Deutschland: Mountainbike Revier Garmisch-Partenkirchen Deutschland: Mountainbike Revier Garmisch-Partenkirchen

Deutschland: Mountainbike Revier Garmisch-Partenkirchen

Neue MTB Trailvarianten in Garmisch-Partenkirchen

Matthias Rotter am 06.09.2017

Esterbergalm, Reintal – Garmisch-Partenkirchen ist berühmt für seine Klassiker-Touren. Seitdem hat sich für Biker nicht mehr viel getan. Doch die neue Generation Locals hat neue Abzweige aufgespürt.

Immer das mit dem Flow! Angeblich fluten Glückshormone den Körper, wenn Man über watteweiche Trails dahingleitet – Ganz dünnes Eis, denke ich Mir und trete grimmig weiter in die Pedale.

Neben mir keucht sich Holger die Lunge aus dem Leib. Tief über den Lenker gebeugt, kleinster Gang, die Sattelspitze bohrt sich … na ja, lassen wir die unschönen Details im Dunkeln. Eins ist klar. Das kann dieser Flow-Psychonanalytiker wohl kaum gemeint haben. Denn am Anstieg zur Esterbergalm kreisen die Gedanken eher um Dinge wie Hölle, Laktatüberschuss und Schmerzen. Im Schneckentempo passieren wir auf halber Strecke der Rampe die Dax-Kapelle, wo man es am besten noch mit einem Stoßgebet versuchen sollte. Von 26, 28 ja 30 Prozent Steigung ist auf dem finalen Abschnitt die Rede. Zum Glück ist die Strecke in Asphalt gegossen, sonst wäre an Fahren nicht zu denken. Die Enduros, auf denen wir unterwegs sind, klettern deutlich besser als erwartet. Dank flachem Lenkwinkel und langem Radstand überwinden wir die Steilstufe wie auf Schienen.


Die GPS-Downloads zu diesen Touren finden Sie am Ende des Artikels:

  1. Hüttlsteig (11,1 km, 603 hm, 1:30 h)
  2. Bernadeinsteig (33,3 km, 1285 hm, 4 h)
  3. Eckbauer (31,9 km, 1226 hm, 3:30 h)

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Ab Ende der Achtzigerjahre fand hier das legendäre Esterberg-Uphill-Rennen statt, wo sich internationale Stars wie John Tomac die Ehre gaben. Auch deutsche Bike-Größen wie Susi Dahlmeier – damals noch Susi Buchwieser – feierten hier ihre ersten Erfolge. Gerade mal eine knappe halbe Stunde benötigten die Schnellsten für die rund sechs Kilometer von der Talstation der Wankbahn bis zur Alm hinauf. Auch im Streckenprofil des ehemaligen Garmisch-Classic-Marathons tauchte das Schreckgespenst hin und wieder auf. Wer am Beginn des Anstiegs nicht in der Spitzengruppe war, geriet in den berüchtigten Stau, der alle nachfolgenden Fahrer zum Schieben zwang. Aufs Bike zurück schafft man es an dieser Steilrampe nicht mehr.

Geschafft. Am Ende der Steigung legen wir erst mal die Bikes ins Gras und schnaufen durch. Hier endet für uns die Standard-Route zur Alm. Denn auf dem Programm der nächsten Tage stehen nicht die Garmischer Klassiker, sondern unbekanntere Touren abseits der ausgetretenen Pfade. Einer davon ist der Hüttlsteig, der sich an der Westflanke des Wanks entlangzieht. Holger biegt scharf rechts in den Singletrail ab. Man merkt schon an seiner Körperhaltung und dem Gesichtsausdruck, dass er Quälereien wie die vorangegangene nicht wirklich braucht. "Die Garmischer Trails haben alle eins gemeinsam", sagt Holger. "Man muss sie sich erst mal verdienen." Und das ist noch nicht die ganze Wahrheit. Die Schmankerl liegen nicht offensichtlich in der Landschaft. "Viele meiner Lieblingsstrecken habe ich nach dem Trial-and-Error-Verfahren entdeckt", erzählt Holger weiter. Und zum Dritten erfordern die Trails meist solides fahrtechnisches Können. Das werde ich noch oft genug zu spüren bekommen, wobei der Hüttlsteig zur harmloseren Sorte zählt. In manchen Sektionen kommt sogar so etwas wie Flow auf.

Es ist später Nachmittag, die Wanderer sitzen längst im Biergarten, und wir haben den Weg für uns alleine. Manchmal erlaubt eine Waldlücke am Steilhang eine Aussicht nach unten. Die flach stehende Sonne lässt die Loisach glitzern, als schlängle sich ein leuchtendes Reptil durchs Tal. Erst nach Kreuzen der Wank-Seilbahntrasse öffnet sich oberhalb der Eckenhütte das Gelände. Zugspitze und Wetterstein bilden eine beeindruckende Felsbastion. Die Schönheitswertung jedoch gewinnen die ebenmäßige Alpspitze und der vorgelagerte Waxenstein. Die Partnach trennt die beiden Ortsteile Garmisch und Partenkirchen, die anlässlich der Olympischen Winterspiele 1936 mehr oder weniger zwangsverheiratet wurden. Seither gilt Garmisch-Partenkirchen endgültig als Bergsport-Hauptstadt Deutschlands.

Auch Holger Meyer ist wegen der Sportmöglichkeiten mit Familie vor fünf Jahren von München nach Garmisch gezogen. Am westlichen Ortsrand erkennt man die ehemalige U.S.-Kaserne und das Militärgelände. Dort hat Garmisch-Partenkirchen vor 33 Jahren Mountainbike-Geschichte geschrieben. Denn die dort stationierten Amerikaner brachten den neuen Sport mit über den großen Teich. An der Keans Lodge, einem Freizeitheim für die Soldaten, fand 1984 die Premiere des Fat Tire Spectacular statt. Das erste und älteste MTB-Rennen Deutschlands. Auch die einheimischen Biker wussten das Rennen zu schätzen. Zum Beispiel begann beim Spectacular die Karriere von Regina Stiefl, die in den Neunzigerjahren die Downhill-Szene entscheidend prägte. Toni Brey, Garmischer Bike-Urgestein, erinnert sich noch an die relaxte Stimmung auf den Events: "Neben dem Cross-Country-Rennen gab es immer einen spaßigen Hillclimb-Wettbewerb. Und hinterher natürlich ein Barbecue."

Zurück in die Gegenwart. Ein bisschen darf man sich schon wundern, warum vom Ruhm vergangener Tage wenig übriggeblieben ist. Die Amerikaner sind 2014 abgezogen, die Keans Lodge ist geschlossen. Das Skigebiet hätte wohl das Potenzial, im Sommer etwas für Biker anzubieten. Andererseits: Muss es überall Bikeparks und gebaute Trails geben? Im Sommer 2016 verkündete jedenfalls der Tourismusausschuss offiziell, dass man sich in Zukunft verstärkt um die Wünsche von Radfahrern kümmern möchte. Zur Findung eines sinnvollen Konzeptes versammeln sich derzeit die beteiligten Parteien an einem Tisch. Forst, Naturschutz, Grundstückseigentümer und Tourismusexperten. Auch Holger Meyer ist als Vertreter der Bike-Fraktion bei den Roundtable-Gesprächen zu Gast. "Wir hoffen, dass wir etwas in den Köpfen bewegen können, es gibt gute Ansätze", sagt Holger. Denn offen ist beispielsweise die Frage, welche Priorität Biker als Zielgruppe haben. Es bleibt spannend.

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Eigentlich viel schöner als die klotzige Zugspitze: die 2628 Meter hohe Alpspitze.

Spannend hört sich auch unsere nächste Tour an. Der Bernadeinsteig zieht sich am Fuß der Alpspitze entlang, vom Kreuzeck bis zum Eingang des sagenumwobenen Reintals. Ein Blick auf die Karte lässt das Herz höher schlagen. Der Pfad folgt dem Lauf der Höhenlinien oberhalb der Waldgrenze. Das verspricht schon einmal hochalpines Ambiente und tolle Blicke. Am Ende der langen Querung kippt die gestrichelte Linie in die Vertikale, für ein bisschen Abfahrtsspaß sollte also auch gesorgt sein. Typisch Garmisch haben jedoch die Götter den Schweiß vor den Spaß gesetzt. Sprich, im ersten Tageslicht kurbeln wir die steile Schotterstraße zum Kreuzeck hinauf. Karen Eller ist heute mit von der Partie. Lohn der ersten Tausend Höhenmeter ist der wohl schönste Blick auf die Alpspitze bei einem Cappuccino auf der Terrasse der Kreuzalm. "Auf der Nordseite des Kreuzecks gibt es noch den Jägersteig runter nach Hammersbach", erzählt Holger. "Den bin ich aber auch noch nicht gefahren."

In den letzten Jahren ist eine neue Generation von Garmischer Freeridern stets auf der Suche nach neuen Herausforderungen. Fahrer wie Lukas Gerum oder Mario Lenzen, die sich schon zu Zeiten der U.S.-Kaserne Holzgestelle und Sprünge in den Wald zimmerten. Auch die beiden verblockten Singletrails von der Stepbergalm nach Garmisch genießen unter den Fahrtechnikspezialisten einen guten Ruf. Der Bernadeinsteig gehört da noch zur leichteren Sorte. Zum Glück für mich. Vorbei an bizarren Felsnadeln und steilen Schotterreißen arbeiten wir uns auf dem Pfad in Richtung Wettersteingebirge, das die Menschen schon in den Anfängen des Alpinismus’ faszinierte. So berichtet die Zeitschrift des Deutschen Alpenvereins im Jahr 1903: "Am Zugspitzgatterl endet der massige, beherrschende Klotz des Zugspitzstocks, endet die Macht der Zugspitze. Ein neues Gebirge ist es, das jenseits des hohen Kamms, das jenseits der milden, weichen Konturen der jurassischen Formationen in jäher Steile sich aufbaut. Zwar gehoben und geschichtet aus dem gleichen Gebirge und doch neu und fremd gegenüber der eben verlassenen Welt der Zugspitze."

Zwischenrampen und ausgesetzte Kurven lassen keine Langeweile aufkommen. Später sind es holprige Wurzelteppiche, die unsere Konzentration fordern. Vor uns schlägt das Reintal eine tiefe Bresche zwischen Zugspitze und Wetterstein. Auch von Schmugglern wurde damals berichtet, denn auf dem Grat verläuft die Grenze zu Tirol. "Ein romantischer Hauch liegt über dieser Einsamkeit. Durch den engen, steilen Kammeinriss zwischen Oberreintal­schrofen und Teufelsgrat schleppten einst die Schmuggler in Nacht und Graus, in Mühe und Gefahr ihre schweren Packen. Aber seitdem diese ihr Treiben eingestellt haben, ist es endgültig still geworden dort oben, und nur selten wird die steinerne Ruhe von anderen Lauten unterbrochen als vom Dröhnen der Lawinen und vom Donner der Gewitter."

Ja, ein Donnern höre ich da auch gerade aus dem Wald schallen. Oder mehr ein Scheppern, begleitet von Bremsgeräuschen. Dort, wo der Pfad immer radikaler in die Vertikale kippt, habe ich lieber den Chickenway über den Forstweg gewählt. Jetzt warte ich unten, bis der Trail Karen und Holger ausspuckt. Weit können sie nicht mehr sein, bei der Geräuschkulisse! Dann schießen die beiden aus dem Wald, sichtbar gezeichnet vom Gerüttel und Geschüttel auf dem Zickzackweg. Okay, nach dem Flow-Faktor frage ich jetzt lieber nicht. Aber dem Grinsen nach zu urteilen -– geil war’s trotzdem.

Matthias Rotter, BIKE-Reiseautor der ersten Stunde:
Die Touren aus dem alten Moser-Bikeguide zählen heute immer noch zu den Top-Runden in Garmisch-Partenkirchen. Auch wenn die blauen Gumpen im Reintal längst verschüttet sind. Mit den Trails der neuen Generation muss man sich fahrtechnisch erst mal anfreunden.

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Matthias Rotter, BIKE-Reiseautor 


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Matthias Rotter am 06.09.2017
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