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Singletrack 6 2016: Race-Blog

Im Angesicht der Rockies

Anderl Hartmann am 05.08.2016

Was früher Trans Rockies war, heißt jetzt Singletrack 6: Kürzere Etappen, mehr Trail-Wahnsinn und ein jährlich wechselnder Schauplatz. Rocky Mountain-Fahrer Anderl Hartmann war am Start.

Die dritte Austragung des Etappenrennens Singletrack 6 führte die 250 Mountainbiker durch die östlichen Kootenay Rockies im Südwesten Calgarys. Fernie, Cranbrook, Kimberly und Golden hießen die Orte für die sechs Etappen. Der Bad Reichenhaller Anderl Hartmann vom Craft-Rocky Mountain-Team reiste vom BC Bike Race weiter in die Rocky Mountains, um beim Singletrack 6 zu starten. Hier sein Erfahrungsbericht aus dem Fahrerfeld:

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Großes Kino: Ruhetag zwischen BC Bike Race und Singletrack 6 in den Rocky Mountains.

Fernie – Reggae-Night und steile Anstiege

Die ersten zwei Etappen finden im beschaulichen Fernie statt. Beschaulich ist allerdings nur das kleine Örtchen am Elk River. Die Rennstrecken sind knüppelhart und zeichnen sich besonders durch ihre Steilheit aus. Es ist die Nacht vor der ersten Etappe: Um kurz vor 22 Uhr schalte ich das Licht in unserem Zimmer aus und und schließe die Augen. Just in diesem Moment erklingt gefühlt direkt neben mir der dumpfe Sound einer Bass-Gitarre. Kurz darauf beginnt in unserem Hotel die "Reggae Night". Während ich also schlaflos im Bett liege, erfreut sich nur wenige Holzbretter entfernt Fernies Jugend an den Klängen von Bob Marley. Fand ich nach dem BC Bike Race in Whistler die kanadische Sperrstunde um zwei Uhr etwas verfrüht, so bin ich jetzt ziemlich froh, noch ein paar Stunden Schlaf zu erhaschen.

Dem Start der ersten Etappe folgt ein 500 Höhenmeter langer Anstieg auf Singletrails. Wer schon mal versucht hat, einen Bikepark entgegen der Hangabtriebskraft zu erklettern, der weiß, wie intensiv, unrhythmisch und hart das sein kann. Gerade am höchsten Punkt angekommen lassen uns die Streckenplaner keine Sekunde Erholung – es geht direkt in die Enduro-Wertung. Der Rest der Etappe verläuft auf relativ einfachen Flowtrails, in den Anstiegen wünsche ich mir manchmal ein 28er-Kettenblatt. Auf Platz drei erreiche ich an diesem Tag das Ziel.

Singletrack 6 2016 Rennen

Bikepark-Piste in die verkehrte Richtung: intensiv, unrhythmisch und hart.

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Bei der Café-Kette Tim Hortons holten wir uns unsere tägliche Dosis Zucker und Koffein.

Fernie zum Zweiten

Etwas außerhalb im "Alpine Resort", einer typisch nordamerikanischen Skistation mit massiven Holzhäusern und Saloons, die den wilden Pisten-Cowboys nach ihren Abenteuern Bier und Burger auftischen, fällt der Startschuss zur zweiten Etappe. Das Gelände hat einen sehr alpinen Charakter und erinnert mich oft an meine Heimat. Vielleicht auch deswegen fühle ich mich ziemlich gut. Mein Teamkollege Manuel und ich drücken mächtig aufs Tempo und so entsteht mit dem Kanadier Mathieu Belanger-Barette eine dreiköpfige Spitzengruppe. Vor dem finalen Anstieg liegen Manuel und ich alleine in Führung. „Das wird unser Tag“, treibe ich ihn an! Zuerst auf einem engen Spitzkehren-Trail, dann durch offenes, alpines Gelände erklettern wir die letzten steilen Rampen des Tages. Als ich mich kurz vor dem Kulminationspunkt umdrehe, sehe ich hinter mir den Vortages-Etappensieger Rotem Ishay aus Israel herannahen. „Das wird nochmal richtig spannend“, denke ich mir. Manuel hat zehn Sekunden Vorsprung, Rotem schließt zu mir auf und so erreichen wir den finalen Downhill. Anlieger, Sprünge und zwischendurch wieder ein paar Wurzelteppiche – für einen kurzen Moment vergesse ich die angespannte Rennsituation. Ein kleiner Hügel vor dem Ziel bringt dann die Entscheidung: Manuel gewinnt die Etappe und ich sprinte auf Platz zwei. Doppel-Etappensieg.

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Doppeltes Glück: Wir feiern unseren Doppel-Etappensieg nach der zweiten Etappe des Singletrack 6.

Singletrack 6 2016 Rennen

Cranbrook – heiß und steinig

Wir verlassen Fernie und ziehen am frühen Morgen vor dem Start der dritten Etappe nach Cranbrook weiter. 100 Kilometer Transfer zum nächsten Etappenort, für kanadische Verhältnisse ein Katzensprung. Heiß, staubig und 100 Prozent Singletrail – so der Charakter des heutigen Tagesabschnittes. Im Vergleich zum BC Bike Race ein regelrechter Kulturschock. Eine wilde Jagd durch steppenähnliches Gelände, zahllose Richtungswechsel und Rockgardens, wie sie der Cross Country-Weltcup so gerne hat.

Die Hitze und der Staub setzen mir ziemlich zu, ich finde einfach keine Möglichkeit, einmal zu meiner Trinkflasche zu greifen. Kaputt und etwas ausgetrocknet erreiche ich auf Platz drei das Ziel direkt vor der Universität. Ein halber Liter koffeinhaltiges Erfrischungsgetränk und ich fühle mich wieder besser. Manuel kommt mit dem schnellen Rennen heute am besten zurecht, gewinnt die Etappe und übernimmt die Gesamtführung.

Singletrack 6 2016 Rennen

Schnelle, flowige Singletrails werden den Bikern beim Singletrack 6 serviert.

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Von einem Anlieger in den nächsten: Was in Europa größtenteils nur in Bikeparks möglich ist, kann man in Kanada auf vielen Trails erleben.

Mit der gelben Startnummer und zwei weiteren Podiumsplatzierungen im Gepäck verlassen wir Cranbrook und machen uns auf den Weg zu einer ganz besonderen Unterkunft.

Unser Freund und begeisterter Mountainbiker Jack Funk begrüßt uns in seinem Ferienhaus am Wasa-Lake. Jack und seine Frau Vera beherbergen uns königlich in ihrem Feriendomizil. Lachs liegt auf dem Grill und ein gepflegtes Gläschen Rotwein darf natürlich nicht fehlen an diesem Abend. Auf der großen Terrasse über dem See genießen wir den Sonnenuntergang und freuen uns über das Wiedersehen. Im Herbst 2013 bei einem Etappenrennen im indischen Himalaya haben wir uns kennengelernt – Sport verbindet und schafft Freundschaften auf der ganzen Welt.

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Abendstimmung auf der Terrasse unserer Freunde am Wasa Lake.

Kimberly – die Dramaturgie einer Etappenfahrt

Im Gegensatz zur gestrigen Etappe ist es angenehm kühl an diesem Morgen. Nach dem Startanstieg biegen wir in einen schmalen, etwas zugewachsenen Trail, der uns direkt auf ein großes Lawinen-Schuttfeld führt. Mit relativ hoher Geschwindigkeit knalle ich in das erste Schuttfeld und ziehe sofort kräftig an der Bremse. Das sind keine Steine, das sind messerscharfe Scherben, die nur darauf warten, einen Reifen aufzuschlitzen. Wie das Leben in einem Mountainbike-Rennen so spielt, erwischt es meinen Teamkollegen Manuel Weissenbacher. Schon vor der ersten Abfahrt fällt er mit einem Schnitt in der Reifen-Seitenwand aus der Führungsgruppe und verliert an diesem Tag auch die gelbe Startnummer. Ich kämpfe bis zum letzten Anstieg mit dem Kanadier Belanger-Barette um den Etappensieg. Ein schwacher Moment und ich muss ihn etwas ziehen lassen. Etwas enttäuscht erreiche ich auf Platz zwei das Ziel – ich war so nah dran am Etappensieg. Manuel verliert durch seinen Reifendefekt viel Zeit und vielleicht auch den  möglichen Gesamtsieg. Aber so ist der Sport.

200 Kilometer Transfer nach Golden, dem letzten Etappenort des Singletrack 6 2016, stehen noch am Programm am Nachmittag.

Golden – Finale furioso

Mit der Ankunft in Golden schließt sich ein Kreis für uns. Vor dem BC Bike Race, auf dem Weg von Calgary nach Vancouver, sind wir auf dem Highway 1 bereits durch Golden gekommen. Damals grübelten wir, wie es denn sein wird, wenn wir das nächste Mal hier herkommen werden. Jetzt wissen wir es und sind durchaus zufrieden mit dem Verlauf unserer Wettkampf-Kampagne durch den wilden Westen.

Etappe fünf führt uns vom Ortskern aus an die Ostseite des breiten Tals. Wieder klettern wir die ersten 600 Höhenmeter über einen Flowtrail. Der unrhythmische Anstieg tut mir extrem weh an diesem Tag. Im Gegensatz zu Manuel, der sein Rocky Mountain Element über die steilen und felsigen Trails zu einem weiteren Etappensieg führt, durchlebe ich einen richtig schlechten Tag. Kein Defekt, keine Ausreden, einfach nicht meine Etappe! Der zwölfte Renntag innerhalb von 20 Tagen nagt dann vielleicht doch etwas an den Reserven. Glücklicherweise bleibe ich auf Platz drei in der Gesamtwertung.

Singletrack 6 2016 Rennen

Noch ein letztes Mal Blutgeschmack im Mund, noch ein letztes Mal brennende Beine: Start zur sechsten und letzten Etappe des Singletrack 6 in Golden.

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Wir stehen am Start der sechsten Etappe: Zum letzten Mal erklingt zwei Minuten vor dem Start "Highway to Hell" aus den Lautsprechern. Mit 60 Kilometern steht die längste Etappe des Singletrack 6 auf dem Programm, 60 Kilometer volle Konzentration, um unsere beiden Podiumsplatzierungen ins Ziel zu bringen.

Der erste Anstieg wird wieder sehr hart ausgefahren, aber ich sitze in der Spitzengruppe und bin ziemlich froh, dass ich mich von meinem "Down Day" gestern erholt habe. Die vierköpfige Führungsgruppe fliegt geradezu über die schnellen und flowigen Achterbahn-Trails. Der Israeli Rotem Ishay, mehrmaliger israelischer Meister und Worldcup-Fahrer, hat zwar mit der Gesamtwertung nichts mehr zu tun, möchte aber an diesem Tag unbedingt den Etappensieg. An einem längeren Berg in der Mitte der Etappe setzt er dann die entscheidende Attacke. Der Gesamtführende Belanger-Barette springt hinterher, kann uns aber nicht entscheidend distanzieren. Am höchsten Punkt der Strecke biegen Manuel und ich in die Enduro-Wertung ein. Wir sind ziemlich begeistert, als wir den dichten Wald verlassen, ein perfekter Trail schlängelt sich am Rand eines riesigen Canyons entlang und gewährt neben diversen Holzbrücken und spaßigen Anliegern auch schwindelerregende Tiefblicke.

Das Gesamtklassement und die Tageswertung sind nun mehr oder weniger entschieden. Wir können die letzten Kilometer ins Ziel also richtig genießen. "Gold Rush", so der klingende Name der finalen Abfahrt zurück nach Golden. Selten habe ich so viel Spaß während eines Rennens gehabt. Beflügelt von einer erfolgreichen Woche und dem Ziel vor Augen fliege ich von einem Anlieger in den nächsten. Der Druck fällt ab und diese letzten Meter auf kanadischen Trails werde ich so schnell nicht vergessen.

Auf Platz zwei und drei in der Gesamtwertung rollen Manuel und ich über die Ziellinie in Golden. Bei der großen Siegerehrung am Abend sind wir nicht die einzigen Rookies auf dem Podium: Unsere Craft-Rocky Mountain-Freunde Chris Zimmermann und Tobi Zähringer rocken kräftig auf den Singletrack 6-Trails und gewinnen in ihrer Kategorie Masters 80+ Team.

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Mit der edlen Finisher-Gürtelschnalle vom BC Bike Race kann die Finisher-Medaille beim Singletrack 6 nicht mithalten. Egal.

BC Bike Race oder Singletrack 6: Was ist besser?

BC Bike Race und Singletrack 6 – zwei Etappenrennen und 13 Renntage, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Während das BC Bike Race zu großen Teilen vom schlechten Wetter geprägt war, so zeigten sich die Kootenay Rockies von ihrer schönsten Seite und begrüßten uns Tag für Tag mit Sonnenschein. Wer ein Rennen mit hohem technischen Anspruch sucht, der ist mit Sicherheit beim BC Bike Race an der richtigen Adresse. All jene, die schnelle und flowige Trails mit geringeren fahrtechnischen Anforderungen bevorzugen, die finden ihr Glück definitiv beim Singletrack 6.

Mit der Fahrt nach Calgary geht für mich ein sehr intensiver, anstrengender und abwechslungsreicher Trip zu Ende. Fünf Wochen, viele hundert Kilometer Singletrails und ganz viele Erfahrungen auf und abseits der Rennstrecke nehme ich mit zurück nach Europa.

Natürlich lassen wir am Tag nach dem Rennen die Einladung zu einer Ausfahrt im schönen Canmore nicht aus. Glücklicherweise nehmen die Jungs Rücksicht auf uns, denn ich bin kaputt. Ich bin sehr dankbar, dass unsere Sponsoren und das Team Craft-Rocky Mountain so sehr hinter uns stehen und diesen Trip ermöglicht haben!

Bis bald, love the ride,
Anderl

 

Anderl Hartmann am 05.08.2016
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