Frankreich: Mountainbike Revier-Guide Pyrenäen Frankreich: Mountainbike Revier-Guide Pyrenäen

Frankreich: Mountainbike Revier-Guide Pyrenäen

Pyrenäen: Die schönsten Trails von Lourdes

Patrick Kunkel am 07.12.2017

Zwischen den Pässen der Tour de France spinnt sich in den Hautes-Pyrénées ein weites Trail-Netz. Dort, wo sich die Rennradler am Tourmalet und Col d'Aspin hochkämpfen, biegen Biker in die Natur ab.

"Merde," flucht Robin und reisst sein Bike herum. "Schnell weg hier!" Vor uns setzt sich gerade Eine halbe Tonne Pyrenäen-Rindvieh mit gesenk- ten Hörnern in Trab.

Wir springen aus den Sätteln und hetzen unserem franzö­sischen Guide hinterher. Stolpern planlos ins Gebüsch. Stacheln zerren an Haut, Helm und Bike, unter uns bricht eine kleine Böschung ab – egal, Hauptsache in Sicher­heit. "Uff, das war knapp", grinst Robin am Ende der Rutscheinlage. Immerhin landen wir auf historischem Asphalt. Die Passstraße von Luz-Saint-Sauveur hinauf zum Col de Tourmalet gehört zu den großen Mythen der Tour de France. Man merkt das sofort: Wwwusch – rauscht ein schnelles Rudel Lycra-Jungs an uns vorbei ins Tal. Krrrks, malträtiert ein schnaufender Rennradler seine Gangschaltung auf der steilen Rampe in Gegenrichtung.


Die GPS-Daten zu diesen Touren finden Sie unten im Download-Bereich:

  • 1. Pic du Midi (47 km, 2300 hm, 4220 tm, 7:00 h)
  • 2. Ins Val D'Azun (49 km, 1739 hm, 3147 tm, 6:00 h)
  • 3. Rund um den Col d'Aspin (28,6 km, 1576 hm, 3:30 h)

Fotostrecke: Frankreich: Mountainbike Revier-Guide Pyrenäen


Etliche Kehren unter uns erblicken wir Dutzende Groß- und Kleingruppen, die auf Rennrädern die Serpentinen bergauf kurbeln. Weiter oben bietet sich ein ähnlicher Anblick: Buntscheckige Trikots gondeln auf dem Asphaltband zwischen Almwiesen und steilen Felsflanken im Wiegetritt gen Radsport-Olymp. "Unsere Tour-de-France-Pässe ziehen Rennradler aus der ganzen Welt an", erklärt Robin sichtlich stolz. Vor allem der Tourmalet – und zwar nicht nur, weil dieser mit 2115 Metern der höchste asphal­tierte Straßenpass der französischen Pyrenäen ist.Sein Mythos resultiert aus der Historie: Als erster Hoch­gebirgs­pass überhaupt wurde er 1910 in das Programm der Frankreich-Rundfahrt aufgenommen, obwohl er zu der Zeit bloß ein schmaler, steiniger Pfad war. Der damalige Gesamtsieger der Tour, Octave Lapize, bezwang zwar den Tourmalet, bezeichnete aber die Tour-Organisation anschließend wegen der krassen Streckenführung als Mörder. Bis heute gilt die Auffahrt als eine der schwersten der Tour. "Kein Wunder also, dass auf der Straße immer die Hölle los ist", sagt Robin.

Mountainbiker haben die Bergwelt rund um den Pic du Midi de Bigorre scheinbar weniger auf dem Plan. Auf unserer fast 24 Kilometer langen Abfahrt von der Spitze des 2877 Meter hohen Massivs treffen wir jedenfalls keinen Menschen. Komisch: Die Gegend ist durchzogen von kilometerlangen Singletrails. Ein Rätsel, warum hier so wenige Biker unterwegs sind. "Doch, doch, es werden jedes Jahr mehr. Langsam spricht es sich herum, dass wir hier geniale Strecken haben," sagt Robin, Veranstaltungen wie der Downhill-Weltcup in Lourdes, dem Wallfahrtsort am Fuße der Pyrenäen, hätten die abgelegene Gegend bekannter gemacht. In einigen Skigebieten gäbe es inzwischen Bikeparks, alleine in den Tälern zwischen Lourdes, Luz und Cauterets wurden über 1100 Kilometer Bike-Strecken ausgewiesen: "Und da sind richtig gute Trails dabei", versichert Robin. "Ich zeige euch allerdings meine Lieblingsstrecken – und das sind ausnahmslos Naturpfade."

Zum Auftakt unserer viertägigen-Trail-Entdeckungsreise durch die wilden Hochpyrenäen starteten wir mit dem schwersten Brocken weit und breit: der Abfahrt vom Pic du Midi. Schon aus dem Seilbahnfenster blickend zweifeln wir, ob wir nicht lieber unsere Kletterausrüstung hätten einpacken sollen. Die höchste Sternwarte Frankreichs thront auf einem Gipfel, der nach allen Seiten nahezu vertikal abbricht, und wir surren direkt darauf zu. "An guten Tagen kannst du von hier bis zum Leuchtturm von Biarritz sehen, 150 Kilometer Luftlinie von hier", versucht uns Robin abzulenken. Aber unser Blick gehört den jähen Abgründen rings um die Besucherplattform. Bis ich endlich in der steilen Südflanke eine Spur entdecke, die dem verblockten Terrain so etwas wie eine Abfahrt abtrotzt.

Frankreich: Mountainbike Revier-Guide Pyrenäen

Die ersten Trailmeter vom Pic du Midi de Bigorre führen über ein grobes Geröllfeld, hier kann man es schon rollen lassen. Der Ausblick bleibt spektakulär. 

"Es wird sehr technisch", verkündet Robin, als wir aus der Seilbahn steigen. Mich fröstelt – was aber auch an der kräftigen Brise liegen kann, die uns hier oben empfängt. "Weiter unten warten aber auch viele Abschnitte, auf denen es richtig gut rollt," beschwichtigt unser Begleiter.

Im Zickzack tasten wir uns die ersten 200 Tiefenmeter ein mondartiges Geröllfeld hinunter. Die erste Kehre schiebe ich, die zweite rutsche ich auf Knieschonern – doch dann läuft’s: Unter den Stollen gerät das scharfkantige Geröll erst noch ins Rutschen, dann hakt es sich immer fester in den Boden und die Reifen bekommen Grip. Die Blockhalde weicht nach und nach dem struppigen Bewuchs von Almwiesen und ab dem kristallklaren Bergsee Lac d’Oncet weiten sich auch ein paar Kurven. Kuhherden, Ziegen und Lamas haben hier einen Naturpfad in die Bergweiden getrippelt und dabei nicht unbedingt auf durchgängigen Flow geachtet. Immer wieder erinnern uns Passagen mit Spitzkehren, Rinnen oder Felsbrocken im staubigen Untergrund daran, in welch anspruchsvollem Gelände wir unterwegs sind. Bald entdecken wir sogar Spuren anderer Biker im Untergrund. Bei Sonnenaufgang, berichtet Robin, seien 260 Teilnehmer eines Bike-Rennens vom Gipfel des Pic du Midi gestartet. Pyr’Epic nennt sich die 116 Kilometer lange Zweitages-Challenge. Episch daran sind vor allem die Abfahrten: Dank zweier Sessellifte sind doppelt so viele Tiefen- wie Höhen­meter zu bezwingen, nämlich 4400 bergauf und 9000 Höhenmeter runter.

Wir wollen dem Streckenverlauf der Pyr’Epic bis Cauterets folgen. Sollte kein Problem sein – zumindest laut Karte. Bloß stehen schon in Luz 2700 Meter Abfahrt und 500 nicht minder anstrengende Höhenmeter auf dem Tacho. Die kilometerlange Auffahrt zum nächsten Col treten wir daher bereits mit weichen Beinen an. Robin kurbelt mit stoischer Ruhe bergan, ich leide dagegen an Schnappatmung, als wir gut 1400 Höhenmeter weiter oben endlich den Col de Riou erreichen. Dieser ist kaum mehr als eine Kreuzung wilder Pfade inmitten einer urtümlichen Hochgebirgslandschaft. Wir wählen einen sieben Kilometer langen Bilderbuch-Trail, der Naturflow mit Spitzkehren, Felsabsätze mit Geschwindigkeitsrausch und Wurzeltreppen mit traumhaft lang gezogenen Kurven kombiniert. Nur manche Kehre zieht sich schon sehr arg zu und so manche Fahrlinie erschließt sich in den ausgewaschenen Rinnen erst, wenn es schon fast zu spät ist. Doch unten steigen wir zufrieden strahlend vom Bike – völlig ausgelaugt.
Abends in Cauterets schlurfen wir auf wackligen Beinen ins klassizistische Casino des Thermalorts. Laute Bässe wummern aus Lautsprechern, an den vollbesetzten Tischen im und vor dem Gebäude schaufeln müde Fahrer des Pyr’Epic-Rennens Pasta mit Fleischsoße.

Frankreich: Mountainbike Revier-Guide Pyrenäen

Ein schönes Relikt aus der letzten Eiszeit – der Lac d'Oncet am Pic du Midi de Bigorre.

Patrice Bordères, der Präsident des örtlichen Bikeclubs aus Lourdes, winkt uns an seinen Tisch und lädt uns zum Essen ein. Bei Rotwein aus Plastikbechern gerät er ins Schwärmen: "Die Natur in den Pyrenäen ist noch intakt. Großartig und wild! Es gibt hier sehr, sehr lange Abfahrten und sehr harte Anstiege. Diese wollten wir in einem Rennen zusammenfassen. Wir haben ein paar Trails in der Vorbereitung entdeckt, die wir selbst vorher nicht kannten. Traumhaft!" Auch Manuel und Adán, zwei Enduro­biker aus dem spanischen Saragossa, sind hellauf begeistert von den Strecken auf der französischen Seite der Pyrenäen: "In Spanien sind die Trails noch technischer, hier gibt es mehr Flow als bei uns. Fantastisch." Bloß eine Sache sei nicht ganz so fantastisch: "Die Zeit wird auch in den Auffahrten genommen, bei uns ist das anders. Hätten wir das gewusst, hätten wir leichtere Bikes mitgebracht." Wobei die beiden sicher kein Hardtail meinen. Wer wäre schon so verrückt und würde sich in dieses Hochgebirge ohne Federung wagen? Bruno Valcke ist so jemand. Im Sommer ist Bruno Bikeguide, im Winter führt er Ski­tourengeher über die Gletscher der Pyrenäenspitzen. Wir lernen den schlaksigen Franzosen zwei Tage später kennen. Die Pyr’Epic ist da längst vorbei. Und längst steht fest, dass von den 260 Starten bloß 160 ins Ziel kamen. Bruno wurde Vierzehnter – mit seinem Hardtail. Doch er versichert: "Noch mal mache ich das nicht. Es war eine gute Erfahrung, aber eigentlich mag ich es ruhiger." Was der leichtfüßige Local unter "ruhig" versteht, merken wir auf der Asphaltauffahrt, die uns zu einem Traumtrail in den Gletscherkessel von Gavarnie bringen soll. Während er die raue Schönheit der umstehende Berge preist und über die Historie der Gegend plaudert, kommen wir mit unseren schwereren Fullys kaum hinterher.

Oben tut sich ein halbkreisförmiger, gigantischer Bergkessel mit nahezu senkrechten Wänden vor uns auf – der Cirque de Gavarnie. Der Umfang der Wand betrage 14 Kilometer. Bruno zeigt auf den höchsten Gipfel des Felsenzirkus: "Ganz rechts, das ist der Marboré. Er ist 3248 Meter hoch." Der gigantische Gletscher, der das Tal schuf, reichte einst bis nach Lourdes. Etwa auf halber Höhe schießt weiße Gischt aus dem Fels: Der höchste Wasserfall Europas, gespeist von einem unterirdischen Gletschersee, fällt über 422 Meter in die Tiefe. Über einer Almwiese etwas weiter weg sehen wir Dutzende Geier kreisen. "Dort wird wohl eine Kuh abgestürzt sein", vermutet Bruno – und auch das sind die Pyrenäen: Bartgeier und Braunbären finden hier noch Rückzugsräume, weil manche Schluchten und Täler für den Menschen einfach unzugänglich oder gesperrt sind. Gott sei Dank!

Frankreich: Mountainbike Revier-Guide Pyrenäen

Pyrenäen: 3 Touren im Überblick


Seite 1 / 2
Patrick Kunkel am 07.12.2017
Kommentare zum Artikel