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Afrika: Bike-Abenteuer in Äthiopien

Äthiopien: stolzes Land

Dan Milner am 15.06.2016

Äthiopien verbindet man meist mit Hungersnot. Doch das Land blüht auf. Seine Gebirge wurden zu Nationalparks erklärt und sollen Touristen ins Land locken. Dan Milner machte sich ins Sämen-Gebirge auf.

Sieben Stunden sitzen wir bereits im Sattel, als wir die letzten paar Meter nach Ambiko ins Camp zurückkeuchen. Es war ein harter Tag mit felsverblockten Abfahrten und jeder Menge Tragepassagen. Ich wische mir mit dreckigen Handschuhen den Schweiß aus den Augenbrauen und will jetzt nur noch eins: ein eiskaltes Bier. Es wird mir dabei helfen, die Wahnsinns-eindrücke des heutigen Tages auf die mobile Festplatte meiner Erinnerungen zu spülen. Kaum zu Ende gedacht, tritt ein Mann aus der Reihe der Zaungäste, die unser Camp permanent umringen. Er trägt eine Kiste mit Bierflaschen vor sich her. Wir bezahlen und ordern direkt eine zweite Kiste fürs Abendessen um halb sieben. Der Mann schaut mich skeptisch an. Ich schaue fragend zurück. Dann tippt er auf seine Uhr: Sie zeigt 10:30 Uhr. Meine dagegen: 16:30 Uhr. Äthiopien hat völlig andere Zeitregeln als der Rest der Welt. Dicht am Äquator gelegen herrscht hier praktisch Tag-Nacht-Gleiche, und so bedeutet 1 Uhr die erste Stunde Tageslicht und 12 Uhr die letzte vor Sonnenuntergang. Nur rund um den internationalen Flughafen wurden die Uhren entsprechend angepasst.

Wir sind gerade mal den zweiten Tag im äthiopischen Sämen-Gebirge unterwegs und kommen uns mit unseren Uhren und Höhenmessern bereits wie Außerirdische vor. Heute haben wir zum Beispiel 25 Kilometer geschafft, sind dabei 1344 Höhenmeter hochgeklettert und 500 Höhenmeter bergab gefahren. Dabei haben wir einen 4200 Meter hohen Pass überquert und landen nun in einem Dorf, das auf 3100 Metern Höhe liegt. Noch sind uns diese Statistikzahlen aus der westlichen Welt wichtig. Doch bis zum achten Tag unserer Gebirgsdurchquerung werden sie uns zunehmend egal. Sie verlieren sich irgendwo in diesem Strudel aus körperlicher Anstrengung und dieser exotischen Landschaftserfahrung.

Fotostrecke: Bike-Abenteuer in Äthiopien

Fragt man jemanden nach Äthiopien, dann lautet die typische Antwort wohl "Hungersnot". So dachte ich vor dieser Reise auch. Doch das traurige Äthiopien aus Bob Geldofs 1980er-Live-Aid-Ära ist lang vorbei. Heute blüht hier die Wirtschaft durch den Aufschwung der Ethiopian Airways, der am schnellsten wachsenden Fluglinie Afrikas. Schon die Hauptstadt Addis Abeba empfing uns mit einem hektischen Mix aus Alt und Neu. Moderne Bürogebäude wachsen hier in den Himmel. Sie stecken zum Teil noch in einem Baugerüst aus Eukalyptus-Stangen, überragen aber schon die 200 Jahre alte orthodoxe Christenkirche. Der Wandel erreicht inzwischen auch die ländlichen Regionen. So wurden hier ökologische Nationalparks eingerichtet, die den Tourismus ankurbeln sollen. Der Sämen-Nationalpark im Norden des Landes hat sogar UNESCO-Status – und eben dieser hat auch uns ins Land gelockt. Bis auf 4533 Meter bricht dieses Gebirge spektakulär aus dem trockenen Land. Dörfer aus dem 6. Jahrhundert kleben in seinen fast senkrechten Felswänden. Sie sind über uralte Maultierpfade miteinander verbunden. Und auf diesen Wegen wollen wir das Gebirge in acht Tagen durchqueren.

Tag drei startet mit einer 400-Höhenmeter-Rampe auf einem Trail, der im wilden Zickzack durch eine offene Felslandschaft führt. Es dauert nicht lange, bis mich allein die dünne Luft zum Absteigen zwingt. Doch am Ende stehen wir alle am Rand einer Hochebene auf über 4000 Meter Höhe – und blicken in den afrikanischen Grabenbruch. 1500 Meter geht’s hier senkrecht in die Tiefe. So habe ich mir immer das Ende der Welt vorgestellt, und ich schrecke sofort zurück. Hinter uns kicken ein paar Kinder mit einem Fußball. Allerdings ist der Ball an einem Pfahl angebunden, damit er nicht in den Abgrund fällt. Über unseren Köpfen kreisen Raben, die im Aufwind treiben, und gen Osten kann ich einen Trail ausmachen, der um riesige Lobelien und durch Kolonien von Pavianen kurvt: unsere Abfahrt ins nächste Camp.

Äthiopien

Gipfel­-Erlebnis: Eine Etappe führt auf die Kante des Afrikanischen Grabenbruchs

Die Landschaft wechselt jeden Tag. Von Türmen und Zinnen vulkanischen Ursprungs geht’s durch tief eingeschnittene Schluchten. Bauern pflügen ihre Felder mit Ochsen, Kinder spielen vor Lehmhäusern mit Strohdächern und verkaufen Wasser in Flaschen. Wir campieren auf staubigen Dorfplätzen, auf Pausenhöfen oder hoch oben auf einer Felsenklippe. Nachts serviert unser Koch Tadle, Spitzname "Ramsey", ein Festmahl aus lokalen und westlichen Gerichten, die er auf zwei Gasflammen zaubert.

Länger als 20 Kilometer sind unsere Tagesetappen nie, doch die Trails sind sehr felsdurchsetzt. Schieben und Tragen gehört daher zum normalen Touren-Muster, und die Nachmittagssonne scheint uns dabei mit aller Macht ausdörren zu wollen. Nur zwei Mal passieren wir kalte Flussgumpen, die tief genug sind, um uns darin waschen zu können – es ist Februar, Höhepunkt der Trockenzeit. Natürlich erwischen wir ausgerechnet den heißesten Tag für unseren Gipfelsturm auf den Ras Daschän an Tag sechs. Die ersten 1400 Höhenmeter schaffen wir auf dem kleinsten Ritzel im Sattel, den Rest zum Basecamp am Berg schieben wir, und dann heißt es: tragen. Über manche Felsblöcke müssen wir uns die Bikes sogar gegenseitig hochreichen. Doch irgendwann ist auch diese Hürde geschafft, und wir stehen auf dem mit 4533 Metern höchsten Gipfel Äthiopiens. Halb Afrika scheint sich vor uns auszubreiten. Es ist der Moment, der auch unsere äthiopischen Guides glücklich macht. Die ganze Zeit über haben sie uns alles ermöglicht und nun, da sie uns auf den Gipfel geführt haben, umweht sie tiefer Stolz auf ihr Land. 

Äthiopien

Die Königsetappe auf den höchsten Gipfel des Landes (4533 m). Der Aufstieg ist gen Ende allerdings sehr beschwerlich.

Infos zum Mountainbiken in Äthiopien

Die Tour Für die Durchquerung des Sämen-Gebirges braucht man Abenteuerwillen, gute Kondition und Fahrtechnik. Die beste Touren-Zeit: Oktober bis März (Trockenzeit), bei Tagestemperaturen von 30 Grad. Nachts muss man in den höheren Camps mit null Grad rechnen.

Anreise Ethiopian Airlines fliegt von 83 westlichen Flughäfen nach Addis Abeba. Von der Hauptstadt geht es mit einer kleinen Propellermaschine weiter nach Gondar, an den Rand des Nationalparks. Hier wartet ein Bus, der auf rütteligen Sandpisten weitere fünf Stunden in den Park hineinfährt. Ausgangspunkt der Tour: Aynameda (3667 m).

Geführte Tour Diese wirklich außergewöhnliche Tour kann man bei dem britischen Unternehmen Secret Compass buchen. Infos: www.secretcompass.com

Infos Sicherheit: www.auswaertiges-amt.de

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Dan Milner am 15.06.2016