Glacier 360 Island MTB Glacier 360 Island MTB

Glacier360: MTB-Etappenrennen in Island

Gegensätze ziehen sich an

Michael Schuchardt am 06.12.2017

Etappenrennen auf Island? Michael Schuchardt und Christopher Maletz aus Thüringen wagten das Abenteuer. Was sie auf der Insel der Vulkane und Feen erlebten, lest ihr in ihrem Bericht.

Fünf Tage auf der größten Vulkaninsel der Welt. Das ist mehr, viel mehr als nur ein Spontantrip. Das ist ein echtes Abenteuer. Und wie sich das für Abenteuer so gehört, fiel unsere Vorbereitung minimal aus. Nur ein kurzes Telefonat und gefühlt nur einige Wimpernschläge später saßen wir bereits im Flugzeug über dem Nordatlantik. Wir, das sind Christopher Maletz und Michael Schuchardt – zwei Thüringer aus dem Eichsfeld. Seit nun schon 20 Jahren begeisterte Radsportler.


Immer wieder hat Island in den vergangenen Jahren für Schlagzeilen gesorgt. Der Fußball, der Ausbruch des unaussprechlichen Vulkans Eyjafjallajökull, der 2010 für mehrere Wochen den Flugverkehr Nordeuropas lahmlegte. Doch für muskelbetriebenen Zweiradsport ist Island nicht gerade bekannt. Ein Etappenrennen in Island stand bei uns auf dem Programm.


Vom schwülen Deutschland ins kühle Island


Unsere Abreise glich einer Flucht. Aus dem Bike-Shop ins Auto Richtung Berlin Tegel, gehetzt mit jeder Menge Übergepäck durch die Schleuse am Flughafen, schnell zum Gate und ab in den Flieger. Hinsetzen, durchatmen. Kleiner und kleiner wurde Deutschland mit seinem schwülen Wetter unter uns und nach knappen vier Stunden spuckte uns der Flieger auch schon in Island wieder aus. Kurzer Temperaturschock, doch man gewöhnt sich schnell an das kühle Wetter. Im Vergleich zum schwülen deutschen Sommer beinah schon eine echte Wohltat. Vom Flughafen aus ging es dann ins 50 Kilometer entfernte Reykjavik. Wegen der Zeitverschiebung von zwei Stunden war es zum Glück erst zwei statt vier Uhr und wir konnten im Hotel noch ein wenig die Ruhe genießen. So zumindest der Plan.


Hotel zu! Das fängt ja gut an…

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Michael und Christopher fanden trotz der Widrigkeiten einen guten Rythmus.


Doch daraus wurde nichts. Auch unser Rütteln an der Tür änderte nichts an der Tatsache: Das Hotel war und blieb zu, wir hatten das falsche Datum gebucht. Also ab in die Stadt und nach einigen Anläufen fanden wir noch eine Bleibe. Schock Nummer zwei kam dann beim Blick aufs Preisschild und einer kurzen Umrechnung in Euro. Aber so ist das in einem der teuersten Länder der Welt. Island rangiert je nach Statistik ungefähr auf Platz acht, meistens nur ganz knapp hinter Norwegen. Lebensmittel und alles was dazugehört sind nach unseren Maßstäben teuer, Alkohol geht richtig ins Geld: Für ein großes Bier in der Gastronomie sind teilweise fast zehn Euro fällig. Aber gut, wir waren ja nicht des Bieres wegen hier.


Nach zwei lockeren Tagen, in denen wir die kalte und windige Schönheit Islands erkundeten und bei den Preisen noch das ein oder andere Mal fast vom Hocker kippten, ging es an Tag drei endlich zur Anmeldung des 360° Glacier. Und der Name war Programm: Eine dreitägige Umrundung des Gletschers Langjökull stand uns bevor. Die Veranstalter versorgten uns als gleich zu Beginn mit einer wasserdichten Reisetasche und einigen Warnhinweisen sowie jeder Menge Infos zu Rennen, Land und Leuten.

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Die Hochlandpisten Islands sind nur wenige Monate im Jahr geöffnet. Selbst im Sommer weht ein eisiger Wind von den Gletschern herab. In Island gilt übrigens auch Rechtsverkehr.


Die Landschaft: eine bizarre Schönheit


Fünf Uhr am nächsten Morgen. Das schrille Klingeln des Weckers riss uns aus dem Schlaf. Bald schulterten wir ganze 40 Kilogramm Reisegepäck und machten uns auf in Richtung des Busses, der uns zum Startort bringen sollte. Etwa 150 Kilometer lang war die Fahrt, aber von Langeweile kann keine Rede sein. Während unsere Bikes hinter uns in den LKWs transportiert wurden, kamen wir aus dem Staunen nicht mehr heraus. Überall dampfender Boden, stille und weniger stille Vulkane, große Seen. Das Naturschauspiel schien kein Ende zu nehmen. Wir waren schon völlig begeistert, als wir im Startort Strokkur aus dem Bus stiegen – da hatte das Rennen noch nicht einmal begonnen.


Der Start war das nächste Highlight. Das Fahrerfeld war großartig, viele schnelle und hochdekorierte Athleten, Landesmeister, ja sogar einige Olympioniken schoben ihre Räder hier ins Fahrerfeld. Bald wand sich die Kolonne wie ein Drache aus einer alten Sage über den Schotterpfad, immer rauer wurde die Landschaft um uns herum. Aus Richtung Norden, vom Gipfel des Lanjökull-Gletschers herunter, blies uns ein eisiger Wind ins Gesicht. Zum Glück zeigte das Thermometer immerhin noch 10° Celsius an, denn der Wind und die raue Landschaft machten uns das Leben schon schwer genug.

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Das Organsiationsteam war nie weit entfernt und stand einem immer mit helfender Hand zur Seite.


Platz drei am ersten Tag


Nur für das Auge war die erste Etappe sehr angenehm, doch wir gaben alles und erreichten nach einem Schlussspurt die Westseite des Gletschers, wo zum Abschluss noch ein herrlicher Singletrail auf uns wartete. Am Ende erreichten wir das Ziel sogar als Gesamtdritte! Wahnsinn, dieser 95 Kilometer lange Flug durch die Mondlandschaft Islands. Fast schon sommerliche 14 Grad, eine perfekte Zielverpflegung, heiße Duschen, ein wunderbares Abendbrot und die immerwährende gute Laune der Isländer entlohnten uns für die Mühen des ersten Tages.


Schockgefrostet, nicht aufgetaut


Doch nun stand uns die nächste Herausforderung bevor: Unsere erste Nacht im Zelt. Beim letzten Mal war ich erst 14 Jahre alt! Spannend, doch viel zu kalt (mein Schlafsack war einfach zu dünn) und irgendwie auch zu hell war die Nacht. Ziemlich gerädert stiegen wir deswegen am Morgen auf die Bikes und rollten zum Start der zweiten Etappe. 111 Kilometer und 1700 Höhenmeter standen uns bevor, und der erste Berg stellte gleich klar, wer hier das Sagen hat. Zum Glück waren wir noch gut dabei. Noch hieß genau bis Kilometer 40, wo uns ein hüfttiefer Fluss mit vier Grad Wassertemperatur herzlichst begrüßte und unsere Beine erstmal in Schockfrost versetzte.

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Sportliche Angelegenheit in vier Grad kaltem Wasser. Nicht unbedingt angenehm.


Wir tauten nur leicht auf, während wir den Rest des Tages auf der Nordseite des Gletschers verbrachten. Es ging über den berüchtigten „Water World Climb“, den höchsten Punkt der diesjährigen Rundfahrt. Die Wege verschwammen auf der Hochebene mit der Umgebung, nur unser GPS-Gerät und die wirklich perfekte Beschilderung retteten uns davor, in den weiten dieses Landes völlig verloren zu gehen. Begegnungen mit den in Island heiligen Elfen und Feen blieben zum Glück aus. Bei landestypischen fünf Grad genossen wir in unseren nassen Klamotten die Strecke auf der ältesten, nicht mehr befahrenen Küstenverbindung Islands, der Kjökul Road.


Eine heiße Thermalquelle: der Himmel auf Erden


Unzählige Flüsse später erreichten wir, sogar mit etwas Rückenwind, Hveravellir. Eine Art Mondbasisstation, die nur wenige Monate im Jahr überhaupt erreichbar ist. Schnell etwas Energie nachfüllen, Tasche und Rad einfach stehen und liegen lassen und ab in die nahe Thermalquelle, die uns nach der Kälte der Flüsse wie der Himmel auf Erden erschien. Jetzt erst begann die Nachricht in unseren auftauenden Synapsen einzutreffen: Wieder der dritte Tagesrang. Das musste natürlich mit zwei kleinen Bier begossen werden, auch wenn dafür ganze 1600 Kronen fällig waren, umgerechnet gut 13 Euro. Die Welt war jetzt trotzdem wieder in Ordnung.
Mit allem, was wir finden konnten, bedeckten wir uns in der zweiten Nacht im Zelt und siehe da, wir schliefen trotz zwei Grad und Regen deutlich besser. Am nächsten Morgen lagen die Räder wie immer vor unserem Zelt. Angst vor Diebstahl muss man hier nicht haben, wo soll man auch hin damit?


Platz zwei am Ende: Was für ein Erlebnis!


Die letzte Etappe führte uns zurück in die Zivilisation. Auf und ab wand sich der Weg und führte nach kurzer Zeit an einen kleinen Fluss. Zum Glück keines von diesen eiskalten, hüfttiefen Monstern, denen wir am Vortag begegnet waren. Hier begann der richtige Spaß: mehr als 20 Kilometer Singletrail am Stück, immer leicht abfallend und wunderbar zu fahren. Auf einigen Schotterpisten ging es dann bis ins Ziel bei den Gullfoss-Wasserfällen. Fast schon nebenbei holten wir uns in einem Sekundenkrimi wieder den dritten Tagesrang und durften uns damit über Rang zwei in der Gesamtwertung freuen. Nur ein Team aus Norwegen war über die letzten drei Tage noch schneller gewesen.

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Michael und Christopher genießen die Freuden des zweiten Platzes.


Was für ein Erlebnis! Vor den Wasserfällen kamen wir aus dem Staunen nicht mehr heraus. Pünktlich wie immer traf unser Gepäck ein, ein kleiner Van brachte uns zum Camp, wo wir mit Pool, herrlichem Wetter, isländischer Gastfreundschaft und einem astreinen Buffet das Leben in vollen Zügen genießen konnten. Unser Fazit: Island ist definitiv eine Reise wert. Danke an alle, die dieses tolle Event möglich gemacht haben!

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Die malerische Landschaft Islands bedarf keiner zusätzlichen Einführung.

Hier geht es zur Website des Veranstalters.

Michael Schuchardt am 06.12.2017
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