Portugal: Inselhüpfen auf den Azoren mit dem Mountainbike Portugal: Inselhüpfen auf den Azoren mit dem Mountainbike

Portugal: Inselhüpfen auf den Azoren mit dem Mountainbike

Hawaii des Atlantiks: MTB-Tour auf den Azoren

Karen Eller am 03.07.2017

Wenn das Azorenhoch nicht zu uns kommt, kann man dann nicht einfach da hinfliegen, wo es zu Hause ist? Man kann. Nach Fünf Stunden Flug landet man auf einer einsamen Inselgruppe mitten im Atlantik.

Alles, was Julia, Maria und ich bisher über die Azoren wussten, haben wir aus dem heimischen Wetterbericht. Und selbst das mit dem Azorenhoch war ein Trugschluss.

Als wir auf der Hauptinsel Sao Miguel aus dem Flugzeug steigen, bläst uns frische, salzige Atlantikluft ins Gesicht. Der Himmel ist grau, und die steil aufragenden Berge in der Ferne leuchten sattgrün. An regelmäßiger Bewässerung von oben scheint es den Inseln also nicht zu mangeln. Aber für Ende Oktober ist es nicht kalt. Meine Daunenjacke kann ich wieder zurück ins Handgepäck stopfen.

Völlig unvorbereitet sind wir natürlich nicht zu diesem Abenteuer aufgebrochen. Von den insgesamt neun bewohnten Vulkaninseln sollen sich besonders die beiden östlichsten, nämlich Sao Miguel und Santa Maria, zum Biken eignen. Im Internet finden wir sogar Touren-Anbieter, die ein Enduro-Paradies anpreisen. Einen dieser Veranstalter haben wir im Vorfeld kontaktiert, und so werden wir am Flughafen bereits erwartet: André und André schnappen sich unsere Taschen und verladen sie im Auto. Warum wir uns nicht wie die meisten europäischen Biker für die südlicher gelegenen Kanaren entschieden hätten, möchte André 1 auf der Fahrt zum Hotel wissen. "Weil wir etwas Besonderes erleben möchten", schießt es aus Julia hervor. Das macht die beiden Andrés sichtlich stolz. "Werdet Ihr, werdet Ihr."

Es ist noch dunkel, als uns die beiden Guides am nächsten Morgen abholen. Doch gerade erreichen wir den höchsten Punkt der Insel, den 947 Meter hohen Pico da Barrosa, da streckt die Sonne ihre ersten Fühler über den östlichen Horizont. Ein Farbenspiel beginnt. Zart hellgrün leuchtet nun weiter unten ein kreisrunder See, der von einem weißen Sandstrand umrahmt wird. Im gerade noch schwarzen Wald zeichnen sich erste Konturen ab, dann strahlt auch er in unwirklich satten Grüntönen, die sich scharf vom azurblauen Himmel absetzen. Wir können uns an den Farben kaum sattsehen. "Wir nennen die Azoren auch das Hawaii des Atlantiks", erklärt André 2. "Warum, werdet Ihr gleich sehen." Der Guide winkt noch eine Handvoll einheimischer Enduro-Biker vorbei, die den längsten Trail der Insel vor der Arbeit noch schnell fahren wollen. Dann sind wir an der Reihe.

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Dschungel-Flow: oben noch offene Achterbahn, unten bald dichter, grüner Tunnel mit Überraschungen. 

Wir lassen den Kratersee links liegen und folgen dem Pfad an einem Grat entlang. Lange Zeit mit Blick aufs Meer, doch dann taucht der Pfad in dichte Vegetation ein. Ein Tunnel aus Wurzeln und Lianen. Anfangs blitzt immer mal wieder der blaue Himmel durch das Baumgeflecht, dann macht das üppige Grün völlig zu. Der Trail wird zur Achterbahn ohne Notausstieg. Rechts rum, links rum. Die Reifen greifen in torfartigen Boden, aus dem ab und zu eine glitschige Wurzel ragt. Mal fängt mich ein Anlieger auf, mal lauert nach der Kehre ein Drop. Dem Letzten konnte ich gerade noch ausweichen. Dann geht’s plötzlich in eine offene Wiese: Vollbremsung. Fast wäre ich in André 2 und Julia reingefahren, die gerade ein paar azorische Kühe passieren lassen. 200000 Kühe leben auf Sao Miguel. Da kommt fast auf jeden Einwohner eine Kuh. Leider bewegen sich die Tiere auch gern auf den Trails der Insel, daher sollte man als Biker ständig bremsbereit sein. Als wir am kleinen Hafen von Caloura zum Stehen kommen, wartet André 1 bereits mit dem Shuttle auf uns. Es geht noch mal halb hinauf zum Pico da Barrosa. In einer Kehre weist hier ein Holzschild in eine beliebte Downhill-Strecke. "Wenn Euch die Abfahrt zu heftig wird, haltet Euch immer links. Dort haben wir Chickenways eingebaut", erklärt der Guide. Und ich bin nicht nur einmal froh um diese Ausweichmöglichkeit.

Nach dieser Abfahrt rollen wir die Straße nach Ribiera Grande hinunter. Die größte Stadt an Sao Miguels Nordküste zählt gerade einmal 6400 Einwohner. Ein langer Sandstrand säumt das Ufer, davor viele kleine schwarze Pünktchen im Wasser – Surfer! Das ist also der Hotspot der Wellenreiterszene. Wir folgen André in eine sogenannte Casa de Pasto. Eine Bar, die man von außen als solche nicht erkennen würde. Innen aber ist der Gastraum voll besetzt, und die Bedienung jongliert Teller mit deftiger Hausmannskost. Wir ergattern den letzten freien Tisch und bekommen ungefragt eine Karaffe mit Rotwein serviert. André hält sofort seine Hand drüber: "Vorsicht, dieser Wein darf wegen seines hohen Alkaloid-Gehaltes nicht in die EU eingeführt werden. Wir trinken ihn nur gemischt mit Laranjada, unserer Maracuja-Limonade, sonst bekommt man Halluzinationen." Diese Schorle schmeckt tatsächlich herrlich. Vor allem zum Fleischeintopf und dem frittierten Tintenfisch. Zum Nachtisch gibt es noch Ananas, die ganz außergewöhnlich frisch und saftig schmeckt. "Hawaiianische Ananas!" nuschelt André mit zwei Stückchen im Mund. "Wenn Ihr wollt, zeige ich Euch später die Gewächshäuser. Sie gehören meinem Vater."

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Szenenwechsel nach drei Tagen: Wir steigen in eine kleine Propellermaschine und fliegen nach Santa Maria hinüber. Sie ist die südlichste Insel der Azoren und nicht besonders groß. Hat Sao Miguel noch etwa die Größe von La Palma, ist Santa Maria nicht mal halb so groß wie Elba. Wir setzen auf einer völlig überdimensionierten Landebahn auf und stellen fest: Das Klima ist hier deutlich heißer und trockener – und die Topografie leider viel flacher als auf Sao Miguel. Neue Bikeguides nehmen uns in Empfang: Hugo und Miguel. Sie sehen schon die Zweifel in unseren Gesichtern, können uns aber beruhigen: "Nur der Westen ist so flach. Im Osten der Insel warten knapp 600 Meter hohe Berge mit sensationellen Trails."

Der Pico Alto ist mit seinen 587 Metern die höchste Erhebung Santa Marias. Sein Gebirgszug verläuft von Nord nach Süd. Oft bleiben hier die Wolken hängen, sagt Hugo. Doch heute haben wir Glück. Von den Gipfelantennen aus reicht der Blick über die gesamte Insel. Vom flachen Westen bis zum hügeligen Osten. Hugo deutet auf die feinen Linien, die unter uns im Dschungel verschwinden: "Sieben Trails warten hier am Pico auf Euch." Der erste heißt Aeroplane-Trail, der am Point Zero startet. Im Jahr 1989 zerschellte hier am Pico eine Boeing 707 im Nebel. Alle 145 Insassen starben. Wir passieren eine Gedenktafel, die an das tragische Ereignis erinnert. Dahinter rollen wir in einen Achterbahn-Trail durch offenes Gelände, bis wir auch hier wieder in einen Dschungel-Flow mit kleineren und größeren Überraschungen in Form von Wurzeln, Stufen, Drops und Anliegern münden. Ab und zu peitschen mir dazu Lianen mit kleinen Dornen ins Gesicht. Doch dann werden die Dornen größer: Im letzten Abschnitt kurvt der Trail durch ein eng gestecktes Spalier von Kakteen.

Mittags kehren wir in der Bucht von Praia Formosa in einer kleinen Bar auf einen Café Pingal ein – so heißt hier der Espresso mit einem Schuss Milch. Santa Maria sei die Hochburg der Musikfestivals, erzählt Hugo. John Lee Hooker sei die letzte große Attraktion hier gewesen. Da knattert der Postbote auf einem Motorroller um die Ecke. Hugo grüßt ihn herzlich und stellt uns den Mann in grauer Uniform vor: Nuno Aguiar aka Káká, Downhill-Biker der ersten Stunde. Er wechselte vor ein paar Jahren von Sao Miguel nach Santa Maria und machte sich anhand von alten Militärkarten sofort auf die Suche nach neuen Trails. So fand er die Pfade am Pico Alto, die allerdings völlig zugewuchert waren. Mit Schaufel und Hacke schlug er die Trails wieder frei. Seither ist es nicht mehr nur die Insel der Musiker und Taucher, sondern auch der Biker. Leider kann Nuno inzwischen wegen Job und Familie nicht mehr so viel Zeit auf dem Bike verbringen, daher hat Hugo die Pflege der Trails übernommen. Er schaut, dass alle Trails regelmäßig befahren werden. Besonders viel frequentierte Pfade sperrt er aber auch manchmal, damit sie sich wieder regenerieren können. Schließlich haben sie Großes vor mit den Trails: 2018 soll hier die Enduro World Series Station machen. Bis dahin muss alles perfekt sein.

Wir shutteln noch ein paar Mal zum Pico hinauf, um möglichst viele dieser Trails zu erleben und rollen am Abend entspannt nach San Lorenzo hinunter. In einer bunt gestrichenen Strandbar bestellen wir uns ein Cerveja de Pressao, das lokale Bier vom Fass, und blicken auf die anschwappenden Atlantik-Wellen. Wir sollten recht bald wiederkommen, bevor dieses Bike-Paradies vielleicht kein Geheimtipp mehr ist.

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Da möchte man gar nicht mehr raus: Entspannungsbad in den 39 Grad heißen Quellen von Poca da Don Beija.


INFOS AZOREN

Das Revier
Die Azoren sind eine portugiesische Inselgruppe im Atlantik, 1369 Kilometer vom europäischen Festland entfernt. Geografisch werden die neun bewohnten Inseln in drei Gruppen eingeteilt: Santa Maria und Sao Miguel bilden die Ostgruppe, Terceira, Graciosa, Faial, Pico und Sao Jorge die Zentralgruppe und Flores und Corvo die Westgruppe. Pico, der mit 2351 Metern höchste Gipfel auf der gleichnamigen Insel, ist zugleich auch der höchste Berg Portugals. Doch zum Biken bieten Sao Miguel und Santa Maria die beste Infrastruktur. Hier findet man auch Bikeshops, Shuttle-Anbieter und Touren-Guides.

Anreise
Von Deutschland am bequemsten per Direktflug mit SATA International Airlines nach Sao Miguel (Ponta Delgada, PDL). Die Preise für Flüge aus dem deutschsprachigen Raum bewegen sich zwischen 350 und 650 Euro. SATA Airlines nimmt die Bikes nach vorheriger Anmeldung kostenlos mit, plus 23 Kilo Normalgepäck. Flugdauer: ca. 4,5 Stunden. Von Sao Miguel nach Santa Maria kommt man nahezu täglich kostengünstig mit der innerazorischen Fluggesellschaft SATA Air Acores. Bike-Transport kein Problem. Die Flugzeit nach Santa Maria beträgt 15 Minuten.

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Die Azoren-Inseln im Überblick

Beste Reisezeit
Im Gegensatz zu den 1500 Kilometer weiter südöstlich gelegenen Kanaren stehen die Azoren nicht unter dem Einfluss des Nordost-Passats. Hier wirbeln die Winde aus allen Richtungen übers Land und bringen hohe Luftfeuchtigkeit mit. Regenschauer kann es daher jeden Tag geben. Das ozeanisch-subtropische Klima sorgt im August für maximal 26 und im Februar für milde 11–16 Grad. Die idealen Monate zum Biken sind Mai, Juni, September und Oktober, da hier die Luftfeuchtigkeit am geringsten ist und die Temperaturen bei 22–24 Grad liegen. Das berühmte Azorenhoch bildet sich übrigens wirklich hier. Zusammen mit seinem Gegenspieler, dem Islandtief, bestimmt es unser Wettergeschehen in Mitteleuropa.

Bike-Touren
Auf eigene Faust sind die Trails eher schwer zu finden. Azores Adventure Islands Tours organisiert den kompletten Trip auf beide Inseln inkl. Flughafen-Transfer zum Hotel, Bikeshuttle, Guiding und Leih-Bikes (Haibike). Man kann ein Programm über z. B. fünf Tage buchen plus zwei Tage Santa Maria. Die Bikeguides auf Santa Maria wie auch auf Sao Miguel sind sehr gute Enduro-Biker, organisieren aber auch andere Abenteuer wie Canyoning, Surfsessions in Ribera Grande oder SUP auf dem Lagoa Azul (Kratersee). Infos: www.azoresadventureislands.com und www.smatur.pt

Bikeshops
Bikeshops gibt es auf Sao Miguel und auf Santa Maria. Allerdings sollte man besondere oder außergewöhnliche Ersatzeile selbst mitbringen. Eine Ersatzteillieferung kann auf die Azoren schon mal zwei Wochen dauern.
Unterkünfte Die meisten Unterkünfte befinden sich in den Hauptorten der Inseln. Auf der Insel Sao Miguel wählt man am besten eine Unterkunft in Punta Delgada. Von dort erreicht man die drei Bike-Regionen im Osten, Westen und Norden jeweils mit einer maximalen Shuttle-Zeit von 45 Minuten. Es gibt klassische, portugiesische Hotels, nette kleine Bed & Breakfast-Betriebe und Boutique-Hotels.
Tipp: Auf Santa Maria gibt es eine moderne Jugendherberge in Vila do Porto (ca. 13 Euro pro Nacht) mit Infinity Pool. Infos über www.hihostels.com oder das Boutique-Hotel Charming Blue Casa dos Monteiros in Vila do Porto ab 40 Euro p. P., Infos: www.charmingblue.com

Muss man mal gemacht haben
• Die einzige Teeplantage Europas besuchen: An Sao Miguels Nordküste kann man die Plantage von Gorreana besichtigen und danach einen grünen Tee in der Manufaktur probieren: www.gorreana.de
• In den heißen Pools Poca da Dona Beija von Furnas (Sao Miguel) baden: www.pocadadonabeija.com
• Auf Santa Maria im Central Pub in Vila do Porto nach dem letzten Trail mit den anderen Locals ein kühles Helles und eine Pizza oder Burger genießen. www.centralpub.no.comunidades.net

Bike-Events
• Enduro-Fest in Faial da Terra (Sao Miguel) im Februar, Infos: www.bikesafaritour.com
• Azores Challenge MTB: Mehrtägiges Etappenrennen im September, Infos: www.azoreschallengemtb.com

Infos allgemein www.azoren-online.com

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Karen Eller am 03.07.2017
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