Flowtrails in der Toskana: Bike Ressort Massa Vecchia Flowtrails in der Toskana: Bike Ressort Massa Vecchia

Flowtrails in der Toskana: Bike Ressort Massa Vecchia

Flow-Schwestern: MTB Flowtrails für Frauen in Italien

Gitta Beimfohr am 13.03.2017

Mitten in der Toskana, umzingelt von einem 500-Kilometer-Trail-Netz, liegt das legendäre Bike-Ressort Massa Vecchia. Jetzt steht ein Generationenwechsel ins Haus: Die Damen sind dran!

18 Monate, 13 Zentimeter und ein Buchstabe liegen zwischen Ari und Ali. Ari ist die Ältere, Ali die Größere. Ari hat Haare bis zum Hintern, Ali trägt kurzen Wuschel-Style. Die Schwestern Hutmacher sind so unterschiedlich wie unzertrennlich. Sie sind zusammen aufgewachsen, teilen sich eine Wohnung und arbeiten Seite an Seite an dem Ort, an dem sie fast ihr gesamtes Leben verbracht haben: der Massa Vecchia.

In der toskanischen Maremma, knapp 50 Kilometer südwestlich von Siena, liegt das Hotel von Arianna und Alice am Fuße des Städtchens Massa Marittima. Ein Stirnrunzeln hat man bei der Ankunft aber gleich doppelt im Gesicht: Erstens liegt Marittima nicht (wie der Name vermuten lässt) am Meer, sondern imposant auf einem Hügel, ein paar Kilometer im Landesinneren. Und zweitens ist Massa Vecchia kein Hotel, sondern ein kleines Landgut, auf dem rustikale Steinhäuser gemütlich zwischen Pumptrack, Zypressen und Weingarten nesteln.

Flowtrails in der Toskana: Bike Ressort Massa Vecchia

ALICE (links): Wir waren viel unterwegs in der Welt, von Australien bis London. Aber was unser Vater hier geschaffen hat, ist unsere Heimat – und der schönste und abwechslungsreichste Arbeitsplatz, den man sich wünschen kann. ARIANNA (rechts): Alice und ich, wir könnten gegensätzlicher nicht sein. Sie macht sich Gedanken über Buchhaltung und Finanzen und ich darüber, wie ich einen eigenen Jeep finanzieren könnte. Sie ist ein Ausdauertier, ich mag es bergab. Aber wir sind unzertrennlich, und für uns beide war immer klar, dass wir Massa Vecchia weiterführen wollen. 

Diesen Ort geschaffen hat der Schweizer Ernesto Hutmacher. Vor 30 Jahren entdeckte er das Anwesen und baute es mit viel Schweiß, Herzblut und einer großen Vision zu einem Fahrradurlaubs-Ressort der Gusto-Klasse aus. Hier sind Arianna und Alice aufgewachsen. Mit zwei Sprachen, vielen Rädern und so illustren Leuten wie Thomas Frischknecht – Olympia-Medaillengewinner, Weltmeister, Bike-Legende – der seinen Landsmann Ernesto beim Aufbau der Massa Vecchia unterstützte. Und heute? Richie Schley ist gerne hier, Timo Pritzel hat soeben eine Bike & Yoga-Woche abgehalten, und aktuell sitzt am Nebentisch die internationale Führungsriege von Sram.

Umso beruhigender sind da die Worte, die Ari kurz nach Ankunft sagt. Die dunkelbraunen Augen weit aufgerissen flüstert sie eindringlich: "Ich bin aber kein Bike-Profi!" Ich bin ein wenig verwundert, weiß nicht, ob ich lachen soll, aber Arianna ist es ernst. "Ich liebe das Biken, aber ich bin kein Profi und auch kein Model", sagt sie und klopft sich demonstrativ auf die Schenkel. "Und Ali", sagt sie mit Blick auf ihre Schwester, "ist etwas zögerlich beim Biken. Sie ist eher der Ausdauertyp. Sie hat großen Respekt vor den harten Trails." Wieder so eine Frauensache: Zum Auftakt gleich mal abschwächen und betonen, dass man keine besonderen Fähigkeiten hat. Die Art von Ari und Ali ist aber unglaublich angenehm, nimmt jeglichen Druck und läutet den entspann­testen wie spaßigsten Bike-Urlaub ein, den man sich wünschen kann.

Flowtrails in der Toskana: Bike Ressort Massa Vecchia

ERNESTO: Massa Vecchia ist mit den Menschen gewachsen. Jeder bringt seine Stärken ein, und so hat sich alles ganz natürlich ohne fixe Rollenverteilung entwickelt. Jeder ist ein Puzzlestück, und bei einem solchen festen Gefüge mache ich mir keine Sorgen über den Wechsel.

Am nächsten Morgen treten wir gemeinsam los. Es braucht nicht lange, und wir verlieren uns in der toskanischen Wildnis. Meine Orientierung ist nach zwei Abzweigungen schon dahin. Das liegt an meinen nicht vorhandenen Navigations-Skills und unserem Ratsch-Rausch. Aber durch den dichten, duftenden Kiefernwald leitet auch kein brav beschildertes Wegenetz. Hier tummeln sich keine Wanderer, sondern offenbar nur zwei Spezies: Wildschweine und Biker. Und beide hinterlassen ihre Spuren. Die Schweine wühlen und buddeln nach Nahrung, die Biker shapen Trails nach ihrem Gusto. Und zu einem dieser legendären, von Biker-Hand geformten Strecken – dem Canyon – sind wir unterwegs.

Es geht auf einsamen Waldwegen empor, ohne steile Rampen und lange Anstiege. Das kommt der 27-jährigen Ari entgegen. Sie ist keine Bergauf-Anhängerin. Sie liebt es auch – das darf ich in den nächsten Tagen wortwörtlich erfahren – mit dem Jeep zu shutteln. Da wird das Fenster aufgerissen, die Musik hochgedreht und die tiefsten Löcher der Schotterpisten genüsslich mitgenommen. Doch den Weg zum Einstieg vom Canyon legt sie mit breitem Strahlen zurück. Die beiden freuen sich offensichtlich darauf, mir ihren Canyon zu zeigen.

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Das Team der Trail Brothers kümmert sich um die Strecken rund um Massa Marittima. Viele der Wege sind ausgebaute Wildschwein-Routen … 

Und dann stehen wir am Canyon-Einstieg. Die ersten Trail-Meter sehen viel versprechend aus: weicher Boden, sanfte Kurven. Ich vertraue den Schwestern voll, mein Kopf ist frei, meine Erwartungshaltung hoch. Ari tritt an, und ich versuche, an ihrem Hinterrad zu bleiben. Und da ist er: der geshapte Biker-Traum. Spielerisch schaukeln uns seine Kurven nach links und rechts, bis der Schluchtslalom in eine wendige Waldpassage übergeht. Meine Beine pedalieren eifrig, meine Finger kommen nicht in Bremsennähe, bis wir auf einen Schotterweg ausgespuckt werden. Ich schaue Ari und Ali an. Sie ahnen was jetzt kommt. "Noch mal?", frage ich.

Es sind einige Canyon-Runden geworden, als wir mittags wieder gen Massa Vecchia treten. Ich bin ganz schön platt und wende nichts gegen eine verlängerte Pause ein. Nach dem Essen werkelt Ari in der Küche, Ali sitzt vor dem Rechner an der Rezeption – und ich auf der Terrasse vor dem Weingut.

Ich erinnere mich an Ernestos Versuch am Vorabend, die Rollenverteilung in seiner Anlage zu erklären: "Eigentlich macht hier jeder alles", meint er. "Jeder bringt sich mit seinen Stärken ein, und so sind alle ein Puzzlestück von Massa Vecchia." Er nickt zu seiner jüngeren Tochter hinüber, die durch die Tische wuselt: "Schau Dir Ali an. Ohne sie wäre Massa Vecchia nicht möglich. Wir nennen sie Fräulein Rottenmeier nach der strengen Hausdame in Heidi." Wie bitte? Du hast hier eine extrem hübsche Tochter, auf deren Gesicht eine Lachexplosion auf die nächste folgt. "Ja, natürlich, aber sie ist diejenige mit Organisationstalent und Struktur." Ernesto ist sichtlich stolz auf seine Damen. Und das erleichtert ihm den großen Schritt sehr: Nach 30 Jahren übergibt er sein Lebenswerk an die beiden Töchter. Der Generationenwechsel im Hause Massa Vecchia ist im vollen Gange.

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Ob Ernesto sich womöglich mal einen Sohn gewünscht habe, frage ich Ari später. Wir sitzen auf Il Sasso, einem Felsen am Gipfel des nahen Monte Arsentis. Der Ausblick ist gewaltig. Linkerhand kuschelt sich Massa Marittima in die waldigen Hügel, und rechterhand ruht das Meer. Ari zuckt die Schulter: "Wir haben nie darüber gesprochen, aber ehrlich, ich glaube, er ist ganz zufrieden mit uns." Ja, das ist er sicherlich. Die Geschlechterfrage ist in der Massa Vecchia generell angenehm unvorhanden. Ari ist beispielsweise Präsidentin der Trail Brothers, einem Team aus Bikern, das ehrenamtlich 500 Trail-Kilometer rund um Massa Marittima baut und pflegt. Eine Frau steht den Brothers vor. Wieso Brothers? "Ach, ähm, wir hatten ein wenig was getrunken und hörten die Blues Brothers. Und Brothers ist so ein schönes, universelles Wort …" Nächste Geschlechterfrage erledigt. Wie schön, wenn von keiner Seite Sprüche kommen, wenn keine Gedanken verschwendet werden müssen – wenn man einfach biken kann.

Und das tun wir nun auch wieder: Vom Felsen zeigt Ari in den Wald hinein. Dort ist die neue, knackige Enduro-Strecke, da die sanftere Freeride-Variante. Insgesamt vier Strecken spielen sich hier kreuz und quer durch den Wald. Wir wuseln uns durch die verwinkelten Waldabschnitte und lassen es auf den offenen Hängen richtig stauben. Unten rollen wir über einen kleinen Pumptrack aus, klatschen ab, danken dem Herrn und den Shapern – und sind uns einig, dass zur Abrundung nun ein Glas Wein fällig ist.

Das Gusto-Leben in der Toskana soll so weitergehen. Man kann als Alpenraumbewohner die üppige Vielfalt an feinstem Trail-Material rund um Massa Marittima kaum fassen. Es gibt keine Diskussionen, keine Konfrontationen mit Behörden oder anderen Wegenutzern. Der Bürgermeis­ter freut sich und fördert. Seine süße Mittelalterstadt ist selbst von kleinen Gassen geprägt – da passt das Netz aus schmalen Pfaden drumherum bestens. Aktuell plant Ernesto separate Uphill-Strecken für E-Mountainbikes. Natürlich ist es eine Frage des Platzes – doch zu Hause scheint die Enge in den Köpfen oft das größte Hindernis zu sein.

Welch’ Genuss, wenn man sich keine Gedanken machen muss und sorgenfrei auf den Trails spielen darf – und die Trails auch mit dir spielen wollen. Kein fieser Fels, kein ruppiges Gerüttel, kein mächtiges Wurzelwerk. Wir sind in Meeresnähe unterwegs. Jeep-Queen Ari hat uns gen Wasser chauffiert, wir haben lauthals zu Italo-Pop gegrölt und heizen nun johlend durch die Wälder in Küstennähe. Ich habe einen Tunnelblick, sehe nur noch den Trail. "Was war das denn?", frage ich am Ende ungläubig. Ali lächelt und meint nur: "Warte mal die Kurve da vorne ab." Wir rollen um die Ecke – und mich wirft es fast wieder zurück, geblendet von dem Blau des Meeres und dem perfekten Weiß des leeren Sandstrands. Elba liegt ruhig im Wasser, davor schaukeln zwei Schifflein. Wo bin ich denn gelandet? Ari lacht. "Bei uns. Im Paradies also." Ich überlege mir, ob ich vielleicht meinen Anker auswerfen sollte.


INFOS

Lage Massa Marittima ist ein absolut sehenswertes, mittelalterliches Städtchen mit 9000 Einwohnern und befindet sich in der Provinz Grosseto. Florenz liegt ca. 85 km weiter nördlich, nach Siena sind es 45 km gen Nordosten, und das Meer erreicht man in 20 km.
Anreise Mit dem Flugzeug nach Pisa oder Rom und weiter mit dem Mietwagen. Oder mit dem Auto über den Brenner bis Florenz und weiter Richtung Rom/Grosseto. Entfernung von München ca. 850 km.
Unterkunft In der Massa Vecchia kann man in unterschiedlichen Zimmern und Wohnungen (ab ca. 70 Euro) übernachten. Es gibt Bike-Wochen mit einem vollen Programm für jedes Level und einen Scott-Bike-Verleih. Info: www.massavecchia.it

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Gitta Beimfohr am 13.03.2017
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