Italien: Garda Ronda Italien: Garda Ronda

Garda Ronda: MTB-Umrundung am Gardasee

Gardasee: 4 Bike-Tage auf unbekannten Pfaden

Stefan Loibl am 25.08.2017

601er, Tremalzo, Altissimo: Manche Biker kennen diese Lago-Klassiker besser als ihre Hometrails. Aber warum immer Nordufer? Gardasee-Experte Uli Stanciu hat uns auf eine 4-Tages-Bike-Tour geschickt.

Die Finger kleben taub an den Griffen, während die durchgeweichten Shorts bei jedem Tritt schmatzen wie eine Dogge am Fressnapf. Dreckverschmiert rollen wir durch die Kopfsteinpflaster-Gasse von Persone.

Das kleine Bergdorf zwischen Idro- und Gardasee wirkt wie ausgestorben. In einem Hauseingang döst ein Hund. Er schaut kurz auf und rollt sich desinteressiert wieder zusammen. An diese menschenleere Kulisse haben wir uns in den letzten drei Tagen bereits gewöhnt, aber in einem dieser alten Häuser müsste unsere Unterkunft sein. Als wir unsere Bikes an den Dorfbrunnen lehnen, eilt eine ältere Dame auf uns zu. Wild gestikulierend teilt sie uns auf Italienisch etwas mit. Leider verstehen wir sie nicht. Erst als die Worte "ciclisti" und "pensione" fallen, erhellen sich alle Gesichter. Wir folgen der Frau zu einem Hauseingang mit einer hölzernen Tafel "Antica Osteria Pace". Okay, wir sind richtig. Im Gastraum begrüßt uns Guiseppe, der Sohn des Hauses. Auch er spricht kein Wort Deutsch oder Englisch. Doch mit Händen, Füßen und unseren paar Brocken Rimini-Italienisch klappt die Konversation ganz gut. Scheinbar verirren sich nur wenige Touristen in dieses verschlafene Bergdorf. Schon gar nicht jetzt im Oktober. Aber letztens sei schon mal ein Biker da gewesen. "Si, si Signore Uli!", fällt ihm seine Mutter strahlend ins Wort. Uli Stanciu? Si, si! Das wundert uns jetzt nicht, denn schließlich war es der Transalp-Papst, der uns diese Route rund um den Gardasee zusammengestellt hat.

Fotostrecke: Italien: 200 km und 6500 hm auf der Garda Ronda

Wie ein Muslim nach Mekka pilgere auch ich mindestens einmal im Jahr an den Gardasee, in der Regel sogar öfter. Und das seit vielen Jahren. Zur großen Festival-Sause zu Saisonbeginn, zum Bike-Testen bei frostigen Temperaturen in der Vorweihnachtszeit oder nach der finalen Etappe einer Transalp. Der Gardasee wirkt auf mich schon immer wie ein Magnet. Klar, dass ich dabei schon jede Menge klassische Moser-Touren und Trails kennen gelernt habe. Im Prinzip alle – dachte ich. Doch dann flog BIKE-Herausgeber Uli Stanciu letzten Sommer in die Redaktion und erzählte begeistert von seiner Gardasee-Umrundung. Bis zum Altissimo konnte ich seiner Routen-Beschreibung noch folgen, doch dann hatte ich offensichtlich bereits erste Fragezeichen im Gesicht. Denn schon fiel er, der Hackebeil-Satz: "Mein Gott, Ihr kennt Euch ja gar nicht aus am Gardasee!" Harte Worte, aber es stimmt leider. Gardasee bedeutet für mich Riva, Torbole, Mecki’s Bar und sämtliche Trail-Touren drumherum. Eventuell noch klettern in Arco, das war’s. Aber umso besser, wenn es tatsächlich noch mehr zu entdecken gibt. Ben und Toni wollten ihre Wissenslücken auch gerne schließen und waren als Mitfahrer schnell zu begeistern. Die Route stellte uns Uli zusammen. In fünf Tagen rund um den See. Wir konnten ihn aber noch runterhandeln auf vier Tage. Das wirklich sehr flache Südufer lässt sich nämlich auf der Höhe Garda mit der Fähre wunderbar abschneiden. Auch wenn wir damit laut Uli "richtige Supertrails" verpassen werden. Aber die Trails der restlichen vier Tage sehen in unseren Augen schon spannend genug aus.

Der Gardasee hat weit mehr zu bieten als Riva, Gelato und von kantigem Geröll übersäte Abfahrtspisten. Auf den 200 Kilometern unserer Umrundung zeigt sich der wuselige Lago von seiner wilden, stillen Seite. 

Italien: Garda Ronda

Die Militärpiste auf den Monte Caplone schlägt am letzten Tag mit 1200 Höhenmetern zu Buche. Aber bis auf einen unpassierbaren Tunnel ist sie komplett fahrbar.

Noch bevor der morgendliche Rummel in Torbole Fahrt aufnimmt, starten wir die erste Etappe mit der langen Auffahrt über den Busatte in Richtung Altissimo. Auf diesem Asphaltsträßchen kennen wir jede Kehre. Hunderte Male haben wir uns hier schon hochgekurbelt, denn hier zweigt nicht nur unsere Testrunde ab, sondern auch Klassiker wie der 601er und der Navene-Trail. Heute lassen wir diese Einstiege natürlich links liegen und erreichen ab dem Monte Varagna endlich Neuland. Ein merkwürdiges Gefühl. Vor allem, als uns eine Schotterpiste nach 6,5 Stunden im Sattel am Passo Cerbiolo ausspült, die Sonne gerade hinterm Monte-Baldo-Rücken verschwindet und wir noch immer gen Süden unterwegs sind. Um diese Zeit beschränkt sich unsere Aussicht normalerweise auf einen Toast Speciale in der Mecki’s Bar. Heute aber stehen wir auf diesem unscheinbaren Übergang, der nur wenige Meter über die höchsten Baumgipfel hinauslugt, und wir blicken rechter Hand auf die Fels- und Grasgipfel des langen Monte-Baldo-Rückens. Links bricht die Hochebene imposant ins Etschtal hinab. Genau diese Hochebene ist schuld daran, dass unsere Oberschenkel brennen und unsere Mägen nach einer doppelten Portion Pasta verlangen. Das Plateau auf der Baldo-Rückseite ist nämlich ausgesprochen kupiert und verschachtelt. Zwischen Almwiesen, verstreuten Bauernhöfen und kurvigen Sträßchen verstecken sich immer wieder fiese Rampen, die kurzzeitig vollen Körpereinsatz verlangen. Die Schotter- und Pfad­abschnitte sind hier nur spärlich beschildert, oft auch sehr verfallen oder enden im Nichts. Das Vorankommen entsprechend kräftezehrend. Mit dem allerletzten Tageslicht erreichen wir das Örtchen Spiazzi. Dorfbewohner auf der Straße drehen ihre Köpfe nach uns um. Mountainbiker sehen sie hier nicht oft. Hier tummeln sich im Sommer viel mehr italienische Pilger, die zur Wallfahrtskirche von Madonna della Corona aufbrechen. Wahrscheinlich ist das auch der Grund, warum unsere vorgebuchte Pension wie eine Jugendherberge anmutet. Jetzt, im Oktober, haben wir das Haus für uns allein, und wir sind froh, zwischen all den geschlossenen Fensterläden überhaupt eine Unterkunft gefunden zu haben.

Regenwolken kleben am nächsten Morgen am Baldo-Massiv. Es kann nicht mehr lange dauern, bis sie sich über dem Berg ausschütten. Also packen wir unsere Regenklamotten griffbereit in den Rucksack und kurbeln mit Tempo Richtung Baumgrenze, darüber hinaus und weiter zur Malga Colonei. Gelb leuchtende Sträucher säumen jetzt die Schotterpiste, die sich südlich um den langen Rücken des Monte Baldos herumschält. Laut Routen-Beschreibung sollen auf der Abfahrt nun endlich "majestätische Blicke auf den Gardasee" folgen. Wahrscheinlich wäre das jetzt auch so, aber wir blicken leider auf einen dicken Wolkenteppich, in den wir nach wenigen Metern auch noch eintauchen. So poltern wir die 1000 Höhenmeter nach Campo im Blindflug hinunter. Zwischen dem typischen Gardasee-Geröll rutschen wir auch mal über feuchte Wiesen und matschige Trails. Manchmal liegen auch einbetonierte Felsbrocken im Weg. Sie sehen griffig aus, sind aber glitschig wie geschälte Mangos. Und alles ohne Seeblick eben. Aber es geht noch schlimmer: Als wir oberhalb des Ostufers wieder südlichen Kurs einschlagen, fängt es an zu regnen. Das ist zu viel für Tonis Bremsen. Seine Trägerplatten raspeln bereits an den Alu-Scheiben. Er verabschiedet sich, um im nächsten Ort Garda nach einem Bikeshop zu suchen. Ben und ich steuern dagegen schon mal Richtung Fähre. Als wir die Hafenpromenade von Torri del Benaco entlangkurbeln, spült gerade ein deutscher Reisebus seine Fracht in die Fußgängerzone. Die Restaurant-Dichte ist groß, aber die Pizza Hawaii auf den Speisekarten lässt uns doch zum Riegel greifen. Als Toni erfolgreich von seiner Einkaufstour zurückkehrt, lösen wir sofort drei Fährtickets und schippern mit der kleinen Autofähre nach Toscolano am Westufer. Alle drei müssen wir lachen: Auf einem Schiff haben wir den Lago auch noch nicht erlebt. In der Personenkabine gibt es sogar kleine Heizkörper, auf denen wir unsere nassen Klamotten zum Dampfen bringen.

Italien: Garda Ronda

Als der Bike-Computer am Tagesende eine Durchschnittstemperatur von sechs Grad Celsius ausspuckte, wusste ich, warum wir hier an der Bocca di Campei so gebibbert haben.

Am Morgen des vierten Tages müssen wir gar nicht lang in die Karte schauen, Pensionswirt Guiseppe weiß ja von Uli, wie es von Pensione aus weitergeht. Mit einem "Ciao" schickt uns Guiseppe in die lange Schotterrampe zum Monte Caplone hinauf. Es wird ein harter Tag, denn der Caplone ist der südlich gelegene, zwei Meter höhere Bruder des Tremalzos. Erst oberhalb der Waldgrenze erkennt man, wie imposant sich der Schotterfaden durch die Schwachstellen der zerklüfteten Felstürme windet. Zu verdanken haben wir diese fahrbare Panorama-Trasse den Italienern aus dem Ersten Weltkrieg. Doch das Geröll ist hier oben noch kantiger, die Natur ursprünglicher, und die Tunnel sind dunkler als am benachbarten Parade­gipfel. An der Felsscharte der Bocca di Campei, unserem höchsten Punkt, fühlen sich meine Füße wie zwei taube Klumpen an. Wir kramen alles aus unseren Rucksäcken, was sich irgendwie anziehen lässt. Doch den erstklassigen Trail zur Bocca Lorina können uns die frostigen Temperaturen nicht verderben. Statt zwischen bettkantenhohen Felsabsätzen zu balancieren, kann man es auf dem feinkörnigen Schotterpfad richtig laufen lassen. Auch die Spitzkehren sind nicht zu eng. Es folgt das Finale furioso. Über das Valle San Michele spült uns eine Schotterpiste hinüber zum Tremalzo. Erst flach, dann wieder mal bergauf. Die letzten Kehren zum Rifugio Garda hinauf fühlt sich auf einmal alles ganz vertraut an. Wieder zu Hause! 


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Stefan Loibl am 25.08.2017
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