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Biken in Deutschland: Drei-Tagestour durchs Fichtelgebirge

MTB-Revier Fichtelgebirge: Drei Tage um den Schneeberg

Gitta Beimfohr am 04.12.2017

Rund um Ochsenkopf und Schneeberg finden Biker eine nahezu perfekte Infrastruktur. Von Genuss-Touren bis hin zu Downhill und Park. Hier die GPS-Daten der 160-km-Tour durchs Fichtelgebirge.

Auf Goethe ist verlass, wenn es um das Beschreiben von Landschaften geht. jetzt habe ich vor dem Fichtelgebirge fast Angst.

"Die ungeheure Größe der – ohne Spur von Ordnung und Richtung – übereinander gestürzten Granitmassen gibt einen Anblick, dessen Gleichen mir auf allen Wanderungen niemals wieder vorgekommen ist." Rund 200 Jahre ist es her, dass der Dichter hier zu Besuch war. Dabei klingt Fichtelgebirge doch eher nach viel Wald als nach Felsspektakel. Doch die eigentliche Frage ist: Gibt es dort auch Trails?

"Auf jeden Fall", beteuert Andreas Köppel aus Marktredwitz. "Man kann im Fichtelgebirge wahre Schätze entdecken." Köppel vermag zwar nicht, sich so blumig wie Goethe auszudrücken. Aber wenn der Bike-Enthusiast von "seinen" Singletrails schwärmt, hört man die Leidenschaft für sein Heimatrevier deutlich heraus. Erst recht, wenn man auf seine Website schaut. Unter dem Pseudonym "Mountainbike Man" hat Andreas dutzende Touren ausgearbeitet und veröffentlicht. Besonders stolz ist er auf seine mehrtägigen Etappenfahrten, nach dem Motto: "Das Abenteuer beginnt vor der Haustür." Und genau das wollen wir in den nächsten drei Tagen austesten.



Die GPS-Daten der Drei-Tage-Tour können Sie hier im Download-Bereich direkt unterhalb des Artikels kostenlos herunterladen. Viel Spaß beim Nachfahren!

  • Tag 1: Marktredwitz–Fleckl (47,3 km, 1370 hm, 5:30 h)
  • Tag 2: Fleckl–Kirchenlamitz (51,7 km, 1440 hm, 6 h)
  • Tag 3: Kirchenlamitz–Marktredwitz  (63,2 km, 1015 hm, 5:30 h)

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Als ich in Marktredwitz am Ostrand des Gebirges eintreffe, werde ich am Startplatz schon von Andreas und zwei Freunden erwartet. Jeden Tag wollen uns einige Locals begleiten, den Anfang machen Martin und Kathrin vom Verein der Fichtelgebirgsracer. Im Vergleich zur gut gelaunten Mannschaft wirkt das Wetter eher missmutig. Die Berge hüllen sich in Wolken, Nieselregen treibt durch die Luft. Es ist fast Mitte Mai, aber der Frühling mag nicht recht in die Gänge kommen. Doch ab morgen sei Wetterbesserung in Sicht, verspricht das Empfangskomitee. Während ich mein Bike klarmache, umreißt Andreas die Route. Im Zickzack geht es über die höchsten Gipfel. Zunächst ins zentrale Fichtelgebirge, über Ochsenkopf und Schneeberg, dann in einer Nordschleife über den Großen Kornberg zurück nach Marktredwitz.

Gleich am Ortsrand biegt Andreas in den ersten Pfad ein, der steil bergauf Richtung Luisenburg zieht. Vorbei an der Mariengrotte am Wenderner Stein gewinnen wir Höhe. Mit traumwandlerischer Sicherheit nimmt Andreas die Abzweigungen – und das sind wirklich viele. Dann die erste Abfahrt zur Luisenburg. Ein typischer Fichtel-Trail, wie wir in den nächsten Tagen noch viele fahren werden. Griffiger Boden, gespickt mit großen Steinen, die wie Nüsse aus einer Schokoladentafel herausragen. Bei Nässe durchaus tückisch, wenn man sie im falschen Winkel anfährt. Ist man zu langsam, bleibt das Vorderrad stehen. Leider sind wir nach dem Spaß wieder ganz unten, sodass der nächste Anstieg ordentlich in die Beine geht. Mit 939 Metern zählt die Kösseine immerhin zu den höchsten Gipfeln im Fichtelgebirge. "Hier habe ich früher für Alpenüberquerungen trainiert", erklärt Andreas. Dann dehnte er seine Runden weiter aus und entdeckte immer mehr Trails. So reifte die Idee, gleich eine Fichtelgebirgsüberquerung daraus zu machen. Die Aussicht von der Kösseine fällt heute leider aus. Wir stehen fröstelnd auf der Terrasse des Berggasthauses, starren in die Wolken. Egal, der Trail ist ja das Ziel. Und davon gibt es mehr als genug auf dem Kammweg zwischen Hohe Matze und Seehaus. Zudem bringt die Landschaft allerlei Kuriositäten hervor, sodass keine Langeweile aufkommt. An der Platte sieht es aus, als hätte eine Horde Riesen Polterabend gefeiert. Der Gipfel gleicht einem Trümmerfeld. Eiszeitlicher Frost soll das Gestein einst gesprengt haben.

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Peter Hanke, Chef des Bullhead House am Ochsenkopf. Der studierte Geologe hat ein paar Jahre in den USA gelebt und diese Erfahrungen in seine Bike-Station mit Gasthaus einfließen lassen. Nebenher pflegt er mit den anderen Fichtelgebirgsracern die Trails am Ochsenkopf.

Am späten Nachmittag beenden wir die Etappe bei Peter Hanke. Er betreibt die Bike-Station Bullhead House am Ochsenkopf. Bullhead? Die Neuzeit scheint im Fichtelgebirge angekommen zu sein. Der jüngeren Generation gefällt das. Und das Geschäft brummt, schon Anfang Mai ist die Bude an Wochenenden voll. Außerdem gehört der Name zu Peters Konzept. "Ich habe längere Zeit in den USA gearbeitet", erzählt der studierte Geologe. "Von dort habe ich mein Motto fürs Gasthaus mitgebracht: Triple B! Das steht für Bike, Burger und Bier." Läuft! Doch bevor wir seine berühmten Burger probieren dürfen, will er mir noch die Downhill-Strecke am Ochsenkopf zeigen. Wir erwischen zum Glück noch den letzten Sessellift zum Gipfel, weitere 300 Höhenmeter würden meine Beine heute nicht mehr verkraften. Mit von der Partie ist Chris Decher, Peters Chefguide. Bereits bei der Auffahrt sieht man, wie sich die Trails durch den Wald schlängeln. Je höher wir schweben, desto häufiger entdeckt man verblockte Passagen. Peter erklärt: "Das ist typisch im Fichtelgebirge: Die Trails sind oben steinig, unten flowig." Als Streckenbauer kennen die beiden jede Passage in- und auswendig. Entsprechend zügig jagen Peter und Chris über den Kurs. Und ich bin froh über die entschärften Trail-Varianten neben der Expertenlinie.

Am nächsten Tag machen wir uns auf den Weg zum Schneeberg und weiter in den Norden des Gebirges. Die dunklen Wolken sind abgezogen, der Frühling wagt einen zaghaften Vorstoß. Vorbei an der Weißmainquelle holpern wir Richtung Bischofsgrün, wo der lange Aufstieg zum 1051 Meter hohen Schneeberg beginnt. Im Vergleich zum erschlossenen Ochsenkopf herrscht am höchsten Gipfel des Fichtelgebirges eine seltsame Stimmung. Das trostlose Militärgelände mit dem weißen Turm ist ein Mahnmal des Kalten Krieges. Denn die grenznahe Lage zu DDR und Tschechoslowakei prädestinierte den Schneeberg damals als Horchposten in den Osten. Windjacken werden eilig aus den Rucksäcken gepult. Trotz Sonne ist es im Wind empfindlich kühl hier oben. Kein Wunder, bei kaum vier Grad Durchnitts­temperatur im Jahr. Was dann folgt, lässt uns aber schnell wieder warm werden. Zuerst sorgt der Trail runter zum Rudolfsattel für Glückshormone, dann sind es die "geologischen Merkwürdigkeiten", von welchen Goethe einst berichtete. Links und rechts stehen bizarre Türme im lichten Wald. Zerbrechlich wirkende Gebilde, die allen Gesetzen der Physik zu trotzen scheinen. Gesteinsplatten, aufgeschichtet wie Pfannkuchen. Und doch stabil genug, dass man am Rudolfstein auf Leitern in schwindelnde Höhe klettern kann. Die Aussicht von dort oben ist grandios.

Mittagsrast am Ufer des Weißenstädter Sees. Es ist gerade einmal Halbzeit auf unserer Etappen-Tour, und die Eindrücke sind schon jetzt unglaublich. Doch Andreas schwärmt bereits von den noch bevorstehenden Highlights. Zum Beispiel die Trails am Großen Kornberg. Oder die spektakulären Felsen im Egertal. Deutsche Mittelgebirge sind echt eine Fundgrube.

BIKE-Touren-Autor, Matthias Rotter:
"Meine Erwartungen an das Fichtelgebirge hielten sich vor meinem Besuch in Grenzen. Umso überraschter war ich von der Vielfalt des Reviers – inklusive einsamer Trails."

Matthias Rotter

Matthias Rotter, BIKE Touren-Autor


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Gitta Beimfohr am 04.12.2017
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