Afrika: MTB Trails in Lesotho Afrika: MTB Trails in Lesotho

Afrika: MTB Trails in Lesotho

Mountainbike Premiere: Trail-Abenteuer in Lesotho

Stefan Loibl am 23.01.2018

Hunderte Jahre alte Reiterpfade sind die Lebensadern der Bewohner Lesothos. Erfahrene Reiter pendeln so durch die Bergwelt von Dorf zu Dorf. Im Film begleitet Reiter Isaac zwei Biker durch die Berge.

Unser Pilot fliegt extra eine Schleife über den Baboons-Pass. "Dann könnt ihr euch schon mal ein Bild machen von der Gefahr, die euch da oben erwartet." Justin Honacker ist brutal. Brutal ehrlich.

Normalerweise gehört das Wort "Gefahr" im Inneren eines Flugzeugs zu den absoluten No-Gos. Ja, er sei den Baboons-Pass auch schon mal mit dem Mountainbike runtergefahren, fährt der Pilot unbeirrt fort. Extrem verblockt, ausgesetzt, steil – das ganze Programm. Also, er müsse die Erfahrung so schnell nicht wieder machen. Aus dem Fenster sehe ich lediglich eine Naturpiste, die sich einen Hang hinunterwindet. Daraufhin steuert Justin die kleine Cesna noch näher an den Berg heran und lässt die Bilder für sich sprechen. Jetzt erkenne auch ich, dass dieser breitere Weg aus wild zusammengewürfelten Felsblöcken besteht und eher einem ausgetrockneten Flussbett gleicht. Das ist der Trail, dem wir die nächsten sechs Tage folgen werden? Justin nickt. Okay, ich gebe zu, dieser Abschnitt sieht wirklich abenteuerlich aus.

Neben mir äugen auch meine Mitfahrer beeindruckt aus dem Fenster: Kevin Landry und Claudio Caluori. Beides Downhiller, beides keine Angsthasen. Unsere Bikes lehnen im Rückraum des Fliegers. Um Platz zu schaffen, hat Justin extra die Sitzbänke ausgebaut. Das macht er aber öfter, denn er arbeitet für die Mission Aviation Fellowship Charity. Das bedeutet, er fliegt auch Ärzte mit medizinischem Gepäck in entlegene Dörfer. Dieses Mal shuttlet er eben drei Mountainbiker zum Startpunkt einer Pionier-Tour. Das freut ihn, denn Tourismus könne diesem armen Land wirklich auf die Beine helfen. Aber noch wissen wir ja nicht mal, ob unsere Tour auch ein Erfolg wird. In sechs Etappen von Semonkong nach Roma – das sind etwa 120 Kilometer über die Lesotho-Berge. Klingt machbar, aber wenn nur die Hälfte der Route so aussieht wie dieser Abschnitt über den Baboons-Pass, dann werden wir ziemlich ackern müssen.

Als wir in Semonkong aufsetzen, galoppiert ein Reiter neben der Landepiste: Isaac, unser Guide. Wie alle Basotho, die wir in den nächsten Tagen treffen werden, ist auch er in eine traditionelle Decke gehüllt. Auf dem Kopf trägt er einen landestypischen Strohhut, den er später gegen eine Sturmhaube "Made in China" eintauschen wird, und seine Füße stecken in kurzen Gummistiefeln. Isaac – oder Leputhing Molapo, wie er in seiner Landessprache heißt – wird uns die nächsten Tage auf seinem Pferd Stan durch die Berge leiten.


In südafrikanischen Königreich Lesotho gibt es nur wenige Straßen. Und noch weniger Mountainbiker. Pferde sind in den ländlichen Gegenden und im Gebirge das Fortbewegungsmittel Nummer eins und die unzähligen Reiterpfade, die sich über felsige Bergrücken und durch die Täler ziehen, sind für die Einwohner wie Lebensadern. Reiter pendeln auf diesen Trails zwischen den Dörfern, so wie es die Bewohner von Lesotho seit Generationen unverändert tun. Inmitten dieser wie erstarrt wirkenden Welt lebt Isaac, ein 22-jähriger Reiter, der die Lücke zwischen Vergangenheit und Gegenwart schließt. Eine Woche lang führte Isaac Mitte April Gäste durch seine Heimat – auf einer 180 Kilometer langen Route durch seine Heimatberge. Eine Tour, wie er sie selbst früher mit seinem Vater gemacht hatte, aber dieses Mal hatte er zwei Mountainbiker im Schlepptau. Nämlich Ex-Downhiller und Red Bull TV-Kommentator Claudio Caluori (SUI) und den Kanadier Kevin Landry. Bei diesem Abenteuer haben die beiden Filmer Tobias Steinigeweg und Maximilian Stolarow von HAVE A GOOD ONE das Pferde-Bike-Trio begleitet. Hier der sehenswerte 19-Minuten-Film mit dem Titel "Following the Horsemen":

MTB-Abenteuer durch Lesotho – ein Film von Tobias Steinigeweg und Maximilian Stolarow


Unsere erste Etappe führt uns praktisch durch Isaacs Garten, nämlich zum 192 Meter hohen Maletsunyane-Wasserfall, Lesothos’ vielleicht einzige bekannte Touristenattraktion. Die Trails dorthin sind erdig und gut ausgetreten. Eine nette Aufwärmrunde für uns in spektakulärer Tafelbergkulisse. Zurück in der Lodge teilen wir den Duck-and-Donkey-Pub mit 20 holländischen Touristen mittleren Alters. Alle tragen neue Wanderschuhe und breitkrempige Sonnenhüte. 600 Touristen übernachten in dieser Lodge jeden Monat. Ein Drittel davon kommt aus Südafrika, ein Drittel aus Lesotho und ein Drittel aus dem Rest der Welt. Alle wollen den spektakulären Wasserfall sehen. Auf dem weiteren Weg gen Roma treffen wir dagegen nur noch drei Touristen. Ein amerikanisches Trio. Ansonsten haben wir Berge und Trails für uns allein.

Es gibt natürlich Gründe, warum so wenige Touristen in die Bergwelt von Lesotho kommen. Das kleine Land hat gerade mal die Größe Belgiens und wird von Südafrika komplett umschlossen. Es gibt keinen Zugang zum Meer. Auch für Safaris fehlen die "Big Five" wie Löwe, Nashorn, Leopard, Elefant und Büffel. Dennoch kann Lesotho eines richtig gut, und das ist Abenteuer. Es ist das einzige unabhängige Land der Welt, das komplett über 1000 Meter Höhe liegt. 80 Prozent der Gesamtfläche ragen sogar über die 1800 Meter hinaus. Straßen gibt es nur wenige, das Bergvolk der Basotho bewegt sich hier schon seit Jahrhunderten auf Reiterpfaden durchs Hochgebirge. Klar, dass es sich dann nicht um rundgefahrene oder von Trekking-Touristen eingetrampelte  Flowtrails handelt. Bergauf braucht man schon eine positive Einstellung und einen gewissen Abenteuerhunger, wenn man nicht verzweifeln will. Doch die Belohnung folgt: wilde Natur, Panoramablicke über eine völlig andere Welt und herausfordernde, aber machbare Trail-Abfahrten. Manchmal fächern sich die Pfade in verschiedene Abfahrtsmöglichkeiten auf. Dann reicht ein Blick zu Isaac. Er wartet immer irgendwo auf seinem Pferd. Entweder oben am Trail-Einstieg oder am Ende einer Abfahrt.

Fotostrecke: Afrika: MTB Trails in Lesotho

"Noch nie hatte ich auf einem einzigen Trail so viel unterschiedliche Tier­kacke unterm Reifen", lacht Claudio und reicht die Whisky-Flasche vor dem Abendessen noch mal rum. Der Alkohol soll uns später beim Einschlafen in der Höhe helfen. Am zweiten Tag unseres Trips campen wir nämlich in einem grasbewachsenen Hochtal, umgeben von imposanten Tafelbergklötzen. Zu unserer Linken startet der Trail, auf dem wir morgen über den nächsten Pass klettern werden. Sieht schon wieder nach Herausforderung aus, aber inzwischen wissen wir ja, dass wir auf der anderen Seite mit einer Abfahrt belohnt werden. Unser Tages-Limit bestimmt übrigens Stan, das Pferd. 30 Kilometer und 1300 Höhenmeter schafft das Tier am Tag. Und wo ich gerade so meine stinkigen Socken ausziehe, muss ich sagen: Mehr brauche ich auch nicht.

Stan und die Packpferde, die unser Camping-Equipment hierhergeschleppt haben, grasen friedlich um unsere Zelte und lassen regelmäßig Dung fallen. 100 Meter entfernt dösen ein paar Dutzend Kühe zwischen einzelnen runden Hütten – ein Bergdorf mit den typischen Rondavel-Häusern. Es gibt keine Schilder oder Info-Tafeln, die wie bei uns das Leben regeln würden. Das verleiht uns ein Gefühl von Gesetzlosigkeit. Aber von wegen: König Letsie III gehört das ganze Land. Er verpachtet es in 100-Jahres-Verträgen an die Bauern, und für die Verwaltung einer Region wird eine Art Bürgermeister ernannt. Sprich: Lesothos wilde Landschaft wird eigentlich mikro-organisiert von lokalen Chefs. Als wir unser Camp erreichten, hatte unser Support-Team längst die Erlaubnis vorlegen müssen, dass wir hier oben übernachten dürfen.

Wir kurbeln durch Dutzende Dörfer während der sechs Tage. Immer wieder diese typischen runden Häuser, wie sie hier seit Jahrhunderten gebaut werden. Allerdings sitzen ihre Bewohner heute mit Handys vor der Tür. Der Großteil der Bevölkerung verdient sein Geld mit dem Hüten von Ziegen und Schafen und dem Verkauf von Wolle und Mohair. Dennoch lebt fast die Hälfte unterhalb der Armutsgrenze.

Afrika: MTB Trails in Lesotho

Trail-Abenteuer Lesotho

Den 2689 Meter hohen Baboons-Pass erreichen wir alle zu Fuß. Lange Zeit konnte Isaac seinem Pferd noch motivierende Worte ins Ohr flüstern, dann versuchte Stan noch ein paar Trippelschritte zwischen die regennassen Wackersteine zu setzen, aber irgendwann scheute das Tier, und auch unser Guide musste absteigen. In den weniger steilen Passagen erzählt Isaac, dass dieser Passweg zu den gefährlichsten Straßen der Welt gehöre. Immer wieder kämen Reisegruppen, die den Pass mit Landrovern bezwingen wollen. Sehr geschickte Autofahrer schaffen die 23 Kilometer in 15 bis 16 Stunden. Aber nur unter dem Einsatz von Seilwinden. Wir fahren auf dieser groben Pass-Seite später bergab, und obwohl ich uns alle für sehr geschickte Downhiller halte, schaffen wir es nicht ohne Blessuren. Claudio kann einen kapitalen Abgang gerade noch verhindern, bricht sich dabei aber den großen Zeh – was es für ihn in den nächsten drei Tagen ohne Arzt nicht leichter machen wird.

Wo es kaum Touristen gibt, sucht man meist auch vergebens nach Gasthäusern und Lodges. Doch das ist für die Basotho kein Problem. In Ha Simione und Nykosoba haben die Dorfbewohner für uns extra zwei verlassene Markthallen ausgefegt. Zwei Jungs von einem gerade erst gegründeten Adventure-Unternehmen stauben in ihrem windschiefen Pickup vor und zerren noch eingeschweißte, pinkfarbene Matratzen von der Ladefläche. Aber noch viel besser: Sie haben auch eine Kühlbox mit eiskaltem Bier dabei. "Our Beer, our Pride" prangt auf den Doseen. Wo denn genau dieser im ganzen Land spürbare Stolz herkomme, frage ich Michael Ramashamole, den Bürgermeister von Ha Simione. Sofort blitzt etwas auf in den schon trüb gewordenen Augen des 83-Jährigen. Sie seien stolz darauf, dass sie sich 1966 von den Briten unabhängig gemacht haben und sich bis heute nicht vom großen Südafrika vereinnahmen ließen. Als ich meinen Schlafsack auf der Matratze ausrolle, frage ich mich, was dieser 100 Jahre alte Holzboden der Markthalle wohl alles erzählen könnte. Heute jedenfalls ist er der knarzende Bettrahmen für eine Handvoll müder Mountainbiker.


INFOS LESOTHO

Anreise
Lesotho besteht zu 80 Prozent aus Hochgebirge. Durch die Tafelberge führen Sandpisten und anspruchsvolle Trails. Touren organisieren die beiden Local-Biker von Lesotho Sky, www.lesothosky.com

Lesotho-Sky-Race
Das sechstägige Etappenrennen (390 km / 9800 hm) ist schnell ausgebucht. Infos: www.lesothosky.com

Afrika: MTB Trails in Lesotho

Lesotho liegt im Süden Afrikas


Diesen Artikel bzw. die gesamte Ausgabe BIKE 11/2017 können Sie in der BIKE-App (iTunes und Google Play) lesen oder die Ausgabe im DK-Shop nachbestellen:

iTunes StoreGoogle Play Store

Stefan Loibl am 23.01.2018
Kommentare zum Artikel