bed und Breakfast in einem Hinterhof. Hausherr Michele, selbst begeisterter Biker, erwartet uns bereits.

Am nächsten Morgen überqueren wir die slowenische Grenze mit dem Shuttle-Bus und erreichen kurze Zeit später Izola. Auf den ersten Blick wirkt das ehemalige Fischerstädtchen auf seiner Halbinsel italienischer als Triest. Ein Campanile, ein freistehender Kirchenturm, ragt aus dem Ort empor und weist auf seine venezianische Vergangenheit hin. Doch als Aljaž unsere Bestellung im Café an der Uferpromenade auf Slowenisch aufgibt, wird uns wieder bewusst, dass wir uns im ehemaligen Jugoslawien befinden. "Der slowenische Teil Istriens hat eine bewegte Vergangenheit: Erst gehörte es zum Reich der Venezianer, dann zur Habsburger Monarchie, vor dem Zweiten Weltkrieg war es Italienisch, danach Teil Jugoslawiens – und jetzt ist es Slowenisch", klärt uns Aljaž auf. Als wir später auf den Hügeln im Hinterland von Izola stehen, merken wir auch hier einen Wechsel: Die Landschaft ist weniger wild, Weinberge fallen sanft Richtung Küste ab. Der Karst ist fruchtbarem Lehmboden gewichen – und das hat einen großen Vorteil: Die Trails lassen sich noch besser modellieren. "Hier lang!" Aljaž ist schon wieder im Gebüsch verschwunden. Was auf den nächsten 400 Höhenmetern folgt, ist eine Wucht: Anlieger, kleine Sprünge, technische Teilstücke und viele flüssige Passagen – eine geniale Mischung! "Es gibt noch eine andere Variante – sollen wir noch mal hoch?" Na klar!

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Die Übergänge von Natur-Trail bis leicht mit Schaufel modelliert sind fließend. 

Auf dem Rückweg nach Izola biegt Aljaž plötzlich in ein Gewerbegebiet ab. Hinter ein paar Sträuchern zeichnen sich Erdhügel ab – ein Pumptrack! Wir schieben unsere Bikes auf den Starthügel. Neben uns haben sich bereits zwei Jungs mit Flaum auf der Oberlippe positioniert. Auf dem mittleren Parcours üben die Kleinsten auf Laufrädern, auf der äußeren Spur fahren die älteren Kids, und am Rand sitzen die Eltern auf einer Bank. Wir heben zwar das Durchschnittsalter schlagartig an, nicht aber das Fahrtechnik-Level. Mit unseren Enduro-Fullys haben wir gegen die Locals auf ihren Dirtbikes einfach keine Chance.

Das Triester pendant zur bayerischen Leberkässemmel ist das Panino mit Schweinezunge. Wer mag, bekommt dazu Sauerkraut und Kren – ein Relikt aus alten Habsburger Zeiten.

Dunkle Wolken hängen am nächsten Morgen über der Adria, und so nutzen wir den Tag für einen Bummel durch Triest. Mittags kehren wir in einem der beiden "Buffets" ein, einem Relikt aus der Zeit der Habsburger. Eine lange Schlange hat sich vor der Tür gebildet. Schon hier warten wir in einer Dunstwolke von Sauerkraut und Fleisch. Hinter der Theke steht der schnauzbärtige Chef und tranchiert auf einer Marmorplatte mit scharfem Messer und zweizinkiger Gabel, was hinter ihm in den Töpfen köchelt: Schweinsfüße, Würste, Schinken und Zungen. Ehemals als Imbiss für Hafenarbeiter gedacht, genießen hier heute sämtliche Bevölkerungsschichten alles Essbare vom Schwein, bevorzugt mit Sauerkraut und frischem Kren. Mit dieser Grundlage im Magen fühlen wir uns geradezu aufgefordert zu einer Tour durch die Bars der Stadt. Aljaž erinnert noch mal an morgen, doch ich hake ihn einfach unter: "Komm schon, Du hast doch was von einer Zahnradbahn erzählt, die uns morgen bergauf helfen könnte …?"


Peter Immich, freier Touren-Autor von BIKE: "In dieser Gegend mischt sich das Flair von lebendigen Hafenstädten mit dem von einsamer Natur. Dazu das milde Klima, geniale Trails und eine gute Erreichbarkeit. Ich glaube, damit habe ich mein Lieblingsrevier für Frühjahr und Herbst gefunden."

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Peter Immich, freier Touren-Autor von BIKE


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Peter Immich am 20.07.2017
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