DHI Worldcup #6 2017 Mont-Sainte-Anne DHI Worldcup #6 2017 Mont-Sainte-Anne

Downhill-Worldcup 2017 Mont-Sainte-Anne: Rennbericht

Gwin macht das Unmögliche möglich

Adrian Kaether am 08.08.2017

Im Damenrennen gab es eine überraschende Siegerin und einen spektakulären Moment von Rachel Atherton. Bei den Herren fing es an zu regnen, Aaron Gwin gewann trotz eigentlich unmöglicher Bedingungen.

Der sechste Downhill-Worldcup der Saison 2017 auf der Klassikerstrecke von Mont-Sainte-Anne war kein einfaches Rennen. Für niemanden. Bei den Damen gab es eine überraschende Siegerin, bei den Herren wurde Dean Lucas vom Wetter begünstigt und hielt sich extrem lange im Hot Seat. Fast eine kleine Wiederholung vom Auftakt-Worldcup in Lourdes, wenn man so will. Die Highlights im Video:

Wahnsinns-Moment von Rachel Atherton bei etwa zwei Minuten. Fahrer: Danny Hart, Dean Lucas, Aaron Gwin, Greg Minnaar, Rachel Atherton, Tracey Hannah, Myriam Nicole, Tahnee Seagrave (in dieser Reihenfolge).


Es ist wie verhext dieses Jahr in den wichtigsten Gravity-Rennserien. Warum die Enduro World Series passenderweise in die Enduro Wet Series umgetauft wurde, dürfte nach den schlammigen Rennen in Neuseeland, Australien, Irland und kürzlich wieder in Colorado jedem klar geworden sein. Besonders hart traf es die Männer im Auftakt-Worldcup im Downhill in Lourdes, wo Starkregen für die letzten Fahrer alle Chancen zunichte machte. In Fort William war es für schottische Verhältnisse relativ trocken, die Waldabschnitte waren trotzdem nass und nun in Mont-Sainte-Anne war wieder schlechtes Wetter vorhergesagt.


Überraschung von Tahnée Seagrave


Die Damen blieben aber noch relativ trocken. Eleonora Farina brannte die erste schnelle Zeit des Tages in den Dreck und überwand die vielen schnellen Felspassagen trotz eines kleinen Sturzes in 5:11,848 Minuten. Miranda Miller konnte ihre Zeit nicht schlagen, doch Emilie Siegenthaler gelang ein schneller, fehlerloser Run und sie knackte die 5-Minuten-Marke und fuhr in den Hot Seat. Eine wirklich starke Leistung der Schweizerin.


Eigentlich ist Mont-Sainte-Anne keine typische Strecke für Tahnée Seagrave. Nur wenige hatten mit einem starken Ergebnis der jungen Britin gerechnet. Zwar ist sie technisch stark und mutig – ohne Zweifel, doch auf derartig langen Strecken tat sie sich bisher schwer. Nicht so in Mont-Sainte-Anne 2017. Fehlerlos und extrem sauber jagte sie durch die obere Hälfte des Kurses. Die Linienwahl war makellos und ersparte ihr frühzeitigen Arm-Pump.

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Tahneé Seagrave fuhr in Mont-Sainte-Anne in ihrer eigenen Klasse.


Eine gute Strategie, denn so hatte sie noch viel Energie, um im unteren Teil der Strecke richtig anzugreifen. Vollgas, hohes Risiko war das Motto. Mittlerweile merkte man ihr die Anstrengung an, die Linienwahl war nicht mehr ganz so perfekt wie vorher, einige Male landete das Vorderrad in Löchern, doch Seagrave hielt das Bike auf Linie und zwang sich weiter Gas zu geben. Auf den letzten Metern gab sie noch einmal alles. Dass sie auf den großen Sprüngen in einer eigenen Klasse fuhr, braucht kaum gesagt zu werden. Bei 4:46,723 blieb die Uhr stehen, echtes Rachel-Atherton Territorium.


Rachel Atherton mit Wahnsinns-Moment

Überhaupt zum Thema Rachel Atherton. Zwar war die Britin in der ersten Hälfte nicht so schnell wie Tahnée Seagrave, doch das verwundert kaum, schließlich ist sie vor allem am Ende immer schnell. Die Zeit von Seagrave konnte sie nicht schlagen, mit mehr als zehn Sekunden Rückstand fuhr sie über die Ziellinie, doch in die Geschichtsbücher wird ihr Run trotzdem Eingang finden. Wegen der vielleicht größten Rettungsaktion, die der MTB-Sport je gesehen hat.


Vom Stevie-Smith-Drop, einem riesigen Felsen in der Mitte der Strecke, fuhr Atherton kontrolliert, doch ein loser Stein im Auslaufbereich hebelte ihr Vorderrad aus. Bei Highspeed machte das ganze Bike einen Satz seitwärts, traf einen zweiten losen Stein, das Heck schlug seitlich aus. Kommentator schrie schon „und sie fällt“, doch sie fiel nicht. Mit schier unmenschlicher Kraft und der Reaktionszeit einer springenden Raubkatze verhinderte sie erst einen, dann noch einen zweiten Highsider, raste seitwärts in das nächste Steinfeld, ließ jedoch den Lenker nicht los und zwang das Bike zurück auf Linie. Unglaublich!

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Podium der Damen: Emilie Siegenthaler, Myriam Nicole, Tahnée Seagrave, Tracey Hannah, Rachel Atherton.


Es folgten noch Tracey Hannah, die jedoch einen Platten hatte und trotzdem die 5-Minuten-Marke knackte und Myriam Nicole. Doch beide konnten die Zeit von Tahnée Seagrave nicht schlagen. Platz zwei ging an Myriam Nicole mit knapp unter sechs Sekunden Rückstand, den dritten Platz holte sich Tracey Hannah mit dem vielleicht schnellsten Run mit plattem Reifen überhaupt. Myriam Nicole geht damit mit 110 Punkten Vorsprung in den letzten Worldcup in Val di Sole, Tracey Hannah und Tahnée Seagrave kämpfen um Platz zwei.


Regen im Männerrennen


Dann setzte der Regen ein. Und nicht, um wieder aufzuhören. Der Australier Dean Lucas (Intense) hatte noch Glück. Für ihn war die Strecke noch verhältnismäßig trocken, sein Run war außerdem sauber und schnell und er fuhr in den Hot Seat mit einer Zeit von 4:19,484 Minuten. Und man konnte bereits ahnen, was folgen würde. Stärker und stärker wurde der Regen, langsamer und langsamer die Fahrer. Jure Zabjek, Brook Macdonald, Matthew Simmonds und Alexandre Fayolle, sie alle fuhren Zeiten um die 4:30 Minuten, während die Strecke weiter und weiter aufweichte.

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Dean Lucas fährt, vom Wetter begünstigt, auf Platz zwei. Doch es war auch so ein sehr starker Rennlauf und das beste Ergebnis seiner Karriere bislang.


Selbst Mark Wallace, Greame Mudd und Laurie Greenland waren trotz hoher Risikobereitschaft nicht schneller und es sah ganz so aus, als wäre das Rennen gelaufen. Ein zweites Lourdes in Kanada. Doch die Topfahrer wollten das nicht auf sich sitzen lassen. Als Jack Moir nach einem starken Run, und insbesondere einer starken zweiten Hälfte, mit 4:22,347 Minuten über die Ziellinie rollte, da keimte wieder Hoffnung auf. Würden Danny Hart und Konsorten noch die letzten drei Sekunden finden, die Moir zum Sieg gefehlt hatten?


Top Fünf: Wer macht das Unmögliche möglich?


Troy Brosnan war schnell, doch nicht schnell genug. Knapp unter 4:22 Minuten erreichte er die Ziellinie. Loris Vergier scheiterte, aber bald war Danny Hart an der Reihe. Und wenn es einer im Regen reißen soll, ist der Brite immer einer der heißesten Kandidaten. Als wäre da überhaupt kein Regen sprintete Hart aus dem Startgate, flog über die erste Hälfte des Kurses, über 70 Kilometer pro Stunde durch die Geschwindigkeitsmessung auf der Hauptgerade, all das im tiefen Schlamm und den vielen Felsen. Die erste Split-Zeit zeigte einen leichten Vorsprung auf Dean Lucas, den Hart dann jedoch wieder verlor, aber im letzten Drittel gab er noch einmal alles und wieder zeigte die Split-Zeit einen minimalen Vorsprung.

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Danny Hart gibt alles. Zeit für Style ist trotzdem.


Doch dann musste Hart auf einem der letzten Tretstücke noch einmal an die Goggle greifen und saubere Streifen durchziehen, die halbe Sekunde, die ihn das vielleicht kostete, war am Ende entscheidend. Hart gab nicht auf, doch es war nichts mehr zu machen. Mit 0,362 Sekunden Rückstand erreichte er das Ziel. Er hatte alles gegeben, doch es war nicht genug. Die Zuschauer feierten ihn aber trotzdem und verdienterweise.

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Danny Hart: Da war einfach nicht viel zu machen.


Greg Minnaar rutscht weg


Es blieb also an Greg Minnaar, Loic Bruni und Aaron Gwin hängen, das Ding noch zu drehen. Minnaar war als Erster an der Reihe. Schon bald zerschlugen sich seine Hoffnungen allerdings, als er im obersten Streckendrittel in einem Anlieger wegrutschte und das Vorderrad über den Anlieger hinaus in die Botanik glitt. Nach dem Rennen wurde er außerdem noch disqualifiziert, da er die Strecke kurz verlassen hatte und nicht an derselben Stelle auf die Strecke zurückgekehrt war. Loic Bruni leistete sich keine echten Fehler, doch er reihte sich etwa bei der Zeit von Troy Brosnan ein.


Also konnte nur noch Aaron Gwin den Sieg von Dean Lucas verhindern. Und der Amerikaner wollte den Sieg mit allen Mitteln gegen die äußeren Umstände erzwingen. Das sah man ihm schon im Startgate an. Super fokussiert, extrem entschlossen wirkte er, drückte die Goggle in Semenuk-Manier aufs Gesicht für den perfekten Sitz. Schon mal ein gutes Zeichen. Dreimal atmete er tief durch, dann sprintete er Vollgas aus dem Startgate. Schon auf der Hauptgerade ein guter Vorsprung, dann viele Innenkurven, wo die Strecke nicht ganz so ausgefahren war. Immer am Griplimit, doch gerade noch kontrolliert raste er dem Ziel entgegen. Ein Fehler im Rockgarden, doch Aaron Gwin blieb auf dem Bike und ließ sich nicht verunsichern. Mit gut einer Sekunde Vorsprung vor Dean Lucas erreichte er das Ziel, grinsend über das ganze Gesicht. Er feierte mächtig, war sich bewusst, was für eine großartige Leistung er gerade gebracht hatte, pfefferte die schlammbeschmierte Goggle als Trophäe ins Publikum klatschte alle Zuschauer im Zielbereich ab und schmiss die Handschuhe noch hinterher.

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Aaron Gwin freiert seinen verdienten Sieg.


Aaron Gwin liegt damit nun im Gesamtranking auf Platz zwei hinter Greg Minnaar. Die beiden werden sich also in Val di Sole sicherlich ein heftiges Duell liefern, doch auch Danny Hart und Troy Brosnan haben beim letzten Worldcup des Jahres sicherlich noch eine Menge mitzureden. Es wird spannend.


Alle Ergebnisse vom Worldcup in Mont-Sainte-Anne finden sie auf der Website der UCI. Die Rennen kann man sich außerdem in der Wiederholung im Livestream auf Red Bull-TV anschauen.

Adrian Kaether am 08.08.2017
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