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Griechenland: MTB-Tour zum Olymp

Ohne Gepäckträger am Olymp

Gerhard Czerner am 18.02.2015

Vor 25 Jahren hatten die Bikes noch Gepäckträger und Starrgabel. Doch die Fahrt über Griechenlands Götterthron Olymp ist auch mit moderner Technik ein mystisches Mountainbike-Erlebnis.

Es ist mir ein Rätsel, warum Zeus und seine elf Götterkollegen ausgerechnet hier oben residiert haben sollen. Der Wind fegt so eisig über die steinige Gipfelwüste des Olymps, dass meine Daunenjacke ihn kaum abwehren kann. Ganz schön ungemütlich für so einen Gott in Sandalen und leichtem Flattergewand. Wieder rollt ein Gänsehautschauer über meinen Rücken. Die ganze Nacht über haben die Böen an unseren Zeltwänden gezerrt. Auch Kumpel Michael scheint bei dem Geflatter kaum geschlafen zu haben. Seine verquollenen Augen scannen gerade den Morgenhimmel: keine Wolke in Sicht. So ganz zornig scheint Zeus also noch nicht auf uns zu sein. Der griechischen Mythologie nach jagt er unwillkommene Besucher mit Blitz und Donner von seinem Hof, und wir sind seinem Thron doch schon ziemlich nah.

Griechenland mal anders

Griechenlandurlaub am Strand, das kann doch jeder, das wollten wir auf keinen Fall. Als echte Mountainbiker haben wir uns natürlich einen Berg ausgesucht. Aber nicht irgendeinen, sondern den höchsten des Landes, den Olymp. Wie eine Festung ragt das 2918 Meter hohe Massiv knapp hinter der Ostküste im Norden Griechenlands auf. Ein Bollwerk mit mehreren, fast gleich hohen Gipfeln, das geradezu nach einer Durchquerung schreit. Wobei wir nicht die ersten Biker sind, die diesen Ruf erhörten. Während unserer Recherche stießen wir im Internet auf den Erstbefahrungsbericht von Stefan Etzel und Christian Smolik. Die beiden Deutschen starteten ihr Olymp-Abenteuer bereits 1989. Wie sehr der Mountainbike-Sport zu der Zeit noch in den Kinderschlappen steckte, kann man in der Reportage immer wieder zwischen den Zeilen lesen. Um in den steilen, ausgesetzten Passagen der Abfahrt nicht über den Lenker zu gehen, setzten sich die Pioniere einfach auf den Gepäckträger, steht da zum Beispiel geschrieben. Stimmt, damals hatten die Bikes ja noch Gepäckträger und keine Federgabeln.

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Eisiger Wind bläst uns fast über die Klippen.

Wir sind gespannt, wie sich die beschriebenen Passagen wohl mit heutiger Technik anfühlen werden: Doch von der Olymp-Abfahrt trennen uns jetzt noch einige Höhenmeter bergauf (mal abgesehen davon, dass wir die Pionier-Route von damals in entgegengesetzter Richtung fahren). Wir wollen nicht den leichtesten Weg zum Gipfel, sondern den, der uns auf der Karte am spannendsten erschien. Dafür haben wir zwei Tage eingeplant, mit Übernachtung im Zelt. Von Litochoro aus kämpften wir uns gestern bereits bis auf 2700 Meter Höhe. Der oft tiefe und grobe Schotter war schon gemein anstrengend. Doch bald blies dazu der Wind immer stärker und kälter. In manchen Böen hatten wir sogar Angst, über den Grat gefegt zu werden. Zur Sicherheit riskierte ich immer wieder einen Blick zum Gipfel, ob da nicht doch ein Zeus im Flattergewand steht und einen Blitz auf uns hinunterpeitscht. Zum Glück hatten wir kein sperriges Gepäck auf dem Rücken. Unsere Campingausrüstung haben Mulis für uns auf den Berg geschleppt.

Unter der Mytikas-Ostwand

Doch statt sich über Nacht zu beruhigen, scheint der Wind bis heute Morgen noch etwas zorniger geworden zu sein. Es dauert, bis wir Zelt und Campinggeschirr wieder in die Taschen gestopft haben. Schließlich ergreifen wir mit klammen Fingern unsere Lenker und setzen den Aufstieg fort. Im Visier haben wir den Skolio-Gipfel. Er ist zwar mit 2911 Metern sieben Meter kleiner als der Hauptgipfel Mytikas, gilt dafür aber als komplett fahrbar mit dem Bike. Lenkerbreit quert der Weg bald die fast senkrechte Mytikas-Ostwand. Im Prinzip rollt man auf dem Pfad ganz leicht dahin, aber ein unachtsamer Schlenker würde reichen, um vom Götterthron direkt ins Reich des Hades’ zu stürzen. Ich stelle mir gerade vor, wie uns dort der dreiköpfige Höllenhund zerreißen würde, als der Weg auf einmal steiler wird. Im Zickzack klettert er nun die Westseite des Berges hinauf. Wir müssen absteigen und die Bikes schultern. Während wir keuchend bergauf stapfen, blicke ich immer wieder zurück und muss grinsen: Niemals würde ich auf die Idee kommen, hier auf dem Gepäckträger sitzend runterzufahren! Das waren wirklich harte Kerle damals.

Fotostrecke: Olymp: MTB-Abenteuer in Griechenland


Oben auf dem Skolio empfängt uns das Gipfelkreuz in Gestalt einer achteckigen Steinsäule. Daran ist sogar ein Gipfelbuch befestigt. Wir blättern kurz darin, ob sich noch andere Biker eingetragen haben, aber der Wind reißt so an den Seiten, dass wir das Buch lieber wieder zuschlagen. In Sachen Wind und Temperatur ist der Oktober vielleicht nicht der optimale Monat für diese Tour – aber in Sachen Aussicht schon. Wer weiß, ob man im Spätsommer auch so eine geniale Fernsicht hat. Gegenüber ragt die Felswand des Mytikas’ empor. Wie ein riesiges Segel aus Stein steht sie im Wind. Weit im Westen bricht der Rücken des Pindos-Gebirges aus dem Boden. 250 Kilometer lang reicht diese gewaltige Gebirgskette bis an die Grenze Albaniens. Luchse, Wölfe und Bären sollen heute noch in seinen Naturparkwäldern leben. Blickt man gen Osten, schimmert das Ägäische Meer jetzt silbrig in einem unendlich weit entfernten Horizont. Ach ja, das Meer! Dort hatten wir es gestern vor dem Tour-Start noch richtig schön warm. Aber jetzt trennt uns ja praktisch nur noch eine 3000 Höhenmeter lange Abfahrt vom Strand. Etwas ungelenk von der Kälte und dem langen Fußmarsch steigen wir wieder in die Sättel. Das lose Geröll hilft nicht gerade beim Gefühl- und Rhythmusfinden, doch spätestens unter den Steinsegeln des Mytikas’ sind unsere Bewegungen wieder flüssig. Jetzt flammt der Fahrspaß wieder so richtig auf.

Dichter griechischer Wald

Richtung Muses-Plateau kommen wir am Refugio Seo vorbei, eine der vier bewirtschafteten Hütten am Olymp. Das steinerne Haus ist sehr spartanisch eingerichtet, passt damit aber in die unwirtliche Mondlandschaft dieser Bergseite. Wir nehmen auf einer abgewetzten Holzbank Platz und bestellen einen „Greek Coffee“. Der tiefschwarze Mokka rinnt mir noch die Speiseröhre hinunter, da versetzt er den Synapsen in meinem Kopf bereits kleine Stromschläge. Herrlich.
Als wir die 2000-Meter-Marke nach unten durchfliegen, tauchen wir nach all dem grauen Gestein wieder mit voller Wucht in den Farbtopf: Dichter griechischer Herbstwald empfängt uns. Schon beim Bergauffahren hat uns dieser Bergwald imponiert. Schon weil wir in Griechenland gar nicht mit so viel Wald gerechnet hätten. Wir kurven den Waldweg hinunter und spüren jetzt nur noch unseren eigenen Fahrtwind. Schon ist die Luft deutlich wärmer. Es war doch gut, dass wir für die Tour den Herbst gewählt haben. Im Sommer sollen ganze Heerscharen von Wanderern über das Gebirge wieseln. Heute aber begegnen wir nur einer Handvoll griechischer Bergsteiger. Sie stoppen uns nur, weil sie ein Foto mit uns schießen wollen und schicken uns dann mit einem „Kalo taxidi!“ – gute Reise! – wieder auf den Weg.


Die tief stehende Sonne färbt die kleinen Kabbelwellen der Ägäis gerade tiefblau, als wir den menschenleeren Strand erreichen. Wir sammeln Treibholz und zünden ein Lagerfeuer an. Jetzt wäre es noch schön, wenn Poseidon aus dem Wasser steigen und uns mit seinem Dreizack einen Fisch reichen würde. Aber das ist nicht zu erwarten – Poseidon hat seinen Hauptwohnsitz ja auch da oben auf dem Olymp, wie wir jetzt gelernt haben.

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Der Olymp befindet sich ganz im Norden von Griechenland.

Alle Infos zum Olymp

Anreise
Mit dem Flugzeug nach Thessaloniki (von Deutschland ab 160 Euro). Weiter mit dem Mietwagen ca. 90 Kilometer zum Touren-Ausgangspunkt Litochoro.

Unterkunfts-Tipp
Sauberes Hotel direktv am Dorfplatz von Litochoro mit fairem Preis u. großem Frühstück: www.arhontiko-aphrodite.gr

Karte
„Mt Olympus“, Anavasi Editions,im Maßstab1:25.000, vor Ort erhältlich

Veranstalter
Deutscher Guide und Gepäcktransport mit dem Muli: www.zeuscycling.com

Infos allgemein
Griechenland Toursimus, www.visitgreece.gr

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Gerhard Czerner am 18.02.2015