Frankreich: Mountainbike Revier-Guide Massif Central Frankreich: Mountainbike Revier-Guide Massif Central

Frankreich: Mountainbike Revier-Guide Massif Central

3 MTB Touren um die Vulkane des Massif Central

Patrick Kunkel am 12.09.2017

Hunderte Vulkane reihen sich bis heute im Massif Central und formen mit ihren bis zu 1886 Meter hohen Kratern eine skurrile Touren-Kulisse. Die alten Feuergipfel sind mit einsamen Trails verbunden.

"Ok, das war wohl jetzt nichts." Bertrand zupft ein Büschel Gras aus dem Schaltwerk und eine Handvoll Kletten aus den Haaren, grinst – und schiebt weiter. Morsche Äste knacken, Brombeer-Dornen kratzen rote linien in unsere Waden.

Kann ja mal passieren, dass man auf der Suche nach perfekten Trails im Nirgendwo landet. Beziehungsweise im undurchdringlichen Unterholz. Nein, kein Thema, zumal uns Bertrand den ganzen Vormittag schon über Pfade gelotst hat, die wir alleine niemals gefunden hätten. Und Singletrails hat sein Revier reichlich zu bieten. In der Mitte Frankreichs türmt sich eine eindrucksvolle Vulkanlandschaft auf: das Massif Central, auf Deutsch: Zentralmassiv. Hier stehen nicht nur ein paar Vulkane in der Landschaft, sondern gleich ein paar hundert alte, inzwischen längst verrauchte Feuerspucker.


Die GPS-Daten dieser drei MTB-Touren aus dem Revier-Guide Massif Central finden Sie unten im Download-Bereich:

  • TOUR 1: Rund um Mont-Dore (45,7 km 1372 hm 4:30 h)
  • TOUR 2: Von Krater zu Krater (59,4 km 1109 hm 5:30 h)
  • TOUR 3: Puy de Chateauneuf (48,9 km 1160 hm 5:30 h)

Fotostrecke: 3 MTB Touren um die Vulkane des Massif Central


"Allein die Chaîne des Puys besteht aus über 80 Vulkanen", erklärt Bertrand, als wir auf einer Anhöhe stoppen, wo uns der Anblick dieser 60 Kilometer langen Vulkankette am Horizont den Atem verschlägt.

Die Chaîne des Puys, die Bergkette der Krater, ist ein gewaltiges Bollwerk aus Kegeln, Kuppeln und Domen. "Es ist mir nicht möglich, Ihnen einen Begriff von der Pracht des Anblicks zu geben", schrieb der deutsche Geologe Leopold von Buch, der die Auvergne im Jahr 1802 als einer der ersten Vulkanforscher durchstreifte. Voller Ehrfurcht über die erstarrten Naturgewalten versuchte er es dann doch: "Die Kegel steigen über die fortlaufende Bergreihe heraus, wie in Rom die Menge der Kuppeln über die Stadt, und wie dort die Peterskuppel um sich her alle andere vernichtet, so drückt hier der Puy de Dôme alle Kegel tief unter seine Höhe herab." Die letzten Vulkanausbrüche im Zentralmassiv habe es vor ungefähr 8000 Jahren gegeben, weiß Bertrand. Dennoch scheint das Wissen um den Vulkanismus hier zur Allgemeinbildung zu gehören: "Aber was heißt schon erloschen? Mich fasziniert, dass hier damals, als die Vulkane noch aktiv waren, bereits Menschen lebten." Neuzeitliche Geologen vertreten den Standpunkt, dass die schlafenden Ungetüme durchaus wieder erwachen könnten. Auch wenn derzeit nichts darauf hindeute. Die Lavaströme und die darauf folgende Eiszeit haben eine raue Landschaft hinterlassen, die nicht nur ein Eldorado für Vulkanologen darstellt, sondern wie gemacht ist für ausgedehnte Bike-Touren. Der Blick schweift weit über die Kulisse: Zwischen den üppig begrünten Gipfeln liegen weite Wiesen, Heidelandschaften und ein zottiger Waldpelz, unter dessen Baumkronen heiße Quellen sprudeln und Gebirgsbäche in Kaskaden über Felskanten schäumen. Dazu alte Burgen, Dörfer und Vulkanseen wie dahingemalt.

Bertrand prescht voran. Das Gelände präsentiert sich zunächst wellig und sanft. Doch hinter dem Örtchen Courbanges zweigt Bertrand plötzlich in einen Pfad ab, der in einer wilden Zickzack-Kombination erst über bizarre Basaltformationen und dann steil bergab in eine Talkerbe stürzt. Nur gut, dass uns unten ein griffiger Waldboden auffängt. Am Lac Pavin, einem kreisrunden Kratersee, der seine Existenz einem Rendezvous von Grundwasser und vulkanischem Gas­explosionstrichter verdankt, verschwindet Bertrand in einer unscheinbaren Bresche im Unterholz. Ein schmaler Pfad teilt jetzt das Walddickicht und führt direkt auf einen gewaltigen Ring aus Tuffgestein zu: das Becken eines verschwiegenen Kratersees. Vollgepumpt mit Glückshormonen cruisen wir über den Trail, der nun unter knorrigen Eichen auf der Seeböschung entlangbalanciert.

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Im dichten Waldpelz der Auvergne verstecken sich Wasserfälle wie die Cascade du Queureuihl.

"Das Schönste am Zentralmassiv ist, dass sich die Landschaft und die Strecken ständig ändern", sagt später am Abend Margriet, die Wirtin der kleinen Pension Les Camelias im Bergstädtchen Mont-Dore. Man könne sich zwischen den grünen Kratern so richtig verausgaben, ohne dass es langweilig werde. Und das tagelang. Margriet tischt uns ein üppiges Menü auf und setzt sich dann zu uns an den großen Tisch. Seit zehn Jahren betreibt sie mit ihrem Mann Erwin die Pension im Thermalort am Fuße des Puy de Sancy. Kennzeichen der Architektur, wie überall in der Gegend, ist die Verwendung des typisch regionalen Gesteins aus schwarzer Lava. Kennen gelernt haben sich die beiden Niederländer um die Jahrtausendwende beim Biken in den Anden: "Die Leidenschaft fürs Rad hat uns ins Zentralmassiv gebracht. Wir haben damals eine neue Heimat gesucht, die viele gute Rennradstrecken, aber auch Singletrails bietet." Et voilà! Margriet nickt Richtung Küchenfenster, dort, wo der fast 1900 Meter hohe Puy de Sancy alles überragt. Schon bei der Ankunft hat uns der Anblick des höchsten Berges des Zentralmassivs mit seinen zerfurchten Lavahängen den Mund wässrig gemacht. Doch Margriet muss uns enttäuschen: "Der Sancy ist leider bikefreie Zone – Naturschutzgebiet." Aber es gäbe ja genügend feine Strecken hier.

Wie zum Beweis dafür steht am nächsten Morgen Chriss, ein Kumpel von Bertrand, vor der Tür. Er will uns die Strecken rund um die Vulkane der Chaîne des Puys zeigen, die wir am Tag zuvor nur aus der Ferne gesehen haben. "Keine Angst, wir fahren nicht auf alle 80 Vulkane", witzelt er und verfrachtet uns samt Bikes in seinen klapprigen Bus. In Zanières, einem verlassen wirkenden Kaff zwischen Feldern und Kuhweiden, beginnt die Tour denkbar unspektakulär. Bergab auf Schotter, Bussarde und Falken gleiten über Weizenfelder, und in der Ferne ragt der Puy de Dôme empor, der König der Vulkane mit seiner charakteristischen Kuppelform. "Da geht es heute hin", verkündet Chriss. Am Wegrand stehen uralte Menhire: "Aus der Jungsteinzeit," erklärt Chriss im Vorbeifahren, aber wir denken gleich an Obelix und seine Hinkelsteine. Das ist auch nicht weit hergeholt, denn im Zentralmassiv siedelten tatsächlich die keltischen Averner. Ein rebellisches Völkchen, das sich einst unter der Führung des Fürsten Vercingetorix gegen die römischen Eroberer erhob. Geschichte gibt es also genug auf den ersten Metern. Aber wo sind die Trails? Kaum gedacht, wird aus der Piste ein Flowtrail, der uns erst ein paar Kilometer später am Ufer des Lac d’Aydat ausspuckt. In rascher Folge wechseln nun Pfad und Piste – wobei: Manch ein Forstweg ist derart von Felsen garniert und von Rinnen durchzogen, dass man eher von zweispurigen Trails sprechen kann.

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Um das leibliche Wohl muss man sich in der Auvergne nun wirklich keine Sorgen machen: In fast jedem Dorf gibt es eine Bar, ein Boulangerie oder ein Restaurant. Und für eine Vesper unterwegs kann man sich bestens mit Leckereien direkt vom Bauern eindecken. Viele Fermes verkaufen selbst hergestellten Käse oder Wurst.

Mitten in der Chaîne des Puys folgt ein Krater auf den anderen. Dazwischen mäandern feinste Trails, die wir die meiste Zeit für uns alleine haben. Die wenigen Wanderer, die wir treffen, treten zur Seite und feuern uns an: "Allez! Allez!" Bloß Rindviecher gibt es hier im Übermaß. Und zwar die rotbraunen Salers-Rinder mit ihren geschwungenen, langen Hörnern. "Sie geben die Milch für unseren Saint Nectaire", schwärmt Chriss. Der Käse aus frischer Rohmilch reift drei Monate lang in vulkanischen Tuffsteinhöhlen. Erst dann hat er seine typische Kruste aus Grauschimmel ausgebildet. Doch bevor wir ans Kulinarische denken können, kreist der Trail mit uns einmal um das begrünte Kraterloch des Puy de Vichatel und lässt sich dann in Serpentinen an dessen Flanke hinab. Mittagsrast legen wir erst am Krater des Puy de la Vache ein. Umgeben von rotem Vulkangeröll teilt Chriss hausgemachten Schokoladenkuchen aus. Grillen zirpen, die von der Sonne aufgeheizten Steine lullen uns ein. Jetzt ein Schläfchen! Doch es wartet ja noch der Anstieg zum Puy de Dôme. "Leider sind die Wege auf den Gipfel für Biker gesperrt", bedauert Chriss. "Selbst Rennradfahrer lassen sie da nicht mehr hoch." Dabei hat der markanteste Vulkan des Massivs längst Straßenradsportgeschichte geschrieben: Bis 1988 endeten sogar Tour-de-France-Etappen auf dem 1465 Meter hohen Berg. Doch 2012 hat man die Trasse der Kultstraße für den Bau einer Zahnradbahn gebraucht.

Na gut, dann umrunden wir den Puy de Dôme eben auf halber Höhe. Chriss stoppt auf dem Bergsattel zwischen dem Kleinen und dem Großen Suchet: "Ich liebe diesen Ort. Von hier kannst du zwanzig Vulkane sehen." Der Blick schweift über den Puy Pariou bis hin zur tief unten im Tal liegenden Stadt Clermont-Ferrand, wo die Michelin-Reifenwerke ihren Hauptsitz haben. Und dort im Norden, hinter den Kuppen, befindet sich der Ort Volvic: "Vierzig Jahre braucht das Regenwasser, um als vulkanisches Quellwasser wieder hervorzusprudeln", sagt Chriss und grinst: "Das Wasser, das Ihr heute trinkt, ist vom Himmel gefallen, als ich geboren wurde!"

Apropos vom Himmel fallen – die Wolken über unseren Köpfen scheinen auf dieses Stichwort gewartet zu haben. Für Chriss kein Problem. Regenjacke an, und weiter geht’s, denn jetzt kommen ja erst seine Lieblings-Trails!

BIKE-Touren-Autor, Patrick Kunkel:
"Geht da was? Dutzend Male sah ich die wirklich beeindruckende Kette grüner Vulkankrater – nur von der Autobahn aus. Jetzt konnten wir die Trails des Zentralmassivs endlich testen, und: Ja, es geht richtig was!"

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Patrick Kunkel, BIKE Touren-Autor


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Patrick Kunkel am 12.09.2017