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Deutschland: Vier Tage MTB-Tour durch den Odenwald

Odenwald: Mountainbike-Tour inkl. GPS-Daten

Matthias Rotter am 06.03.2016

Der Odenwald soll Siegfried zum Verhängnis geworden sein. An einem Brunnen wurde der Nibelungenheld erdolcht, heißt es. Heute wickelt sich ein Pfadnetz um diesen Brunnen, das für vier Etappen reicht.

Schon blöd, wenn man nicht übers Wetter meckern kann. Macht sich normalerweise immer gut, eine dramatische Einleitung mit tief hängenden Wolken und Dauerregen. Dazu quälen sich die Protagonisten der Geschichte durch Schlammlöcher und finstere deutsche Wälder. Die armen Schweine. Aber diese Art von Intro kann ich mir abschminken. Brottrocken ist der Trail. Mein Vordermann braucht nicht mal das Hinterrad zu blockieren, um Staub aufzuwirbeln. Und von wegen finster. Nicht mal im tiefsten Unterholz ist es hier dunkel! Sonnenflecken tanzen wie Schmetterlinge auf dem Pfad, der sich launig am Hang entlangschlängelt. Hoch über uns wölben sich die Kronen knorriger Laubbäume. Manchmal verschluckt Sand die Rollgeräusche. Ein fast mediterranes Ambiente. Unser Guide Dirk hatte also nicht zu viel versprochen, als er beim Start zu unserer Tour durch den Odenwald von den abwechslungsreichen Landschaften schwärmte. Und kaum habe ich den Gedanken zu Ende gedacht, verwandelt sich die Kulisse in einen epischen Weitblick über die Rheinebene. Respekt! Eine ziemlich beeindruckende Vorstellung für ein Mittelgebirge, das an seinem höchsten Punkt mit Ach und Krach die 600-Meter-Marke knackt.

Bisher brachte ich den Odenwald höchstens mit Begriffen wie Kurgastkegeln, Tanztee und Kneippbädern in Verbindung. Vielleicht auch noch mit der germanischen Nibelungensage um Siegfried, den Drachentöter, deren blutiger Showdown angeblich in dieser Gegend stattfand. Jedenfalls nichts, was ins Beuteschema von Mountainbikern passen würde. Doch dann flatterte die Einladung von Dirk Dewald ins Haus, der ganz offensichtlich Alternativen zu Kurgastkegeln und Tanztee parat hat. Bereits vor sieben Jahren reifte im Kopf des ehemaligen Triathleten die Idee zu einem markierten Bike-Routennetz kreuz und quer durch den Odenwald. Ein verwegener Plan in einer Region, die sich ehrfurchtgebietend "Geo-Naturpark" nennt. Schließlich klingt das im ersten Moment eher nach Weltkulturerbe mit striktem Betretungsverbot als nach Bike-Paradies. "Jeder wollte ein Wörtchen mitreden, von Forstamt bis Naturschutz", erzählt Dirk, während wir immer tiefer in die wellige Landschaft eindringen. Doch als Planungsbeauftragter des Geo-Naturpark-Vereins zahlte sich seine Beharrlichkeit gegenüber den Behörden aus. Und bereits im Jahr 2011 konnte der erste von bis heute 30 Rundkursen eröffnet werden. Man kann aber auch Teilstücke der Schleifen zu längeren Touren kombinieren. In vier Etappen wollen wir die Essenz des Odenwaldes erfahren. Lauschige Wälder, einsame Täler, überraschende Aussichtspunkte und natürlich die flowigsten Pfade.

Fotostrecke: 4 Tage MTB-Tour durch den Odenwald

An Trailscouts mangelt es in unserer Gruppe nicht. Dirk hat einige Locals zusammengetrommelt, die ihr Knowhow bereits bei der Ausarbeitung des Streckennetzes einbrachten. Zum Beispiel Gerald, der sich neben den Trails auch gut in der bewegten Historie des Odenwaldes auskennt. Den umtriebigen Bikeshop-Besitzer Tord S. oder so illustre Gesellen wie "Unterholz"-Ernst, der im Verdacht steht, Wege zu finden, wo gar keine sind. Beste Voraussetzungen also für launige Kilometer im Sattel. Die ersten Rampen liegen hinter uns, und mittlerweile nähert sich das Zählwerk am Höhenmesser sogar der vierstelligen Anzeige. Denn das Tückische am Odenwald ist seine Lage am Rand der Rheinebene. Bei gerade einmal 90 Metern Basishöhe zeigt selbst ein harmloses Mittelgebirge seine Zähne, wenn’s bis auf 500 Meter hinaufgeht. Es ist eine geschmackvolle Mischung aus Waldwegen, Schotterpisten und Trails, die Dewalds Truppe komponiert hat. Asphaltabschnitte sind Mangelware. Am Krehberg passieren wir das Seidenbucher Felsenmeer, eines von zahlreichen Steinmonumenten im Odenwald. Als hätte ein Riese einen Würfelbecher ausgeschüttet, liegen Hunderte Felsbrocken im Wald verstreut. Spielwiesen für Trialer, geshaped in der letzten Eiszeit. Hier fädeln wir ein in den Nibelungensteig, ein Wanderweg, der den Odenwald von West nach Ost durchquert. Sein markantes rotes "N" führt uns nach Grasellenbach, dem Ziel der ersten Etappe.

Der beschauliche Ort ist quasi das Epizentrum der berüchtigten Nibelungensage. Jenes germanischen Heldenepos, das von feuerspeienden Drachen, Königen, deren Töchtern, Intrigen und einem Schatz handelt. Im Prinzip also etwas Ähnliches wie die alte TV-Seifenoper "Dallas". Fast alles ist hier nach Figuren oder Requisiten aus jener Sage benannt. So heißen die Gasthöfe beispielsweise Hagen oder Kriemhildenruh. Es gibt eine Guntherstraße. Und im Nibelungencafé werden kalorienreiche Sensationen wie "Eisbombe Siegfried", "Brunhilds Sahnekuppel" oder die Drachenblut-Torte kredenzt. "Und das alles nur wegen eines ominösen Brunnens, von dem niemand weiß, ob es überhaupt der richtige ist", erzählt Hobby-Historiker Gerald, als wir uns am nächsten Morgen auf den Weg dorthin machen. "In der Geschichte ist lediglich überliefert, dass Siegfried an einer Quelle im Wald hinterrücks ermordet wurde." Man darf sich also nicht wundern, wenn ungefähr zehn verschiedene Siegfriedbrunnen in den Odenwald-Karten verzeichnet sind. Als Streckenpate für die beiden Grasellenbacher Rundkurse kennt Gerald natürlich jeden Pfad durchs Unterholz. Und so lotst er uns über ein paar Extra-Trails zu der kleinen Lichtung, wo ein steinernes Kreuz neben der Quelle an den Meuchelmord erinnert.

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Klar, dass auf einer Tour durch den Odenwald ein Abstecher zum höchsten Gipfel des Mittelgebirges zum Pflichtprogramm gehört. Auf dem Weg zum Katzenbuckel passieren wir uralte Grenzsteine, die alte Handelsstraßen markierten. Eine verwitterte Inschrift verrät, dass es schon im Jahr 1831 einen Gulden Strafe kostete, wenn man mit seinem Fuhrwerk den Weg verließ. Der Odenwald hatte zwar keinen so räuberischen Ruf wie der benachbarte Spessart, dennoch war eine Reise durch die verlassenen Wälder mit einem hohen Abenteuerfaktor verbunden.

Lichtscheues Gesindel bedrohte Hab und Gut, ein Menschenleben war nicht viel wert. Auf einer Anhöhe bei Beerfelden steht noch heute ein Galgen, wo man bis zu drei Schurken gleichzeitig aufknüpfen konnte. Dann stehen wir auf dem ehemaligen Vulkankegel und genießen die Aussicht bis übers gewundene Neckartal, das den Odenwald im Süden begrenzt. Atemnot stellt sich auf 626 Metern Höhe aber nur ein, weil Dirk und seine Kumpels mal wieder aufs Tempo drücken. Denn bis Wald-Michelbach weist das Streckenprofil noch etliche Anstiege aus. Vor allem müssen wir uns aus dem Neckartal wieder aufs Niveau des Odenwaldes hinaufarbeiten. Doch auf dem Höhenrücken zwischen Steinach- und Ulfenbachtal haben die Locals einmal mehr einen herrlichen Singletrail ausfindig gemacht, der alle Mühen lohnt. Auf dem alten Grenzweg, dessen Verlauf mit Marksteinen gekennzeichnet ist, sind die Racer in der Gruppe mit ihren Cross-Country-Hardtails in ihrem Element. Übermütig wie Kinder toben sie über den Pfad.

Auch die letzte Etappe der Tour fordert vollen Einsatz der Beinmuskulatur. Das ständige Auf und Ab beginnt mit dem Anstieg auf die Tromm, deren vom Irene-Aussichtsturm gekrönter Gipfel nur unwesentlich unter der Höhe des Katzenbuckels liegt. Die Rheinebene ist bereits wieder in Sichtweite, aber vorerst lockert der Odenwald seinen Griff um die Waden noch nicht. "Richtig bergab geht’s erst ganz zum Schluss", dämpft Dirk meine Freude auf ein gefälliges Finale. Der Tanz der Kette über die Ritzel geht weiter. Kreidacher Höhe, Galgenhöhe und Eichelberg heißen die nächsten topografischen Gemeinheiten, bevor am "Kalten Herrgott" die Wellen des Gebirges langsam im Rheintal verebben. Doch auch fürs Finale hat sich Dirk noch ein Highlight aufgespart. Im Weinheimer Exotenwald rollen wir, vorbei an zerfurchten Mammutbäumen und Atlaszedern, dem Ziel entgegen. Na, kein Wunder, bei dem Klima im Odenwald.

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Matthias Rotter am 06.03.2016