© Scott Swisspower Team
Nino Schurter und sein neues Racebike mit 650B-Laufrädern.
Nino Schurter gewinnt Worldcup auf 27,5 Zoll

Nino Schurter heißt der souveräne Sieger des Worldcup-Auftaktes in Pietermaritzburg, Südafrika. Er eroberte den Sieg auf einem Bike mit Laufrädern im Format 27,5 Zoll – oder 650B. BIKE war neugierig, was dahinter steckt.

Nino Schurter und sein neues Racebike mit 650B-Laufrädern.
Nino Schurter
Nino Schurter und sein neues Racebike mit 650B-Laufrädern.
© Scott Swisspower Team

In Pietermaritzburg gewann der beste Fahrer, soviel steht fest, das konnte man auf Redbull-TV eindrucksvoll sehen. Was man nur schwer sehen konnte: Schurter eroberte den Sieg auf einem neuen Scott-Bike, einem mit Laufrädern im Format 27,5 Zoll – oder 650B – oder Midsize. Seine zwei Konkurrenten Manuel Fumic und Burry Stander fuhren auf 29ern, Julien Absalon (4. Platz) wie immer auf 26 Zoll, Weltmeister Jaroslav Kulhavy (5. Platz) auf einem 29er Fully.

Die zahlreichen Kritiker (wir kriegen nach wie vor regelmäßig Leserbriefe von 29er-Feinden) möchten wir gleich beruhigen: Es geht hier nicht darum, eine neue Sau durchs Dorf zu treiben und es muss sich auch niemand gezwungen fühlen, ein neues Bike zu kaufen. Wir betrachten in diesem Artikel einfach mal mit journalistischer Neugier, was sich in der (Renn-)Szene tut.

Nino Schurter in action in Südafrika – erster Worldcupsieg der Saison.
Nino Schurter in action in Südafrika
Nino Schurter in action in Südafrika – erster Worldcupsieg der Saison.
© Scott Swisspower

Seit gut einem Jahr gehen Racer vermehrt auf 29 Zoll großen Laufrädern an den Start. In der Disziplin Marathon noch häufiger als im Cross Country. Twentyniner haben Vorteile, aber auch Nachteile. In jedem Fall besitzen sie ein anderes Handling als klassische 26er. Besonders in der Rennszene haben 29er eine Eigendynamik entwickelt, nach den ersten Rennsiegen in 2010 verlangten immer mehr Racer nach 29ern, Firmen entwickelten eifrig, fast hatte man Grund zur Annahme, Rennfahrer fühlten sich auf 26 Zöllern fortan unterlegen. Wie viel Prozent der Leistung bei Profis an einer starken Psyche hängt, ist ja bekannt.

Die Schweizer Nino Schurter und Florian Vogel vom Scott-Swisspower-Team waren allerdings nie überzeugt von 29, sie waren auch nicht die idealen 29er Fahrer. Einerseits von der Körpergröße, andererseits vom Fahrstil. Für die Ex-Weltmeister José Antonio Hermida und Julien Absalon gilt das Gleiche.

Thomas Frischknecht, Schurter und Vogel haben also mit Scott an einem neuen Konzept getüftelt. Sozusagen am Midsize-Format, auch 27,5 Zoll oder 650 B genannt. Seit November 2011 waren die Fahrer auf Scott Scale-Hardtails mit dem Laufradmaß 27,5 Zoll unterwegs. „Es gleicht einem kleinen Wunder, dass wir dies bis Pietermaritzburg von der Öffentlichkeit fern halten konnten“, erzählte uns Frischknecht. Nino und Florian setzten die 27,5er Scale erstmals eine Woche vor dem Worldcup beim Testrennen in Pietermaritzburg ein. „Nicht mal da hat jemand was bemerkt. Es hieß sogar letzte Woche, wir seien noch die letzten Mohikaner auf einem 26er“ freute sich Frischknecht über den gelungenen Coup. „Nach Ninos Sieg stehen nun viele mit offenem Mund da. Einige Topfahrer haben sich ein 27,5er gewünscht – doch hat bis dahin noch keine Top-Marke eins produziert.“

Das ist das neue Siegerbike.
Nino Schurters Scott Racebike
Das ist das neue Siegerbike.
© Scott Swisspower

Für die Fahrer hat diese Neuentwicklung schon einen sehr positiver Effekt, meint Frischknecht. „Zu wissen, das man der Konkurrenz vom Equipment her eine Nasenlänge voraus ist, motiviert natürlich. Zumal in Südafrika bei einigen Konkurrenten ein Licht aufgegangen ist.“

Thomas Frischknecht hat uns beschrieben, wie das Projekt gelaufen ist: „Die Idee fürs 27,5“ liegt fast ein Jahr zurück und resultierte aus dem Fakt, dass Nino und Florian zwar die Vorzüge eines großen Rades schätzten, aber ihre Position auf einem 29“ fühlte sich nicht so an wie sie sich das von einem 26“ gewohnt sind. Bei aggressivem Fahren – speziell in Kurven – vermissten sie das direkte Steuern eines 26er. Dies hat vor allem beim Anbremsen viel mit der Torsion des größeren Rades und an der längeren Gabel zu tun. Das ist was das 29er deutlich träger macht. Schlussendlich wollten sich beide auf ein Bike für die ganze Saison festlegen statt immer von 26“ auf 29“ zu wechseln.“

Das Scott-Swisspower-Team hat also identisch aufgebaute Scale im Maß 26, 27,5 und 29 Zoll in Südafrika ausgiebig getestet und war vom Mittelmaß überzeugt. „Frischi“ weiter: „Ich bin 23 Jahre mit 26 Zoll gefahren. Seit bald zwei Jahren fahre ich nur 29er und war voll begeistert. Das war Anfangs zwar eine Umstellung, doch an diese gewöhnte ich mich relativ schnell. Allerdings fühlt sich das 27,5er vom ersten Meter richtig an. Die Proportionen passen einfach. Es ist nicht einfach ein gut schweizerischer Kompromiss, sondern verbindet vielmehr das Beste aus beiden Welten. Auf technischen Trails mit engen Kurven fühlt es sich an wie ein 26“. In schnellen Passagen und betreffend Laufruhe fährt es sich wiederum eher wie ein 29“.

Was das Besondere ist: Die Scale-Racebikes sind Neuentwicklungen, man hat also nicht einfach eine längere Gabel und größere Laufräder eingebaut. Aktuell sind die Bikes nur für die Teamfahrer erhältlich. Das Rahmengewicht soll bei unter einem Kilo liegen. „Wir befinden uns noch immer in einer Testphase. Was Scott damit macht, kann ich nicht sagen“, meint Frischknecht.

Wir werden sehen. Mehr zu den Entwicklungen im Thema 27,5 Zoll oder 650B steht in BIKE 5/12, ab Anfang April im Handel. Bis dahin: Viel Spaß bei den ersten Frühlingstouren – egal mit welchem Laufradmaß!

Text:Christoph Listmann19.03.2012

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WorldcupScott275 Zoll650 BNino Schurter

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