Cross Country Worldcup #4 2017 Lenzerheide Cross Country Worldcup #4 2017 Lenzerheide

Cross-Country-Worldcup #4 2017 in Lenzerheide (SUI)

Last und Schurter gewinnen den Lenzerheide-Worldcup

Adrian Kaether am 10.07.2017

Beim Cross-Country-Worldcup in Lenzerheide fuhr eine Britin im Damenrennen zum Sieg, eine junge Deutsche landete auf dem Podium. Im Rennen der Männer geriet Schurter wieder mächtig unter Druck.

Während die Downhiller beim Worldcup in Lenzerheide am Samstag noch mit extrem trockenen und staubigen Bedingungen zu kämpfen hatten, musste sich die Cross-Country-Elite am Sonntag mit glitschigen Kurven und nassen Wurzeln auseinandersetzen. Durch die abwechslungsreiche und unrythmische Strecke wurden es jedoch zwei der spannendsten Rennen der Saison.

Yana Belomoina ist im Moment die aufstrebende Macht im Cross-Country-Worldcup der Frauen. Und obwohl sie nicht für gute Starts bekannt ist, machte die Ukrainerin schon zu Beginn des Rennens deutlich: für Platz zwei ist sie nicht hierher gekommen. Die Führung übernahmen jedoch zunächst andere. Die Sprintspezialistinnen Linda Indergand und Jolanda Neff wurden durch die Fans besonders angetrieben und gelangten schnell an die Spitze, doch in Führung lag jemand, den wir zumindest in der ersten Rennhälfte hier nicht erwartet hätten.

Cross Country Worldcup #4 2017 Lenzerheide

Annika Langvad war in Lenzerheide schwer erkältet und musste sich schon in der ersten Runde aus dem Rennen zurückziehen.

Gunn-Rita Dahle Flesja in Führung

Die Cross-Country Legende schlechthin, mit 29 Worldcupsiegen die erfolgreichste Cross-Country-Mountainbikerin aller Zeiten, Gunn-Rita Dahle Flesja, fuhr schon in Andorra ein extrem starkes Rennen und landete am Ende hinter Annika Langvad auf Platz drei. In Lenzerheide gab sie dann von Anfang an richtig Gas und führte mit viel Erfahrung das Feld durch die ersten Runden. Die Rippenverletzung, die sie so lange beim Atmen behinderte, scheint also endlich hinter ihr zu liegen.

Cross Country Worldcup #4 2017 Lenzerheide

44 Jahre und kein bisschen langsam: Gunn-Rita Dahle Flesja dominierte das Rennen lange, teilte sich die Kräfte aber trotzdem gut ein. Gegen den Enthusiamus von Annie Last konnte sie wenig ausrichten, sicherte sich aber Platz zwei.

Dahle Flesja war die große Konstante in der ersten Hälfte des Rennens der Damen in Lenzerheide. Während die Verfolger ständig die Positionen wechselten, fuhr die Norwegerin scheinbar unbeeindruckt vorneweg. Doch nach und nach stabilisierte sich das Feld und während etwa Linda Indergand etwas zurückstecken musste, bildete sich eine solide Verfolgergruppe hinter Gunn-Rita Dahle Flesja heraus. Jolanda Neff und Maja Wloszczowska, nie weit voneinander entfernt, außerdem Yana Belomoina und die große Überraschung des Rennens in Lenzerheide: Annie Last.

Yana Belomoina setzt sich an die Spitze

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Sie hat schon wieder zugeschlagen: Yana Belomoina holte in Lenzerheide zwar nicht den Sieg, aber Platz drei und viele wertvolle Punkte für die Gesamtwertung. Dort führt sie nun deutlich, mit fast 200 Punkten Vorsprung.

Bis 2012 war Annie Last die große Nachwuchshoffnung Großbritanniens im Cross-Country-Worldcup. Doch bis ganz an die Spitze hatte es die junge Frau aus Nottingham nie geschafft. Verletzungen sowie Rückenprobleme machten gute Ergebnisse auf die Dauer unmöglich. Doch all das liegt nun hinter ihr, wie das Rennen in Lenzerheide zeigte. Und während Yana Belomoina wie erwartet an die Spitze fuhr, konnte Annie Last sich an das Hinterrad der beiden Kross-Fahrerinnen Jolanda Neff und Maja Wloszczowska klemmen.

Cross Country Worldcup #4 2017 Lenzerheide

Annie Last war nicht aufzuhalten. Als ihr klar wurde, dass sie tatsächlich gewinnen kann, gab die Britin alles. Und holte tatsächlich ihren ersten Worldcupsieg überhaupt.

Die große Frage blieb: Wie lange würde Annie Last dieses Tempo durchhalten? Etwa nach der Hälfte des Rennens der Einbruch: Last fiel immer weiter zurück. Doch sie fing sich und marschierte bald wieder vorwärts, als wäre sie gerade erst gestartet. Schnell hatte sie die Kross-Athletinnen überholt, und auch Gunn-Rita Dahle Flesja musste sich Last geschlagen geben, die in den letzten Runden, den Sieg vor Augen, noch einmal den Nachbrenner zünden konnte.

Am Ende der fünften Runde dann kam die Entscheidung. Und statt für die Punkte die gute Platzierung nach Hause zu fahren, preschte Annie Last nach vorne. Denn wann hat man schon einmal die Möglichkeit, einen Worldcup zu gewinnen? Zwar schraubte sich Gunn-Rita Dahle Flesja wieder bis auf Platz zwei vor und ließ auch gegen Ende des Rennens nicht locker, doch Last hatte Blut geleckt und verteidigte die Führung vorbildlich und fehlerfrei. Es ist der erste Sieg für Großbritannien im Damen-Worldcup seit gut 20 Jahren.

Erstes Elite-Podium für Helen Grobert

Zwar waren in Lenzerheide alle Augen auf das spannende Duell an der Spitze gerichtet. Doch weiter hinten fuhr ausgerechnet eine deutsche Athletin das vielleicht beste Rennen ihrer Karriere überhaupt. Zu Beginn musste man schon die Augen offenhalten, um Helen Grobert zu finden – versteckt hinter all den anderen Fahrerinnen in der engen Mitte des Feldes. Die Lenzerheide ist keine gute Strecke für Aufholjagden. Insbesondere in den ersten Runden werden die schmalen Downhills zum Problem und die Fahrer außerhalb der Top Ten sind gezwungen abzusteigen, weil sich das Feld wie durch ein Nadelöhr durch die Abfahrten zwängen muss. Und wenn sich dann das Feld etwas entzerrt hat, sind die Fahrer an der Spitze meist schon so weit vorne, dass sie einzuholen zu einer unlösbaren Aufgabe geworden ist.

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Helen Grobert startete aus der Mitte des Feldes, kämpfte hart und konnte am Ende auf Platz fünf fahren. Es ist ihr erstes Elite-Podium überhaupt.

Helen Grobert gelang in Lenzerheide trotzdem das schier Unmögliche. Trotz der Startnummer 31 und einer damit sehr unglücklichen Position in der Startaufstellung konnte sie sich behaupten. Im ersten Anstieg machte sie einige Positionen gut, schon nach einem Viertel der ersten Runde hatte sie bereits Adelheid Morath passiert, die von der ersten Reihe aus gestartet war, und klemmte sich erst an Catharine Pendrel und dann an Sabine Spitz. Top 20 in Runde zwei, Top 10 in Runde vier. Aber Helen Grobert hatte immer noch Kraft in den Beinen und ließ in den letzten Runden sogar Größen wie Maja Wloszczowska, Catharine Pendrel, Emily Batty und Irina Kalentyeva links liegen. Am Ende reichte es für Platz fünf, nur fünf Sekunden hinter Jolanda Neff auf Platz vier. Nach ihrem zehnten Platz in Andorra ist das schon das zweite Top-Rennen für die Cannondale-Fahrerin. Und wer weiß, vielleicht sehen wir in Mont-Sainte-Anne wieder eine junge Deutsche auf dem Podium.

Schurter unter Druck

Im Rennen der Männer geriet Nino Schurter wie erwartet mächtig unter Druck. Wie schon in Albstadt preschte Cyclocross-Spezialist und Nachwuchshoffnung Mathieu van der Poel an die Spitze des Rennens und konnte das Feld gleich mehrere Runden anführen. Doch der Ausdauer Schurters ist er im Moment offensichtlich noch nicht gewachsen und so drosselte Mathieau van der Poel ab der Hälfte des Rennens seine Geschwindigkeit, um das Rennen wenigstens mit einer guten Platzierung noch zu Ende fahren zu können.

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Mathieu van der Poel (links) und Jordan Sarrou gehören im Moment zu Schurters gefährlichsten Verfolgern. Die beiden jungen Talente dürften in den nächsten Jahren nur noch stärker werden.

Überraschend war es dann der Russe Anton Sintsov, der sich erst bis in die Verfolgergruppe vorgekämpft hatte und nun an Schurters Hinterrad klebte. Dem Olympiasieger von 2016 war damit keine Pause gegönnt. Doch Schurter blieb cool. Als Sintsov attackierte, ließ er ihn ziehen und reihte sich hinter ihm ein, sicher in der Hoffnung, Sintsov würde seine eigene Pace nicht bis zum Rennende durchhalten können. Und Schurters Taktik ging wieder auf. Denn schon nach einer knappen Runde in Führung musste sich auch Sintsov zurückfallen lassen.

Verfolgung durch Marotte und Kulhavy

In der nun letzten Runde war das Rennen noch immer nicht erledigt. Sintsov lauerte wieder hinter Schurter, Maxime Marotte war die Anstrengung zwar anzusehen, doch der Franzose ist willensstark und hat häufig schon bewiesen, dass er bis zum Äußersten gehen kann. Schurter musste also weiter pushen, um nicht zu viel zu riskieren.

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Anton Sintsov machte Schurter das Leben schwer. Der konnte sich kaum von Mathieu van der Poel erholen, da griff Sintsov auch schon an. Am Ende fuhr der Russe auf Platz drei. Es ist sein mit Abstand bestes Worldcupergebnis.

Nur wer aufmerksam die Rundenzeiten verfolgt hatte, konnte ahnen, was jetzt kommen würde. Denn schon ab der Hälfte des Rennens fuhr ein gewisser wohl bekannter Tscheche, mit dem eigentlich in Lenzerheide niemand so richtig gerechnet hatte, Runde um Runde neue Bestzeiten ein und kämpfte sich nach einem mittelmäßigen Start langsam aber sicher bis an die Spitze nach vorne: Jaroslav Kulhavy. Und während Schurter damit beschäftigt war, sich erst van der Poel, dann Sintsov und auch Marotte vom Hals zu halten, legte Kulhavy Runde um Runde ein paar Watt obendrauf.

Kulhavys Aufholjagd

Mathias Flückiger war chancenlos, auch Jordan Sarrou und Mathieu van der Poel hatten der schieren Kraft des ehemaligen Weltmeisters und Olympiasiegers nichts entgegenzusetzen. Und dann mussten auch Marotte und Sintsov Staub schlucken, bevor Kulhavy die Verfolgung von Nino Schurter aufnahm. Der hatte sich zwar schon präventiv etwas abgesetzt, doch Sekunde um Sekunde schmolz Schurters Vorsprung dahin. Eine halbe Runde vor Schluss lagen weniger als zehn Sekunden zwischen den Kontrahenten.

Doch es reichte nicht. Kulhavy konnte Schurter zwar bald vor sich sehen und gab wirklich alles, doch auch Nino mobilisierte die letzten Reserven und sprintete Richtung Ziel. Unter dem Jubel der Schweizer Fans erreiche er die Ziellinie, Kulhavy folgte wenige Wimpernschläge später.

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Jaroslav Kulhavy fuhr ein Wahnsinnsrennen und drückte mächtig aufs Pedal. Eine halbe Runde mehr und selbst Nino Schurter hätte sich wohl dem Tschechen geschlagen geben müssen. 

Wieder hat dieses Rennen gezeigt, dass Schurter sich nicht auf seinen Lorbeeren ausruhen kann. Mit einem wiedererstarkten Jaroslav Kulhavy und der Rückkehr von Julien Absalon, der in Lenzerheide noch verletzungsbedingt aussetzen musste, sowie den vielen jungen Fahrern – Mathias Stirnemann, Mathieu van der Poel und Jordan Sarrou – die im Moment nach vorne drängen, könnte es sehr eng werden in Mont-Sainte-Anne.

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Trotz zahlreicher Attacken: Auch in Lenzerheide war Schurter nicht zu schlagen. Doch die Luft wird dünner an der Spitze der Männer-Elite.

Alle Ergebnisse zum Worldcup in Lenzerheide finden sie auf der Website der UCI, die Wiederholung kann man sich auf Redbull.tv ansehen.

Adrian Kaether am 10.07.2017
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