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iXS Rookies Championships Serfaus-Fiss-Ladis 2017

Nachwuchs-WM: Die neuen Weltmeister von morgen

Adrian Kaether am 10.08.2017

Starker Regen am Tag der inoffiziellen Nachwuchs-WM machte die Strecke in Serfaus-Fiss-Ladis zu einem Spießrutenlauf. Die jungen Talente behielten aber die Nerven und gaben trotzdem Vollgas.

Ah Shit. Das war die falsche Line. Und zack, liege ich wieder auf der Schnauze. Schon das dritte Mal in den letzten fünf Minuten. Diesmal bin ich links vom Trail geflogen, davor war es rechts – aber hey, ein bisschen Abwechslung muss ja schließlich auch sein. Einen Wimpernschlag später kugle ich den Abhang hinunter, denn links neben dem Trail – nunja eigentlich gibt es da nichts, bloß einen fies steilen Abhang, der zum Glück nach wenigen Metern in einen Pfad ausläuft. Das Gras ist aber weich, mein Helm hinterher hübsch dekoriert. Man muss das ja positiv sehen.

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Schon am Morgen hingen die Wolken tief über dem Tal.


Es ist Sonntag im Bikepark Serfaus-Fiss-Ladis und irgendjemand hat Petrus mächtig verärgert. Denn obwohl in gut einer Stunde die iXS Rookies Championships – das Highlight des gesamten Rookie Camps – anstehen, gießt es in Strömen und Donner rollt in der Ferne. Als pflichtbewusster Redakteur habe ich es auf mich genommen, vor dem Beginn des Rennens trotzdem nochmal die Bikeparkstrecken auf Herz und Nieren zu prüfen. Die blauen und roten Strecken wurden gestern schon abgearbeitet, heute steht rot und schwarz auf dem Speiseplan.


Um zehn Uhr schwinge ich mich aufs Bike, noch ist alles trocken. Aber schon jetzt hängen die Wolken tief und drückend über uns, in der Gondel taucht man plötzlich in dicke Nebelschwaden ein und schon bald kommt, was der Wetterbericht vorausgesagt hatte: Der Himmel zieht sich zu, die Farbe der Wolken wechselt von hell- zu dunkelgrau und schnell beginnt es kleine Hunde zu regnen. Doch die schwarze Wurzelorgie „Hill Bill“ steht mir in meinem Testplan noch bevor. "Na egal", denke ich, "wird schon passen" und stürze mich ins Getümmel. Das erste Stück spare ich mir, schmale North-Shores müssen bei diesem Wetter wirklich nicht sein, doch ab der Stahlbrücke geht’s los.


Wurzel um Wurzel muss hier überwunden werden, doch die Wurzeln Nummer 1531, 4245 und 5478 werfen mich aus der Bahn. Keine Chance in diesem Regen und mit meinem Talent. Bei der nächsten Kreuzung transferiere ich zur Strada del Sole und zum FREERIDE Trail – dem Ding kann auch das schlechteste Wetter nichts anhaben, doch dazu mehr im Spotcheck. Klatschnass und mit einem dicken Grinsen erreiche ich die Talstation.


iXS Rookies Championships: Schwierige Bedingungen für Vali Höll, Jackson Goldstone und Co.


Schnell noch ein frisches und vor allem trockenes T-Shirt anziehen, dann geht es auch schon los mit den iXS Rookies Championships, der inoffiziellen Nachwuchs-WM im Downhill! Nach meiner Erfahrung mit dem Hill Bill ist mir vollkommen schleierhaft, wie die jungen Sportler nun auf der ebenfalls stark verwurzelten Strecke mit einigen Off-Camber-Passagen in diesem Wetter noch ihren Weg finden wollen. Von der schlechten Sicht und dem Problem mit verdreckten und beschlagenen Goggles ganz zu schweigen. Doch meine Sorge ist völlig unbegründet. Denn nicht nur haben viele der Athleten profimäßig Matschreifen aufgezogen, sondern ihr Talent und ihre Fahrtechnik dürfte auch 99 Prozent der bikenden Welt überlegen sein, mich selbst natürlich eingeschlossen. Echte kleine Weltmeister eben.

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Driftkünste waren bei diesen Bedingungen obligatorisch.


Starke Leistung der U13


Schon das Rennen in der U13-Klasse entschädigt mächtig für das bescheidene Wetter und die Hundskälte, die sich mit dem Regen eingestellt hat. Gestern Sonnenbrand, heute Zähneklappern. Aber so ist das eben in den Alpen und die jungen Sportler haben damit noch das geringste Problem. Liam Reiner vom Downhill-Verein Innsbruck brennt die erste Zeit unter vier Minuten in den Schlamm, eine starke Leistung bei schlechter Sicht und nassen Wurzeln. Bald darauf kommt auch Lars Büngen vom Team Oberalbis mit einer starken Zeit Richtung Ziel gesprintet. Doch die Uhr bleibt erst bei 3:55 Minuten stehen, das Live-Timing zeigt etwas über eine Sekunde Rückstand.

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Liam Reiner zeigt auch im Regen jede Menge Style. Dabei ist der junge Fahrer vom Downhill-Verein Innsbruck erst zwölf.


So bleibt bald nur noch Henri Kiefer im Startgatter zurück, doch was der kaum 140 Zentimeter große Deutsche auf seinem Canyon Strive kann, das hat er schon im Rennen am Samstag eindrucksvoll unter Beweis gestellt. Und Henri kann auch Schlamm. Scheinbar ohne überflüssige Angst hämmert der Sram Young Gun-Fahrer sein Strive durch die Kurven, behält auch über die Wurzeln die Kontrolle, schafft es sogar hoch in die Off-Camber-Sektion zu springen und sich damit ideal für die nächste Kurve hinzusetzen. Nach nur 3:34 Minuten kommt er durch das Ziel geschossen, keine 20 Sekunden langsamer als unter den perfekten Bedingungen am Vortag. Ein Talent, wie es nicht viele gibt im deutschen Nachwuchssport überhaupt und das man unbedingt im Auge behalten sollte. Zweiter wurde Liam Reiner, Platz drei ging an Lars Büngen.

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Henri Kiefer ist auch im Schlamm unschlagbar. Der junge Deutsche versägte die Konkurrenz um fast zwanzig Sekunden.


Nuno Zuzarte Reis mit Wahnsinnszeit in der U15


Es folgt die leider etwas dünn besetzte U15 Girls-Klasse, in der Leona Pierrini aus Frankreich unter drei Starterinnen den Sieg davonträgt, doch dann schon das nächste Highlight: die U15 Herren-Klasse, eine heftig umkämpfte Kategorie mit Namen, die im Nachwuchssport bereits jetzt schon ganz groß sind: Jackson Goldstone, Ike Klaassen, Luis Kiefer, Felix Schumann, Logan Wilcox. Und wie zu erwarten lieferte Ike Klaassen eine mächtige Zeit ab. 3:40 Minuten, fast vier Sekunden schneller als der bisherige Führende Daniel Cope. Sein Santa Cruz V10 prügelte der Holländer kontrolliert aber gnadenlos über die Strecke und leistete sich wenig Fehler.

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Ike Klaassen auch bekannt als „the flying dutchman“ im morgendlichen Training. Noch ist die Strecke trocken.


Doch für einen Platz auf dem Podium sollte es am Ende trotzdem nicht reichen, so stark war die Konkurrenz dieses Jahr bei den iXS Rookies Championships. Filippo Rossi und Luis Kiefer, Henris älterer Bruder, konnten Ike Klaassens Zeit nicht schlagen, doch dem aktuell sponsorenlosen Felix Schumann gelang das Kunststück und er ging mit gut 4,5 Sekunden Vorsprung in den Hot Seat. Tom Schueller schoss in einer Kurve geradeaus in den nächsten Busch und machte damit seine Hoffnungen auf den Titel zunichte.

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Klatschnass, voller Dreck, Schlamm auf der Brille, Dampf in der Brille, Sicht gleich Null. Geil war es trotzdem.


Nuno Zuzarte Reis gibt Vollgas


Nun blieben nur noch die Favoriten im Startgatter zurück. Jackson Goldstone und Nuno Zuzarte Reis, die beiden Schnellsten des Vortags. Zuzarte Reis startete als erster und er war „on fire“, wie man so schön sagt. Volles Risiko, aggressiver Style auf dem Bike, die Bremsen scheint er kaum berührt zu haben, getreten hat er dafür auf der steilen Strecke kräftig. Mit einer Zeit von 3:22,088 Minuten und mehr als 13 Sekunden Vorsprung auf den zweitplatzierten Felix Schumann ging er in den Hot Seat.

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Nuno Zuzarte Reis schießt mit Highspeed über die Ziellinie und lässt erstmal einen Jubel-Drift durch die Pfütze fliegen.


Der Portugiese will den Sieg, das merkt man ihm deutlich an. Dabei ist es erst sein zweites richtiges Rennen. In Portugal gibt es keine Downhillwettbewerbe für Unter-18-Jährige und der junge Fahrer fährt erst seit dieser Saison überhaupt Rennen. Rennen wie diese eben, international und auch für sehr junge Fahrer zugelassen. Vor diesem Hintergrund ist seine Motivation verständlich, seine Leistung aber umso beachtlicher. Da konnte auch Jackson Goldstone nichts mehr machen. Der kleine Kanadier gab alles, sprang über Wurzeln, hob das Bike in die Luft bei jedem Hindernis, sprintete aus den Kurven, doch es war nicht genug. Mit 7,695 Sekunden Rückstand erreichte er das Ziel und muss sich mit Platz zwei zufriedengeben. Beide Runs sollte man sich jedoch unbedingt auch im Livestream mal anschauen (ab 17:40 Minuten). Wie diese Jungs es schaffen, in dem Wetter noch so schnell zu fahren. Wirklich unglaublich.


Vali Höll gegen Mille Johnset


Und es folgte mit der U17 Damen-Klasse gleich das nächste Highlight. Nur sechs Starterinnen, doch darunter Beani Thies aus Südafrika von Greg Minnaar Racing, Mille Johnset, Protegé von Rachel Atherton und Vali Höll, über die zu diesem Zeitpunkt wohl wirklich nichts mehr gesagt werden muss. Enttäuschungen gab es auch hier keine. Beani Thies gab alles, rutschte jedoch auf einem Wurzelteppich weg und fuhr zwischenzeitlich trotzdem aufs Podium, doch ihre Zeit wurde dann bald von Ottilia Johannsson Jones getoppt.

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Vali Höll kommt über die Ziellinie. Erst wenige Meter davor taucht sie aus dem Nebel auf, mehr als 20 Sekunden vor Mille Johnset.


Gegen Mille Johnset konnten aber beide nichts ausrichten. Die fröhliche Norwegerin prügelte ihr Trek Session im Profisetup über die Strecke und fuhr einen Vorsprung von noch einmal fast zehn Sekunden auf Johannsson Jones heraus. Vali Höll fuhr jedoch wieder einmal in einer anderen Liga: Transfer-Hops zur besten Line, Vollgas überall, selbst von einem großen Drop in eine Kurve hinein sprang sie, als würde sie mit Mamas Stadtrad zum Brötchenlolen fahren. Diese junge Dame ist ein echtes Phänomen und es gibt wahrscheinlich keine hundert Menschen mehr auf diesem Planeten, die sie bergab auf einem Bike nicht völlig in die Tasche stecken würde. Die gesamte Downhill-Worldcup-Elite eingeschlossen. Auch ihren Run sollte man unbedingt ansehen. Im Replay ab 37:20 Minuten.

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Das Podium in der U17 Frauen-Kategorie: Mille Johnset, Vali Höll und Ottilia Johansson Jones.


U17 Herren: Die letzte Entscheidung des Tages


Damit fehlte nur noch eine Klasse. Die stark besetzte Jugend U17 mit fast 60 Startern. Und schon gleich zu Anfang setzte Marko Niemiz aus Slowenien eine echte Benchmark. 3:24,864 Minuten, fast unschlagbar in diesen Bedingungen. Wegen eines technischen Problems an seinem Bike war Marko am Vortag nicht gestartet und ging deswegen am Sonntag als einer der ersten aus dem Startgatter.

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Marko Niemiz im Training am Sonntagmorgen. Hier ahnte er noch nicht, das er später nach fast einer ganzen Stunde im Hot Seat den Weltmeistertitel mit nach Hause nehmen würde.


Und wo die Fahrer auch herkamen, Österreich, Norwegen, Großbritannien, Deutschland, Bulgarien, Südafrika – an Marko Niemiz bissen sie sich alle die Zähne aus. Höher und höher wurde das Tempo, doch die Leistung von Marko Niemiz begann stärker und stärker auszusehen. Auf der zunehmend aufgeweichten Strecke mussten die Fahrer bald schon ein extremes Risiko eingehen, um dem Slowenen noch Paroli bieten zu können. Schwerwiegende Verletzungen blieben zum Glück trotzdem aus, auch wenn lange nicht alle Fahrer auf dem Bike blieben.


Am Ende waren es Luke Mumford, Atle Laasko, Zan Pirs und Marc Höll, die der Zeit von Marko Niemiz noch am nächsten kamen. Beim schnellsten Fahrer, Marc Höll – übrigens nicht verwandt mit Vali Höll – blieb die Uhr trotzdem erst bei 3:31,169 Minuten stehen. Iordan Anchev war die letzte Hoffnung, Niemiz noch zu entthronen. Doch auch der Bulgare, der das Rennen am Vortag gewonnen hatte, konnte nicht überall auf dem Bike bleiben. Zu rutschig waren die Bedingungen, aggressive Attacken unmöglich. Damit holte Marko Niemiz nach einer gefühlt ewigen Zeit im Hot Seat den Sieg, Zweiter wurde Marc Höll aus Österreich, Dritter Zan Pirs, Marko Niemiz‘ Teamkollege.

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Marko Niemiz: Nach fast einer ganzen Stunde im Hot Seat holte der Slowene den Sieg.


Fazit zum Rookie Camp 2017 in Serfaus-Fiss-Ladis


Es war wahrhaftig ein Finale Furioso beim Kampf um den inoffiziellen Nachwuchs-WM-Titel. Die iXS Rookies Championships beendeten das Rookie Camp 2017 mit einem Paukenschlag, der starke Regen am letzten Renntag machte das alles zwar nicht angenehmer, sorgte aber für eine unvergleichliche Atmosphäre und für Dramatik ohne Ende. Ein kleines Mont-Sainte-Anne könnte man fast sagen. Ein großes Lob an dieser Stelle auch an die Veranstalter: Live-Timing und Kommentar, Organisation und Rahmenprogramm waren auf Worldcup-Niveau, die Streckenposten- und Sanitäter-Dichte war hoch und sorgte für einen hohen Sicherheitsstandard: In einem Nachwuchsrennen ein absolutes Muss! Und die Handschrift von Profi-Dowhillcup Veranstalter iXS/Racement war hier deutlich zu spüren. Und noch ein kleiner Tipp zuletzt. Wer je den Bikepark Serfaus-Fiss-Ladis besucht, dem sei gesagt: Hill Bill, Starkregen, tiefer Schlamm und ein Conti Trail King sind nicht die ideale Kombination. Ich spreche da aus Erfahrung.

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Das Santa Cruz V10 von Ike Klaassen.

Alle Ergebnisse zu den iXS Rookies Championships in Serfaus-Fiss-Ladis finden Sie unter diesem >>Link<<. Unten gibt es die Wiederholung zu sehen.

Das Replay der iXS Rookies Championships. Besonders sehenswert die Runs von Nuno Zuzarte Reis und Jackson Goldstone ab Minute 17:40 und von Mille Johnset und Vali Höll ab Minute 35.

Fotostrecke: SFL iXS Rookies Championships 2017

Adrian Kaether am 10.08.2017
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