Test 2018: Mit sechs Trailbikes auf Flowtrails in Tschechien Test 2018: Mit sechs Trailbikes auf Flowtrails in Tschechien

Test: 2018er-Trailbikes

130-mm-Klasse: Trailbikes von 3500 bis 7000 Euro

Florentin Vesenbeckh am 24.01.2018

Auf der Suche nach dem flowigsten Trail und dem besten Trailbike gingen wir auf Roadtrip durch die Trailparks im Grenzgebiet Sachsen-Tschechien. Im Gepäck: sechs Bikes und zwei Iso-Matten.

Trübe wie eine tschechische Kartoffelsuppe steht die Luft über dem Gipfel des Klínovecs, der höchsten Erhebung des Erzgebirges. Im Fünfsekundentakt schweben die Sitze des Sessellifts aus dem dichten Nebel, bemannt mit schonerbepackten Downhill-Recken. Die Szene könnte in einem gruseligen Gravity-Streifen der 90er spielen und versprüht eine Aura von Wurzelfeldmassaker und Steinfeldgerumpel. Dabei sind wir auf der Suche nach lieblichen Flowtrails. In den schier endlosen Waldgebieten des Erzgebirges schießen still und heimlich neue Trailparks aus dem Boden und machen die Region zum Flow-Highlight, so hieß es. Mit diesem Versprechen wurden wir auf einen Roadtrip entlang der tschechisch-deutschen Grenze gelockt. Unser Plan: die Biker-Lagunen zu einem mehrtägigen Trip verbinden und Trailbikes testen. Also den Bus voll spannender Neuheiten gepackt und ab in den wilden Osten. Heutiger Stopp: das Trailcenter Klínovec in Boží Dar.

Test 2018: Mit sechs Trailbikes auf Flowtrails in Tschechien

Die Trails am Klínovec schlängeln sich durch dichten Fichtenwald. Viel Zeit für Panoramablicke bleibt auf den Achterbahn-Trails sowieso nicht.
 

"Voll gierig, der Rubin-Trail, Ihr werdet Augen machen!" Der Ruf von Profi-Downhiller Erik Irmisch hallt aus der Nebelsuppe und reißt uns aus der Starre der morgendlichen Nieselkälte. Also los, rein in den hochgelobten Rubin-Trail. Links, rechts, links. Welle. Rechts, links, rechts. Welle, Welle. Nach fünf Minuten ist uns beinahe schwindelig, das Grinsen könnte größer kaum sein. Wie eine endlose Achterbahn zieht die Flow-Strecke den Hang hinab. Und siehe da: Auf dem gleichen Trail, auf dem uns Downhiller Erik mit einem Heidenspaß die Linie vorgibt, begegnen wir einer tschechischen Mutter mit ihren sechsjährigen Zwillingen. Die beiden Sprösslinge können es kaum erwarten, die nächste Kurven-Wellen-Kombination unter die Stollen zu nehmen. Und das liegt nicht daran, dass die Sechsjährigen in Tschechien eine Spur härter drauf sind als hierzulande. Es ist einfach die perfekte Symbiose aus Anfängertauglichkeit und Fahrspaß, als hätte Professor Flow persönlich Hand angelegt. Und das trifft’s beinahe! Denn verantwortlich für die drei neuen Strecken im Trailpark Klínovec ist Tomáš Kvasnicka. Jener Tscheche, der das sagenumwobene Trailcenter Pod Smrkem entworfen hat. "Ein Künstler", schwärmt Erik Irmisch. "Der hat’s echt raus." Und schon ist er hinter den nächsten Wellen des Rubin-Trails abgetaucht. 7,5 Kilometer zieht sich die Strecke durch den Wald. 7,5 Kilometer, auf denen nicht ein einziges Mal in die Pedale getreten werden muss. 7,5 Kilometer, auf denen die Bremshebel weitestgehend unberührt bleiben. Fahrfluss pur. Wer möchte, kommt im nagelneuen Vierer-Sessellift wieder nach oben. Das einstige Markenzeichen des Parks in Boží Dar, der rustikale Einer-Sessel, steht verlassen einige hundert Meter daneben. Die Region rüstet auf – und setzt dabei auf Mountainbiker. Neben den neuen, massentauglichen Flowlines gibt es eine heftige Downhill-Strecke, die in der Szene schon länger bekannt ist. Gravity-Biker aus dem Osten der Republik, so auch der Deutsche Meister Max Hartenstern, verbringen hier gerne ihre Trainingstage. Damit ist der Stopp am Keilberg prädestiniert dafür, unseren Test-Bikes viele Abfahrtsmeter einzuprügeln. Ein Härtetest für unsere Trailbikes, der zeigt, welcher der Allrounder auch für heftige Trail-Ausflüge taugt. Mit maximal 130 Millimetern Federweg am Heck kommen nur wirklich starke Fahrwerke auf den ruppigen Strecken zurecht.


Diese Trailbikes haben wir getestet:

BIS 4000 EURO:

  • Cube Stereo 120 HPC SLT (BIKE-TIPP: Testsieger)
  • Fuji Rakan 29 3.3
  • Rotwild R.C1 FS 29 Pro
  • Storck Adrenic Pro XT

ÜBER 4000 EURO:

  • BMC Speedfox 01
  • Cannondale Scalpel SI SE 2

Fotostrecke: Test 2018: Mit sechs Trailbikes auf Flowtrails in Tschechien


Unsere Testgruppe besteht aus vier Bikes zwischen 3500 und 4000 Euro. Obendrauf haben wir zwei teurere Bikes gepackt: das BMC Speedfox und das Cannondale Scalpel SE. Beide wurden gerade erst vorgestellt und passen mit ihrer Trail-orientierten Ausrichtung optimal zu unserem Vorhaben. Auch wenn die beiden Neulinge mit 6999 bzw. 4499 Euro das Preis-Limit brechen und somit nicht in direkter Konkurrenz zur Testgruppe stehen, wollen wir die Fahreindrücke der spannenden Flitzer nicht verstecken. Die anderen vier Bikes sind traditioneller ausgerichtet: Cube, Fuji, Storck und Rotwild treffen eher die Zielgruppe sportlicher Touren-Fahrer als knallharter Trailjunkies. Die vier Kandidaten kommen – entgegen dem aktuellen Trend – mit 2x11-Antrieb. Insbesondere Alpen-Biker werden jubeln. Im eher flachen und kupierten Gelände des Erzgebirges sind auch die 1x12-Gänge der zwei teureren Bikes voll ausreichend. Unsere Test-Bikes zeigen: Wie keine zweite Kategorie sind die Bikes der 130-Millimeter-Klasse gespalten. Während Rotwild und Storck auf langen Touren auf viele Höhenmeter schielen und sogar mit Marathon-Einsätzen liebäugeln, landen BMC und Cannondale bei Trail-Fans. Einen Mittelweg wählen Cube und Fuji. Je anspruchsvoller das Gelände wird, desto überlegener sind Bikes mit flacherer Geometrie, breiteren Reifen, steiferen Gabeln und angepasstem Cockpit den klassischen Tourern.

Ortswechsel, 250 Kilometer weiter nördlich: Auf den seichten Pfaden im Singl­trek Center Pod Smrkem sind wir froh über gut rollende Reifen und leichte Bikes, denn jeder Höhenmeter muss selbst erkurbelt werden. Im Trail-Rausch summieren sich die Kilometer. An die 100 können abgespult werden, bis jeder Trail-Abschnitt erkundet ist. So machen schmale, gut rollende Reifen wie die 2,2er-Continental-X-King am Rotwild Spaß. Zumal sich der Anspruch an Grip und Pannenschutz in Grenzen hält. Auch schmalbrüstigere Reifen und Fahrwerke kommen mit dem glatten Untergrund spielend zurecht. Das macht auch den besonderen Charme des tschechischen Kleinods aus, das abgelegen im Dreiländereck zwischen Tschechien, Polen und Deutschland liegt. Am Trailhead treffen wir eine bunt gemischte Gruppe Halbwüchsiger. Die Bezeichnung Mountainbike verdienen einige ihrer Räder kaum. Die Jugendlichen stecken in Jogginghose und Turnschuhen. Mit dem Sattel auf Halbmast und weit aufgerissener Regenjacke kurbeln sie durch das Wirrwarr aus Kurven und Wellen. Etwas unbeholfen, aber mit breitem Grinsen im Gesicht. Parks wie das Singltrek Center machen das Biken zum Breitensport, Spaß hat hier jeder. Das beweisen die vielen Familien, die wir treffen: Mountainbike-Runde statt Zoobesuch. Pod Smrkem ist aber kein reines Anfängergebiet. Ambitionierte Cross-Country-Biker werden genauso glücklich wie Trail-Liebhaber, die gerne mit dem Gelände spielen und nicht nur harte Rumpel-Trails suchen. Bergab gilt: Geschwindigkeit reguliert die Schwierigkeit, zahlreiche Wellen laden zu Sprungeinlagen ein.

Fotostrecke: Test-Roadtrip Trailbikes: Bestes Bike, bester Trail

Dagegen wirken die Wurzelfelder im Trailcenter Rabenberg beinahe bedrohlich, mit wenig potenten Bikes mutiert die Fahrt zum Tanz auf rohen Eiern. Wer hier die härteren Trails angehen will, wird schon mehr in griffige Reifen und Abfahrtsstärke seines Bikes investieren. Die schmale Bereifung am Rotwild, der sehr steile Lenkwinkel des Storcks: Kleinigkeiten, die über Grinsen oder Zittern entscheiden. In puncto Reifenwahl fahren übrigens alle Bikes auf eher konservativer Linie: Das potenteste Bike, das Speedfox von BMC, wird genauso durch seine Maxxis-Forekaster-Bereifung eingebremst, wie das Rotwild durch die sehr schmale Reifen-Felgen-Kombi. Schwalbes Nobby Nic in 2,35er-Breite am Fuji boten im Testfeld noch die meisten Reserven. Um das volle Abfahrtspotenzial aus den Trailbikes herauszukitzeln, dürfte das Profil gerne noch eine Spur gröber und robuster sein. Ebenfalls auffällig: Storck, Rotwild, Cube und Fuji setzen auf die Fox-32er-Gabel bzw. die Revelation aus dem Hause Rockshox. Die geringere Steifigkeit im Vergleich zu Gabeln mit dickeren Standrohren, wie Fox 34 und Rockshox Pike an Scalpel und Speedfox, macht sich im Gelände bemerkbar. Auf langen Touren sparen schmalere Reifen und dünne Gabeln hingegen wichtige Pfunde.

Aber zurück zum Untergrund: Wurzelromantiker werden die Rundkurse in Rabenberg den aalglatten Flow-Pisten in Boží Dar oder Pod Smrkem vorziehen. Auch wenn die Pfade in Rabenberg extra für Biker angelegt wurden, kommen einige natürlichen Trails sehr nahe. Ein paar mehr Kurven eben, und etwas mehr Fahrfluss. Bergauf geht es über Forstwege, alle Runden sind perfekt ausgeschildert. Die leichtesten der 22 Abfahrten eignen sich auch für Anfänger und Kinder – übrigens ein Vorteil, der alle Parks unseres Trips vereint. An jeder Station treffen wir Nachwuchs-Biker. Ein Beispiel: Familie Lorkowski, angereist aus dem Touristen-Paradies Zillertal. Obwohl die begeisterten Biker das vermeintliche Bike-Eldorado vor der Haustüre haben, findet der Urlaub im tschechisch-sächsischen Grenzgebiet statt, schlappe siebeneinhalb Autostunden nördlich des Zillertals. Pod Smrkem sei perfekt für Mama, die habe nicht ein Mal schieben müssen, sagt Max, Junior der Familie, und kurbelt eine Runde über den Rabenberger Pumptrack. "Hier ist es richtig cool für Papa und mich", ruft er im Vorbeifahren von seinem polierten Kinder-Fully. Die Lorkowskis haben eine ähnliche Runde hinter sich wie wir. Von Rabenberg nach Klínovec fährt man mit dem Auto nicht mal 30 Minuten, in die Bike-Welt Schöneck ca. eine Stunde. Wer das Kleinod Pod Smrkem einbauen will, muss noch mal gut drei Stunden ins Auto steigen – aber es lohnt sich. Nicht nur für Mama, versprochen.

Fazit Florentin Vesenbeckh, BIKE-Testredakteur:
Die 130-Millimeter-Klasse ist gespalten wie kein anderer Federwegsbereich: vom Racebike mit Marathon-Genen bis zum potenten Abfahrer. In unserem Testfeld finden nur wenige Kandidaten einen guten Kompromiss, denn die über 14 Kilo des Fujis sind für einen Allrounder dieser Preisklasse genauso unangemessen wie der über 70 Grad steile Lenkwinkel und das unhomogene Fahrwerk des Storcks. Auch wenn Cube mit dem Stereo 120 keinen rassigen Trail-König liefert, holt das Bike mit ausgewogenem Handling und überragender Ausstattung verdient den Testsieg. Für deutlich mehr Geld – und deswegen außer Konkurrenz – liefert BMC einen durchdachten Spaß­garanten für anspruchsvolle Touren.

Test 2018: Mit sechs Trailbikes auf Flowtrails in Tschechien

Florentin Vesenbeckh, BIKE Testredakteur


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Florentin Vesenbeckh am 24.01.2018
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