Boot und Bike Tour in Norwegen Boot und Bike Tour in Norwegen

Boot und Bike Tour in Norwegen

Mit Bike und Boot durch Norwegens Fjordlandschaft

Berne Broudy am 24.07.2017

Von „Ski and Boot“ in Norwegens Fjorden schwärmen Touren-Geher schon jahrelang. Jetzt kommen auch Mountainbikern in den Genuss. Touren-Autorin Broudy hat auf der Jungfernfahrt schon mal angeheuert.

Die Nebelschwaden lichten sich wie schwere Samtvorhänge im Theater. Ich falle fast vom Bike, als ich die Aussicht erblicke: Neben unseren Füßen fallen die Hänge steil und zerklüftet in den Fjord hinunter ab.

Meine Reifen schmatzen durch Schlammlöcher, krallen sich bergauf in loses Geröll und suchen schließlich Halt auf einer nassen Granitplatte. Solange ich nicht nach unten schaue, kämpfe ich nur mit dem Untergrund. Doch ein kurzer Seitenblick in den steil abfallenden Hang reicht, und ich steige doch lieber ab.

Skifahrer und Touren-Geher erkunden die Fjorde Norwegens schon lange mit dem Boot. Auch ich war hier vor sechs Jahren schon mal zum Telemarken. Damals wohnten wir auf einem ausrangierten Kabeljaukutter und schipperten von einem Fjord zum nächsten. Das Angebot für Mountainbiker ist dagegen brandneu. Die Agentur H+I Adventures hat die Routen und Trails im Auftrag der Wirtschaftsverbände ausgetüftelt, denn Norwegens Öl- und Gas-Industrie geht so langsam der Saft aus. Alternative Geldquellen müssen her. Eine davon erhofft man sich durch das Mountainbiken.

Boot und Bike Tour in Norwegen

In Ålesund verbringt die Truppe die zweite Nacht vor Anker. Tash bringt uns am nächsten Morgen mit dem Beiboot zum Valldal Dock. 

Warum auch nicht? Schließlich hat das in Whistler, im tschechischen Pod Smrkm und im deutschen Rabenberg auch funktioniert. Als der Rinderwahn die britische Tourismusindustrie lahmlegte, antwortete Schottland mit dem Bau von Bikecentern. Allerdings haben sich diese Destinationen durch besonders flowige Trails einen Namen gemacht. In Norwegen muss man die Trikotärmel dagegen schon ein wenig hochkrempeln, um in Fahrt zu kommen – das erfahre ich bereits auf unserem ersten Bike-Ausritt:

Unser Schiff macht im Hafen von Godoy Island fest. Es ist die Heimat von Rollo, dem Wikinger, der hier einst sein Unwesen trieb. Wir hieven die Bikes auf die Kaimauer, und ich kann es kaum erwarten, mir nach der langen Anreise endlich die Beine zu vertreten. Doch wir kurbeln genau 50 Meter, passieren noch ein Tor, dann steigt unsere Guidin Veronica aus dem Sattel und schiebt einen steilen Graspfad hinauf. Alle anderen versuchen es noch ein paar Meter weiter, bleiben dann aber in einer unebenen, verblockten Rampe einfach stecken. Na gut, dann eben schieben. Nach 45 Minuten haben wir den 497 Meter hohen Storhornet zur Hälfte erklommen. Unter uns funkelt der Atlantik silbern, um uns herum blühen wilde Spätsommerwiesen. Die nächste Stunde müssen wir die Bikes nun sogar schultern, erst dann ist der Gipfel erreicht. Ich schütte mir den kompletten Inhalt meiner Trinkflasche in den Hals, bevor ich wieder einen klaren Gedanken fassen kann. Ach ja, Knieschoner anlegen!

Fotostrecke: Boot und Bike Tour in Norwegen

Veronica betrachtet uns Norwegen-Greenhorns mit Sorge: "Meint Ihr, dass die Biker überhaupt anreisen, wenn sie lesen, dass man bei uns die Bikes hochschleppen muss?" Ich muss zugeben: Wenn Veronica im Vorfeld von "Pushbiking" sprach, dachte ich, es handele sich um eine Art norwegisches Übersetzungsproblem für den Begriff Mountainbiken. Jetzt weiß ich, dass sie das Wort bewusst gewählt hat. Ich zucke mit der Schulter: "Kommt auf die Abfahrtsbelohnung an." Der Pfad, der sich auf der Rückseite des Storhornets hinunterwindet, ist eine offensichtlich selten genutzte Mischung aus steilem Fels und Schlamm. Diesen Weg haben einst die Nazis im Zweiten Weltkrieg angelegt. Er führte zu einer Stellung, von der aus man den gesamten Fjord überblicken konnte. Seither scheint der Weg keine Fuß- oder Reifenmassage mehr bekommen zu haben. Verkrampft rumpeln wir über einen ausgesetzten Berggrat dahin, was sich ein bisschen so anfühlt wie Pogotanzen auf dem Hochseil. Irgendwann schlägt sich der Weg auf eine Bergseite, verzwirbelt sich aber in engste Spitzkehren mit integrierten Drops. Als ehemalige norwegische Downhill-Meisterin nimmt Veronica diese Stolperstufen sehr elegant, alle anderen müssen öfter mal absteigen. Wir passieren eine sumpfige Graslandschaft, dann einen kleinen alpinen See – und plötzlich läuft es sehr geschmeidig durch eine Pumptrack-Passage dahin. Wäre dieser Pfad nicht so abgelegen, könnte man meinen, den hat hier jemand angelegt. Am gegenüberliegenden Fjord-Ufer erkennt man jetzt die bunten Jugendstilhäuser von Ålesund. Fähren kreuzen vor dem Hafen im Zickzack über den silbrig glänzenden Atlantik. Unser Trail schlägt jetzt einen Haken nach links – und wir stehen mitten in irgendjemandes Garten.

Veronica blickt wieder verunsichert in die Runde der Teilnehmer: "Und, hat es Euch gefallen?" Tim Winterburn, einer der wagemutigsten amerikanischen Biker, die ich kenne, setzt seinen Helm ab und erklärt lächelnd: "Das war wirklich wild!" Biken bedeutet in Norwegen nun mal Bike-Bergsteigen. Da man häufig den gleichen Trail bergauf trägt, den man später hinunterzirkelt, kann man sich auch gleich schon mal die Schlüsselstellen einprägen. "Die Fjorde sind das Aushängeschild des Landes – fürs Mountain­biken suchen wir aber noch nach optimaleren Rundkursen", erzählt Guide Euan, der uns auf unserem Schiff Gässten wieder in Empfang nimmt. Wir zurren unsere Bikes auf dem Holzdeck fest, dann legen wir ab und schippern in die Dämmerung hinaus. Für ein nur 25 Meter langes Boot ist die hölzerne Gässten sehr geräumig. Unter Deck gibt es Kabinen, in denen zwölf Gäste plus drei Crew-Mitglieder schlafen können. Dazu ein mit dunklen Paneelen ausgekleidetes Wohnzimmer, zwei Badezimmer und einen dampfigen Maschinenraum. Oben auf Deck werkelt Küchenchefin Izzy in Kombüse und beiden Schotten, Kapitän Sven und Skipperin Tash navigieren auf der Brücke. Bei schönem Wetter sitzen wir zum Essen draußen, doch heute sieht man von den Fjorden eh nicht mehr viel. Als wir gegen ein Uhr nachts die Docks in Sylte erreichen, funkeln die Sterne über uns, und der Mond spiegelt sich im spiegelglatten Wasser.

Boot und Bike Tour in Norwegen

Mountainbiker trifft man hier nur vereinzelt am Wochenende.

Doch zum Frühstück sieht es schon wieder ganz anders aus: Ein Nebelvorhang liegt über uns und dem Hafen wie ein nasses Handtuch. Als wir die Bikes von Bord heben, gefriert der Regen sogar zu Graupel, dann sprüht er uns wieder als Regen von der Seite ins Gesicht. Wir balancieren mit den Bikes auf den Schultern über grobe Steine. Nach hundert Höhenmetern reißt der Nebel kurz auf und lässt uns über die blauen Meeresfinger blicken, die in alle Himmelsrichtungen weisen. Da rutsche ich plötzlich auf einem Granitstein weg, mein Bike knallt auf den Boden, ich schlage mir das Knie auf und bemerke: Bei diesen Wetterbedingungen hat sich sogar die Sohle vorn an meinem Schuh gelöst. Sie flappt jetzt bei jedem Schritt. Als wir den Gipfel erreichen, öffnet sich der Nebel, goldene Sonnenstrahlen treffen aufs Land, dann übernimmt schon wieder der nächste Nieselregen. Das Wetter sorgt hier wirklich für eine spezielle Dramaturgie. Mit kalten, steifen Fingern kritzle ich etwas ins Gipfelbuch, dann krame ich im Rucksack nach der Thermoskanne mit süßem Tee, den uns Izzy mitgegeben hat. Dazu gibt es ein Sandwich mit Käse und Lachs. Das wärmt erst mal.

Danach wringen wir unsere Handschuhe aus, schieben die Sattelstütze runter und los geht’s. Die Felsenspur vor mir ist überwachsen von grünen und orangefarbenen Flechten. Sie windet sich den Berg hinunter, bis sie sich irgendwo in der Landschaft verliert. Dann verwandelt sich der griffige Gratweg in einen Schlammstreifen, aus dem einzelne, steinerne "Haifischflossen ragen. All das kriege ich noch irgendwie hin. Doch dann bleibt selbst Veronica kurz stehen: Vor uns fällt eine von Brombeerdornen zugewucherte, nasse Steinplatte ins Tal ab. So weit ich sehen kann, mündet sie unten in eine Wenn-du-fällst-stirbst-du-Passage. Veronica überlegt, dass sie diesen Abschnitt noch nie ohne Fullface-Helm gefahren ist. Ich dagegen hätte jetzt lieber Seil und Steigeisen. Das Schöne an solchen Schockerabschnitten ist jedoch, dass einem alles, was danach kommt, wie Flow Country erscheint. Stufen, nasse Wurzeln, verblockte Spitzkehren – auf dem übrigen Trail alles kein Problem mehr.

Zurück am Dock stehen Sven und Tash schon mit dem Schlauch bereit: Ich spüle erst den Schlamm und die Tannennadeln von meinem Bike, dann spritze ich mich selbst ab. Heiß geduscht und angenehm ausgepowert sitzen wir wenig später vor Izzys Rentier-Eintopf mit Preiselbeeren, Lachs im Teigmantel und löffeln danach noch eine Crème brûlée mit frischen Himbeeren. Auch beim Wein schlagen wir zu, denn morgen schippern wir nur mit dem Boot durch Norwegens Naturwunder, den Geiranger-Fjord. Wegen des rekordverdächtigen Regens der letzten Tage werden die Wasserfälle ihre Muskeln dort richtig spielen lassen, verspricht Sven. "Und danach werden auch die Trails einfacher", fügt Tash hinzu. Sie biket zwar selbst nicht, hat aber im Segelboot schon allein den Atlantik überquert und war Teil des ersten Frauen-Skiteams auf dem Denali-Gipfel. Und tatsächlich: In Molde treffen wir sogar auf eine kleine Biker-Szene mit gebauten Trails, und den höchsten Punkt des Sjurvarden erreichen wir sogar fahrenderweise! Vielleicht haben wir uns aber auch einfach an die rauen, norwegischen Trails gewöhnt.


Seite 1 / 2
Berne Broudy am 24.07.2017
Kommentare zum Artikel