Harz Durchquerung Harz Durchquerung

Mountainbike-Tour quer durch den Harz

Deutschland: Harz – eine Durchquerung mit dem Bike

Matthias Rotter am 01.09.2015

Biken im Harz ist oft eine feuchtfröhliche Angelegenheit. Kein Wunder, bei 300 Nebeltagen im Jahr. Bei der dreitägigen Trans Harz gab sich das Wetter zuverlässig divenhaft.

Was für Bayern die Voralpen, ist für norddeutsche Biker der Harz. Mit dem Unterschied, dass dieses 1142 Meter hohe Mittelgebirge deutlich schönere Waldtrails zu bieten hat. Genug Tourenstoff für eine dreitägige Durchquerung. BIKE-Tourenautor Matthias Rotter ist von Bayern nach Goslar gereist, folgte den Guides von MTB-Harz und konnte dieses Singletrail-Glück kaum fassen. Trotz des typisch fiesen Nebelregens am Brocken.

Harz Durchquerung Karte

Die Übersichtskarte zeigt die drei Etappen der Harz-Durchquerung. Dabei überquert man zwei Mal den Brocken.

Biken im Harz ist oft eine feuchtfröhliche Angelegenheit

"Na, Schnäpschen?" Die Schaffnerin zwinkert in die Runde und schwenkt ein Körbchen in meinen Sichtbereich. "Schierker Feuerstein" lautet die Produktbezeichnung auf den Mini-Ampullen darin. Das feuerrote Etikett signalisiert hochprozentige Gefahr. Wie schräg ist das denn? Eine Bimmelbahn, in der das Amtspersonal höchstpersönlich die Versorgung der Fahrgäste mit alkoholischen Getränken übernimmt. Aber seit ich mit den Jungs im Harz unterwegs bin, kann mich nichts mehr wirklich überraschen. Unser Anführer Michael nimmt das unmoralische Angebot der Zugbegleiterin an und spendiert eine Runde. Sein Argument klingt schlüssig: Was von einem hiesigen Apotheker namens Willy Drube ursprünglich einmal als Medizin gegen Magendrücken gemixt wurde, kann ja wohl nicht schaden. Also, dann prost, Willy! Derweil zuckelt das Dampfzüglein schnaubend immer weiter hinein in den dunklen Wald. Ich komme mir vor wie in einem historischen Räuberfilm.


Angefangen hatte alles mit einem Prospekt, der als PDF in meinem e-Mail-Postfach aufploppte. Darin war von einer "Trans Harz" die Rede, einer Etappenfahrt durch Norddeutschlands höchstem Gebirge. Natürlich über den Brocken drüber, stolze 1142 Meter hoch, berüchtigt als Kältepol und Hexen-Partymeile. Und auch die Gepäckliste klang spannend, die mir Michael bald darauf zukommen ließ. Posten wie "Taschenmesser, zur Abschreckung gegen Schnarcher" oder "Bike-Beleuchtung, aufgrund der Etappenlänge" ließen zünftige Abenteuer in jeder Hinsicht erwarten. Dass auf den Animationsfotos alle Biker ständig in Regenklamotten über die Trails jagten, war mir bei aller Euphorie gar nicht aufgefallen. Unterschrieben war das Ganze mit dem Gruß "Bis bald … im Wald". Klang fast ein bisschen wie eine Drohung. Während wir also im wahrsten Sinne des Wortes mit Volldampf zum Start der letzten Etappe rumpeln, bereitet uns Micha moralisch auf die finalen Strapazen vor. Von steilsten Rampen und verblockten Pfaden ist die Rede. Aber ich nicke dank des Feuerwassers erst mal weg ins Land der Träume.

Fotostrecke: Deutschland: Harz-Durchquerung

In der grünen Hölle

Der Traum handelt von der ersten Etappe. Wir stehen fix und fertig auf einer Waldlichtung. Es beginnt gerade zu nieseln. Micha und Henric, genannt "Kabel" (warum, weiß er selbst nicht), spielen Schnickschnackschnuck. Singletrail oder Straße? Eine Frage, die eigentlich außer Frage steht. Aber in diesem Moment hoffe ich tatsächlich, dass Straße gewinnt. Dann wären wir nämlich nach sechs Stunden Singletrail-Geheize in fünf Minuten am Ziel. Doch die Jungs kriegen einfach nicht genug. Selbst die vehement hereindrückende Schlechtwetterfront lässt eine Entscheidung nicht automatisch zu Gunsten der warmen Dusche fallen. Ein letztes Mal schwingen die Hände in die Mitte. Stein besiegt Schere, die Trail-Fraktion gewinnt. Na gut, auf die paar Höhenmeter obendrauf kommt es jetzt auch nicht mehr an. Und qualitativ genügt die Extraschleife wieder einmal höchsten Ansprüchen. Herrlich, genau wie all die flowigen Pfade, die sich seit Goslar unter unseren Stollenreifen winden und wellen. Das ist schließlich das Konzept von Michael Sagner, der mir als Harzer Local und Touren-Guide beweisen will, dass sein Hausrevier zu den besten in diesem Lande zählt. Die anderen in der Gruppe wissen das längst. Seit vielen Jahren gehören Henric, Philipp und Helmut zum harten Kern, genießen es, sich regelmäßig von Micha und seinem Kompagnon Olaf durch den Wald scheuchen zu lassen. Kaum breiter als ein aufgeklapptes Buch schlängelt sich der Pfad jetzt durchs Gehölz in Richtung Torfhaus. Alles ist grün, satt grün, verdächtig grün. Warum, beantworten die Wassertropfen, die sich inzwischen zahlreich an meinem Helmschild sammeln und dann aufs Oberrohr klatschen. Dabei ging die Fahrt in der Früh so schön los. Stahlblauer Himmel, ein Weg launiger als der andere. Aber nein, der Harz muss seinem Raubein-Image natürlich gerecht werden.

Auf 800 Meter wie im Everest-Basislager

Die Siedlung Torfhaus, schon an sonnigen Tagen ziemlich trostlos, übertrifft diese Anmutung im Sprühregen mühelos. Dort oben am Großparkplatz Brockenblick, auf 800 Metern Meereshöhe, werden täglich hunderte Paar Wanderschuhe geschnürt. Man könnte fast sagen, der Ort ist am Brocken so etwas wie das Basislager am Everest. Vor der Wende schaute man sehnsüchtig hinüber zu den Abhörposten auf seinem unerreichbaren Gipfel. Sperrzone. Zwischen hier und dem Berg, in der moorigen Senke verlief einst der Todesstreifen, wo heute nur noch Totholz gespenstisch aus der Nebelsuppe nach uns fingert. Wir rollen wie auf rohen Eiern über glitschige Holzstege. Jede falsche Lenkbewegung könnte im Sumpf enden. Dann wieder fester Boden unter den Stollen. Nach den endlosen Pfaden vom Vortag wirkt der Weg zum Brocken hinüber langweilig und breit wie ein Boulevard. Und die Kommentare der Wandergruppen sorgen nur bedingt für anspruchsvolle Unterhaltung. Von "Ist denn die Tour de France noch nicht vorbei?" bis "Könnten Sie mich vielleicht ein Stück auf der Stange mitnehmen" ist jeder Kalauer dabei. Ein Glück, dass man die lustigen Gesellen in solch hoher Konzentration nur hier in der Kernzone des Harzes trifft. Dann wird es plötzlich steil, verdammt steil. Ein maroder Plattenweg aus der Besatzer-Aera führt uns auf direktem Weg zur sturmumtosten Gipfelkuppe hinauf, wo wir das obligatorische Yeah-ich-habs-geschafft-Foto mit maximaler Routine abhaken. Denn es ist arschkalt. Sicht keine zwanzig Meter. Nur schnell wieder weg hier! Kaum jedoch brausen wir auf der Rückseite des Berges in Richtung Osten, klart der Himmel auf. Und mit ihm unsere Mienen, denn endlich sorgen auch wieder Singletrails für grinsende Gesichter. Kilometerweise. Michael kennt Wege im einsamen Ostharz, auf die sich nicht einmal mehr Hardcore-Wanderer verirren. Ein Traum – aus dem mich der schrille Pfiff der Dampflok aprupt ins Hier und Jetzt reißt. Schluss mit Nickerchen, alles aussteigen! Die Schaffnerin hat sich von der Bespaßerin wieder in eine Amtsperson zurückverwandelt und reicht uns die Bikes aus dem Gepäckwagen. Der Himmel ist blau. Unglaubwürdig blau, zumindest für Harzer Verhältnisse.

Seite 1 / 2
Matthias Rotter am 01.09.2015
Kommentare zum Artikel