Grande Traversée: Trans Provence Singletrails Grande Traversée: Trans Provence Singletrails

Frankreich: MTB Tour in 6 Etappen durch die Provence

Grande Traversée: Trans Provence Singletrails

Holger Feist am 15.11.2016

Im Südfrankreich lässt sich ein einzigartiges Singletrail-Abenteuer erleben: eine Durchquerung der Provence in sechs Etappen. Sie startet in der Mondlandschaft des 3151 Meter hohen Tête de la Fréma.

Der Wind macht mich fertig. Schon im Tal blies er unangenehm von der Seite, jetzt peitscht er alle zwei Minuten aus einer anderen Richtung auf uns ein. Beißend kalt ziept er durch meine Jacke, die für dieses Wetter nicht gemacht ist.

Dafür ist die Kapuze groß genug, dass ich sie über den Helm ziehen kann. Die Windböen versuchen, sie sofort wieder runterzuschlagen. Wir müssen uns wirklich konzentrieren, dass wir bei dem Gezerre nicht in den Abgrund gefegt werden. Es hat einfach keinen Sinn. Alle zittern vor Kälte, und bei dem Nebel sehen wir oben sowieso nichts. Stefan schreit etwas gegen den Sturm an. Seine Worte verstehe ich nicht, aber seine Hände formen dazu ein eindeutiges T: Time out – okay, Abbruch.

Die Tür fällt mit einem Windstoß fest ins Schloss, Ofenwärme umhüllt uns. Endlich in der Hütte, endlich in Sicherheit, Ruhe. Romain, der Wirt des Re­fuge du Chambeyron ist nicht überrascht, uns wiederzusehen. "Ich habe Euch doch gesagt, dass der Tête de la Fréma bei diesem Wetter keinen Sinn macht." Erst mittags hatten wir unter einem Blechdach einen kurzen Stopp eingelegt, um anschließend gestärkt die letzten 500 Höhenmeter zum 3151 Meter hohen Gipfel anzugehen. Aber keine Chance. Das Dach der Provence will heute keine Gäste. Das muss man akzeptieren. Also zurück in die sichere, wenn auch spartanisch ausgestattete Hütte. Vielleicht haben wir morgen mehr Glück.

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Einer der schönsten Plätze im Refuge du Chambeyron: der warme Ofen.

Den Start zu unserer Trans-Provence hatten wir uns anders vorgestellt. Klar, wer denkt bei Provence schon an Sturm, Nebel und hochalpine Mondlandschaften? Von den berühmten Lavendel-Feldern, die einem beim Stichwort Provence als erstes einfallen, sind wir noch mindestens vier Tagesritte entfernt. Wir – das sind Enduro-Pilotin Julia Hofmann, Free­rider Mario Lenzen, Fotograf Stefan Neuhauser und ich – wollen dieses Jahr die Provence durchqueren. Und zwar vom Gipfel des Tête de la Fréma, dem "Dach der Provence", bis nach Manosque in der Haute-Provence. Dabei werden wir grob dem Flusstal der Ubaye folgen. 300 Kilometer und 8500 Höhenmeter auf überwiegend feinsten Trails, hatte uns Philippe Leouffre versprochen, und der muss es wissen, denn er hat die Route entworfen und ausgeschildert.

Am nächsten Morgen strahlt ein blauer Himmel über uns. Die Sonne muss erst noch über den 3389 Meter hohen Le Brec de Chambeyron klettern, daher warten draußen noch Minusgrade auf uns, aber wenigstens ist es windstill. Aus dem kleinen See hinter der Hütte steigen Dampfwolken auf, die Wiesen sind weiß vom Reif. Also Tête de la Fréma, zweiter Versuch: Wir pedalieren schnell los, damit uns möglichst schnell warm wird, doch schon die erste Rampe würgt unseren Schwung wieder ab. Der Trail windet sich die steile Flanke hinauf und ist nur abschnittweise fahrbar. Immer wieder müssen wir schieben. Der Weg zum Tête de la Fréma ist kein leichter, auch heute nicht. Aber das Panorama ist atemberaubend. Wir passieren mächtige Felswände und mehrere Bergseen mit Spiegelpanorama. Den Wegverlauf zum Gipfel haben wir dabei stets vor Augen. Nur sieht der Pfad von hier noch nicht so steil und ausgesetzt aus, wie er gleich werden wird. Mit dem Bike auf den Schultern und in dünner Luft dürfen wir uns bald keinen einzigen Fehltritt mehr erlauben. Doch irgendwann stehen wir endlich oben auf dem Dach der Provence, über das die französisch-italienische Grenze verläuft.

Fotostrecke: Grande Traversée: Trans Provence Singletrails

Der Abfahrts-Trail, wegen dem wir uns hier hochgeschunden haben, beginnt direkt unterhalb des Gipfelkreuzes. Ausgesetzt und ausgesprochen grobkantig hängt der Weg in der Felswand. Absteigen könnte jetzt schmerzhafte Folgen haben. Auf diese Zitterpartie folgt eine Geröllpassage über einen sehr steilen Rücken. Serpentinen schlängeln sich steil nach unten, und die Bremsen leisten Schwerstarbeit. Ich hoffe nur, dass die Scheiben nicht anfangen zu glühen und abrupt die Bremsleistung verlieren. Nach 150 Höhenmetern entspannt sich der Pfad, wir durchqueren eine Hochebene mit einem kleinen See und haben bis ins Tal hinunter Spaß. Halt machen wir an der Les-Granges-Hütte, um uns eine Brotzeit zu bestellen, dann folgen wir dem Flusslauf der Ubaye gen Westen auf einem wunderschönen Sand-Trail. Hier treffen wir auf Philippe, den Strecken-Designer. Er wirkt besorgt, weil wir durch das schlechte Wetter am Tête de la Fréma Zeit verloren haben. Damit seine Unterkunftsplanung nun nicht völlig aus dem Ruder läuft, hat er uns einen Shuttlebus besorgt. So stehen wir eine Stunde später bereits auf einer Hochebene mit Blick auf die Dächer von Montclar.

Damit macht die Route einen eher unvernünftigen Schlenker nach Süden, aber das ist so typisch in Frankreich. Hier wird fast nie die schnellste Route von A nach B gewählt, sondern die spannendste.

Unter den Reifen haben wir jetzt grandios ge­shapte Bikepark-Trails, die wir dank Lift auch gleich noch mal in Angriff nehmen. In Montclar suchen wir unsere Unterkunft auf. Philipp bereitet uns darauf vor, was auf der nächsten Etappe auf uns wartet, dann verabschiedet er sich schon wieder von uns. Als Guide brauchen wir ihn nicht. Wir verfügen über Karte und GPS-Daten, außerdem ist die Strecke ausgeschildert.

Am nächsten Tag warten zwei große Highlights auf uns: die Terres Noires, nicht weit von Tigne-les-Bains. Etwa eine Stunde lang kurbeln wir eine Teerstraße bergauf, bis uns rechts ein Schild in einen sandigen Trail abzweigen lässt. Jetzt noch ein Stück durch ein trockenes Bachbett bergauf, dann stehen wir auf einem Hochplateau und blicken auf die kleinen Terres Noires hinunter. In bizarren Formen schieben sich hier schwarze Gesteinsschichten übereinander. Zwischen den Rippen sprießt ein wenig Grün, und Trail-Spuren kurven um und über die Buckel dahin. Uns stechen sofort ein paar Spots ins Auge, die wir bereits aus Magazinen kennen. Unzählige Fotos für Kataloge sind hier schon geknipst worden. Ein erster vorsichtiger Rutschtest mit dem Schuh bestätigt, was Philipp uns versprochen hat: bester Grip, so wie auf den berühmten Sandfelsen von Moab. Direkt an die kleinen schließen sich die großen Terres Noires an, die wir uns als Dessert nach dem Mittagessen aufheben. Hier sind die schwarzen Buckel mehr als mannshoch und können sogar für Wallrides genutzt werden. Ein Profi wie Fabien Barell holt sich hier angeblich jeden Winter den Feinschliff für die kommende Downhill-Saison. Klar, dass auch wir hier nicht einfach durchpreschen, sondern noch ein bisschen mit der Schwerkraft spielen wollen. So wartet am Ende des Trails und des Tages mal wieder Philippe im Shuttlebus auf uns.

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Die gesamte Route ist sehr abwechslungsreich, fahrtechnisch aber durchgehend fordernd.

Je weiter wir gen Südwesten kommen, desto flacher und lieblicher wellen sich die Berge. Man könnte fast schon von Hügeln sprechen, wobei das ständige Auf und Ab natürlich auch jede Menge Körner kostet. Aber es duftet schon so mediterran nach Kräutern, dass unsere Augen den Horizont ständig nach Meerblau abscannen. Wobei uns Philippe diese Hoffnung schon beim Start genommen hat. Das Meer komme in diesem Trail-Trip nach Manosque leider gar nicht vor. Im Moment sorgt dafür schon das Montagne de Lure, das sich noch mal wie eine Mauer zwischen uns und das Meer schiebt. Als letzter Außenposten der Südalpen türmt sich dieser lange Gebirgsriegel bis 1826 Meter in den Himmel. Doch, was ihn für uns besonders interessant macht, ist der Trail, der sich auf seiner Südseite hinunterwickelt. Lokale Enduro-Fahrer haben ihn vor einiger Zeit angelegt, und da er zu den Trail-Highlights der Provence zählt, hat Philipp diesen Schwenk natürlich mit in die Route gebastelt. Es wird später Nachmittag, bis wir uns die gewaltige Bergflanke hochgekurbelt haben. Oben öffnet sich uns ein gewaltiger Blick ins Tal und über die Hochebene von Valensole. Leider ist der Lavendel schon verblüht. Von Mitte Juni bis Mitte August hätten wir von hier oben wahrscheinlich in ein lila Farbenmeer geschaut. Jetzt, Ende September, kann die Abendsonne den riesigen Feldern, die sich über die Hochebene hinziehen, nur noch einen zarten Duft entlocken. Wir finden den Trail-Einstieg, der mit kapitalen Steinmännchen markiert ist und sind beeindruckt: Die Sonne leuchtet den steilen, felsigen Schotterhang gerade orange-rot aus, als wir uns in die ersten Pfadkehren tasten. Der Untergrund ist anfangs etwas lose und bröselig. Es dauert ein paar Kurven, bis wir uns an die neuen Bedingungen gewöhnt haben, doch dann kommt richtiges Surf-Feeling auf. 1000 Höhenmeter fliegen wir bergab. Am Ende durchqueren wir noch ein paar Olivenhaine und erreichen in der Talsohle unseren nächsten Etappenort: Etienne les Orgues.

"Hey, Freunde, das könnt Ihr echt nicht machen!" Wir setzen uns im Gîte les Vignaus gerade zum Abendessen an den Tisch, da schiebt Julia schon wieder die Weinkaraffe zu mir rüber. Auf den französioschen Hütten wird man nämlich gar nicht gefragt, was man trinken möchte. So stellte uns auch Wirtin Chantal eine Karaffe mit Wasser und eine mit Rotwein auf den Tisch. Nur leider habe ich auf dieser Tour lauter erklärte Antialkoholiker dabei. So musste ich den Wein bisher immer alleine trinken. Aber heute, am vorletzten Abend, soll wenigstens Julia mittrinken. Immerhin gehört sie nur zu den "Eigentlich-nicht-Trinkern". Nach zwei bis drei Kopfschüttlern ist sie überzeugt, und der Abend in dieser leicht verrückten Hütte wird ausgesprochen lustig.

Als Julia am nächsten Morgen zum Frühstück geschlurft kommt, sitzen wir bereits draußen im Garten unter einem Feigenbaum. Der Tisch ist mit allerlei Früchten, frischen Croissants, Baguette und Käse gedeckt, aus dem Haus klingen französische Chansons. Leider kann Julia heute morgen davon noch nicht viel wahrnehmen. Nein, essen möchte sie wirklich nichts, sie bleibe lieber beim Tee.

Auf unserer letzten Etappe fahren wir durch hügelige Landschaften und hangeln uns von einem kleinen Bergdorf zum nächsten. Bis wir einen bizarren Steingarten passieren, den Rochers des Mourres. Unser Trail führt hier tatsächlich um haushohe Kalksteinformationen, die aussehen wie riesige Pilze. So wird es früher Abend, bis wir nach sechs Tagen schließlich das Ziel unserer Provence-Traverse erreichen: die berühmten engen Gassen von Manosque.


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Trans-Provence in sechs Etappen

INFOS TRANS-PROVENCE

Die Route
Die Trans-Provence ist eine offiziell ausgeschilderte Mountainbike-Route. Sie führt vom Tête de la Fréma, dem "Dach der Provence", über ausgesetzte und äußerst technische Trails weiter entlang der Ubaye, durch die schwarzen Sandsteinfelsen der Terres Noires, über die perfekten Enduro-Trails des Montagne de Lure und weiter über sanftere Wiesen-Trails, durch Lavendel-Felder und Olivenhaine bis in die aus der Literatur bekannte Altstadt von Manosque ("Der Husar auf dem Dach"}.

Das Fazit: eine vielseitige und durchweg perfekte Bike-Tour, die von Anfang bis Ende Spaß macht, aber solide Fahrtechnik erfordert. Die Übernachtungen in den Gîtes sind ein weiteres Highlight der Tour. Meist handelt es sich um wunderschöne alte Häuser, die mit viel Liebe restauriert wurden. Als Gast wir man hier mit tollem Essen und jeder Menge Wein verwöhnt. Wegen des anfangs schlechten Wetters kamen wir in Zeitnöte und haben zwischendurch einige Passagen im Shuttlebus zurückgelegt.

Wegbeschreibung
Die Route misst insgesamt 300 Kilometer, 8500 Höhenmeter bergauf, 10160 Höhenmeter bergab und ist in 6–8 Etappen fahrbar. Die GPS-Daten zu Tour "Grande Traversée VTT L’Alpes-Provence" gibt es unter www.vtt.alpes-haute-provence.fr. Seit 2017 wird die Tour auch von www.biketours-oberstdorf.com als geführte Tour angeboten. Shuttle-Service: www.bike-access.com

Holger Feist am 15.11.2016
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