3 Tage Hochtour mit dem Mountainbike um den Mont Blanc 3 Tage Hochtour mit dem Mountainbike um den Mont Blanc

3 Tage Hochtour mit dem Mountainbike um den Mont Blanc

Höhenrausch: 2 Amis auf MTB-Tour in den Westalpen

K. C. Deane am 25.02.2017

Große Landschaften haben sie in den Rocky Mountains auch. Es sind andere Dinge, die Amerikaner an den Alpen reizen. Grant Gunderson und K. C. Deane erzählen von ihrem ersten Westalpen-Trip.

Nachdem ich nun schon eine ganze Weile ganz allein durch dichte Nebelwolken bergauf pedaliert bin, setze ich mich auf einen Stein am Wegesrand und warte auf meine beiden Mitstreiter Gunder und Seb. Und während ich so dasitze und an meinem Riegel knabbere, reißen die Wolken langsam auf. Einzelne Sonnenstrahlen beleuchten nun die Achterbahn, auf der ich gekommen bin. Der Pfad kurvt durch satte Almwiesen bis zu dem kleinen Felsen, auf dem ich mich niedergelassen habe. Oh Gott, das ist ja gar kein Stein, auf dem ich sitze! Mein Herz macht einen kurzen Aussetzer. Es ist vielmehr der überhängende Absatz zu einem 300 Meter tiefen Abgrund. Auf der anderen Seite des handtuchbreiten Pfades stürzt sich ein steiler Grashang in die Tiefe. Diese Stelle hier sieht mehr nach Startrampe für Basejumper aus als nach Biketrail. Meine Knie zittern. Höhenangst ausgerechnet in diesem Moment, mitten in den französischen Alpen! Okay, vorsichtig das Bike nehmen und Richtung Almwiese zurückschieben. Das ist definitiv der ausgesetzteste Trail, den ich je erlebt habe. Gerade als ich wieder genug festen Boden um mich herum fühle, kommt ein Wandererpaar den Pfad entlang. Beide so um die 70 Jahre alt. Locker, flockig spazieren sie durch die ausgesetzte Stelle, als wäre es ein Gehweg an einer Dorfstraße. "Bonjour!" Ich kann gar nicht antworten, so baff bin ich. Was bin ich nur für ein Jammerlappen.

3 Tage Hochtour mit dem Mountainbike um den Mont Blanc

Atemberaubend führen die Trails manchmal an Abbruchkanten entlang. Bei schönem Wetter kein Problem – bei dichtem Nebel kann es da aber auch schon mal erschreckend eng werden.

Mein langjähriger Reisekumpel und Fotograf Grant Gunderson rief mich für diesen Spätsommer-Trip an. Dieses Mal würde es nach Europa in die Alpen gehen. Eine Bike-Route am Mont Blanc und zwar von einer urigen Berghütte zur anderen. Gesagt, getan: Wir flogen also von Seattle nach Genf, setzten uns dort in einen Shuttle-Bus und erreichten nach zwei Stunden Fahrt Bourg St. Maurice. Diesen kleinen Ort kennt man bei uns in den USA nicht unbedingt, dafür aber die Namen der Skiresort drumherum: Les Arcs, Tignes und Les Rosieres – kaum ein amerikanischer Skifahrer, der da nicht einmal hin möchte. Nach weiteren 30 Minuten erreichten wir schließlich den Col du Petit St. Bernard. Diesen 2188 Meter hohen Pass soll schon Hannibal überquert haben. Im Zweiten Weltkrieg schlugen sich hier Italiener und Franzosen, und während der Tour de France lederte Lance Armstrong hier Schleck und Contador ab. Nun stehen wir hier an der französisch-italienischen Grenze, um unseren Guide zu treffen. Sebastian Nestolat ist kein Guide im eigentlichen Sinne, aber er durchstreift die Berge hier seit seiner Kindheit. Grant lernte ihn auf einem seiner Ski-Trips kennen und verabredete sich damals mit ihm für diese Bike-Tour.

Kaum sind wir aus unserem Auto ausgestiegen, kommt Sebastian auch schon angefahren. Zur Begrüßung winkt er uns direkt vom Parkplatz in die Almwiese und macht eine ausladende Bewegung mit dem Arm: "Ihr seid in einem der besten Trail-Reviere der Welt gelandet!" Lässt man den Blick über die Bergflanken schweifen, kann man tatsächlich überall feine Linien fokussieren, die im Zickzack gen Gipfel ziehen. Ein paar Hundert Meter unter uns umkreisen die schwarzen Bänder einen kleinen See, dröseln sich dann wieder zu einem Netzwerk auf und verschwinden irgendwo hinter der nächsten Bergkuppe. Unglaublich, wie lang man die Trails hier mit den Augen verfolgen kann. Überhaupt – ob es am Jetlag liegt, dass mir die Berge hier so mächtig vorkommen? Die weiße Spitze des Mont Blancs da hinten am Horizont ist ja laut Karte nicht mal 5000 Meter hoch. Wie auch immer, ich kann es kaum erwarten. Lasst uns loslegen!

Das ist das Merkwürdige an den Französischen Alpen: Obwohl die Berge so gigantisch sind, stößt man doch alle paar Kilometer wieder auf ein Tal mit einer Stadt oder einem grösseren Ort. Einsam ist es hier nur am Gipfel.

Geplant ist eine Route, die ein Freund von mir schon mal mit Ski gemacht hat. Vom Kleinen-St.-Bernhard-Pass um die Flanken des Mont Blancs nach Beaufort. Drei Tage werden wir dafür brauchen und unterwegs in Hütten übernachten. Auf letztere bin ich am meisten gespannt, denn viele Amerikaner, die aus Europa zurückkehren, schwärmen vor allem von diesem bewirtschafteten Hüttensystem der Alpen. Nur, ob die Trails unserer Route auch alle fahrbar sind, das wird sich erst unterwegs zeigen. Sebastian kennt nämlich nur zwei Drittel der Strecke. Der Rest ist auch für ihn Neuland. Wir beeilen uns, die Bikes zusammenzubauen und rollen schließlich vom Col du Petit St. Bernard in den ersten Trail hinein. Er kurvt mit uns über ein Meer aus buckligen Almwiesen bis in die kleine italienische Stadt namens La Thuile hi­nunter. Schlagartig umgibt uns ein Gewirr aus Straßen-Cafés, Autos, Motorrädern und Touristen. "Das ist die letzte Zivilisation. Von hier aus geht’s jetzt hinein in die einsame Bergwelt", verspricht Sebastian. Nur ein kleiner Anstieg bis zu einem Aussichtspunkt, dann kurz bergab und zum Schluss noch mal hoch bis zur Hütte, in der wir heute übernachten werden. Das klingt nach einem angenehmen Resttagesprogramm.

Fotostrecke: 3 Tage Hochtour mit dem Mountainbike um den Mont Blanc

Wir kurbeln durch Bergdörfer, die Cretez- Jean und Orgères heißen. Anfangs merken wir kaum, dass es bergauf geht, da uns die 100–200 Jahre alten Häuser so faszinieren. Sie sind komplett aus Stein gebaut! Doch bald werden die Ablenkungen rar, unsere Gespräche knapper, und das Ende des "kleinen Anstiegs" rückt noch immer nicht in Sicht. Tritt für Tritt spüre ich meine Kräfte schwinden. Statt des Motoren- und Menschenlärms von La Thuile wird nun unser eigenes Keuchen lauter, die Reifen knirschen im Schotter, und hin und wieder läutet eine Kuhglocke.

Wir klettern bis auf 3500 Meter Höhe und erreichen bald den Monte Fortin, auf der Rückseite des Skiresort Courmayeur. Dabei steuern wir jetzt auf einen Gratweg zu, an dessen Ende ein weißer Koloss langsam in den Himmel wächst: das Mont-Blanc-Massiv. Wie ein Patriarch dominiert er die umliegenden Gipfel und das Tal darunter, in dem schon wieder eine Stadt glitzert. Das ist das Merkwürdige in den französischen Alpen: Obwohl die Berge so gigantisch sind, stößt man alle paar Kilometer doch wieder auf ein Tal mit einer Stadt oder einem Ort. Mit 116 Menschen pro Quadratkilometer ist das schon ein starker Kontrast zu Kanada, wo gerade mal vier Menschen pro Quadratkilometer leben. Nur, wenn wir in die Gipfelregionen vorstoßen, sehen wir hier nichts als Berge und Trails. Letztere wurden hier übrigens zum Teil schon vor 100 Jahren angelegt. Wahrscheinlich ist das für die Leute hier der wahre Grund, in die Berge zu gehen: endlich Ruhe genießen. So langsam legt sich jetzt die Abendsonne über die Szenerie, und wir haben noch etwa 600 Höhenmeter vor uns. Obwohl wir auf dem flowigen Trail schnell vorankommen, ist es schon fast dunkel, als wir die letzten Meter zur Hütte Les Mottets bergabfahren. Dazu ist dichter Nebel aufgezogen, das macht es immer schwieriger, den Steinbrocken und Kuhfladen auf dem Trail auszuweichen. Nach 37 Kilometern und 1680 Höhenmetern hieven wir uns gegen 21 Uhr die Stiegen zur Hüttenstube hinauf. Drinnen schlägt uns nicht nur bullige Ofenluft entgegen, es drehen sich auch 70–80 Köpfe zu uns um. Wanderer jeglichen Alters und aller Kontinente machen hier Station auf ihrem Weg rund um den Mont Blanc. Scheinbar haben sie schon auf uns, die "crazy mountainbikers", gewartet. Sofort wird an den Tischen zusammengerückt, und wir nehmen Platz zwischen Engländern, Japanern und Schotten.

An der Robert-Blanc-Hütte halten wir für einen Kaffee und ein Gläschen Wein an. Solche Stopps können hier auch schon mal zwei Stunden dauern. HIer scheint niemand besorgt um seine Strava-Zeiten.

3 Tage Hochtour mit dem Mountainbike um den Mont Blanc

Sensationell ist in den Alpen das Hüttensystem. Du radelst einfach von Hütte zu Hütte und bekommst oben am Berg etwas Warmes zu essen und ein Bett. Am Mont Blanc trifft man auf den Hütten Menschen aus aller Herren Länder.

Am nächsten Morgen habe ich das Gefühl, ich wache in einer Postkarte auf. Riesige Gletscherzungen hängen über die Felsen, nur wenige Meter von unserer Hütte entfernt. Kuhglocken läuten. Nach dem typischen Frühstück aus Café au lait, Baguette und Marmelade starten wir die zweite Etappe, die uns 24 Kilometer auf dem Mont-Blanc-Trail Richtung Südwesten bringen wird, bevor wir von der Klassiker-Route abweichen und die nächste Hütte ansteuern. Dabei werden wir die sogenannte Beaufortain-Gegend durchqueren, die für ihren Beaufort-Käse berühmt ist. Eingepresst in einen Buchenholzring reift der Käse sechs bis zwölf Monate. Manchmal sogar fünf Jahre. Das erfahren wir jedenfalls, als wir unterwegs an einer der vielen Käsereien stoppen. Das ist wirklich lustig: Man hält hier einfach an und kann direkt neben dem Trail Käse kaufen. Dazu reden die Käser wie ein Wasserfall auf dich ein. Wir verstehen natürlich kein einziges Wort, aber es gibt uns das Gefühl, dass wir jetzt richtig in den Alpen angekommen sind. Auch etwas, was in den USA unvorstellbar wäre.

Ein Karrenweg führt uns weiter zum Tête de Sud Fours. Dann übernimmt endlich wieder ein Trail, nur leider bergauf und zwar so steil, dass wir die Bikes am Ende durch felsiges Gelände tragen müssen. Als wir die 2600-Höhenmeter-Marke queren, strahlen das Mont-Blanc-Massiv hinter uns und die Ville des Glaciers weit unter uns. Ein Wahnsinnsblick, der alle Strapazen wettmacht. Jetzt noch einen rumpeligen Felsen-Trail hinunter, dann erreichen wir die Robert-Blanc-Hütte, wo wir für einen Espresso und ein Gläschen Wein anhalten. Solche Stopps können hier bis zu zwei Stunden dauern. An diese französische Art zu biken, könnte man sich echt gewöhnen. Niemand checkt hier seine Strava-Zeiten oder ist besorgt, weil er ja nur eine Stunde lang biken wollte. Nein, hier nimmt man sich wirklich einen ganzen oder sogar mehrere Tage frei!

Unsere letzte Etappe enthält, laut Seb, den genialsten Trail der Region. Allerdings trennen uns noch 1200 Höhenmeter von diesem Superpfad. Es wird also wieder ein harter Tag, mit viel Zeit zum Nachdenken. Stundenlang kurbeln wir zum Roche Parstire hinauf. Irgendwie habe ich das Gefühl, schon seit Wochen unterwegs zu sein. Als wir uns endlich in den finalen Abfahrts-Trail stürzen, liegt das Tal schon wieder im Dunkeln. Gleich werden uns die Lichter und der Lärm der Zivilisation wieder einsaugen.

3 Tage Hochtour mit dem Mountainbike um den Mont Blanc

Die Beaufort-Region ist für ihren Käse berühmt. 


INFOS ZUR TOUR:

Die 3-Tages-Tour startet am Kleinen St. Bernhard (2188 m) und führt zu großen Teilen über den Wanderweg (TMB, Tour de Mont Blanc). Am Tête de Sud Fours zweigt die Route Ri. Plan-de-la-Laie-Hütte ab und steuert über Roseland See und Roche Parstire nach Beaufort.

Geführte Touren: www-aostavalleyfreeride.com

3 Tage Hochtour mit dem Mountainbike um den Mont Blanc

Märchen-Trail mit Blick auf den Mont Blanc – ohne Worte.

K. C. Deane am 25.02.2017
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