Vergleich Nicolai Geolution Geometrie Vergleich Nicolai Geolution Geometrie

Test Nicolai ION-G13

Geometrie-Konzepte: Nicolai Geolution & Co.

Christian Artmann am 05.04.2017

Zahlen, Winkel, Werte: Wir haben drei aktuelle Trailbikes mit ausgefallenen Geometrien verglichen und getestet. Wie beispielsweise das Nicolai ION-G13 mit seinem radikalen Geolution-Konzept.

Als seinerzeit die ersten Carving-Ski auftauchten, ging ein Aufschrei durch die Massen. Für Skifahrer, die es noch gewohnt waren mit 2-Meter-Latten durch den Schnee zu pflügen, war es wie schummeln, so einfach waren die Carver zu fahren. Heute sind die Ski mit den engen Kurven-Radien die gängige Norm und die Feinheiten der Hoch- und Tief-Entlastung fast schon in Vergessenheit geraten. Wenn man dem umtriebigen Entwicklungsteam der deutschen Kleinserien-Bikeschmiede Nicolai glaubt, steht ein ähnlicher Umbruch auch in der MTB-Welt an. Einer, der das Ziel hat, es dem Biker vor allem in technischen Trails leichter zu machen. „Geolution“ nennt Nicolai sein Bike-Konzept, bei dem die bisherigen Konventionen der Mountainbike-Geometrie scheinbar außer Kraft gesetzt sind.

Die Geolution-Geometrie sprengt alle MTB-Normen

Nimmt man zum Beispiel das Nicolai ION-G13, das Trailbike der Geolution-Serie. Schon im Stand sieht man dem industriell wirkenden Alu-Kunstwerk mit den typisch groben Schweißraupen an, dass dieses Bike sich nicht nach den üblichen Normen richtet. Wie auf einer Streckbank in die Länge gezogen wirkt das 29er. Mit einem Lenkwinkel von nur 64,6 Grad – ein Wert, wie man ihn in der Regel nur an Downhill-Bikes findet – ragt das Vorderrad ungewohnt weit nach vorne. Dazu gesellt sich ein sehr langer Hauptrahmen mit einem Oberrohr von immerhin 635 Millimeter Länge – wohlgemerkt in Rahmengröße Medium! Noch spektakulärer ist der Reach: 488 mm, ein Wert den man normalerweise nur an XL-Rahmen findet. Dann ist da noch der Viergelenker-Hinterbau mit einer stattlichen Kettenstrebenlänge von 449 mm. Was dabei herauskommt, ist eines der längsten je im BIKE-Testlabor gemessenen Trailbikes mit einem Radstand von (fast) unglaublichen 1268 Millimetern. Und das, wie gesagt, in Größe M.

Nicolai ION-G13 MTB Geolution

Das Nicolai INO-G13 wiegt in der QLF-Line 13,8 Kilo und kostet 5949 Euro. Das Rahmenset liegt bei 2400 Euro.

Bemerkenswert ist auch die Entstehungsgeschichte, denn die Geolution-Geometrie ist das Produkt einer reinen Konzeptstudie: Im Jahr 2015 hatte Chris Porter – seines Zeichens Fahrwerksguru von Mojo Suspension in Wales und Querdenker der Bikewelt – sich von Nicolai ein paar außergewöhnliche Custom-Bikes fertigen lassen, nur um zu sehen, wie weit man die „Low’n Slack“-Philosophie noch treiben könne. Doch statt an Grenzen zu stoßen, erzielte er mit den immer flacher und länger werdenden „GeoMetron“-Bikes regelmäßig neue Bestzeiten auf seiner lokalen Enduro-Teststrecke. Zur eigenen Überraschung waren die Mountainbikes auch keineswegs einseitige Gravity-Geschosse, sondern auch bergauf und im Allround-Einsatz überraschend gut. Die Geschichte nahm ihren Lauf und weil auch die Jungs von Nicolai von den Fahreigenschaften sehr angetan waren, wurde daraus für 2017 die #Geolution-Produktlinie entwickelt.

Nicolai glaubt fest an Durchbruch der Geolution-Bikes

Aktuell umfasst die Nicolai-Linie vier Bikes: Das Argon GLF, ein Enduro-Hardtail im Plus-Format, das bereits genannte ION-G13 als 29er Trailbike, das ION-G16 als 27,5-Zoll-Enduro und das ION-G19 als waschechtes DH-Racebike – allesamt mit wahrhaft extremer Geometrie. Wenn man auch das jüngst vorgestellte XC-Marathon-Fully Saturn 11 dazu zählt, das ebenfalls Anleihen an Geolution nimmt, sind es sogar fünf Bikes. Bei Nicolai ist man überzeugt, dass die Geolution-Bikes für Furore sorgen werden: „Wir werden auch weiterhin noch Bikes mit den bisherigen, klassischen Geometrien bauen und verkaufen, wenn ein Kunde diese unbedingt will. Aber wir glauben fest an das neue Konzept und werden immer versuchen, den Kunden auch auf ein Geolution-Bike zu setzen. Bisher sind die meisten dann auch daran hängen geblieben“, so Vincent Stoyhe, Vertriebsleiter von Nicolai.

Im Test: So fährt sich das Nicolai ION-G13

Zurück zum Nicolai ION-G13, das wir ausgiebig über verschiedenste Trails jagen durften. Die erste Überraschung erwartet den Fahrer bereits bei der Sitzposition. Wer angesichts der oben genannten Geometriewerte ein unangenehmes Streckbank-Feeling erwartet hat, könnte falscher nicht liegen. Durch den steilen Sitzwinkel von 76 Grad und den kurzen Vorbau (35 mm) bringt Nicolai den Fahrer nämlich in eine neutrale und keineswegs ungewöhnliche Sitzposition.

Nicolai Geolution Geometrie-Verstellung

Mit dem Chip an der Dämpferaufnahme lässt sich die Geometrie fein einstellen. Wir fanden die "Low"-Position bereits zu extrem.

Auf dem Trail vermittelt das ION-G13 dafür eine Fahrstabilität, wie man sie in dieser Bike-Kategorie bisher noch nicht kannte. „Laufruhe satt“ heißt die unverblümte Devise. Denn Laufruhe bringt Sicherheit und macht damit schnell. In der per Flip-Chip einstellbaren Geometrie erschien uns die LOW-Position etwas zu Gravity-lastig, aber selbst in der HIGH-Einstellung (Lenk- und Sitzwinkel um 0,5° steiler als oben genannt) verhält sich das Bike sehr gutmütig. Überschlagsgefühle in steilen Trails kann man damit getrost vergessen. Das ION-G13 verzeiht selbst grobe Fahrfehler, vermittelt viel Sicherheit und bringt damit auch weniger erfahrene Biker auf den Geschmack, technische Trails zu fahren. Statt in kniffligen Fahrsituationen ständig um eine optimale Schwerpunktlage auf dem Bike bemüht zu sein, kann der Fahrer auf dem Nicolai viel gelassener agieren. Erfahrene Biker fordert es dagegen heraus, ihre Grenzen stetig zu erweitern. Fast wie bei einem Race-Enduro. Dabei gibt das Bike nicht nur steil bergab viel Selbstvertrauen. Auch bergauf sorgen die Länge, der steile Sitzwinkel und das lange Heck dafür, dass man mit dem ION-G13 auch dann noch gelassen im Sitzen pedalieren kann, wenn man mit den meisten anderen Bikes schon lange verkrampft auf der Sattelnase herumrutscht.

Während die lange Geolution-Geometrie im Steilen sofort seine Trümpfe ausspielt, verlangt sie auf schnellen und engen Trails nach einer aktiven Fahrweise und damit etwas Eingewöhnung von Seiten des Fahrers. Nur einfach draufsetzen und loscruisen geht zwar auch, aber sein wahres Potenzial entfaltet das Bike erst, wenn es aktiv um die Kurven geführt wird und man Druck aufs Vorderrad bringt. Nur in wirklich verwinkelten und in sehr langsamen Passagen wirkt das ION-G13 hin und wieder „zu groß“. Langsam gefahrene Drops, Manuals auf dem Hinterrad und sehr enge Spitzkehren erfordern spürbar mehr Nachdruck. Sobald man mit dem Geolution-MTB aber nur ein bisschen Speed aufbaut, scheint es kaum mehr Grenzen zu kennen. Angesichts seines moderaten Federwegs von 130 mm am Heck und 140 mm an der Gabel kann man es damit im Groben richtig laufen lassen. Gut, dass das Fahrwerk sportlich straff abgestimmt ist und mit viel Progression ausgestattet dementsprechend Reserven besitzt. Wenig überraschend: Auf einfachen Trails und beim Kilometersammeln auf Forststraßen wirkt das ION-G13 dagegen etwas deplatziert.

Test Nicolai ION-G13 Geolution

Wie schlägt sich das Geolution-Konzept von Nicolai gegen ein Canfield Brothers Riot und ein Ghost SL AMR? Die Antwort gibt's in BIKE 5/17.

Test-Fazit zum Nicolai ION-G13

Das Nicolai ION-G13 ist ein Bike, das polarisiert – sehr laufruhig und sehr gutmütig. Es braucht ein wenig Umgewöhnung und eine aktive Fahrweise, zeigt sich dann aber als ein Trailbike mit Reserven wie kaum ein anderes in diesem Federwegsbereich – bergab wie auch bergauf. Mit seiner Vorliebe für schnelle und technische MTB-Trails konnte es so manchen Tester begeistern, büßt aber ein wenig an Allround-Qualitäten ein. In der LOW-Position war es uns beim Testen etwas zu einseitig.

Trotzdem, Nicolai zeigt mit der im ION-G13 umgesetzten Geolution-Geometrie ein spannendes Konzept und eine mögliche Richtung, in die sich die Bike-Geometrie entwickeln könnte – zumindest im Trail- und All-Mountain-Bereich. Wir haben uns in der BIKE-Ausgabe 5/2017 verschiedene Trailbike-Geometrien genauer angesehen und verglichen. Das Nicolai ION-G13 ist dabei das auf Laufruhe und Fahrstabilität getrimmte Extrem unter den Probanden. Wie sich die anderen Geometriekonzepte im direkten Vergleich fahren, lesen Sie in der aktuellen BIKE 05/17 – ab 4. April am Kiosk.
 

BIKE 5_2017 Cover

BIKE 5/2017 – ab 4. April am Kiosk, in der BIKE-App und als digitale Ausgabe erhältlich.

Christian Artmann am 05.04.2017
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