Berliner Fahrradschau 2017 Berliner Fahrradschau 2017

Berliner Fahrradschau 2017: Messebericht

Berliner Fahrradschau: Skurilles, Neues, Stylisches

Sissi Pärsch am 11.03.2017

Sehr sexy, sehr stylisch – aber auch sehr technisch geht es auf der Berliner Fahrradschau zu. Wir haben uns umgeschaut, was die Hauptstadt in Sachen Rad auffährt.

Die Berliner Fahrradschau betitelt sich selbst als "Haute Couture unter den Rad-Events" und gilt als Pflichttermin für die Fixie- und Vintageszene. Aber über das erste Märzwochenende pilgerte eine ganz bunte Schar in den coolen Backsteinbau des ehemaligen Postbahnhofs, wo über 300 Marken und Manufakturen ihre Produkte zeigten. Ja, es war urban. Ja, es war hipsterig. Es war aber auch super entspannt und spannend. Hier unsere Eindrücke:

Fotostrecke: Berliner Fahrradschau

Berliner Fahrradschau 2017

Das Righty: Ein bisserl weniger geht immer. Das beweist das Stahl-Bike Ashi von Bididu, einem Hobby-Ein-Mann-Projekt aus Luxemburg. Erbauer Andreas Thölkes wollte "eigentlich nur aufräumen. Ich wollte ein maximal cleanes und anderes Rad." So hat er den Kolbenkörper der Avid XX-Bremse abgefräst und in den Lenker integriert. Es gibt eine kleine Entlüftungsschraube und der Druckpunkt wird mit einem speziellen Tool innen eingestellt. Die Gänge des 2-Gang-Getriebes von Schlumpf legt man direkt im Kettenbereich mit einem Fersenkick um. Und Ashi ist ein "Righty", trägt also die Kette auf der anderen Seite: "Ich wollte ja was anderes machen, deshalb der Seitenwechsel entsprechend auch bei der Schaltung."

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Der flotte Karl aus Pforzheim: Alex Clauss hat bei Tune gelernt, wollte irgendwann weg von den Komponenten und ran ans Herzstück des Bikes, ließ sich in England bei der Bicycle Company im Rahmenbau schulen und gründete vor drei Jahren die Marke Portus. Sein handgefertigter Flotter Karl (benannt nach Laufmaschinen-Erfinder Drais) ist ein Enduro-Bike mit Stahlrahmen (3200 g) und 166/160-180 mm Federweg – I-Link-Hinterbau mit virtuellem Drehpunkt und VPP Kinematik. Weil er es gerne out-of-the-box mag, setzt Alex auf die 1x11 von Box Components.

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Canyon Kids MTB: Wir haben es bereits hier verkündet: Canyon präsentiert eine brandneue Kids-Linie – oder wie Product Manager Michael Staab (rechts!) verbessert "Mountainbikes für Kids". Die größte Herausforderung, meint er, "war es mit den Kindernormen zu arbeiten." Das größte Frusterlebnis: "Dass mein Sohn den Rädern gerade entwachsen ist." Die Berliner Kinder standen auf jeden Fall wie die Orgelpfeifen bereit und die Bikes waren auf der Teststrecke im Kids-Kiez im Dauereinsatz.

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Kluges wilde Berliner Zeiten: Keine frische MTB-Neuigkeit hatte Focus am Stand parat. Dafür zeigte sich Chef Mike Kluge bestens gelaunt und tiefenentspannt. Der Ur-Berliner ist tatsächlich das erste Mal auf der Fahrradschau. Und? "Ich liebe diesen Spirit hier, das Wilde, Ausgefallene, Individuelle. Du spürst eine unglaubliche Energie und Leidenschaft in den Hallen und bei den Events wie dem Rad Race oder dem Bike Polo. Ich versuche seit Jahren, Bike Soccer voranzubringen, aber die meisten Leute reagieren konservativ. Das ist hier eben nicht so." Es folgten Erinnerungen an die eigenen wilden Berliner Zeiten: "Ich habe das Nachtleben schon voll ausgekostet."

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Szenenverbreiterung: Bei Specialized war es genauso: keine News, beste Laune. Marketing-Chef Sebastian Maag ist mit seiner dritten Fahrradschau schon ein BFS-Routinier. Sie sei breitbandiger geworden, meint er. Das mag Maag, der den ästhetischen Minimalismus spannend findet, aber eben auch den technologischen Fortschritt. "Und die Stimmung ist sehr nett und cool. Es gibt viele Experimente und Individuelles, aber keine Reizüberflutung." 

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Ausdauertier von Nicolai: Und auch Nicolai mischte sich fröhlich unter die Fixie-Freunde und Stahl-Schmieden. Sie zeigten unter anderem die Neuauflage des legendären Saturn: Das Saturn 11 reiht sich als leichtes Ausdauer-Fully ins Sortiment und kommt mit 105 mm Federweg aus einer komplett neu entwickelten Hinterbaukinematik. Dazu 29-Zoll Laufräder, ein relativ steiler Sitzwinkel und flacher Lenkwinkel.

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Typen, Teil 1: Deutlich zu sehen auf der BFS: Je cleaner der Rahmen desto verzierter die Haut. Eine weitere Schau-Erkenntnis: je szeniger das Aussehen desto netter der Mensch. Es herrschte alles andere als eine elitäre Atmosphäre. 

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Schuh-Auftritt: Beim Bike-Polo-Gucken treffen wir zufällig FiveTen-Marketing Mann Ulf Michels. Er ist zwar nur privat hier, aber siehe da: Aus der Tasche zaubert er einen brandheißen Neuzugang. Der District ist ab August erhältlich: Ein cleaner, pechschwarzer Trail-/Commuter-Sneaker zum "hochattraktiven Preis", so Michels: 79,– Euro wird das Flatpedal-Modell kosten, 89,– Euro die Clipless-Variante für Klickpedale.

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Nächste Power-News: Und auch bei Knog wird unter der Theke ein Koffer hervorgezogen, um uns News zu präsentieren, die im Sommer auf den Markt kommen. Die PWR Mountain Lampe mit 1850 Lumen sitzt auf einem Powerpack von 10000 mAh. Dazu gibt es Apps für individuelle Lichtkonfigurationen und natürlich unterschiedlichste Halterungen.

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Besuch beim Ex: Unser Ex-Kollege Matthias Dreuw geht an seinem eigenen Stand unter – und das obwohl er doch eine gestandene Größe ist. Der ehemalige BIKE-Testredakteur hat vor einigen Jahren sein eigenes Bekleidungs-Label gegründet und am Stand von Triple2 geht’s ganz schön zu. Die ökologischen Bike- und Outdoor-Klamotten sind aber auch wirklich schön anzuschauen – und zu tragen.

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Typen, Teil 2: Ebenfalls gut vertreten war die Fraktion Retro-Chic: gepflegte Menschen mit Bundhose statt Bart und Filz statt Flanell. 

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Stadt und Wald: Dazu passend: Neben Stahl war Holz der Werkstoff schlechthin. Der Stand aus Holz, das Rad aus Holz, das Schutzblech aus Holz, der Lenker aus Holz. Holz ist ein urbaner Trend!

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Abenteuerlust: Ebenfalls ein urbaner Trend: Abenteuer und Backcountry. Die starke Adventure-Bike-Präsenz von der Eurobike setzt sich in Berlin fort. Gefühlt stand jedes zweite Bike mit Fahrradtaschen ummantelt (und Pinion-Getriebe gerüstet) für das große Abenteuer bereit. Zu sehen unter anderem in der "Luchs"-Linie von Tannenwald oder der kleinen Schmiede Bombtrack aus Köln.

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Klassiker-Kiez: In der kleinen Klassiker-Ausstellung gab es Vintage-Bikes wie Bill Groves Hardcore (Foto), das Brodie Sovereign aus dem Jahr 1990 oder Steve Potts Steelhead (1994) zu sehen. Was es hingegen nicht zu sehen gab: Menschen unter 25 und Frauen. Auch die Bartdichte nahm in diesem Eck auffällig ab. Dafür starrten stahlschwer begeisterte Männer stundenlang mit schwelgerischem Blick auf die Bikes. Kollege Henri Lesewitz – für den bekannterweise Anfang der 90er der Bikesport ausgereift war – hätte hier seinen Kiez gefunden.

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Upcycling für die Taille: Die Italiener! Kein neuer Trend, aber dafür immer wieder schön: Upcycling. So wie bei dem grundsympathischen Brüderpaar Luca und Silvio Potente. Nachdem sie 10 Jahre (!) auf Reisen waren (um die Welt zu sehen und das unterschiedlichste Handwerk zu erlernen), stellen sie heute unter dem Namen Cycled in der italienischen Heimat handgefertigte Gürtel aus gebrauchten Fahrradreifen her.

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Eleganter Proviant: Die Franzosen! Denis Chapron wurde als Handwerker einst gebeten, für einen Vintage-Ride Weinhalterungen aus Leder herzustellen. Er fertigte Leder-Halterungen, die sehr schön anzusehen und sehr einfach zu montieren sind. Inzwischen hat er die Marke La Bouclee gegründet und sein Sortiment auf 0.33 l Bierflaschen erweitert. Passend dazu: Das Craft Bier Vélosophe von einem Schweizer Radfanatiker, der die Braukunst für sich entdeckt hat.

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Typen, Teil 3: Der Beweis: Nicht jeder Bartträger sieht gleich aus. Die Bartfarbe kann sich genauso unterscheiden wie die Mützenwahl.

Sissi Pärsch am 11.03.2017
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