Test 2018: Super-Fullys von Scott, Trek, Santa Cruz und Ibis Test 2018: Super-Fullys von Scott, Trek, Santa Cruz und Ibis

Test 2018: Super-Fullys von Scott, Trek, Santa Cruz und Ibis

Welches Bike liefert am meisten Trail-Spaß?

Florentin Vesenbeckh am 08.01.2018

Alle Bikes versprechen maximalen Spaß auf Trails, doch welches bietet ihn wirklich – Trailbike, All Mountain oder Enduro? Wir haben die brandneuen Fullys von Scott, Trek, Santa Cruz und Ibis getestet.

Wolfi strampelt über die Almwiese und hat Mühe, sich auf seinem Boliden zu halten, dabei ist der Trail frei von Hindernissen. Bei jeder Kurbelumdrehung schleifen die Knie fast an seinen Ohrläppchen. Der BIKE-Tester wirft sich über die Ziellinie, zieht die U-Brake auf Anschlag und springt vom winzigen 12-Zöller. Keine Angst, wir sind keinem Hersteller auf den Leim gegangen, der uns nach 29ern, 27,5 Zoll und Plus-Bikes jetzt 12 Zoll und Rücktrittbremse als das neue Maß der Dinge andrehen will. Wir stecken mitten in der Hörnli Trailjagd, dem Trail- und Spaß-Event im Schweizer Urlaubsort Arosa. Der geborene Testparcours für Bikes, die von sich behaupten, die perfekte Symbiose aus Abfahrtsspaß und Kletterkönnen zu bilden. Denn neben lustigen Spielchen an den Almhütten ist das Motto der Veranstaltung: Fahrt Trails! So viele und so schnell wie möglich. In diese Arena haben wir vier brandneue Bikes geschickt, jedes mit einer Extraportion Exklusivität. Vom spritzigen Trailbike bis zum rassigen Enduro. Jede Kategorie verspricht den perfekten Allrounder, überzeugt aber doch mit eigenen Argumenten.


Diese Super-Fullys finden Sie im BIKE-Test:

  • Ibis Ripley LS
  • Santa Cruz Nomad XX1 Reserve
  • Scott Genius 900 Tuned
  • Trek Fuel EX 9.8

Fotostrecke: Test 2018: Super-Fullys von Scott, Trek, Santa Cruz und Ibis


Als die kalifornische Schmiede Ibis das neue Ripley LS auf dem Seaotter-Festival der Öffentlichkeit vorstellte, verursachte das Trailbike mit den 2,6 Zoll breiten Reifen auf 29er-Laufrädern bei den meisten Betrachtern eher ein gequältes Augenrollen. Schon wieder ein neues Reifenmaß? Einige Monate später zog Scott mit dem neuen Genius nach und stellte sein beliebtes All Mountain ebenfalls auf 29er-Räder mit 2,6er-Pneus. Sind die wuchtigen Breitreifen tatsächlich massentauglich? Am oberen Ende der Federwegsskala rangiert das neue Nomad von Santa Cruz. Ein Bike, das mit seinen 170 Millimetern Federweg für härteste Abfahrten in rauem Gelände steht. Wie agil und kletterfähig bleibt die Enduro-Ikone mit Downhill-Genen? Das Quartett wird vom 2018er-Trek-Fuel-EX komplettiert. Beim Blick auf die Preisspanne von 5499 Euro bis 10199 Euro stockt Otto-Normal-Bikern kurz die Atmung. Der Edel-Touch ist in erster Linie dem frühen Testzeitraum geschuldet. Die meisten Hersteller konnten noch keine günstigeren Varianten der neuen Modelle liefern.

Zurück ins Rennen (Hörnli Trailjagd Arosa): Wolfi schnappt sich sein Ripley LS und sprintet mit Team-Partner Tobi, der auf Treks Fuel EX Platz genommen hat, von der Kinder-Bike-Station in Richtung nächster Check-Punkt. Die beiden sitzen auf den vermeintlich sportlicheren Bikes mit der Mission, im Uphill möglichst viel Zeit rauszuholen. Ich folge auf meinem Enduro-Boliden Nomad mit Team-Partner Adrian auf dem Scott Genius. Wolfi gibt dem Ripley LS mit den breiten 29er-Reifen die Sporen und schlägt zielsicher den Weg nach oben ein. Das Ibis zeigt sich erstaunlich antrittsstark, keine Spur von Trägheit. Dank der leichten Laufräder und dem straffen, antriebsneutralen Hinterbau, hat es im Anstieg die Nase vorn.

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Flache, schmale Trails mit knackigen Gegenanstiegen: Trotz Bergbahnnutzung forderte die Trailjagd in Arosa spritzige und antrittsstarke Bikes.

Skeptisch betrachte ich das Schotterband, das sich hinter Wolfi und seinem grellgelben Flitzer den Berg hinaufschraubt. Für mich mit meinem Enduro heißt es: durchbeißen und den Kollegen mit den geeigneteren Bikes hinterherhecheln. Für seine ausgeprägten Downhill-Gene klettert das neue Nomad von Santa Cruz erstaunlich gut, dennoch: Im Vergleich zu den drei Kontrahenten fällt die Uphill-Leistung ab. Je steiler sich die Rampe gen Gipfel windet, desto bedrohlicher sinkt der Sauerstoffgehalt in meinem Hirn. Die Leistung des Denkapparates reicht gerade noch für einen kurzen, klaren Moment. Ich erkenne die Alm Alpenblick, unseren nächsten Check-Punkt – allerdings weit unter uns. Wir sind falsch. Sogleich folgt die Erkenntnis, dass weder pralle Bergauf-Performance, noch wilde Abfahrtsstärke zum Erfolg bei der Trailjagd führt, wenn die Hausaufgaben in Sachen Orientierung nicht gemacht werden. Nach 250 Extra-Höhenmetern ziehen wir die Reißleine und drehen um, während "Team Uphill" vor uns weiter Druck in Richtung Gipfel macht.

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Während am Samstag teils dichte Nebelsuppe die Orientierung erschwerte, konnten wir am Sonntag bei strahlendem Sonnenschein testen.

Die Hörnli Trailjagd ist ein Ableger der beliebten Schnitzeljagd in Sölden, das Konzept der Organisatoren Karen Eller und Holger Meyer bleibt gleich: Zweier-Teams, eine Karte mit Check-Punkten und freie Wegwahl. Die Benutzung der Bergbahn ist erlaubt. Doch, wer sich zu häufig auf den Sitzbänken der Gondeln niederlässt, sammelt zwar viele Abfahrtsmeter, wird aber von fleißigen Pedaltretern abgehängt.

Abgehängt fühlen wir uns auch, als wir nach unserem Umweg beim zweiten Check-Punkt eintreffen. Bei der nächsten Schlüsselstelle ist das Glück allerdings auf unserer Seite: Die Urdenbahn erspart uns  ein kraftraubendes Tragestück und einiges an Zeit, befördert Wanderer und Biker allerdings nur alle 60 Minuten. Wir erreichen die Gondel exakt zur Abfahrt und treffen neben dem Großteil des Starterfeldes auch unsere BIKE-Kollegen wieder. Wolfi und Tobi haben ihre Trailbikes einem knackigen Uphill-Test unterzogen und sehen davon etwas mitgenommen aus. Zu allem Übel fehlt ihnen im Vergleich zu uns ein Stempel auf der Karte.

Auf dem hakeligen Trail zum Urdensee zahlt sich nun endlich das schluckfreudige Fahrwerk des Nomads aus. Mühelos gleitet es über den schmalen Weg, auf dem es vor versteckten Steinen und Stufen nur so wimmelt. Ohne etwas zu riskieren und mit mäßigem Kraftaufwand, kann ich das Tempo meines bergab sonst schnelleren Team-Partners Adrian mitfahren. Das Nomad gibt massig Sicherheit und verzeiht Fehler. So machen wir bis zum nächsten Check-Punkt an der Alpe Löser Zeit gut. Adrian lässt sein Scott Genius elegant über den Trail gleiten. In Enduro-Regionen stößt das Fahrwerk nicht vor – aber für das natürliche Gelände um Arosa bietet es gerade die richtigen Reserven. Im Anstieg und im welligen Gelände zurück zum Ortskern zahlt sich besonders das Twinloc-System aus, mit dem das Fahrwerk vom Lenker aus blockiert werden kann. In Kombination mit dem geringen Gewicht ergibt das ein spritziges und kletterstarkes Gesamtpaket.

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Bikepark? Nein. BIKE-Tester Wolfi befriedigt den Spieltrieb des Ibis’ Ripley LS an den natürlichen Wellen der Trails von Arosa.

Im Windschatten des Wandlungskünstlers brummen das Nomad und ich in Richtung Zielbogen. Nach turbulentem Rennverlauf kündigt der Moderator Adrian und mich als Zweitplatzierte an, während Tobi und Wolfgang noch dem verpassten Check-Punkt nachjagen. Zum Trost dürfen sich die beiden wohl die inoffizielle Krone der meisten, selbst getretenen Höhenmeter des Tages aufsetzen. So gehört sich das für ein Team, das sich die Mission "Uphill" auf die Fahne geschrieben hat.


Fazit Florentin Vesenbeckh, BIKE-Redakteur: Drei von vier Testern würden bei einem Event wie der Trailjagd zum Genius greifen. Es bietet den besten Kompromiss aus Abfahrtsspaß und Kletter- können, mit 12,2 Kilo ist es zudem das leichteste Bike. Auch Trek stellt mit dem güns­tigs­ten Kandidaten einen starken Allrounder. Im Anstieg überrascht das agile Ripley LS mit dem besten Vortrieb. Das Nomad schreit nach härterem Gelände. Bergab fährt es in einer eigenen Liga. Auf den eher flachen, natürlichen Trails konnte es seine Stärke nicht voll ausspielen.

Florentin Vesenbeckh

BIKE-Redakteur Florentin Vesenbeckh


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Florentin Vesenbeckh am 08.01.2018
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